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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Teil 3 | Nachrufe & Abrechnung

Die Sächsische Autobiographie, in­zwischen ungetarnt offen als authen­tisches Auto­bio­gra­phie-Roman-Fragment – weil unab­geschlos­sen – defi­niert, besteht bis­her aus 99 Folgen (Kapiteln) und 99 Nachworten (Kapiteln). Der Dritte Teil trägt den Titel: Nach­rufe & Ab­rechnung.
  Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philo­sophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Wi­der­sprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  Nachrufe & Abrechnung 38

»Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«

 

»Hätte es mehr ...Menschen mit der Überzeugungskraft und Tapferkeit Carl von Ossietzkys ... gegeben, so wäre die Katastrophe vermieden worden.«
Thomas Mann




 


Der Bundes­präsident, Reise­kader und Pastor Gauck war kürzlich in Prag unter­wegs. Die FAZ über­schreibt den Bericht am 7. Mai mit: Ein Wunder, sich in die Augen zu schauen – und erläutert das Wunder: »Gauck schlägt bei seiner Rede in Prag große histo­ri­sche Bögen, nimmt An­leihen bei Havel und auch bei Kafka – und blickt opti­mistisch in die Zukunft Am selben Tag meldet neues deutsch­land etwas exakter: Auch eine Geschichte des Leids – »Gauck erinnert in Prag an NS-Be­satzung und Ver­trei­bung der Sude­ten­deutschen.« Wir schla­gen den histo­ri­schen Bogen noch weiter und erinnern mit Dank an die Tausende deut­scher Emi­granten, die sich ab 1933 in Prag auf­halten durften, wo auch die aus Berlin über Wien geflüchtete Neue Welt­bühne er­scheinen konnte, bis die stolze siegreiche Wehr­macht nach Öster­reich und Sude­ten­land eben auch Prag mit Feldgrau und Partei­braun beglückte. Für die nächste Reise in die tsche­chische Haupt­stadt empfehlen wir dem Staats­ober­haupt einen Besuch des Hauses Melan­trichova 1. Viel­leicht sind im Dach­geschoss noch die zwei winzigen Kämmer­chen zu be­sichtigen, in denen die exi­lierte Welt­bühne ihren Re­daktions­sitz hatte und von wo aus sie den ver­folgten deut­schen Links­intellek­tuel­len ihren Wider­stand zu artikulieren ermög­lichte. Um Namen zu nennen: Johannes R. Becher, Ernst Bloch, Lion Feucht­wanger, Stefan Heym, Heinrich Mann, Walter Mehring, Theodor Plivier, Erwin Piscator, Gustav Regler, Friedrich Wolf, Arnold Zweig. Wären Reichs- und Su­deten­deutsche den anti­faschis­tischen Aufrufen gefolgt, hätten weder Ost­preußen noch Schlesier oder Su­deten­deutsche ihre teure Hei­mat verloren. In Zeiten der Kriege trifft es Schuldige wie Schuld­lose. Wer den Krieg beginnt, sollte nicht in der Nieder­lage sein Los beklagen, das er anderen zugedacht hatte. Zum Tode Carl von Ossietz­kys schrieb Bertolt Brecht:

Der Mund des Warners Ist mit Erde zugestopft.
Das blutige Abenteuer
Beginnt.

Das wurde 1938 in der Neuen Weltbühne zu Prag gedruckt. Die sich die Ohren zu­hielten, um nicht zu hören, die ihre Augen verschlossen, um nicht zu sehen, haben keine Le­giti­mation, heute die Klap­pe auf­zureißen. Und ihre Ab­leger auch nicht. Sie sollten ihrem Gott dan­ken, am Leben zu sein. Herr Bundes­präsi­dent, fahren Sie nach Prag, ver­beugen Sie sich vor den Anti­faschisten der ersten Stunde und dan­ken Sie unseren tschechi­schen Schwes­tern und Brü­dern für ihre frühe Soli­darität.


Erstdruck neue deutsche Literatur 10/90. Nachdruck im Poetenladen sowie in der Lyrik­zeitung, von Ingrid im Netz aufgefunden.Was aber entzweite Loest und Zwerenz zum Ende hin?

Der Mai 2014 ist saukalt. Im Osten wird wieder geschossen. Droht Rück­kehr der Ost­front? Das habe ich hinter mir. Aus dem Alb­traum auf­fah­rend höre ich mich schimpfend erst kürz­lich geschrie­bene Sätze repe­tieren. Auf­stehen und nach­schlagen. Gefun­den im Nachruf 6, Seite 6: Unser Trupp, Rot­armisten und Deut­sche, fordert eine abge­schnit­tene Rest­gruppe der Wehrmacht zur Über­gabe auf. Zum Dank werden wir unter Feuer ge­nommen. Im Kugel­hagel zurück­ge­krochen. Auf beiden Seiten Ver­luste. Panzer rol­len an, die letzten Wehr­machts­hel­den zu er­ledigen. Wer nicht hören will, muss bluten? Es ist nicht mein Krieg. In Leipzig, wenn von Blochs philo­sophi­scher Kate­gorie Front die Rede war, hörte ich Schüsse. Da lag der Krieg, der nicht meiner war, ein kleines Jahr­zehnt zurück. Heute ist es mehr als ein halbes Jahr­hundert. In der Zeitung werde ich belehrt, dass wir nichts wis­sen vom Wechselspiel zwischen Hitler und den Deutschen. Soweit es den Deutschen als Kollektiv gab, war Hitler sein Bauch­redner.
  Überfallartig setzt mir mein Gedächtnis zu. Eine Stimmung dient ihm als Hinter­halt. Eine beson­dere Art des Lichts, des Tons, ein bestimm­ter Geruch wird meinem Gedächt­nis zum An­griffs­zeichen. Das Erin­nerungs­ver­mö­gen ist eine furcht­bare Waffe, ein auf die Gele­gen­heit des Zustoßens lauern­der Dolch, eine meu­chelnde Hand, die ihn führt oder mit absichts­lo­sen Bewe­gungen Gift in den Becher träufelt, wenig nur, Tag um Tag eine Spur, und daran siechst du hin, Tag für Tag um ein weniges mehr, um ein Gran weniger leben­dig. Erin­nerun­gen können töten. Ich kenne Menschen, die fliehen ihr Gedächt­nis wie einen Mörder. Es gibt vielerlei Arten, an seinem Gedächtnis zu sterben. Manche erinnern sich nur im Schlafe. Ich hab schlimm ge­träumt, sagen sie nach dem Erwachen. Und ihre Gesichter sind bleich wie die Gestalten der Träume. Das sind Menschen, die ihr Gedächtnis nur liegend über­fällt. Kaum haben sie sich erhoben, sind aufge­standen, Men­schen in senkrechter Haltung, ist die Erinnerung von ihnen abge­glitten, sie waschen sich den Traum ab. Ihr Gedächtnis ist eine Frage der Toilette. Ich bewun­dere diese Men­schen. Sie schla­gen die Augen auf und schon ist die Zeit ihnen unter­tan. Wie glücklich sie sind, wie schön und un­kom­pli­ziert, wie voll­kommen glatt – solange sie wachen. Ich aber bin ein Opfer meiner Erin­nerungen, die sich mit immer neuen Erfah­rungen aufmischen. Mag sein, eine Zei­tungs­über­schrift wie Bischöfe de­bat­tieren über Pille danach ist so skurril wie die Klage des Meister­kochs über seinen Hunger am Herd.


 

Am 15. Mai 2014 wird der neue Marx in der FAZ bereits verdammt


Thomas Piketty
Das Kapital im 21. Jahrhundert
Auf Deutsch ab November 2014
C.H. Beck
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Das Buch auf Englisch
März 2014
Harvard University Press
Das Buch bei Amazon (englisch)  externer Link


Im Nachruf 36 mit dem Titel Die unvollendete DDR als Vorläufer fragten wir, weshalb der fachlich wohl­informierte DDR-Ökonom Jörg Rösler den Namen Fritz Behrens verschweigt, wenn er über Das Neue Ökon­omische System – NÖS der DDR berichtet. Heute, am 12. Mai 2014 bespricht Roesler in der jungen Welt ein eben erschie­nenes Buch über die NÖS und wieder fehlt es am Erfinder des Systems, der dafür repres­siert wurde, bis sein Gegner Walter Ulbricht es zu spät und nur halb­herzig ein­zuführen suchte. China setzte sein NÖS mit Erfolg durch. SU und DDR ver­sagten und ver­gingen. Das Ver­hältnis heutiger Genossen zu den oppo­sitionel­len 56ern wie Behrens, Janka, Bloch u.a. ähnelt dem der Westler gegen­über den 68ern. Am besten vergessen. Indessen gilt fast schon global: Ein Rockstar-Ökonom erobert Amerika. (FAZ 10.05.2014) Die Medien sind voll davon. Vom Spiegel bis zu nd und jw macht ein Rock-Star Furore, der gar keiner ist, sondern ein neo­marxis­tischer Parti­san, den so zu nennen die Courage fehlt. Das Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert des fran­zösi­schen Wirt­schafts­wis­sen­schaft­lers Thomas Piketty erregte in Frank­reich wenig Aufsehen, schlägt jedoch, warum wohl, in den USA hohe Wellen und bringt damit das deutsche Feuil­leton in Zugzwang. Ein linker Franzose, der in Ameri­ka mit Marx wenigs­tens Teile des intellektuellen Überbaus aufstört, nur weil er die mons­tröse Teilung der Gesellschaft der Kapi­tal­konz­entra­tion zu­schreibt, rührt an den Nerv der Börsen- und Banken-Welt. Die Demo­kratie vergeht, die Oli­garchie er­greift die Macht. Bei Piketty liest sich das in strin­genten Formeln und Thesen so nach­voll­zieh­bar, wie die Lek­türe bei Marx erheb­licher intel­lektuel­ler Ener­gien bedarf. Das Kapital von Marx ist das meist­genannte unge­le­sene Buch der Welt. Pikettys Grund­formel, in die Sprache der Alltags­erfah­rung über­setzt, heißt ganz un­miss­ver­ständ­lich: Kapital­be­sitz macht schnel­ler reich als Lohn und Gehalt. Piketty sieht das wie Marx. Der setzte auf Revolution, Piketty nicht. Wer aber die Oli­garchie nicht akzep­tiert ist zu fragen, wie sie ohne Revo­lution zu ver­hindern wäre. Georg Büchner schrieb, wir erinnern uns, anno 1835: »Das Ver­hält­nis zwischen Armen und Reichen ist das einzige revo­lu­tionäre Element in der Welt …« Das heißt, ohne Revo­lution herr­schen die Leute mit den ver­goldeten Arsch­löchern. Kurz­fas­sung: Der Verrat an Marx hilft so wenig wie der Verrat an Jesus Christus. Wo Jesus den Glauben predigt, setzt Marx auf Sprache&Logos, Auf­klärung also. Beide schei­terten bisher an der Praxis. Soweit sind wir gerade mal wieder.

In der Erinnerungs-Serie von 2014 zurück zu 1914 befasst die Zeitung sich heute mit der Schlacht von Verdun. Arnold Zweig mit seinem Roman Erziehung vor Ver­dun bleibt unge­nannt. Das ist kein Wunder, sondern konse­quent. Hätte Verdun als exem­plari­sche Men­schen­material­schlacht er­zie­hend ge­wirkt, wären die spä­teren Taten samt der ge­samten Ge­schichte anders ver­laufen. Unser Haus­archiv im Unter­geschoss ent­hält einen Groß­teil der Gablen­zer Biblio­thek, glück­lich ge­ret­tet vor der Bücher­ver­bren­nung im Jahr 1933. Arnold Zweig, Ludwig Renn, Henry Barbusse, E. M. Remarque – was ergab sich aus all ihren Wer­ken?



Reclam-Ausgabe
 
 
Aufbau-Ausgabe (2001)
 

Aufbau 1949/50
 
 
Arnold Zweig –
ein vergessener Autor?

Arnold Zweig:
Erziehung vor Verdun
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Nach dem 1. Weltkrieg brauchte Deutschland 15 Jahre, um sich stark genug für die nächste Welt­erobe­rung zu fühlen. Nach dem 2. Weltkrieg be­nötigte es dazu ein halbes Jahrhundert. Politik und Kultur sind ables­bar an der Literatur. Anti­kriegs-Bücher aus den Jahren der Weimarer Republik, die zahl­reiche Leser fanden, wurden nach dem 2. Welt­krieg nicht adäquat fortgesetzt. Den Hitler-Verstehern folgten im Westen die Nazi­verbrechen-Verleugner und im Osten die von Stalin gede­mütigten Genossen. Im Adenauer-Staat bemiss­traute, vor Gericht ge­zerrte und verur­teilte Kom­munis­ten wichen vor der Haft oder danach in die DDR aus, wo sie entweder diszi­pli­niert funktio­nierten oder den Kotau verwei­gerten und dafür zu büßen hatten. Die Kon­flikte wurden nach dem Unter­gang der DDR weder artikuliert noch bereinigt. Die Ent­fremdung der Bonn-Berliner Demokratie zur eskalierenden West-Oli­garchie zeigt sich Tag für Tag deutlicher. Die Linke wurde in der Weimarer Republik besiegt, unter Adenauer minimiert, in der DDR behindert und verfälscht. Heute tritt die Berliner Republik das Erbe ihrer Vorläufer an. Es besteht die Gefahr, dass der nationale rechte Kreislauf wie 1914 von neuem beginnen und sich vollenden kann.

Jede historische Epoche wird von ihrer zuletzt genutzten Waffe geprägt. Auf Messer und Schwert folgten Gewehr und Kanone. Nach Panzer, Bomber und U-Boot folgt nichts mehr als deren Auto­mati­sierung. Man stelle sich vor, Roms Kaiser hätten wie unsere heutigen Macht­haber einen Atom­koffer mit sich herumt­ragen lassen. Nero hätte nicht nur seine Stadt verbrannt. Die von uns seit Jahren ver­breitete Warnung vor dem ewigen Kreis­lauf der Geschichte wird nun sogar von Helmut Schmidt vertreten. Zur Ukraine-Krise sagte er im Inter­view mit der Bild-Zeitung: »Die Gefahr, dass sich die Situation ver­schärft wie im August 1914, wächst von Tag zu Tag« … Europa stehe am Ab­grund. So jener Ex-Kanzler, der einst mit dem NATO-Dop­pel­beschluss das ganze Land auf­rührte. Macht das Alter weise? Seit dem Kriegs­ende beruft Schmidt sich auf Karl Popper. Nach dem Tode von Ernst Bloch bedauerte der Polit­iker in einem Beileids­tele­gramm an Karola Bloch, nicht beizeiten mit dem Philo­sophen diskutiert zu haben. Vielleicht hätte ihn das früher be­fähigt, ver­nünftige Entschei­dungen zu treffen statt die Weichen Richtung künftiger Kata­strophen zu stellen.

Unser Leben in begrenzten Erfahrungswelten versperrt den Ausbruch ins Unbe­kannte. Das Tellurische ist ebenso wenig erfahrbar wie das Metaphysische. Rückzug ist angesagt. Der Priester predigt, der Gläubige betet, der Techniker ersinnt stets neue Waffen, die der Soldat handhabt, während der Prag­ma­tiker sich ums Haus kümmert, bis es zerbombt wird und der kollektive Fata­lismus die nächsten naiven Opti­misten ins Laufrad der Geschichte schickt. Das ist die Hölle des Kapitals, sagen die Revo­lutionäre, werden dafür zur Strafe verurteilt und finden sich ins Laufrad verbannt wieder. Vonwegen neue Men­schen und Revo­lution. Dem Sozialdemokraten Helmut Schmidt fehlte als Politiker die Courage, das zu rea­lisieren, was er heute immerhin auszu­sprechen wagt. Zu spät, Genosse ... Was nun tun?

1956 regten Leipziger Studenten ein Seminar über Blochs Postulat vom aufrechten Gang an. Bloch er#-wog erst eine Vor­lesung und verwarf dann den Plan, denn über einen Gang redet man nicht, man geht ihn. Nach Blochs Tod äußerte sein Sohn Jan Robert sich kritisch dazu mit dem Worten: »Wie können wir verstehen, dass zum auf­rechten Gang Verbeu­gungen gehör­ten?« (Sinn und Form Mai/Juni 1991) Dazu unsere Varian­te in Skla­ven­sprache und Revolte, Kapitel Der Mord an der Philosophie, erwei­terbar auf Politik, Kultur, Literatur im 21. und wahr­schein­lich letzten Jahrhundert. Gerade verlautet aus seriö­sen Wis­sen­schafts­kreisen, unsere Erde hat eine gewaltige Beule – wie der Planet sind zu viele der auf ihm lebenden an den Schalt­hebeln der Macht sitzende Menschen mit Beulen be­haftet, am Kopf und im Kopf, also wird der Betrieb nicht mehr lange fort­zu­führen sein. Jan Robert Bloch hätte bedenken müssen, die revolu­tionäre Taktik seines Vaters ist das Gegenteil von Oppor­tunismus. Die heute wieder mit einem Krim-Krieg spielen, ahnen nicht, welche unge­heuer­lichen Ver­brechen Wehrmacht und Rote Armee dort begingen, bevor die Krim als judenfrei heim ins Reich gemeldet wurde.


  Peter Bamm

Die Flagge der Humnanität
wird immer weniger sichtbar


Wir empfehlen Die unsichtbare Flagge von Peter Bamm als autobiographisches Zeugnis eines Militärarztes über die Eroberung der Krim durch die Wehrmacht bis zur Meldung über die judenfreie Krim. Folgt die gnaden­lose Rache der so­wjeti­schen Armee bei der Rück­eroberung. Das Buch erschien bereits 1952 in München und ist als authen­tischer Kriegs­bericht bis heute un­über­trof­fen. Wer es kennt und neue Ostfronten nicht prinzi­piell ausschließt, der tanzt auf Massen­grä­bern. Diagnose frei nach Peter Bamm: Chronische Erfah­rungs­resis­tenz. Von ihm stammt auch das Bekennt­nis: »Es ist keiner von uns ganz schuldig am Ausbruch der Barbarei. Es ist auch keiner von uns ganz unschuldig.« Gibt es Fort­schritte? Die Oberklasse zeigt sich heute kriegsgeneigter als die Mehrheit des Volkes. Von der Leyen »will Bundes­wehr eher ins Ausland senden« – eine Frau der Zukunft eben. Steinmeier reist als Außen­minis­ter von Krise zu Krieg und Krieg zu Krise, bei Günther Jauch wird Putin reso­lut als Faschist benannt, was den toten Stalin erfreuen wird, er war ja nur Stalinist, inzwischen lockt Ungarns Orban alle außer­halb Ungarns lebenden Ungarn heim ins Reich, was von Rumä­nien bis zur Unkraine Unruhe schafft, als gäb's dort davon nicht schon genug, in Potsdam aber soll die traditions­reiche Garnisons­kirche wieder er­stehen, ein Film mit Hindenburg und Hitler wird gedreht, wer spielt den alten Bart und wer den jüngeren? Sie werden ihre Kriegsg­eschichte nach­spielen bis sie in die neuen Klit­terungen passt. Ernst Jünger als Exempel deutscher Einheit geht längst wieder so flott um als wolle er sich selber abhören. Achtung Wer­bung: »Ernst Jünger – In Stahl­gewittern – Unge­kürzte Lesung von Tom Schil­ling, Hör­verlag, München 2014. 10 CDs, 560 Min., 34,99 €«. Aufer­stehung der Helden in Wort, Bild und Ton? Die immense Wer­bung fürs Blutwurst-Buch passt akkurat in die gerade laufende Serie 1914-2014, was mich zu meinem eigenen patrio­tischen Beitrag reizt. Leider nicht zu hören, aber im poetenladen und in Die Venusharfe, München 1985 nachzu­lesen:

Abendlied eines Opfers der Flöhe
Im Gedenken an Ernst Jünger
(1982)

All meine schwulen Bedürfnisse hab
im Bajonettkampf ich abgenutzt
bis auf die Rippenknochen und das rote,
dampfende, herausgefetzte Gedärm.

All meine maßgeschneiderten Ängste
wurden erschossen an der Mauerwand.
Vergraben im Urnenfeld Verdun.
Auf dem Marsch durch sibirische Taiga.

Dass alle Menschen Brüder werden
ist so wahr wie das Salz im Meer.
Brüderlich vereint bleicht dein Gebein.
Deine Asche weht im Wind.

(Auf den Kanarischen Inseln, wo die
Passate wehn, kannst du, verstorben,
Jahrtausende überstehn. Als Fels
Und Höhlengestein. In Ewigkeiten sein.)

All meine Liebe wandt' ich den Gräsern
Und Käfern zu. Biologie im Urzustand.
Ich bin Goethe im Römer zu Frankfurt.
Nenn mich Anarch. Und schnarch.

Umgeben von jämmerlichen Adepten, die,
den Bajonetten entkommen, den großen
Mobilmachungen, ihren Speichel mir weihen.
Soll ich's verzeihen?

Ach, meine kriegerische Vergangenheit,
ach, meine pulverdampfende Befangenheit,
zivilistisch lebe ich getarnt.
Keiner hat vor den Flöhen mich gewarnt.


Für mich war der Fall damit als Satire abgeschlossen. In der FAZ vom 19. Mai 2014 jedoch gilt Jüngers In Stahlgewittern wieder als »wich­tigste Dar­stellung des Ersten Welt­kriegs.« Volks­auf­klä­rung für Intel­lektuel­le, die mal etwas Original­getreues über die Schlach­ten von 1914 – 1918 hören wollen? Unser Nachruf 38 geht am 26. Mai online, am Sonntag zuvor gab's Wahlen in Europa wie der Ukraine. Rückt Europa noch weiter nach rechts? Wohin steuert die Ukraine? Krieg nicht ausge­schlossen? Die FAZ am 19.5. mit der innigen Empfeh­lung, den Grabenkämpfer Jünger zu hören, bleibt zwei Tage später beim Graben: »Der deutsche Außen­minister steht vor einem Graben …« Der arme Mann. Es geht um die bestim­mende Rolle Deutsch­lands in der Welt. Die Elite will, das Volk will nicht. »Über diesen Graben lässt sich keine Brücke bauen. Die Politik aber hat keine Wahl.« So der Originalton FAZ. Wozu gab's am 25. Mai eigentlich Wahlen, wenn die Politik gar keine Wahl hat?

Am 23. Mai haut FAZ-Herausgeber Berthold Kohler gleich im Leitartikel gewaltig auf die Pauke. Im zweiten Satz hockt er schon wieder im Graben, der die mutige Elite vom kriegs­un­willigen Volk trennt. Weitaus schlimmer, in den neu­deut­schen Ost­ländern sind die Wähler noch mehr für die schöne frühe BRD-Parole Ohne uns! als heute im Westen. Kohler am Ende seiner Jünge­riade: »Wer glaubt, Deutsch­land könne durch Grenz­gänger­tum zwi­schen den Welten auf dritten Wegen zurück in jene paradiesischen Zeiten gelangen, in denen es weitgehend aus der Weltpolitik ausge­klammert war, irrt.« Woher weiß das der Heraus­geber so genau? Lieber mit dem Volk auf dritten Wegen irren als mit dem strammen Leit­artikler Kohler an der Ost­front wie die Väter im Graben landen.
Gerhard Zwerenz    26.05.2014    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
Zwischenberichte
  1. Zum Jahreswechsel 2012/13
  2. Ins Gelingen oder Misslingen verliebt?
Nachrufe
  1. Es herrscht jetzt Ruhe in Deutschland
  2. Wer löst den Loest-Konflikt?
  3. Wo bleibt die versprochene Reformdebatte?
  4. Wortgefechte zur Linken und zur Rechten
  5. Küsst die Päpste, wo immer ihr sie trefft
  6. Wir Helden auf der immer richtigen Seite
  7. Ein Versuch, Stalingrad zu enträtseln
  8. Der Übermenschen letzter Wille
  9. Hitlers Rückkehr als mediales Opiat
  10. Von Leibniz zum tendenziellen Fall der Profitrate
  11. Vom langen Marsch den 3. Weg entlang
  12. Das Kreuz mit den Kreuzwegen
  13. Gibt es Marxismus ohne Revolution oder ist Marx die Revolution?
  14. Unser Frankfurter Rundschau-Gedenken
  15. Meine Rache ist ein dankbares Lachen
  16. Drei jüdische Linksintellektuelle aus dem Chemnitzer Marx-Kopf
  17. Aufmarsch unserer Kriegs­verteidigungs­minister
  18. Vom Linkstrauma zur asymmetrischen Demokratie
  19. Gauck wurde Präsident. Bloch nicht. Warum?
  20. Vorwärts in den Club der toten Dichter 1
  21. Der Mord an der Philosophie geht weiter
  22. Nie wieder Politik
  23. Abbruch: Erich Loests Fenstersturz
  24. Statt Totenklage Überlebensrede
  25. Philosophie als Revolte mit Kopf und Bauch
  26. Das Ende der Linksintellektuellen (1)
  27. Das Ende der Linksintellektuellen (2)
  28. Leipzig leuchtet, lästert und lacht
  29. Briefwechsel zum Krieg der Poeten
  30. Die Urkatastrophenmacher
  31. Abschied von der letzten Kriegsgeneration?
  32. Konkrete Utopien von Hans Mayer bis Joachim Gaucks Dystopien
  33. Vom Leben in Fremd- und Feindheimaten
  34. Was wäre, wenn alles besser wäre
  35. Von Schwarzen Heften und Löchern
  36. Die unvollendete DDR als Vorläufer
  37. Auf zur allerletzten Schlacht an der Ostfront
  38. »Der Mund des Warners ist mit Erde zugestopft«
  39. Die Internationale der Traumatisierten
  40. Fest-Reich-Ranicki-Schirrmacher – Stirbt das FAZ-Feuilleton aus?
  41. Grenzfälle zwischen Kopf und Krieg
  42. Linke zwischen Hasspredigern und Pazifisten
  43. Wahltag zwischen Orwell und Bloch
  44. Botschaft aus dem Käfig der Papiertiger
  45. Ernst Bloch und die Sklavensprache (1)
  46. »Weltordnung – ein aufs Geratewohl hingeschütteter Kehrichthaufen«
  47. Frankfurter Buchmesse als letztes Echo des Urknalls
  48. Autobiographie als subjektive Geschichtsgeschichten
  49. Die Sprache im Käfig und außerhalb
  50. Tage der Konsequenzen
  51. Oh, du fröhliche Kriegsweihnacht
  52. Merkel, Troika, Akropolis und Platon