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Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln

Briefing mit Reinhard Jirgl
Reinhard Jirgl

 Reinhard Jirgl   Foto: Creative Commons

  Der poetenladen gibt Aus­züge des um­fas­senden Briefings mit Reinhard Jirgl wieder.

Das vollständige Interview erscheint im Magazin poet nr. 9 (September 2010). Bei den Gesprächsbeiträgen in poet nr 9 geht es um das Thema Literatur und Politik.


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Ausgabe nr. 9  externer Link

 

Reinhard Jirgl wurde 1953 in Berlin (Ost) geboren. Nach einer Lehre zum Elektro­mechaniker absol­vierte er ein Studium der Elektronik und arbeitete als Hoch­schul­ingenieur. Ende 1978 gab er den Ingenieursberuf auf und ging als Beleuch­tungs- und Servicetechniker an die Berliner Volksbühne.

Bereits 1973 begann er mit Prosaarbeiten, denen bis zum Fall der inner­deutschen Grenze die Veröffentlichung verweigert wurde, so dass er als Schriftsteller der deutsch-deutschen Öffentlichkeit unbekannt bleiben musste. Seinen ersten Roman (Mutter Vater Roman, Aufbau) und weitere Bücher konnte Jirgl erst ab 1990 veröffentlichen. Seitdem erhielt er bedeutende Literatur­preise, zuletzt den Georg-Büchner-Preis. Reinhard Jirgl lebt in Berlin.

Walter Fabian Schmid: Lieber Reinhard Jirgl, was macht Ihrer Meinung nach einen Schriftsteller zu einem politischen Schriftsteller?

Reinhard Jirgl: Ihre Frage gibt mir die Gelegenheit, das Attribut »politisch« in diesem Zusammenhang etwas näher zu bestimmen, um den Begriff aus populären Vermi­schungen zu entfernen.
  Ein politischer Schriftsteller ist der Verfasser von Arbeiten über Politik. Ebenso wie es Schriftsteller gibt, die u. a. über naturwissenschaftliche, ökonomische, ästhetische Fragen schreiben, und daraufhin diesen Sach­gebieten zugehören.
  Naturwissenschaften, Ökonomie, Ethik, Ästhetik etc. und somit auch die Literatur besitzen spezifische Kriterien und folgen Eigenge­setzlichkeiten, die mit denen der anderen Gebiete nicht zu vermischen sind. Zwar kann ein lite­rarischer Schrift­steller sich Erscheinungen der Politik in seinem Werk bedienen, aber dies allein macht ihn noch lange nicht zum politischen Schriftsteller. Die Vermischung des einen Sachgebiets mit anderen hieße die spezifischen Unter­scheidungs­grundlagen auflösen, leider hat derlei in der Öffent­lichkeit Konjunktur.
...

W. F. Schmid: Inwieweit sehen Sie sich selbst als einen politischen Schriftsteller?

R. Jirgl: Somit sehe ich mich als einen literarischen Schriftsteller, der sich u.a. auch politischer Themen annimmt, Versatzstücke aus den äußeren Wirklichkeiten, um sie mit literarischen Mitteln – Schreibweise, Prosodie, Metaphorik, Dramaturgie – in eine Wirklichkeit des Textes zu transformieren. In diesem Sinn, und nur in diesem, spreche ich von Engagement.

W. F. Schmid: Wie reagiert Literatur auf die starke Ausdifferenzierung der Politik, und wie spiegelt sich die rapide politische Beschleunigung und deren Zerstreuung in der Literatur wieder?

R. Jirgl: Um wenigstens einen Aspekt dieser komplexen Fragestellung zu betrachten, möchte ich zunächst auf das unter Frage 1.) behandelte Problem der willkürlichen Ver­mischung des Politik-Begriffs mit politikfremden Belangen und Sach­gebieten zurück­kommen, sowie auf den Effekt, der sich aus der angestrebten Mittellage heraus ergibt, hinweisen.
  Zunächst noch einmal zur Begriffs­vermischung. Man spricht von »Wohnungspolitik«, »Arbeitsmarktpolitik« oder von »Verlagspolitik«, wo eigentlich entweder Verwaltungs­maßnahmen, Fragen des Standorts, des Angebots, der wirtschaftlichen Effek­tivität und der Nachfrage gemeint sind, oder das Kalkül eines Verlagsleiters hinsichtlich ästhetischer sowie kaufmännischer Aspekte bezüglich herzu­stellender Bücher. So könnte ich mit ähnlich gelagerten Beispielen fortfahren; mit Politik im eigentlichen Sinn hat dies alles nicht das Geringste zu tun.
  Durch dieses Begriffspotpourri aber wird eine gewollte Schwächung des politischen Elements erreicht, so dass das Politische nahezu untauglich wird zur Differenzierung. Eine starke Ausdiffe­renzierung durch Politik kann ich nirgends in der Gesellschaft feststellen, sofern mit Aus­differen­zierung die Fähigkeit des Politischen gemeint ist, andere gesell­schaftliche Belange voneinander abzugrenzen und in ihren jeweiligen Wesen­heiten zu sondern; das Gegenteil will mir als zutreffend erscheinen. Neben den vielen Neutra­lisierungs­versuchen im Verlauf der letzten hundert Jahre bedeutet der »Mittismus« aktuell die absichtlich herbei­geführte Ent­kräftung von allem, was politisch heißen könnte.
  Die Beschleunigungseffekte im gesellschaftlichen Leben westlichen Zuschnitts, die man gegenwärtig beobachten kann, beziehen sich vor allem auf die »Innovationsspirale« (K.-P. Liessmann) – alles Neue im Neu-Sein sucht dem erklärt Alten zu entfliehen, der Schub hierfür zwingt zu immer größerer Beschleu­nigung –, mittels derer die technischen Neuerungen und wissenschaft­lichen Erkenntnisse, das Wissens­vermögen allgemein, die Alterungsprozesse der gültigen Normative beschleunigen und schließlich entwerten. Aber auch dies ist primär keine politische Frage; sie wird es erst dann, sobald die politisch Verantwortung Tragenden sich der tech­nischen Neuerungen im Sinn ihrer Macht-Politik, d.h. dem Durchsetzen ihrer Interessen, bedienen. Eine »neutrale« Technik gibt es ebenso wenig wie die »reine« Wissenschaft oder die »interesselose« Erkenntnis.
  Wie die einzelnen Literaturen (»die« Literatur existiert nicht) mit diesen Gegebenheiten umgehen, bzw. sie in den Werken von den verschie­densten Autoren zugelassen werden, hängt ab vom Grad der Souve­ränität des Schriftstellers gegenüber äußeren Bedingungen. Literatur vermag weitaus mehr, als (tages-)politische Ereignisse zu illustrieren.

W. F. Schmid: Wo liegen für Sie die literarischen Grenzen einer politischen Verarbeitung?

R. Jirgl: Das Politische und die literarische Arbeit sind zwei voneinander getrennte Sachgebiete, deren jeweilige Kriterien nicht miteinander übereinstimmen können, und somit das eine das andere weder befördern noch begrenzen kann. In den Diktaturen allerdings ist der gewaltsame Eingriff von Seiten der Herrscher in das literarische Arbeiten offenkundig, freilich kann man in derlei Systemen nicht von Politik sprechen. Politik setzt Machtverhältnisse in einer Gesellschaft voraus, die weitgefächerte Ent­scheidungs­möglich­keiten bieten, was in Diktaturen nicht gegeben ist. – Literatur wird erst dann im eminenten Sinn politisch, wenn sie ihre literarische Bedeutung verlassen hat und beispielsweise in Bereiche des Pamphlets übertritt, dessen sich bestimmte Interessengruppen (Parteien, Gewerkschaften, Wirtschafts­verbände) für ihre Zwecke bedienen. Und Politik kann literarisch werden erst, wenn sie auf den Willen zur Praxis verzichtet.

W. F. Schmid: Gibt es überhaupt autonome Kunst?

R. Jirgl: Einerseits, und wie oben besprochen, folgt jede Kunstgattung Eigen­gesetz­lichkeiten, deren Kriterien mit denen anderer Gebiete nicht vermischbar sind. Wenn ein Künstler beim Machen, in der Phase des Werdens seiner Arbeit, sich freihalten kann von außerkünstlerischen Erwägungen und Zielgebungen, z.B. Zuarbeiten für politische, merkantile, religiöse Zwecke, sogar vom Ästhetischen, dessen Kriterien von vielerlei außer­künstlerischen Erwägungen (so vom »Geschmack«) geprägt sind; wenn er, frei also von derlei Präferenzen, im Tun nur seinen eigenen Maßgaben sich verpflichtet sieht, kann (zumindest theoretisch) ein Moment von Autonomie erscheinen. Das aber setzt im Künstler das Antezedens der Freiheit vor dem Tun (analog zu Heideggers »Seiendes vor dem Sein«) voraus.
  Anderseits, im Moment des Darreichens seiner Arbeit mit der „politischen Geste der Übergabe an die Öffentlichkeit“ (Flusser) hört jede Kunst auf, autonom zu sein, weil sie in die Konstellationen und Strukturen dieser Öffentlichkeit (Macht­verhältnisse im Kunst-Markt und in der Gesellschaft), um wahrgenommen zu werden, sich eingliedern muss. Wollte man auch in diesem Bereich auf Autonomie bestehen, indem man „seine“ Autonomie gegen alle übrigen durchzusetzen strebt, um damit „seinen eigenen Markt“ sich zu erschaffen, dann hieße das nichts anderes als die Verfestigung und Einengung des Machtbegriffs auf diese hier und jetzt herrschende Macht; die Autonomie-Idee verliert sich dann in dem Ausmaß, wie sie sich selbst als Gegen-Macht zu installieren sucht. Im Bereich des gesellschaftlichen Seins gibt es keine Autonomie, also auch keine autonome Kunst.

W. F. Schmid: Trägt Literatur, indem sie nur den Teil der Bevölkerung anspricht, der noch Bildung und Kultur schätzt, selber zu einer Elitebildung und einer 2-Klassengesellschaft bei?

R. Jirgl: Man sollte Literatur und Künste nicht für die Fehler in der Politik, für das Versagen sozialer Systeme verantwortlich machen. Weder kann Literatur die Gesellschaft verbessern, noch sie verschlechtern. Art, Umfang und Weise des Zugangs auf Kunst und Literatur von Seiten der Gesellschaft ist stets ein Gradmesser für den geistigen und kulturellen Zustand der Gesellschaftsmitglieder. Denn jedes Publikum hat sich auf den Anspruch des Künstlers zuzubewegen, nicht umgekehrt! Dieses Thema ist in der Moderne zu einer der Kardinalsfragen geworden und mag inzwischen anmuten wie aus der Ammonitenzeit. Ich möchte dennoch unbedingt an dieser Einstellung festhalten, schon allein aus dem einfachen Grund, weil kein Publikum der Welt im Moment der Begegnung mit einer künstlerischen Arbeit den Arbeits-Weg des Künstlers, der ihn seine Arbeit so und nicht anders machen ließ, ad hoc nachzuvollziehen oder gar kritisch zu diskutieren in der Lage ist. Das erforderte längeres Sicheinlassen mit dem fraglichen Objekt, was einem Publikum nur selten gegeben ist; aber genau das ist die Grundvoraussetzung für jedes qualifizierte Urteil.
  Die Vorstellung »Kunst für alle«, oder wie das früher hieß: »Kunst dem Volke«, ist banausisch gegenüber der Kunst und diskriminierend gegenüber der Bevölkerung. Sowohl das Machen von Kunst als auch deren Rezeption setzt Bildung voraus. Ansonsten entsteht bestenfalls naive Kunst, und der Macher wie der Rezipient wird auf Trends und Moden hereinfallen. (Eigenartig: Pop-Art in Deutschland wird immer sofort moralinsüchtig!)
  Eine der häufigsten Fehlleistungen auf dem Gebiet der Kunst ist der Kitsch. Wer in seinem Leben nur wenige unterschiedliche Bücher kennt, der wird mit Sicherheit Kitsch ebenso wenig erkennen können, wie Kunst. Kitsch verfügt über bedeutende Anschlussstellen im gesamten gesellschaftlichen Leben, daher seine Gefährlichkeit. So schafft er durch seine Fähigkeit, Unerlebbares zu versprechen, eine ideale Verbindung zum Faschismus: Auch der verspricht den Menschen, ob in Rassen-, Klassen- oder sonstigen Theorien vermittelt, eine idealisierte Lebensweise innerhalb des eigenen Systems, die unter tatsächlichen Bedingungen indes niemals zustande kommen kann, und dies auch gar nicht soll. Kitsch ist also weitaus mehr als »nur« eine ästhetische Entgleisung, die wie jeder Unfall Versehrte zurücklässt; durch Unbildung Versehrte an Geistigkeit und innerer Freiheit.
 Aber dieser Zustand ist kein Naturgesetz. In dieser Gesell­schaft werden der Bevölkerung jeglichen Alters, neben allen Sedierungs- und Ver­blödungs­angeboten, auch genügend Bildungs­möglich­keiten erstellt, die Kostenfrage ist i.a. keine unüber­windbare Schranke. Wer auf diese Angebote verzichtet und sich »vermassen« lässt, trägt dafür die eigene Verant­wortung. Hierher gehört, was Immanuel Kant über die »selbstverschuldete Unmündigkeit« schrieb.
  Ein Beispiel für »selbsterstellte Mündigkeit« liefert Peter Weiss in seinem Roman Ästhetik des Widerstands, wo Arbeiter aus freien Stücken abends nach Schicht­schluss sich zusammen­finden und gemeinsam klassische Bildung, ausgehend von Betrach­tungen über den Pergamon-Altar, sich aneignen, weil sie sich als Zugehörige dieses Bildungs­gutes verstehn. Freilich gab es damals, in den 1920er Jahren, noch keine Nivellier- und Zerstreu­ungsmedien à la Fernsehen und Internet.
  Die Massen­demokratien heutigen Zuschnitts, mit ihrer rheto­rischen Verwischung der Grenzen zwischen »Staat« und »Gesellschaft« auf der einen sowie zwischen »Eliten« und »Massen« auf der anderen Seite, bedeuten die radikal sanfteste Verschleierung aller wirklichen Verhältnisse.

W. F. Schmid: Vielen Dank!
  SOEBEN ERSCHIENEN

Das vollständige Interview
erscheint in
poet nr. 9,
Anfang September 2010
27 Seiten; 9,80 Euro

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  WEITERHIN LIEFERBAR:

poet nr. 8
literaturmagazin
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Wie erleben Schriftsteller anderer Länder die deutsche Sprache und Literatur? Gibt es den kosmopolitischen Autor oder wird angesichts einer alles nivellierenden Globa­lisie­rung das Regionale in der Literatur wichtiger? Der poet (Ausgabe 8) hat Autoren zum Thema Sprache und Heimat befragt: Ilija Trojanow, María Cecilia Barbetta, Luo Lingyuan, Jan Faktor, You-Il Kang.

Walter Fabian Schmid   09.07.2010    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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