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Elke Erbs
Poetics  6


Im Lyrikkalender 2009 stand am 30.4:

Rainer Maria Rilke

Liebes-Lied

Wie soll ich meine Seele halten, daß
sie nicht an deine rührt? Wie soll ich sie
hinheben über dich zu andern Dingen?
Ach gerne möcht ich sie bei irgendwas
Verlorenem im Dunkeln unterbringen
an einer fremden stillen Stelle, die
nicht weiterschwingt, wenn deine Tiefen schwingen.
Doch alles, was uns anrührt, dich und mich,
nimmt uns zusammen wie ein Bogenstrich,
der aus zwei Saiten eine Stimme zieht.
Auf welches Instrument sind wir gespannt?
Und welcher Spieler hat uns in der Hand?
O süßes Lied.

1907


Wieder raubt das Enjambement dem folgenden Vers die Eigenständigkeit, mit der er im Gedicht-Spiel mitzu­sprechen hätte. Andererseits ist ja der gesamte Vers 5 der Zeilenrest von Vers 4, und Vers 5 erst gibt den poetischen Reiz nach der sprachlich recht prosaischen Ausstattung von Vers 4. Man hört das sie von Vers 4 ebenso mit wie man die Nuance des fehlenden Objekts in Vers 5 als Schönheit genießt: Verlorenem im Dunkel unterbringen –. Eben dieses Fehlenden wegen verblaßt nach Vers 5 auch Vers 6, und der Kathederton des angehängten die bringt ihn stracks vollends zur Strecke.
 Das ist keine feine Gesellschaft. Will ich ermogelte Schönheit? Ach, nein, das ist nicht das Wahre! – Aber hör: sind diese reinen Reime denn nichts? Wie sie tanzen und springen! Tja – welch ein Spieler hat uns in der Hand? Und ach, da ist ja auch noch diese semantische Zumutung einer fremden stillen Stelle,/ die nicht weiter­schwingt. Stelle!! – schwingt!! Nein, sie hält ja still, die Tiefen schwingen. Aber wir sind wehrlos, siehe Vers 8 bis 11! Und am Ende der Sieg – O süßes Lied – nach alldem – versöhnt, nicht?

Nur eine knappe Woche später, am 6.5., folgt im Lyrik-Kalender

Der Panther / Im Jardin des Plantes // Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe / so müd geworden, daß er nichts mehr hält: / Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe / und hinter tausend Stäben keine Welt.

und ich werde von meinem Murren erlöst.

[...] Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille / sich lautlos auf ... / Dann geht ein Bild hinein, / geht durch der Glieder angespannte Stille – / und hört im Herzen auf zu sein.

Liebes-Lied – 1907. Der Panther – 1902.

Es hängt wohl für ein Gedicht, das selbst eine Ganzheit ist, davon ab, welchen Zusammenhang es herstellt für seine Existenz. Hier wird das Subjekt selbständig, der Zusammenhang heißt Anteilnahme. Liebe: Solidarität.

Sie können uns auch eine Mail an info[at]poetenladen.de senden.

Elke Erb   26.04.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Elke Erb
Poetics
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Lyrik