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Gedichte sind Lebewesen

Christoph Wilhelm Aigner im Gespräch mit Katharina Bendixen
Christoph Wilhelm Aigner, geboren 1954 in Wels (Oberösterreich), studierte in Salzburg, lebt in Italien. World „Literature Today“ zählt ihn zu den wichtigsten zeitgenössischen Dichtern. Er erhielt zuletzt den Anton-Wildgans-Preis, das Heinrich-Heine-Stipendium und den Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur. Seine Bücher erscheinen in der DVA, zuletzt die Übersetzung der Lyrik Giuseppe Ungarettis Zeitspüren (2003), der Prosaband „Logik der Wolken“ (2004), der Gedichtband „Geschichte vom ersten Verliebtsein“ (2005) und der Roman „Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk“ (2006).

Zurzeit übersetzt er die italienische Autorin Anna Maria Ortese (Rom 1914 – Rapallo 1998), die, lange verkannt, inzwischen zur Klassikerin avancierte. Einen Textauszug bietet der nächste poet, Ausgabe 7 (ab 23. August), in dem auch das ungekürzte Interview erscheint.
Katharina Bendixen: Du hast neben Deinen Übersetzungen einen Roman, vier Prosabände und acht Gedichtbände veröffentlicht. Siehst Du Dich selbst in erster Linie als Lyriker?

Christoph Wilhelm Aigner: Ich sehe mich nicht in erster Linie als Autor oder Schriftsteller. Diese Bezeichnung ist mir fremd. Ich habe etwas ge­schrie­ben, und das ist publiziert worden, aber dieses umfassende Gefühl, dass ich Schriftsteller sei, fehlt mir. Wenn man schreibt, dann wird man eben so bezeichnet, doch es bedeutet wenig.

K. Bendixen: In welchem Genre fühlst Du Dich am wohlsten?

Christoph Wilhelm Aigner
Vom Schwimmen im Glück
Gedichte
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C. W. Aigner: Zuerst waren es Gedichte, und das halte ich noch heute für die Königsdisziplin. Doch ich schreibe schon seit drei Jahren keine Gedichte mehr, weil ich eine sehr bestimmte Vorstellung davon habe, was ein Gedicht sei, und dieser Vorstellung ist nur schwer gerecht zu werden. Zu Gedichten gehört für mich eine bestimmte Lebenshaltung, ein bestimmtes Leben, eines mit vielen offenen Sinnen, ein ärmeres Leben, ein verzweifelteres Leben, ein einsames Leben, auch ein etwas naives und staunendes. Erst eine bestimmte Haltung kann ein Gedicht generieren. Ein Gedicht entsteht ja nicht in dem Moment, in dem man es schreibt, sondern es kommt von weit her und verdichtet sich dann, wenn der Boden reif ist.

K. Bendixen: Welche ist Deine Vorstellung von Gedichten?

C. W. Aigner: Ich habe natürlich keine Definition. Im Engel der Dichtung steht alles, was ich über Dichtung weiß, und das ist eher unpopulär. Ich sage, ein Gedicht besteht nicht aus Wörtern. Das meine ich in dem Sinn, in dem auch ein Mensch nicht aus seinem sichtbaren Körper besteht. Es ist nur die Oberfläche, die man sieht. In ihm gibt es eine ganz andere Welt, etwas viel Größeres und Weiteres, auch ein Gattungsgedächtnis von Millionen Jahren her.

K. Bendixen: Womit hast Du Dich in den letzten Jahren beschäftigt, wenn nicht mit der Lyrik?

C. W. Aigner: Nach dem dicken Roman habe ich einiges geschrieben: eine kleine, unveröffentlichbare Kindergeschichte, unaufführbare Theaterstücke, eben nur so für mich. Auch das Libretto für eine Kinderoper. Jetzt bin ich an einer Übersetzung eines wahnsinnigen Textes von Anna Maria Ortese. Ich habe viele Ideen für Prosa, aber ich will auch nicht ausschließen, dass ich wieder Gedichte schreibe. Gedichte verbiete ich mir zurzeit, weil ich glaube, sie wären gelogen. Man muss auch nicht ununterbrochen schreiben. Man braucht einmal Pausen, zum Wiederauffüllen. Reines Trinkwasser, richtig reines Trinkwasser, angereichert mit Mineralien, braucht sehr lange, bis es durch einen Berg sickert und sich in einer Höhle sammelt. Aber ich schreibe natürlich jeden Tag. Meine Tage beginnen mit Aufzeichnungen, mit dem Training jeden Morgen.

K. Bendixen: Was hältst Du von Marcel Reich-Ranickis Aussage, dass es keine Doppelbegabungen gibt, sondern ein Autor nur auf einem Gebiet wirklich gut sein kann?

C. W. Aigner: Der hat so viel gesagt! Als ob der etwas wüsste. Er hat auch einmal gesagt, dass die meisten Dichter von Dichtung so viel verstünden wie Vögel von Ornithologie. Ich könnte auch sagen, er versteht von Literatur so viel wie der Ornithologe vom Fliegen. Das sind eben solche Aussagen von oben herab, die nichts bedeuten

K. Bendixen: Welche Doppelbegabungen kennst Du selbst?

C. W. Aigner: Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ad hoc fällt mir einer ein: William Carlos Williams. Der schreibt wunderbare Romane, sie sind ein Traum, so schön wie seine kurzen einfachen Gedichte. Es ist mir ein Rätsel, warum die nicht bekannt sind, sie sind ja alle übersetzt. Es gibt auch Schriftsteller, die grandios malen konnten. Strindberg hat wunderschöne Bilder gemalt. Und Arno Schmidts Romane sind voller Poesie. Ob das jetzt Doppelbegabung heißt oder nicht, das ist mir vollkommen egal.

K. Bendixen: Welche unterschiedlichen Fähigkeiten braucht man Deiner Meinung nach, um Lyrik oder einen Roman zu verfassen?

Christoph Wilhelm Aigner | Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk
Christoph Wilhelm Aigner
Die schönen bitteren Wochen des Johann Nepomuk
Roman
DVA 2006
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C. W. Aigner: Für einen Roman braucht man Zähigkeit und Aus­dauer, man muss sich jeden Tag hinsetzen und daran arbeiten, ob man will oder nicht. Manchmal sitzt man davor und denkt: ‚Das freut mich nicht, ich kann nicht, es geht nichts.‘ Dann muss man sich vorstellen, dass einem eine Pistole in den Nacken gehalten wird und sich ein Schuss löst, wenn man vor zwei oder drei Stunden wieder aufsteht. Bei Gedichten dagegen ist es ganz anders, man kann sie nicht erzwingen. Man kann kein Gedicht schreiben, indem man sich jeden Tag mit größter Disziplin an den Schreibtisch setzt. Ein Gedichtband entsteht über vier, fünf Jahre, manche Gedichte sind schon in der Kindheit entstanden, und man wusste es nicht. Man kann sie nicht konstru­ieren, sondern sie werden irgendwie geboren, und dann hat man vielleicht als Erwachsener noch ein bisschen etwas zu seiner Genese beigetragen.

K. Bendixen: In Logik der Wolken ist zu lesen: „Ein Gedicht ist vielleicht lang, wenn es langweilig ist, und es ist kurz, wenn es kurzweilig ist.“ Sind Deine Gedichte so kurz, weil Du Angst hast, den Leser zu langweilen?

C. W. Aigner: Nein, das ist nicht so. Aber ich habe lieber die Essenz von drei Zeilen, die sich vielleicht nicht sofort erschließen, als dass der Autor mir erzählend genau sagt, was ich denken soll. Was mich langweilt, ist Ge­schwät­zig­keit. Und ich habe den Verdacht, dass es leicht ins Ge­schwät­zi­ge abrutscht, wenn jemand sehr lang und sehr viel über etwas spricht. Dabei heraus kommt nämlich Prosa mit gebro­chenen Beinen.

K. Bendixen: Du schreibst auch: „Immer wenn ich in einem Gedicht, auch im eigenen, mehrere Ichs lese, überkommt mich ein leicht mulmiges Gefühl.“ Was spricht gegen das Ich?

C. W. Aigner: Es gibt den Begriff des lyrischen Ichs, und das hat auch seine Funktion. Aber zu viele Ichs machen mich stutzig, denn es kann nicht sein, dass der, der das Gedicht schreibt, die ganze Welt und der Maßstab aller Dinge ist. Man ist immer nur Teil der Welt. Ich habe manchmal den Verdacht, dass zu viele Ichs sehr eitel sind, oberflächlich und recht­haberisch.

K. Bendixen: „Starke Wörter schwächen die Poesie“, schreibst Du. Gleichzeitig verwendest Du selbst sehr starke Wörter: Wolken, Sonne, Licht, Berg, Schnee, Regen kehren in Deiner Lyrik immer wieder. Wie passt das zusammen?

C. W. Aigner: Das sind für mich keine starken Wörter. Starke Wörter geben für mich vor, etwas zu bedeuten, sind aber eigentlich obsolet. Wörter wie Unendlichkeit, Liebe, Treue, ewig oder etwa das absolute Nichts. Sie werden oft unreflektiert gebraucht, sie bedeuten nur vermeintlich etwas. Eigentlich sind sie bedeutungsleer, genau genommen sind diese sogenannten starken also schwache Wörter.

K. Bendixen: Die Motive Deiner Lyrik bewegen sich nahe am Kitsch. Auch die Titel Deiner Bücher – Die Berührung oder Engel der Dichtung oder Vom Schwimmen im Glück – drohen immer, ins Sentimentale abzurutschen. Trotzdem sind Deine Gedichte nicht kitschig.

C. W. Aigner: Jemand hat einmal gesagt: Zwischen Kitsch und Genie ist eine dünne Membran. Und so ist es auch, selbst im täglichen Leben. Wenn man zum Beispiel verliebt ist, sagt man auch sogenannte kitschige Sachen. Im Kontext wirken diese Dinge aber nicht kitschig, sondern sie stimmen. Oder Sonnenaufgänge: Diese sieben Minuten, in denen der Himmel schweinchenrosa auf babyblau ist, sind nicht an sich kitschig. Kitschig werden sie erst, wenn man sie zuviel verwendet, wenn man sie in anderen Zusammenhängen missbraucht.

K. Bendixen: Deine Gedichte sind oft frei und reimlos. Neulich erst habe ich gelesen, der Verzicht auf Form in der Lyrik sei angeblich Faulheit. Was hältst Du von der Form?

C. W. Aigner: Viel, sehr viel natürlich. Meine Gedichte, die formlos ausschauen, sind aber durch und durch strukturiert, sie verfügen über eine innere Form. Sie sind eben nicht durch Reime geschminkt oder gestylt. Ich habe aber nichts gegen Reime. Wenn es passt, kann man Reime verwenden, Alliterationen, alles, was uns die Sprache bietet. Das Schöne an der Dichtung – sei es Prosa oder Lyrik – ist doch, dass es keinen Maßstab gibt, der für alles gilt. Wichtig ist, dass eine Haltung dahinter steht, dass die Dichtung ein Rückgrat hat. Ob das jetzt in einer Hose daherkommt oder in einem Abendkleid, ob geschminkt oder ungeschminkt, das ist völlig egal.

K. Bendixen: Vorhin hast Du gesagt, dass Gedichte geboren werden. Werden sie erst im Nachhinein rhythmisch strukturiert, oder wie geht die Geburt vonstatten?

C. W. Aigner: Ganz wenige Gedichte, vielleicht drei oder vier von den Hunderten, waren plötzlich da. Andere fallen mir aus unterschiedlichen Richtungen zu, und ich behandele sie wie Lebewesen: Ich gebe ihnen die Form, die ich für die richtige halte und die sie selbst auch fordern, damit sie später allein leben können. Jedes Gedicht ist ja unterschiedlich. Man muss aufmerksam sein wie bei Kindern. Nicht auf eine Verhaltensart abrichten, sondern schauen, was sie am besten fördert, dass sie dann auf eigenen Beinen stehen können, dass sie die eigenen Versfüße tragen als freie Wesen.

K. Bendixen: In Engel der Dichtung erwähnst Du das Schaufenster einer Buchhandlung, die „saisonales Romangesindel“ ausstellt. Was ist für Dich solch saisonales Romangesindel?

C. W. Aigner: Das sind Bücher, die aus irgendwelchen Kalkülen ge­schrie­ben wurden. Konstruierte Storys, bei denen der Plot wichtig ist, die mir wie intellektuelle Spiele vorkommen, die nicht richtig gelebt worden sind. Jedes Jahr müssen ein oder zwei Bücher gefeiert werden, und die verschwinden dann wieder. Es bleibt nichts von ihnen. Sie sind nur erfolgreich aus der Sicht der Verleger, viel verkauft also. Diese Art von Erfolg interessiert mich jedoch nicht. Man sollte einfach das Beste geben, ohne Kalkül, mit Risiko. Man darf kein Angst­hase sein und das anscheinend Gesicherte bedienen. Man sollte nicht überlegen, was erfolgreich sein könnte. Für das, was daraus entsteht, schämt man sich später.

K. Bendixen: Aber ist das nicht schwierig für junge Autoren, die sich auf einem Markt mit so vielen Gesetzen und Barrieren bewegen?

C. W. Aigner: Natürlich ist das schwierig, und es wird immer schwie­rig sein. Aus diesem Grund werden 99 Prozent das bedienen, was Erfolg verspricht. Und irgendwo werden noch ein paar Deppen sitzen und glauben, es wäre besser, das nicht zu tun.

K. Bendixen: In letzter Zeit wird jungen Autoren immer vorgeworfen, sie schreiben ohne Risiko und seien nicht kühn genug.

C. W. Aigner: Ja, das finde ich auch, aber das ist keine Geschichte von heute, sondern das war schon immer so, und das wird immer so sein. Risiko und Freiheit machen Angst. Wie viele wirklich freie Autoren gibt es? Die meisten gehören einem Verein oder einer Partei oder einer Lobby oder irgendetwas anderem an oder haben eh einen Beruf. Richtig freie Autoren, die frei denken, gibt es nur sehr wenige. Mit Inger Christensen ist so ein freier Geist gestorben.

K. Bendixen: Welchen Rat würdest Du jungen Lyrikern mit auf den Weg geben?

C. W. Aigner: Ich kann niemandem etwas raten, außer frei und mutig zu sein und das zu sagen, was er tatsächlich spürt. Es nützt nichts, sich aufgesetzt und frech und rotzig oder abgeklärt zu verhalten, weil man für billige Effekte schnell mehr Applaus bekommt. Das andere ist freilich soviel schwieriger.

K. Bendixen: Herzlichen Dank für das Gespräch.
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