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Norbert Lange

Das Schiefe, das Harte und das Gemalene

Keinen Augenblick zu früh
Der neue Gedichtband von Norbert Lange

Kritik
  Norbert Lange
Das Schiefe, das Harte und das Gemalene
Gedichte
luxbooks 2012
122 Seiten, 22 Euro

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Nicht dass die Zeit mir lang geworden wäre, nach dem Debutband Rauhfasern, der seinerzeit in der Lyrikedition 2000 erschienen ist, es gab ja hin und wieder etwas über den Autor zu vermelden. Den sehr schönen Essay­band beispiels­weise, der bei Reinecke und Voss erschien, und der „Das Geschriebene mit der Schreib­hand“ hieß, und die bei Luxbooks er­schie­nenen Über­set­zungen von Prufer und vor allem Oppen. Nicht zu ver­gessen auch das wunder­volle Olson-Schreib­heft, das er heraus­gegeben hat. Wann macht der das bloß, könnte man fragen, oder wie macht er das. Als wäre der Mann ganz Dichtung, dabei steht er meist am Fenster und raucht. Betrach­tet das Spiel der Schatten im Haus gegen­über. Vielleicht denkt er ein wenig an Platon dabei.

Es muss ein Brodeln gewesen sein unter dem Kopf­deckel, ein Überdruck, der ein Getriebe langsam in Bewe­gung setzt, es zum Laufen bringt, nicht mehr zu stoppen, wird die Kraft erst einmal auf die riesigen Stahl­räder übertragen, die auf Schienen sitzen. Man macht sich einige Sorgen, ob sie die Kurve wohl meis­tern. Ja, ich denke mein Kumpel Norbert Lange ist die Steammachine der deut­schen Lite­ratur der Gegen­wart, und die deut­sche, ameri­kanische und englische Dichtung, die in pa­piernen Blöcken lagert, ist sein Treib­stoff, seien es Barock­dichter, seien es die zeit­genös­sischen Sprach­akrobaten, seien es die sich ewig strei­tenden Briten. Sie setzen ihn alle­samt unter Dampf und endlich, ja endlich ist nach Rauh­fasern sein zweiter (erst zweiter) Gedicht­band erschie­nen. „das schiefe, das harte und das gemalene“, so lautet sein Titel.

Wer diesen Band nicht gelesen hat, wird das Frühjahr 2012 verpasst haben. Ich selbst hatte das Glück, Norbert Lange bei der Ver­fer­tigung zu beobachten und somit wurde ich Zeuge der Ent­stehung einiger Texte, die hier ver­sammelt sind. Das Faszi­nierende, das im Grunde an eine Wunder Grenzende, ist der Gestal­twandel, der bei der Fabri­kation der Texte eintrat.

Lange ist Techniker, das Verfahren ist ihm wichtig, die Heran­gehens­weise und die Verfertigung des Materials werden somit auch Gegen­stand seiner Essays. Pastiches und Über­schrei­bungen. Man wird im Band kaum einen Brocken finden, der sagen wir, roh ist, unbe­hauen. Jedes Wort ist Gestalt, Bildung und Umbildung, bis in den Kontext hinein, dem es ent­nom­men. Und auch dieser Kontext wird rück­wir­kend umge­bildet, ob der Text der Betrach­tung eines Bildes von Holbein ent­springt, ob er sich eines Slang­ausdrucks bedient, oder eben, wie es vorkommt, beides mischt. Ich sitze vor den Texten und staune. Und ich werde ein Holbein­gemälde nie wieder so be­trach­ten können, wie ich es vor der Lektüre der Langeschen Texte tat.

„Das Spielbein / Standbein, dieser Typ
mit Lanze / Sense lässig auf den
Sensentresen lehnt: Der Knochenmann
der den Kiefer lässig kreisen lässt“

Und eben das ist es, Spielbein / Standbein. Die Über­lieferung gerät in Bewe­gung und wird ein einen Bezug zur Aktua­lität gesetzt. So alt das Material auch ist, so von fern her­geholt, nach seiner Bearbei­tung er­scheint es zeitgemäß und nah. Weil Lange in die Worte hinein hört, eindringt, nahe und auch ferne Konno­tatinen entdeckt, wahr­nimmt, und uns preis­gibt, bis hin zu sozialen Konstel­letionen, die im Sprach­gebrauch mitschwingen. Er deckt Geschichte auf und macht sie zum Erlebnis wie das Wort, sein Klang Erleb­nis ist, dass die Ge­schichte birgt. Was soll ich sagen? Ich lese / staune wie ein Kind.

 

Jan Kuhlbrodt    15.06.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Jan Kuhlbrodt
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