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Räume für ein Katzenleben

Von Wewelsfleth über Schöppingen nach Berlin
  Reportage von Katharina Bendixen | 1. Teil

Katharina Bendixen reiste für die aktuelle Ausgabe des Magazins poet zu drei Stipen­dienorten, ins Döb­lin-Haus (1. Teil), ins Küns­tler­dorf Schöp­pin­gen (2. Teil) und ins LCB (3. Teil). Die Illustrationen besorgte Miriam Zedelius.

    Teil 1 – Döblin-Haus
Teil 2 – Schöppingen
Teil 3 – LCB




Literaturorte sind nicht nur die Orte, an denen Literatur vorgelesen wird, sondern auch jene, an denen sie entsteht. Wohl nirgendwo geschieht das in geball­terer Form als in Stipendiatenhäusern und Künstlerdörfern, von denen es im deutsch­sprachigen Raum mehrere Dutzend gibt. Autoren kommen dort für einige Monate unter und schreiben, frei von finan­ziellem Druck, an ihren Texten. Katharina Bendixen ist quer durch Deutsch­land gefahren und hat drei dieser Orte besucht. Sie ist mit den Stipendiaten spazieren gegangen, hat einen Hund kennen­gelernt und einiges über Kotz­flecken, spukende Schrift­steller und das Leben von Katzen erfahren.

Glückstadt, Blomesche Wildnis, Büchsenkate. Der Weg nach We­welsfleth führt vorbei an Orten mit fast poetischen Namen. Das Land ist flach und grün, Windräder flappen vor blauem Himmel, Schafe und Kühe weiden. Wer aufmerk­sam aus dem Fenster sieht, ent­deckt einen Hasen oder ein Reh, das sofort wieder Schutz zwischen den Bäumen sucht. Hier soll sich ein Literaturort befinden? Die Straßen in Wewelsfleth sind noch leerer als der Bus, der nicht häufiger als zehnmal am Tag in dem schleswig-hols­teini­schen Dorf hält. Die Wewelsflether sagen augen­zwinkernd über ihr Dorf, man müsse nur einmal umsteigen, um nach Amerika zu kommen – vom rund siebzig Kilometer entfernten Hamburg verkehrt die Fähre. Von der Nähe zum Land der unbegrenzten Möglichkeiten ist in Wewels­fleth jedoch nicht viel zu spüren. Weit und breit ist niemand zu sehen, der den Weg zum Alfred-Döblin-Haus weisen könnte. Zum Glück ist die alte Kirch­spiel­vogtei schnell gefunden: Direkt an der Bushalte­stelle gelegen, versteckt sie sich hinter zwei jungen Bäumen.
  Lebendig wird es erst hinter der Tür des Stipen­diaten­hauses, in dem einst Günter Grass seine Bücher schrieb: Dort wartet Eva Ruth Wemme mit Kräutertee und jeder Menge Eindrücke. »In Wewelsfleth ist jeder Tag wie Sonntag«, sagt sie, »zum Schreiben ist das ideal.« Seit einem Monat arbeitet Eva Ruth Wemme hier an ihrem ersten Roman mit dem Titel Die Lebenden, von dem in ihrem Computer bereits viele Kapitel existieren. In der Autoren­werkstatt Prosa im Lite­rarischen Collo­quium Berlin feilte sie schon an dem Text – nun fehlt noch der rote Faden. »Der ist in meinem Kopf«, sagt sie, »und den versuche ich jetzt zu spinnen.« In ihrem Alltag in Berlin springt sie zwischen Über­setzungen aus dem Rumänischen und einem Dresdner Puppentheater hin und her. Genug Konzentration für Hunderte von Seiten bleibt da nicht.
  Gemeinsam mit Björn Kern und Larissa Boehning bewohnt die Autorin in diesem Frühjahr das Haus, das von der Berliner Akademie der Künste betreut wird. Jedes Jahr sind hier rund zehn Stipendiaten zu Gast, immer drei zur selben Zeit. Seit 1986, dem Jahr, in dem Günter Grass sein ehemaliges Wohnhaus dem Land Berlin schenkte, haben über zwei­hundert­fünfzig Autoren hier an Romanen, Erzählungen, Gedichten gearbeitet. »Eines der seltsamsten Häuser, die ich jemals bewohnt habe«, schrieb Felicitas Hoppe. Raul Zelik erinnert sich, dass ihm haupt­säch­lich Paarhufer begeg­neten – »aller­dings mehr Schafe als Kühe«. Viel mehr Ablen­kungen gibt es in Wewelsfleth auch nicht: Nicht einmal mit einem Café wartet das Tausend­fünf­hunder-Seelen-Dorf auf, von einem Kino oder einem Theater ganz zu schweigen.
  »Ich führe hier ein Katzenleben«, erzählt Eva Ruth Wemme. »Ich wache irgendwann auf, koche mir einen Kaffee, schreibe. Gehe natürlich sehr viel spa­zieren. Esse, wenn ich Hunger bekomme, schreibe weiter. Niemand will etwas von mir. Nicht einmal abends muss ich gebürstet sein, weil irgend­jemand mit mir ins Kino gehen möchte.« Sie arbeitet im »Butt«-Zimmer, einem Raum in zartem Grün mit Holz­dielen und einem alten Kamin. Vor dem Fenster sind die Zweige des Wal­nuss­baums zu sehen, den Günter Grass bei der Geburt seiner Tochter Helene pflanzte. An einem Fenster im zweiten Stock kleben die Reste eines Anti-AKW-Buttons, wahr­schein­lich noch von Günter Grass angebracht und mittler­weile viel­leicht von histo­rischem Wert. Setzen einen da die Werke des Nobel­preis­trägers nicht unter Druck? »Vielleicht wäre das so, wenn man nur so tun würde, als wäre man Schrift­steller«, sagt sie. »Aber wenn man viel zu tun hat, spielt das keine Rolle.« Und wie verhält es sich mit der Wewels­flether Idylle, stiehlt die sich in den Roman? »Mein Roman ist schon ziemlich weit«, erzählt sie. »Die Figuren gibt es schon länger, als ich das Haus kenne.« Es seien vor allem die viele Zeit und die Ruhe, die den Roman in Wewelsfleth voran­bringen. »Aber viel­leicht«, sagt Eva Ruth Wemme, »schlängelt sich doch die eine oder andere Pflanze hinein.«
  Ab und zu muss die Autorin das Katzenleben für eine Weile unterbrechen – immer dann, wenn Wewelsflether ins Alfred-Döblin-Haus stolpern. Manchmal kündigen sie sich mit einem Brief an: In den ersten Tagen des Stipendiums kam eine Nachricht von Heike Denzau, einer Wewels­flether Krimi­autorin, die die Stipen­diaten zum Jour Fixe im Weinhandel gegen­über einlud. Dort treffen sich regelmäßig einige kultur­interes­sierte Wewels­flether, sprechen über Literatur, Kunst, Politik. Auch der Bürger­meister hat die drei Stipen­diaten schon begrüßt. Es gibt sogar einen Verlag im Dorf, und regelmäßig kommt ein bekannter Autor vorbei: Peter Wawerzinek war einst Stipendiat im Haus. Damals verliebte er sich und zog für eine Weile in das Dorf. Auch heute reist er von Berlin aus regel­mäßig in den Norden. Wewelsfleth ist also doch mehr Literaturort, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.
  Beim abschlie­ßenden Spazier­gang mit Eva Ruth Wemme gewinnt das Dorf noch mehr Facetten. Begeistert führt die Autorin die weiten Wiesen ihrer vor­über­gehen­den Heimat vor, die alten Fischer­häuser, das riesige Flussbett der Elbe, das von weitem wie ein Meer wirkt. Werftkräne ragen in den Himmel und verleihen dem Ort fast etwas Groß­städtisches. In der anderen Richtung sind aber wieder nur Schafe zu sehen. Dieser Anblick warnt davor, den Bus zurück in die Welt zu verpas­sen – jedoch zu spät. Das Taxi aus Glückstadt ist nach zehn Minuten vor Ort. Der Taxi­fahrer hält von der Idylle nicht viel, er sagt entschieden: »In Wewels­fleth möchte ich nicht wohnen.« Eine Begrün­dung gibt er nicht. Nur so viel: »In Glückstadt ist es besser, da scheint immer die Sonne.«



Teil 2 | Die gesamte Reportage sowie weitere Reportagen über Literaturorte in poet 11.
 

Diese Reportage
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zum Thema in poet nr. 11.



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Katharina Bendixen    28.09.2011      Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
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