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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wider­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 21

Der Mord an der Philosophie geht weiter

 

Strahlend wie
Hollywood Bücher
und Menschen sieht ...

 


Der Club der toten Dichter (1989) ist ein bekannter ambitionierter Hollywood-Spiel­film des austra­lischen Regisseurs Peter Weir, der Schule machte. Der Club der toten Philosophen ist eine tabui­sierte peinliche Tatsache. Der Club der toten Soldaten end­lich ist die Summe aller Krieger­fried­höfe unter dem Mond. Am Tag unter der Sonne bereiten unsere Rüstungs­multis im Aktio­närs­interesse den Nach­schub an Ske­letten vor. In Eppstein im Hoch­taunus gestalten die Burg­fest­spieler ihren Zug getreu nach dem Vorbild des Fest­zugs von 1913. Das ist glatte ein­hundert Jahre her. Man erblickt kampf­erprobte Männer im Silberglanz ihrer Ritter­rüs­tungen. Heute sehen Krieger etwas modischer aus. Nur inner­lich blieben sie dieselbe Horde von Aggres­soren, die sich als heldenhafte Verteidiger ausgeben, weil sie die Ver­teidi­gung gegen sich selbst scheuen wie die SPD 1914 ihren bis dahin beschwo­renen Wider­stand gegen den Krieg.
  Wir haben wiedermal die Wahl. Vier Prozent der Wahlberechtigten, heißt es, wissen noch gar nichts von ihrem bevor­stehenden Glück. Offen­bar sind das er­blindete Taub­stumme oder wahre Gottes­kinder, denen der Herr eingibt, Malaisen strikt zu igno­rieren. Global betrachtet weiß allerdings noch der letzte Zelot, die Merkel-Wahl ist abzuwarten, danach geht die Sonne auf oder die Welt unter. Ich selbst favo­risiere die Links­partei schon wegen ihres Plura­lismus. Freund Gysi garantiert die Mög­lich­keiten linkshändiger Mitte, die mehr als ein Dutzend zentri­fugaler Flügel zu­sammenhält. Lafontaine, der grandiose Wirbel­wind von der Saar, den die Sozis nicht aushielten und der den Linken den Schlaf aus den Augen trieb, erlitt den Krebs der Männer. Das Leiden ist über­steh­bar, hinter­lässt aber wie der Herz­infarkt swingende Melan­cholien. Solange die an­halten, füllt Sahra sou­verän die Lücke, in der von Brüssel her noch Genosse Bisky mit­spielte, bis er viel zu früh ver­starb, während die übrigen 1989er er­krankten, ver­gingen oder schwächelnd er­matten. Wer will schon dauernd die unterste Kaste spielen, nachdem die unterste Klasse den Kampf verwei­gert. Ist die Lage etwa hoff­nungs­los? Für die Hoff­nungs­losen schon. Wer ist wer?

 

Lothar Bisky:
Tödlicher Treppensturz
eines hochgeschätzten
linken Politikers



  In den Landtagen von Thüringen und Sachsen fanden sich 1923 SPD-KPD-Mehr­heiten, was zu Regie­rungen beider Arbeiter­parteien führte. Reichs­präsident Ebert schickte die Reichs­wehr hin. Der Grund­konflikt hält bis heute an. Heinz Niemann nennt ihn im nd vom 10./11. August d.J. beim rich­tigen Namen. Es geht um »Angst und Mut der Sozial­demo­kraten«. Sein Artikel endet exakt mit dem Verweis auf Eberts Marsch­befehl nach Sachsen und Thürin­gen. Das ist die Zäsur, über die zwischen links und links ganz cool zu reden wäre. Wer hat Angst, wer Mut? Unter dem Artikel steht ein zweiter über August Bebel, einst Ar­beiter­führer mit mehr Mut als Angst. In der­selben Ausgabe offen­bart der unermüd­liche Martin Koch sei­nen Lesern die fatale Erkennt­nis: »Adam und Eva lebten ge­trennt«. Wenn das der hoch­heilige Luther wüsste. Schor­lemmer übernehmen Sie!

 

Das nd definiert die SPD
Erhofft man sich mehr
Mut von der Partei?


Wir waren so frei, zwar nicht der Trennung von Adam und Eva, aber der von SPD und KPD im www.poetenladen.de die ganze Folge 30 zu widmen. Titel: »Der Sach­sen­schlag und die Folgen«. Aktuel­le Hinzu­fügung mit Blick auf die bevor­ste­henden Bundes­tags­wahlen am 22. Sep­tember. Der Lohn der Angst wird unsere lie­ben Sozis ein­holen, das walte Bebel. Und weiter war im nd zu lesen: »Vor dem Epo­chen­bruch – Der Kapita­lis­mus, die Linken und die Zeit-Diebe« von Manfred Sohn, dem Landes­vor­sitzen­den der Links­partei in Nieder­sachsen. Die Linke kommt spät, doch sie kommt. Nur ein Sohn-Satz ist mir zu kurz­schlüs­sig, wonach seit der Hiroshima-Atom­bombe »… ein gro­ßer Krieg als Mittel gegen die große Krise aus­scheide.« Das ist mir zu opti­mis­tisch gedacht.
  Sohns Stoß­seufzer am Ende, da die brave Links­partei aus dem Land­tag flog: »Die Sack­gasse ist da. Möge die Linke sich den Stürmen, die jetzt kommen, als würdig erweisen.« Ein frommer Wunsch unter ziel­losen Pilgern in der Wüste? Sohn spricht vom Epochen­bruch. Wie viele Epochen­brüche zählen wir seit 1914? Und wer kann sicher sein, dass nach dem in Jetzt­zeit eskalie­renden Bruch noch eine Epoche entsteht und nicht das zeit- und namen­lose Chaos?

Im Alter wird das Schreiben zum Rettungsversuch des bis dahin Ungeschriebenen. Was gesagt werden muss, drängt hervor, da lebt es sich im Swing zwischen Platon und Lidl, Rewe und Merkel, Talk­show und Bloch, Lafontaine und Grass. Wahltag ist, Wahrheiten stehen nicht zur Wahl, sondern Macht­fragen. Die Wahr­heits­lücken wecken das Bedürf­nis nach Philosophie. Allein der Spiegel entdeckt inner­halb kürzester Zeit einen Philo­sophen nach dem andern, z.B. in Nr.27/2013: »Markus Gabriel ist der jüngste Philo­sophie­professor Deutschlands. In seinem neuen Buch erklärt er, warum es die Welt nicht gibt …« Das ist flott formuliert, nur nicht taufrisch und schon gar kein »neuer philosophischer Realismus«, immerhin: »Das Ergebnis ist eine ebenso span­nende wie ab­gründige Exploration des Geistes.« So tritt zum ab­gründigen SPD-Gabriel der ab­gründige Philo­sophie-Gabriel in einer Welt, die es gar nicht gibt. Es sei denn wir verstehen sie als running gag.

In Regalen und Schränken und neuerdings auch online finden sich diverse alte und neue Geschich­ten der Philosophie, doch keine ihrer Feinde. Philosophie ist Auf­klä­rung, das Metier ihrer Ver­folger aber ist der Schrecken, der die Mächtigen ergreift und den sie ver­breiten, wenn irgendwo tatsäch­lich in innerer Freiheit und Unab­hängig­keit gedacht wird, philo­sophiert eben, re­flek­tiert, analy­siert, dekon­struiert. Unser Titel »Der Mord an der Philo­sophie geht weiter« stellt einen viel­ver­schwie­genen Sach­ver­halt vor. Philo­sophie ist zum flotten Mode­artikel geworden. Die alten Moden aber sind auf­gebraucht. Worte wie Staats­philo­sophie oder Religions­philo­sophie sind Irr­lichter, die es allerdings in ver­hee­rend großer An­zahl gibt. Schon das Wort er­schleicht sich eine unwahre Begriff­lich­keit. Philo­sophie ist das, was Staat, Reli­gion, Krieg und die daraus fol­genden ewigen Barba­reien über­listet und sabotiert. Damit gelangen wir über die Vor­sokratiker zu Platon wie Alain Badiou ihn sieht und Holly­wood ihn potz­blitz ver­filmen will. Nach unzäh­ligen ägypti­schen Herr­schern bis zu Kleopatra mit Cäsar und Antonius als römischen Bett­genos­sen ist eben mal die Philo­sophie an der Reihe, laut Badiou sogar mit Marx und Liebe. Mithin Philosophie und Praxis. Eros statt Klassen­kampf?


 

Alfred Eickworth
Sapper, Kommunist,
Deserteur bis in den Tod


Im jugendlichen Alter, in dem Grass in der Waffen-SS diente, war Willy Brandt ein SAPer, sprich Sapper, die So­zialis­tische Arbeiterpartei stand zwischen SPD und KPD sowie zu­gleich in Nähe zu beiden. Sozial­demokraten, denen ihre Partei nicht mehr genüg­te, gingen oft zur SAP und weiter zur KPD. In Sklaven­sprache und Revolte, Kapitel »Das ver­schwun­dene Denkmal« erinnere ich an das Schicksal des Gablenzer Deser­teurs Alfred Eickworth, den dieser Weg bis in den Tod führte. Die erste west­sächsi­sche Wider­stands­gruppe von 1933/34 bestand nahezu voll­ständig aus SAP-KPD-Genossen. Dass Oskar Lafontaine mit seiner Abkehr von der SPD als Wan­derer zur Linken mit diesem Schritt tatsäch­lich in die Nähe Willy Brandts rückte, ist Grass nicht vermittel­bar. Nicht die Frunds­berge­rei lässt einen uner­schütter­lich selbst­gewis­sen Günter den Dorf­richter Adam paro­dieren, sondern seine Feig­heit, die ihn dazu trieb, vom SPD-Minister Karl Schiller das Einge­ständnis der NSDAP-Mit­glied­schaft zu verlangen, selbst jedoch seine SS-Eska­paden noch Jahr­zehnte hin­durch zu ver­schweigen. Charak­ter stellt man sich anders vor.
  Der Autor und Verleger Joachim Jahns ging dem Phäno­men der Selbst­ver­weige­rung und Fremd­anklage in dem gewagten Doppel­kopf-Titel Erwin Stritt­matter und die SS – Günter Grass und die Waffen-SS sowohl krimi­nalis­tisch wie psycho­logisch nach. (Dingsda-Verlag 2011) Wir befassten uns mit dem Buch im poeten­laden Nachwort 75/76. Der bestür­zende Befund bedürfte weiterer Analysen. Stritt­matter findet indes seine Leser auch als hono­riges Mitglied im Club der toten Dichter wie Grass Zustimmung für seine substanzlos schmierigen Polit­ferkeleien. Schade drum.
 

Der ehemalige Kanzler war in den 80er Jahren tiefgekränkt, weil die USA nicht weiter an der Neu­tronen­bombe baute. Egon Bahr nannte diese Waffe „Perver­sion des mensch­lichen Geistes“.



Die USA waren es, die auf die Neutronen­bombe setzten – sie vernichtete nur Menschen und schonte Sachen – Egon Bahr nannte das »Perversion des mensch­lichen Geistes«, Helmut Schmidt aber beklagte lauthals einen »Dolchstoß«, als Präsi­dent Jimmy Carter den Bau der Neu­tronen­bombe absagte. Schmidt hatte für seinen Doppelbeschluss contra Moskau fest mit der Drohung durch eben diese Waffe gerechnet. Einmal Ostfront – immer Ostfront, das walte Stalingrad. Die Fak­ten waren nicht ganz unbe­kannt, wurden jedoch als Staats­geheimnis gehandelt, bis 2013 die Bonner Protokolle erschienen. Die FAZ berichtete pünktlich und exakt darüber. Das Werk erschien im Droste Verlag Düsseldorf, 1772 Seiten, 208, 00 Euro. Nicht gerade die Volks­lektüre zum Volkspreis. Das Volk will sowieso nicht mehr wissen, wie dumpf der Ex-Kanzler damals in den Protestzeiten agierte. Schmidt raucht weiter, den Carter-Dolch im Rücken, glück­lich voller Nikotin mit sich im reinen der Unend­lichkeit deutscher Unschuld entgegen. Angela Merkel aber schleuderte ihre haus­gemachte Neutronenbombe mitten unter die CDU-Granden. Die erste Reihe der Herren ver­schwand. Die Partei, einst von Adenauer bis Kohl stahlhelmbewehrt, evangelisierte sich im Griff der Pastorentochter aus der weiland DDR. Atom­kraft weg, Wehrpflicht weg, SPD bald weg. Dregger verstorben, Koch zur Wirtschaft geflüchtet. Angela die Große kommt aus dem Preußenland? Doch Preußenland ist abgebrannt.

Im Fernsehen drängeln sich in diesen Wochen eine Unzahl Berichte über 1989/90 und die Folgen des DDR-Untergangs. Fakten mischen sich mit Lug und Trug. Statt Triumphitis wäre besser nachdenk­liche Beschei­den­heit geboten. Denn die Endphase des Ostens ist übers Vier­tel­jahr­hundert hinweg mehr als uns lieb sein kann mit dem heutigen Krisen­zustand ver­knüpft. Der Sozialismus verging in der eigenen Ratlosig­keit, der Kapi­talis­mus folgt ihm offenbar nach, doch die bevor­stehenden Bundes­tags­wah­len treffen auf ein Volk im Ruhe­zustand. Man ist nervös und besorgt, weiß aber nicht recht warum, obwohl die Welt einem Aggre­gat­zustand wie vor 1914 und 1939 zutreibt als wärs gewollt. Zum Bei­spiel der asymme­trische Krieg – der in längst über­wunden ge­glaubte barba­rische Haltungen zurückführt. Der Schwächere in einer Konflikt­situation bricht die Regeln, die dem Stärke­ren nützen. Also reagiert der Stärkere seiner­seits mit Regelbruch. Ob symme­trische oder asymme­trische Schlachten, sie garan­tieren den Krieg als ewig eskalie­rende Ins­titution. Die Verhinderung des Krieges muss von außen starten. Die Krieger sind dazu schon mental unfähig. Das geht alle an. Die Marxisten glaubten an ihre Revo­lution, obwohl sie zur Konterrevolution entartete. Die aber ist nur der eingefrorene Zustand bürgerlicher Kapital­herr­schaft, deren Eliten heute so rat­los sind wie gestern die östlichen Eliten.

Meinem Selbstverständnis nach bin ich Humorist. Die ersten frühen Texte begriff ich als verwunder­tes Gelächter, mit dem den Unerträglichkeiten dieser Welt zu begegnen sei. Als meine frühen Bücher­schätze nicht mehr erwähnt werden durften und wir die gefähr­lichsten Exem­plare im Wald vergruben, wurde ich für die Schul­freunde ein Karl-May-Leser, der sie durch eifriges Erzählen an dieser Lektüre teilhaben ließ. Ich übte, dem Zwang zu be­gegnen, mein frühes Doppel-Leben ein. Die Welt der mächtigen Erwachsenen will betrogen sein? Bitte schön! Meine ersten Texte waren Humoresken, die bald zur Glosse, Satire, Polemik tendierten, je nachdem, welches Raubtier es abzuwehren galt. Das hat Folgen.
  Blochs kluger Rat, Schach statt Mühle zu spielen, wurde 1955/56 von der Partei als feindseliger Reformismus empfunden. Ins Empirische und Strate­gische übersetzt wäre Shakespeares Mahnung »Wirtschaft, Horatio!« in den Bereich von Ökonomie und Philosophie zu erweitern gewesen. Wie nennt man das? Zweite Revolution oder Reformation der Köpfe und Herzen. Soviel zu damals wie heute. Ulbricht traute sich nicht. Die Schlüsselnamen Fritz Behrens und Ernst Bloch wurden verteufelt und werden heute noch gescheut. Woher rührt diese Scheu? Darüber nachzudenken stößt auf einen Unwillen, der jeweils daran hindert, Schach statt Mühle zu spielen. Die ideologischen Mühlespieler wollen sich keinen Kopf machen. In solchen Details ähnelt die DDR-Krise Ende der fünfziger Jahre der heutigen Krise. Und das soll Merkel richten, während Grass, der SPD zu gefallen, Oskar Lafontaine zum Schuldigen hochdichtet, d.h. ins Politische übersetzt niedermacht.

  Hans Magnus Enzensberger
Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern
Suhrkamp 2013

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  Gerhard Zwerenz
Die Antworten des Herrn Z. oder
Vorsicht, nur für Intellektuelle
Dingsda Verlag 1997

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Der Lyriker und Essayist H. M. E. hat ein neues Buch geschrieben. Die FAZ meldet: Hans Magnus Enzensberger: »Herrn Zetts Betrachtungen, oder Brosamen, die er fallen ließ, aufgelesen von seinen Zuhörern«. Enze also und sein Herr Zett. Das erinnert mich ans Jahr 1997, da erschien mein Band Die Antworten des Herrn Z. oder Vorsicht, nur für Intellektuelle – mit einer Dokumentation, Freunde und Feinde über Zwerenz, Dingsda – Verlag. In der Tat dachte 1997 weder Zwerenz noch Herr Z. an Enzens­berger und seinen Herrn Zett im Jahr 2013.

Wenn Enzensberger 2013 seinen Herrn Zett meinem Herrn Z. hinter­drein­schickt, erweist der Alphabet-End­buch­stabe Z seine zeitliche Endlosig­keit. Im Buch­titel benutzt wird der Ausdruck Herr Zett, während der Rezensent Friedmar Apel in der FAZ mehrmals Enzens­bergers Kunstfigur Herr Z. nennt. Apel, geboren 1948 in Osterode, ist Ver­gleichen­der Lite­ratur­wissen­schaft­ler an der Uni Bielefeld, die beiden Editionen von H.M.E. und GZ hat er offen­sicht­lich nicht ver­glichen. Dazu besteht auch keine Pflicht, doch der Analpha­betis­mus unter Akade­mikern, Lektoren und Journa­listen gras­siert, Titel­schutz ist völ­lig außer Betracht, Plagia­toren häufen sich nicht nur bei Doktor­arbeiten.
  Hier eine Vorbemerkung, die GZ seinem Dingsda-Band mit auf den Weg gab:

Das Thema linker Einigkeit oder Feindschaft ist brennend aktuell geblieben. Harich sah es so, was ihm zehn Jahre Haft einbrachte. Enzens­berger sah es anfangs ebenso. Wir äußerten uns dazu im www.poetenladen.de, Folge 22, wo es um den Spiegel, General Hammer­stein und die Revolution ging, die der Dichter H.M.E. einstmals flott forderte, sodass der Spiegel daraus eine knall­rot­leuch­tende Revo­lutions­bro­schüre bas­telte, in der Autoren von Carl Amery bis Gerhard Zwerenz um ihre Meinung zu Enzens­bergers pathos­praller Revo­lutions-Idee befragt wurden. Meine sieben Notate endeten und enden in dem Verweis: »Ja, es war Rosa Luxemburg, die einst auf dem Gründungsparteitag der KPD ausgerufen hatte: Ihr macht es euch leicht, Genossen, mit eurem Radikalismus …«

Nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 wurde der deutsche Gruß mit dem erigierten rechten Arm auch in der Wehrmacht zur Pflichtübung. Ich hielt das noch fünf Wochen lang aus und brüllte laut Heil Scheiße, als ich endlich ent­kommen war. Beim Anblick unserer viel­gerühmten Fußball­national­mann­schaft­ler, wenn sie heute, vor dem Anpfiff erstarrend, die deutsche Nationalhymne singen oder nicht singen, weil sie text­kennt­nis­los, unmusi­kalisch oder nicht enthu­siasmiert national­hym­nisch genug sind, denkt es in mir, nun folgt das Horst-Wessel-Lied, wie es weiland eure gehor­samen Väter und Mütter hielten, denen in der Bundes­republik, anders als in der DDR, auch nach 1945 keine bes­sere deutsche Hymne in den Sinn kam. Da hilft eine Prise Enzens­berger. Deutschland, Deutschland unter anderem, so sein 1968er Suhr­kamp-Buch­titel, aus dem wir gern zitieren, siehe poetenladen, Folge 22. Enzensberger über Büchners Hessischen Landboten und den Schmäh, den Büchners Kritiker dagegen abson­dern: »Es zeigt auch ,wie wenig man in Deutsch­land vom poli­tischen Widerstand und seinen Bedin­gungen versteht …« Da tritt, mitten im Wahl­krampf, dieser intel­lektuel­len Wund­star­re, der alerte Jakob Augstein auf den Plan und setzt bei Hanser sein ganz eigenes Wider­stands­buch unterm Titel Sabotage ab. Aber ja doch, so mutig sabotierend sind Enzensberger, Rudolf Augstein, Martin Walser u.a. Revo­lutions­erzeuger auch schon mal gewesen. Und was ist das Resultat? Der gesamt­deutsche hei­lige Merkelis­mus und ringsum eine Welt voller Krisen und Kriege, die Mer­kel mit Geld, das ihr nicht gehört, retten soll, zur Strafe dafür, dass deut­sche Waffen es in zwei totalen Kriegen nicht schafften, die Welt am deutschen Wesen genesen zu lassen. Aber es blieb doch die deutsche Kultur? Bevor deren erklär­tes Zentrum, der Frankfurter Suhr­kamp Verlag, nach Neo-Berlin exilierte, warfen Vater Unseld und Sohn einander Blochs Wort von der Liebe zum Ge­lingen so heftig an den Kopf, dass des Haus­philo­sophen guter Satz zur Liebe zum Miss­lingen geriet. Frage: Was wurde aus der Welt des Auf­bruchs nach 1945, was aus Adorno, Hork­heimer, Benjamin, Bloch, Brecht? So stehen fünf Köpfe für die bes­seren Mög­lich­kei­ten der vielen Gut­wil­ligen, deren Mühen unter­miniert wurden. Es begann hoch­gemut mit der Rückkehr von Philo­sophie und Lite­ratur aus dem Exil ins besiegte Land. Was ist daraus ge­worden? Sabotage ist daraus geworden. Der Mord an der Philosophie geht weiter. Allein der Club der toten Dichter hat Zukunft.

Im Nachruf 22 erwähnten wir die Zeitschrift Sinn und Form sowie Blochs Sohn Jan Robert und Friedrich Dieck­mann. Debattiert hatten die beiden Freunde über den aufrechten Gang inklusive Ver­beu­gung. Am Montag, dem 26.8. d.J. meldet das nd punktgenau den 65, Geburts­tag von Sinn und Form unter der Schlag­zeile: »Im Meer des Zeitgeistes«. Chef­redak­teur Sebastian Klein­schmidt hatte nach dem Ende der DDR zeit­geistig flott Ernst Jünger auf den Schild geho­ben. Wir blättern in unseren Noti­zen von damals und fin­den das Ereig­nis deutsch­tümlich erweitert ver­merkt:

Das alte Lied

Ernst Jünger geht um. Siebenundneunzigjährig.
Walter Jens mag ihn nicht. Besonders nicht in
Sinn und Form. Heiner Müller mag ihn. Besonders in
Sinn und Form. Stoppt die Zensur. Die alte und neue.

Ernst Jünger geht um. Harich mag ihn nicht.
Müller mag Jünger, weil Harich Jünger und
Müller nicht mag. Müller 1988 zu Besuch in
Wilfingen bei Jünger: »Danach über
Wolfgang Harich (gesprochen) einen gemeinsamen Feind.«

Ernst Jünger geht um. Hochhuth liebt ihn.
Beschreibt bewundernd seine 12 Kriegswunden.
Andersch mochte Jünger. Widerstrebend. Der
Held zweier Weltkriege und der Deserteur.

Ernst Jünger geht um. Büchnerpreisträger.
Goethepreisträger. Warum nicht den
Friedenspreis des Deutschen Buchhandels?
Den Georg-Lukács-Preis? DDR-Nationalpreis postum?
Nobelpreis.

Jünger geht um. Stephan Hermlin hat
»ihn nie verachten können.« Im Gegenteil:
»Ich habe das Gefühl, obwohl mir das eine greuliche
Vorstellung ist, dass ich mit Jünger manches

gemeinsam habe.« Ernst Jünger geht um.
Walter Jens mag ihn nicht. Heiner Müller
mag ihn. Rolf Hochhuth mag ihn. Stephan
Hermlin mag ihn. Tucholsky mochte ihn nicht.
Was sagt wohl der arme Bertolt Brecht dazu?


Wie wir sehen überlebte Jünger selbst unter linken Intel­lektuellen als viel­bewunder­ter Kriegsheld. Man schmiede ihn aus Kruppstahl zehn Meter hoch und postiere den Mann als Denkmal deutscher Einheit vor dem Bundestag. Der Hinter­kopf unterm zer­schos­senen Stahlhelm bleibe frei, um dort die Masken unserer wech­selnden Kriegs­ver­teidigungs­minister zu präsentieren.
  Inschrift in güldenen Buchstaben unten am Denkmal: DEN GEDÄCHT­NIS­LO­SEN.
Gerhard Zwerenz    02.09.2013    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon