poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 


Elke Erbs
Poetics  27  

Verluste infolge von korrektem Deutsch


4.8.13
Ich lese im PC die Abschrift des Tagebuchs 2010. Ich treffe darin auf die, allein­stehende, Zeile „das viele weiß ich nicht.“ Unter Extra: Wörter zählen er­mittle ich, wie­viele Zeilen da vor ihr stehn, denn ich meine, daß diese eine an Fas­sungs­vermögen alle an­deren vor ihr über­trifft, und also wieviele es denn wären: über 1100.

Als ich diese Bemerkung im Tb vom 4.8.13 wieder antraf, erinnerte ich mich an eine andere Stelle aus einer Tagebuch-Ein­tra­gung von Anfang Fe­bruar 1969, der ich im Fe­bruar dieses Jah­res begeg­nete, als ich einige Text-Werde­gänge zu einem poeto­logi­schen Vor­trag im Merve-Verlag zu­sammen­stellte. Die Ein­tragung be­schrieb eine ima­ginäre Schüch­tern­heits­blockade:
  „Ich trete aus der Diele auf die Schwelle, Gewan­dung und Spiele im Raum sind heiter, schöner als ich, ich werde nicht hinüber­können, scheue [...] und im goldenen Lampen­licht spüre ich, wie mein Gesicht (jetzt kommt die Stelle:) aus Holz wird unter den Blicken der Anwesenden.“
  Der Text ist mit Korrekturen über­schrieben, ich bemühe mich, beide, Text und Korrek­turen in Druck­schrift zu er­fassen, und bemerke deshalb nicht gleich, welche benei­dens­werte, welche herzigs­te Echt­heit mir damals noch – 69 war ich schon dreißig – erhalten­geblieben war im Ich-Biotop, und wegfiel unter der Kor­rektur:
  mein Gesicht wird aus Holz – mein Gesicht wird – korrekt: zu Holz. Sah das mit hef­tigem Neid-Leid! Ach! Unrettbar! Verloren auf immer Unwieder­bringlich.

Selbstverständlich erkenne ich hier das poetolo­gische Thema und bringe es, s.o, Titel, auf den Punkt.

Vielleicht haben andere auch solche Verluste erlitten – und wir könnten eine Samm­lung ver­anstalten, so nach und nach? Die Mail an Poetenladen externer Link würde an mich blindlings weiter­geleitet?

Im Zusammenhang mit dem Thema fällt mir noch eine Begebenheit ein:
  Mein Sohn, als er klein war, nahm, im Sommer auf dem Land, einen Lie­ge­stuhl, stellte ihn oben auf so, daß er ins Tal zum Bach hin­unter­sehen konnte, setzte sich mit einem Schreib­zeug hinein und versuchte sich in der Pose eines Dichters (dort gab es da­mals mehrere, Kito Lorenc, Heinz Czechows­ki, Adolf Endler, E.E.). Ich trat zu ihm und las den Satz: Kommt ein Wind, macht er her. Was ihm in Be­tracht kam, war ein Baum am Bach. Er zeigte es mir mit der Hand, und im Baum ging auch ein Wind: Er wehte die Zweige da unten zu seinen Augen her.

Das habe ich nicht ver­gessen. Eine Korrektur kam nicht infrage, er zeigte mir ja un­wider­leglich. wie es zu ver­stehen war. Aber es war ein Beispiel für dieselbe Unmittel­barkeit. Die auch einen Verlust ergeben kann (bei welchem sich das Modewort „grenzwertig“ einmal in einem posi­tiven Sinn zeigen darf!).

Übrigens erinnere mich an eine ganz ähnliche Stelle wie „macht er her“ bei Rilke Ich weiß nicht mehr wo, doch kenn­zeich­net sie ihn als einen Dich­ter, bei dem die schein­bar exqui­site Hoch­sprach­lich­keit, in der wohl viele seiner Ver­ehrer ihr Sonnen- oder Mond­bad nehmen, sich als ein eitles Miß­ver­ständ­nis dartut, da sie, in seinem Ich-Biotop, mit einer solchen un­eitelen Direkt­heit ver­bunden ist.
Elke Erb   20.09.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Elke Erb
Poetics
Laudatio
Lyrik