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Kathrin Schmidt

Du stirbst nicht

Life in a glasshouse
Deutscher Buchpreis 2009, aktuelles Interview in poet nr. 7

Kathrin Schmidt | Du stirbst nicht
Kathrin Schmidt
Du stirbst nicht
Roman
Kiepenheuer & Witsch 2009

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In raschen Wechseln der Erzählperspektive wirft Kathrin Schmidt den Leser in ihren neuen Roman. Erst im zweiten Kapitel entrollt sich der Protagonistin selbst ihre Identität und ihr Schicksal: Ihr platzte ein Hirnaneurysma, sie erlitt eine Amnesie, eine Aphasie. Kathrin Schmidt, Spezialistin erinnerter Geschichte durch individuelle Schicksale, verlässt auch in Du stirbst nicht ihr Sujet nicht. Doch bevor sich die Protagonistin Helene Wesendahl auf ihre zerfallenen Gedächtnisspuren begeben kann, hat sie eine größere Aufgabe zu meistern: „Die Sprache, das schlafende Tier“ wieder zu wecken. Helenes Sprachgefühl „bewegt sich hinter weißen Laken, die im Hirn flattern, als ginge da ein Wind. Was für ein Wind sollte im Hirn gehen? Hirnwind? In den Hirn­windungen? In den Hirn­wind­richtungen? Mit solchem hirn­wind­richtungs­weisendem Getöse wird alles Fassbare unfassbar“. Was trüge zu der Begebenheit besser bei, als das wache Sprach­gespür der Autorin?

Was mit einer Mischung aus Georg Büchner und Arthur Schnitzler beginnt, mündet in Kathrin Schmidts gewohnt ausgefeilte Sprache, ihre Wort­kaskaden, ihre Wortziselierungen. Und doch: Schmidt hat sich noch nie einer so oralen Sprache bedient. Der Sprach­verlust schraubt die Metaphorik zurück. Die dialektischen Gedanken­dekonstruk­tionen Helenes purzeln unvermittelt aus ihrem „lädierten Hirnkasten“. Du stirbst nicht ist zweifellos der jüngste Roman der Autorin und stellt zugleich eine Zäsur dar. In Prosaabsätzen bleibt vieles frag­mentarisch. So, wie Helene in mangelnder Konzentration nur Sequenzen wahrnehmen kann, serviert Kathrin Schmidt die Erzähl­fäden scheibchen­weise aufgeschnitten. Die Erzähl­instanz hangelt sich entlang der Assoziationen Helenes.

Die Prota­gonistin befindet sich im Kampf mit ihrem ganzen Wesen. Sie wird nicht nur geplagt durch die geistige Rekonstruktion, sondern ebenso durch die mühselige Überwindung ihrer körper­lichen Gebrechen. Die auferlegten Rehamaßnahmen, die sich lesen wie das volle Programm in der Waschstraße, nagen mindestens so an den schwachen Nerven wie die Standortbestimmung der Identität.

Vor der OP wollte Helene ihren Mann Matthes, der zu ihrem einzigen Halt wird, und sie sorgsam betreut, verlassen. Jetzt changiert sie in einer Ambivalenz der Extreme. Vor allem, wenn sie die Erinnerung zu seiner zeitweiligen Geliebten Heidrun überrollt. In der Hoffnungs­losigkeit der Hoffnung wankt Helene zwischen Anziehung und Abstoßung, zwischen Mitleid und Verachtung. Just so, wie sich der Person das Gedächtnis entzieht, bleibt die Persönlichkeit unfassbar. Irrational ist die Beziehung der fünffachen Mutter zu Viola, anhand deren Geschlechts­umwandlung Kathrin Schmidt den gesell­schaftlichen Zwang zur Geschlechterrolle enttarnt. Die Erinnerung an die sensible Liebe zur zwischen­zeitig verstorbenen Viola birgt einen Schatz: eine Diskette mit den gespeicherten E-Mails. In Helenes Situation wird jede gespeicherte Erinnerung zu einer heiligen Reliquie; die Schriftstellerin Helene Wesendahl krallt sich an greifbares Gedächtnis in Form von eigenen Geschichten, die auf dem Laptop gesichert sind.

Die Protagonistin kennt nur wenige Momente des vollen Bewusstseins. Zu häufig verfließen die scharfen Konturen zu Silhouetten. In welcher Hirnritze liegt eigentlich der Unterschied zwischen situativer Wahrnehmung und der wahren Situation? Vieles bleibt nur Einbildung. Und vieles von der Einbildung lässt Kathrin Schmidt unaufgelöst. Nicht selten ergeben logische Fehl­kombinationen, Wahrnehmunsg­verschiebungen und die Ironie der auktorialen Instanz beißenden Witz. Doch „unten lacht der Mund, oben laufen die Tränen.“ Der Tod rumort stets im Untergrund; sei es der Sprachverlust als evidente Existenz­bedrohung für eine Schriftstellerin, sei es die Scham und der Ekel des eigenen Unvermögens wegen.

Je nach Bewusst­seins­zustand und Sprach­fertigkeit Helenes variiert das Satztempo, woraus sich vom Verstummen über Stakkato bis zu rhyth­mischer Dynamik ein facettenreiches Klangbild des Romans ergibt. So, wie die Prota­gonistin durch den Neuerwerb eine wesentliche Sensibili­sierung für die Sprache erfährt, setzt Kathrin Schmidt jedes Wort wohl­reflektiert und lässt trotz allem Ringen der Figur gerade in der Neuorganisation der Sprache ein Urvertrauen erkennen, mit dem sie den Sprach­zerfall überwindet. Jeder Zweifel an einer gelingenden Heilung wird beseitigt, nachdem Helene eine auf­getragene Einführung zu einer Lenz-Aufführung gelingt. Lenz, natürlich Lenz; eine Erzählung „wie ein freigelegter Nervenstrang“.
Anm.: Die entscheidenden Lebensdaten von Helene Wesendahl tragen deutliche autobiographische Züge. Die im Jahre 2002 44-jährige Schriftstellerin studierte Psychologie, und hat zum Zeitpunkt der OP gerade ihren zweiten Roman veröffentlicht. Inwiefern auch die Autorin selbst von Sprachverlust betroffen ist, wird u.a. in einem Interview in poet nr. 7 (Sommer 2009) zu erfahren sein.

Kathrin Schmidt, geboren 1958 in Gotha, arbeitete als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Sie schreibt Lyrik und Romane. Kathrin Schmidt erhielt zahlreiche Preise, darunter den Anna-Seghers-Preis, den Leonce- und Lena-Preis, den Meraner Lyrikpreis, den Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb und den Deutschen Kritikerpreis.
Walter Fabian Schmid   19.03.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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