poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 


Elke Erbs
Poetics  21  

Still


Walter Höllerer (1922 Sulzbach-Rosenberg, 2003 Berlin)

Der lag besonders mühelos am Rand

Der lag besonders mühelos am Rand
Des Weges. Seine Wimpern hingen
Schwer und zufrieden in die Augenschatten.
Man hätte meinen können, daß er schliefe.

Aber sein Rücken war (wir trugen ihn,
Den Schweren, etwas abseits, denn er störte sehr
Kolonnen, die sich drängten) dieser Rücken
War nur ein roter Lappen, weiter nichts.

Und seine Hand (wir konnten dann den Witz
Nicht oft erzählen, beide haben wir
Ihn schnell vergessen) hatte, wie ein Schwert,
Den hartgefrorenen Pferdemist gefaßt,

Den Apfel, gelb und starr,
Als wär es Erde oder auch ein Arm
Oder ein Kreuz, ein Gott: ich weiß nicht was.
Wir trugen ihn da weg und in den Schnee.


Dem Gedicht bin ich, wie ich im Tagebuch sah, Ende August 2011 wiederbegegnet, wohl in einer Anthologie. Das poetologische Interesse griff nach ihm unter dem Thema Enjambement und Vers-Einheit, mit welchem ich die Reihe dieser poetics hier begonnen hatte. (Ich merke das an, weil ihre Reihe sich sonst vornehmlich aus aktuell, d.h. zufällig angetroffenen und erkannten Gelegenheiten zur Poetologie ergibt).

Enjambement:
  Wenn ein Vers die syntaktische Ganzheit unterbricht und den Satz-Rest im folgenden oder den folgenden Versen absetzt. Anders als bei freien Rhythmen hat man bei gleichlangen Versen (außer kurz­zeiligen) einen Satz zu teilen bei seinem Beginn noch nicht vor – es wird wohl kaum vorkommen, daß einem einfällt, wegen eines fort­setzend­en Satz­teils, der einem etwa fertig vorschwebt als Anreiz, das Gedicht zu schreiben. – Voilà, ein neues poetologisches Thema: die Unter­ordnung der Fortsetzungen unter den Satzeinsatz, ihre Abhängigkeit von ihm!) (?).
  Im Tagebuch war angemerkt: die Klammer-Spannung, die von dem Einsatz her die fol­genden Glieder einbindet bei einem Satz – so deutlich sie sein mag, im Vers klammert sie nur gleichsam, nur syntaktisch, von außen, denn in einem Vers gibt es in diesem Sinn kein gleichsam, ein Vers ist ein selbständig l­ebendes Wesen.
  Gedichte sind, vorwärts und rückwärts, hin und her, ästhe­tische Strukturen, in sich erregt, erregend, verbunden. Und zugleich, im Ganzen wie im Einzelnen über sich hinaus, bleiben sie ver­bindlich mit allem, was sie tun.

Hier geht es um den zweiten Vers, Des Weges. Seine Wimpern hingen – der Vers hätte keine Selbständigkeit ohne Vers 1.
  Aber er meldet den Anspruch an: mit dem Rhythmus, mit seinen Lauten – seiner Stabreim-Bindung Weges ... Wimpern, dem binnenreim-haften Anklang von Wimpern und hingen, deren Präsenz die Verkürzung um einen Versfuß zusätzlich hervorhebt.
  Diese Entdeckung regt mich so auf, daß ich aufhören muß, bis zu Tränen (denn ich bedenke, daß diese Leistung gewiß nicht vorsätzlich, nicht kalkuliert ist, sondern die poetologische Er­regung bringt sie intuitiv hervor, unsere leibliche Erregung, die schon die des Gedichts ist.

Ich wollte noch, sah noch, setzte noch an zu Vers 3 – schau, das für Wimpern ungewöhnliche Schwer, mit dem er beginnt, bedingt, daß der Vers die vorher ein­gegebenen Impulse überholt: Wimpern hingen / Schwer und zufrieden in die Augens­chatten – liest man das unauf­gebracht, kommt man zu einem stark konturierten gegen­ständ­lichen Bild, bei dem man anhält, weil man es nur in Ruhe aufnehmen kann ...
  Er hat auch wieder 5 Hebungen. Aber das in der Senkung gegebene Schwer teilt sich mit dem den Akzent metrisch tragenden deutlich weniger akzent­fähigen und in die Betonung, und es ist dieses Schweben, das die Ruhe herstellt! Auf welche der gänzlich ung­espannte, ganz regelmäßige Vers 4 folgt: Man hätte meinen können, daß er schliefe.

Jetzt erst sehe ich, rückwärts also, daß eine gleiche Teilung, ein gleiches Schweben schon im ersten Vers da ist: Derlag.
  Aber den ersten Vers liest man mühelos, und mühelos ist sein Hauptwort, es gleitet unauffällig durch den Vers, glatt. Der Vers ist so mühelos, daß er mühelos auch zum Titel taugt und im Gedächtnis bleibt, ähnlich dem anderen Höllerer-Vers O sieh den roten Mohn, erschrick, der ebenfalls zum Titel wurde, aber in seinem Gedicht der siebenundzwanzigste ist.

Je wacher du hinschaust in das unsrige, desto unan­greifbar müheloser wird das mühelos in ihm, es gleitet an aller sarkas­tischen Nuance vorbei, und zynisch ist es schon gar nicht, wie das ganze Gedicht nicht, dessen hochsensibel durch & durch erregte Gestalt einen der vielen Kriegstoten birgt, der am Weg lag und für den Durchmarsch der Kolonne weggeräumt werden mußte.
  Es könnte ein Ding-Gedicht sein, es ist still, empört nicht - - - schwingt ...

Ich komme nicht über die Erschüt­terung, die der zweite Vers bewirkt hat, hinweg. Vielleicht können ja andere die anderen Verse aufsuchen und eine Fort­setzung der Erörterung wagen.

Elke Erb   28.03.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Elke Erb
Poetics
Laudatio
Lyrik