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Michael Braun und Hans Thill (Hg.)
Lied aus reinem Nichts

Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts

Aus Facetten blickts, das Nichts
Kritik
Lied aus reinem Nichts - Michael Braun und Hans Thill (Hg.   Michael Braun und Hans Thill (Hg.)
Lied aus reinem Nichts
Deutschsprachige Lyrik des 21. Jahrhunderts
Heidelberg: Das Wunderhorn 2010
248 S., 26, 80 EUR.

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Das vergangene Jahrzehnt war wahrlich eine gute Zeit für Dichtung. Die Festi­valisierung der Literatur hat die Lyrik als Vortragskunst wieder entdeckt, und die Öffent­lichkeit schien hungrig nach der Institu­tionali­sierung junger Dichter. Dass die sich ihre Aufmerk­samkeit auch selbst geschaffen haben, das ist eine entscheidende Charakte­ristik des vergangenen Jahrzehnts. Mit dem Boom um Antho­logien wie Lyrik von jetzt, dem Bohei um kookbooks und dem frechen Revival der Lite­ratur­zeitschrift im Stile von BELLAtriste hat sich eine ganze Generation selbst gehypt und ist gehypt worden. Selten hat man innerhalb der engen Vernetzung der Dichter, wie der Herausgeber Michael Braun in seinem Nachwort feststellt, „so sachkundig und offensiv über Lyrik gestrit­ten“ wie im neuen Zeitalter. Doch oft genug war die interne Diskus­sions­freude inzestuös und drang nicht nach außen, weil sie enig­matisch war oder auf interne Profi­lierung zielte.

Wer allerdings glaubt, man könne mit einem geschlossenen Auftreten der Dichter auch eine geschlossene Dichtung dingfest machen, der irrt, denn was epochentypisch vorherrscht, ist eine fragmentierte Kohärenz – sowohl unterhalb der Lyriker als auch auch innerhalb des einzelnen Gedichts. Am deutlichsten wird die Brüchigkeit bei der 2005 stillgelegten, aber noch lange nicht ausgeschöpften Innovationsquelle Thomas Kling. Michael Braun macht eine derartige „existentielle Bodenlosigkeit des lyrischen Sprechens“ zu einem zentralen Merkmal des letzten Jahrzehnts. Deswegen benennen die Herausgeber ihre Anthologie auch nach Versen des Trouba­dours Wilhelm von Aquitanien: „Ich mach ein Lied aus reinem Nichts,/ Von mir nicht und von keinem spricht's.“ So hat das heutige Gedicht in seiner Genügsamkeit nur sich selbst zum Grund und gebiert sich aus sich selbst. Andererseits lässt die „existen­tielle Boden­losigkeit“ das Gedicht nach einem beständigen Fundament suchen, das es in tradierten und strengen Formen findet. Jan Wagner und Franz Joseph Czernin rück­erobern das Sonett, Daniela Danz die Ode und Ulrike Draesner die Terzine und Sestine; und so steht neben einer Dichtung des Vor-, Durch- und Überspulens, die Disparates auf­ein­ander­prallen lässt, zeitgleich die Dichtung eines Steffen Popp oder Raoul Schrott, die das Erhabene revitalisiert.

Dem Fehlen beherrschender Schreibweisen geben die Herausgeber von Lied aus reinem Nichts zurecht nach und stellen in ihrer Bestands­aufnahme des vergangenen Jahrzehnts lieber die Vielfalt des lyrischen Sprechens aus. Mit ihrer kompro­misslos-quali­tativen Sammlung legen Michael Braun und Hans Thill nicht nur die kenntnisreichste Auslese der Nuller­jahre vor, sondern auch eine Evo­lutions­geschichte der Dichtung. Die Zielrichtung der Kapitel stellt eine Dramatik her, die den Lebenslauf einer Dichtung suggeriert: Wo im ersten Kapitel das Gedicht im Sinne eines sensorischen Apparates die Wahr­nehmung erst erlernt, so erkundet es in den nach­folgenden Kapiteln die Welt; es wird sozia­lisiert in der Politik und der Liebe, bevor es als poeto­logisches Gedicht über sich selbst nachdenkt, es schließ­lich mit sich selbst abrechnet und über den Tod meditiert, bevor es seinen ver­storbenen Ver­fassern in Form von Stelen noch einmal die Ehre erweist. Was die Heraus­geber mit dieser prozes­sualen Ent­wicklung schaffen, wirkt nicht nur erzählerisch, sondern wirkt, als hätten alle Dichter des ver­gan­genen Jahr­zehnts an einem einzigen, gemeinsamen Text geflochten, nämlich diesem einen Lied aus reinem Nichts.

Und dieses „Lied“ offenbart die neuen Tenden­zen der Lyrik, die vor allem tradi­tionelle Genres betreffen: das Naturgedicht, das politische Gedicht und das Liebesgedicht. Ein Aus­lauf­modell des Natur­gedichts ist die kon­tem­plative Betrach­tung des Subjekts als passiver Bewunderer. Die omni­prä­sente Natur, mit der das Subjekt inter­agiert, bleibt unfassbar und das Ich bleibt ihr aus­geliefert, bis hin zu Stefan Turowskis Verfängnis „Ich dachte, Natur, da will ich hin […] ich dachte, Natur,/ wie komme ich da wieder heraus.“ Entflohen ist das Gedicht in seiner politischen Façon jeden­falls allgemeinen Ideologien, wie sie sich in der Hoch­phase des politischen Gedichts, in den 60er und 70er Jahren, einge­nistet hatten. Heutige politische Gedichte bauen auch nicht auf den übriggebliebenen Resten und Ruinen der Ideologien, sondern zeichnen sich aus durch ein subjektorientiertes Sprechen, durch die individuellen Wahrnehmungen des Autors, der unmittelbare Erfahrungen und spezielle Ereignisse wie den 11. September verarbeitet. Aber weder zielt das politische Gedicht auf eine Wirkung hin, noch stiftet es zum politischen Handeln an. Zwar könnte man auch der momentanen Politik eine Leiden­schafts­losigkeit von unverbind­lichen Liebes­beziehungen attestieren, in der Lyrik bleibt das aller­dings eine Charakteristik des Liebesgedichts. Seine Lakonie endet bezeichnender Weise in Gerhard Falkners Ernüchterung über das weibliche Liebes­objekt: „Sie ist weiter nichts als schön und das ist alles.“

Der direkte Weg führt in fast keinem Gedicht der Nullerjahre zum Ziel. Dem Text bleibt eine Suchbewegung einge­schrieben; eine Suche nach thema­tischem Material oder nach Wort­material. Das Gedicht des letzten Jahr­zehnts kennt keine eindeutig ort­bare Herkunft und kein Ziel. Es tänzelt an einem dritten Ort und oszil­liert unfassbar im Da­zwischen, was selbst für den Dichter spannend ist: heraus­zutüfteln, wo einen das Gedicht eigentlich hinführt, wo es hin will mit einem. In seiner Unent­schlossen­heit ist es jedoch stets begleitet von einem reflexi­ven Moment. Nichts wird naiv oder unüber­legt aus der Tradition über­nommen; und die Gegen­warts­dichtung speist sich substan­tiell aus der Tradition. Ob aus kritischen oder ironi­schen Per­spek­tiven, ob als technisch ange­schrägtes Natur­gedicht oder als Hölderlin-Fragmen­tation, auch auf die Lyrik­geschich­te blickt das derzeitige Gedicht mit seinen tausenderlei Augen.
Walter Fabian Schmid    15.10.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
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