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Jorie Graham

Region der Unähnlichkeit

Detail aus der Schöpfung

Kitik
Jorie Graham | Region der Unähnlichkeit   Jorie Graham
Region der Unähnlichkeit
Gedichte
deutsch/amerikanisch
Urs Engeler Editor 2008
Das Buch bei Amazon  externer Link


„und aus dem äußersten Ende der Nacht der blühende Weißdorn aufstand.“

Wenn es noch Argumente gebraucht hätte, mit diesem Vers hätte sie mich gehabt. Im anti­ki­sie­renden Rhythmus bricht sich eine Erfahrung Raum die die Enden von Sinnlichkeit und Re­flexion zusammenbiegt zu einer auf der Seite liegenden Acht, und der blühende Weiß­dorn ist geradezu zu riechen. Der Vers ist dem langen Gedicht „Chaos“ entnommen, das sich unge­fähr in der Mitte des Bandes befindet. Ein Zufall vielleicht, dem Titel entsprechend, aber nach vorn wie nach hinten gebiert der Band Ordnung. Oder etwas, das Ordnung ähnelt.

Das erste Lesen war mir ein Rausch. Niemals zuvor war ich in einer so kurzen Zeit durch einen solchen Berg von Gedichten geritten. Atemlos, erschüttert, befreit. Ja, dachte ich immer wieder, so muss man das machen.

Region der Unähnlichkeit. Region of Unlikeness. Allein das Wort Unähn­lich­keit, das Abweichende in der Identität, die selbst nicht identisch, flirrende Ränder, die ganze Dialektik in einem Wort. So wie Geschichte in einem Text von Graham zusammenschnurrt. Das ganze zwanzigste Jahr­hundert. Rhyth­misch, politisch, intellektuell. Als wäre Ordnung möglich. Als gäbe es einen Sinn jenseits des Gedichts. Aber:

„Schon zu Anfang, schon bevor sie schlüpften
war alles das gewußt werden konnte
    vorbei.
Die Mutter war da, ein gelbes Auge auf mich gerichtet“
(Detail aus der Erschaffung des Menschen)


Als gäbe es Geschichte. Als sollte sie endlich beginnen.

Es gibt in der Filmsprache den Begriff Aliasing. Das Zusammenfügen der Bilder durch unser Hirn zur Bewegung lässt uns die Umdrehung der Wagen­räder als Rückwärtsbewegung erkennen, obwohl der Wagen doch vorwärts fährt. Revolutionen sind physikalisch immer beides: Aufwärts- und Abwärts­bewegungen. Revolution und Involution. Erkennbar an der Pause zwischen den Bildern, dem Moment der Bewegung also, der ausgespart bleibt.

Hier setzen die Texte von Graham an. Am Flirrenden, am Licht das von irgendwoher kommt und das immer schon Reflexion ist.

     „Ich seh das Licht von unserm wirklichen Platz
Den Arm aus Leinwandwebendem Licht aufsaugen
     Bis die Geste des magischen Arms zerfranst,“ (Riss)


Zuerst habe ich Werner Hamachers formidable Über­setzung gelesen. Und immer, wenn ich dachte, ich sollte mal im Urtext nachsehen, kam der nächste und wieder der nächste Vers, das ich nicht mehr wusste, wo der Ansatz war, und ich fand die Selle nicht, und später überwand ich mein lausiges Englisch und ich las auch die amerikanische Version komplett und verstand, dachte ich zumindest. Pate stand mir der Rhythmus, der in Grahams Texten und den Hamacherschen Über­setzungen niemals geliehen wirkt, niemals in jenes galoppierende Einerlei verfällt, das uns seit dem Pop allweil begegnet.

Weil Graham Geschichte denkt, weiß sie um Gangarten weiß. Rhythmus und Tempo­wechsel. Und sogar mehrere Tempi gleich­zeitig. Formationen. Ordnungen. Dass ich mich an die Klavieretüden von Ligeti erinnert fühlte und an die Stücke für zwei Klaviere. Sich über­lagernde Formationen auch hier. Strukturen, die eine dritte höhere Ordnung anklingen lassen. Und vielleicht ist es genau das, was bei der Lektüre melancholisch stimmt: Die Erinnerung an die Möglichkeit von Sinn. Als gäbe es Freiheit.
Jorie Graham wurnd 1950 in New York geboren, wuchs in Rom auf und studierte an der Sorbonne in Paris Philosophie und an der New York University Film. Für ihre Gedichte hat sie 1996 den Pulitzer Prize for Poetry erhalten. Sie lehrt als Boylston Professor of Rhetoric and Oratory an der Harvard University.

Jorie Graham bei Urs Engeler  externer Link
Jorie Graham bei poets.org  externer Link

Jan Kuhlbrodt     24.02.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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