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[SIC] Nr. 3

not sick!

Die Literaturzeitschrift [SIC] geht ins dritte Jahr

[SIC] Nr. 3
[SIC]
Zeitschrift für Literatur | Nr. 3
Herausgegeben von
Christoph Wenzel &
Daniel Ketteler
Aachen, Zürich: Dez. 2007

[SIC] online  externer Link

[sic] – jeder Geisteswissenschaftler wird dieses Zeichen mit einem Fehler verbinden. Damit werden in textkritischen Arbeiten Besonderheiten wie orthographische und semantische Widersprüche gekennzeichnet. Dass in diesen – aus konventionellen Denkmustern betrachtet – falschen Informationen allerdings ein kreatives Moment liegt, da Verwirrung hergestellt wird, stellt die Zeitschrift [SIC] programmatisch in den Vordergrund.

Das Konzept spricht sich also gegen das Strukturierungsbedürfnis der normierten Literaturwissenschaft aus und kreiert neue Kippfiguren. Jacques Derrida hätte seine Freude daran: Ein Spiel der Diskontinuität und der Destruktion bestehender Denkmuster, um aus Zerstreuung und Bedeutungs-Überschüssen eine neue, abstraktere Ebene über die eigentlichen Texte zu spannen.

Die jährlich erscheinende Zeitschrift liegt nun in ihrer dritten Ausgabe vor. Auf den 59 Seiten werden – neben zwei Prosabeiträgen und einem Essay – in der Hauptsache Lyriker präsentiert.
[SIC] Nr. 3 ist als Laborjournal zu bezeichnen, das mutige Texte liefert, die die Grenzen zwischen Wort und Welt verschieben. Die Sprach- und Schriftoffensive macht zu genüge begriffsstutzig und legt neue Gedächtnisspuren. Der Leser soll sich reiben zwischen den Klammern von [SIC], denn
Wer (…)
die Zeitung aufblättert, macht
sich schuldig;
  (Günter Kunert)
Der Schritt über den Rand
Heißt fallen lernen
  (Sabina Lorenz)
eine
welt sich häutend im underground
gedächtnis
  (Christoph Danne)
neuronen sporen
in drüsen schleudern
  (Karin Fellner)
doch
da ist sie, die Gelegenheit, dich
ad absurdum zu führen
  (Rainer Stolz)
er trug den Kopf unter dem Arm
und fühlte das Geheimnis
  (Dominik Dombrowski)
und schraubte solange
an seinem kopf herum
  (Herbert Hindringer)
[bis] ihn ein Blitz durchfuhr
und er fristlos verschwand
  (nach Dominik Dombrowski)
Zugleich
gehen die Meinungen weiter
auseinander
  (Rainer Stolz)
Du fragst dich liebt ein laternenpfahl hunde   (Manfred Enzensperger)
Eine ahnung
Im gesicht
  (José F.A. Oliver)
cogito ergo
summen häutige münder
  (Karin Fellner)
Gelächter   (Elisabeth Schröder)

Ebenso hat die Prosa ...
ein gutes Fieber hinter der Stirn   (Maren Kames)
Deshalb zieht man den krummen Nagel
wieder raus und wirft ihn weg
  (Martin Hagemeier)
Als sie dann Where is my mind spielten,   (Maren Kames)
da hat sich was vermischt in meinem Kopf,
was gar nicht zusammengehört
  (Martin Hagemeier)
daran hat er wohl zu schlucken   (Martin Hagemeier)


Diese Kompilation sollte möglichst nachzeichnen, was [SIC] mit Literatur macht und warum Christoph Leisten in dem darin enthaltenen Essay resümiert: In der Dichtung sind die Kausalitäten auf den Kopf gestellt. [SIC] ist wirklich so!

So wie die Texte Formen und Motive aufgreifen, variieren und wieder verwerfen, wird dies ebenso von den feinen graphischen Spielereien. Es fliegen pixel aus allen poren (Karin Fellner) auf die Texte zu. Es wird nicht nur ein Dialog zwischen differierenden Poetologien und Schreibansätzen ganz verschiedener Stimmen hergestellt, sondern die Texte treten zugleich in Dialog mit der Graphik, werden angegriffen von ihr, verschwimmen in ihr und sie regt zu zusätzlichen Reflexionsansätzen an. Die Texte reiben sich an der Graphik und werden zugleich gestreichelt von ihr.

Die elektrische Spannung, in der dieses Konzept aufgeladen ist, scheint ein Leitmotiv der Herausgeber Christoph Wenzel und Daniel Ketteler zu sein. Sie arbeiten neben der Zeitschrift mit dem Elektronik-Label modul8 zusammen, wo man mu[SIC] aus poetisch verspielten Klängen und stampfendem Knarz kompiliert.

Das gesamte Label [SIC] wandelt die Konnotation des tradierten Zeichens [sic] hin zu einer kritischen Ästhetik blitzartiger Verstörung und nähert sich Blochs „Schaffung neuer Realitätsvokabeln“.
Die Zeitschrift ist Mitglied bei der Vereinigung Junge Magazine, die einen herausragenden Pool neuer Tendenzen darstellt.

Junge Magazine | Website

Walter Fabian Schmid, geboren 1983 in Regen, lebt in Bamberg.

Walter Fabian Schmid   27.02.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht     Seite empfehlen  empfehlen

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