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März 2008
VolltextVolltext Heft 1, 2008querFalk
 
Zeitschriftenlese  –  März 2008
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk
„Gab es“, fragt Michael Krüger in einer Vorbemerkung zum 55. Jahrgang der Akzente, in der Nachkriegsgeschichte „schon einmal ein Jahr, in dem die deutsche Literatur so ausführlich und enthusiastisch gelobt und gefeiert wurde wie im letzten?“ Ähnlich euphorisch hat kürzlich auch Sigrid Löffler die Lage beurteilt. Allerdings vergisst Krüger nicht hinzuzufügen, dass wieder einmal auffällig wenig von der Lyrik die Rede war, der es schon immer an einflussreichen Fürsprechern mangelte. Sie muss sich auch weiterhin mit einer „stabilen Leserschaft von ein paar hundert Verschworenen“ begnügen, glaubt indes – so Krüger – fest „an ihren Nachruhm.“
Zum Glück existieren noch Zeitschriften wie die Akzente, in denen sich Heft um Heft Beispiele gelungener Poesie einfinden. „In meinem verwelkenden / Zustand fast keine Flamme mehr und die Funken und Wolken be- / wegen sich kaum bin tief gebeugt“, klagt beispielsweise Friederike Mayröcker in einem Melancholia genannten Gedicht, vom Frost des Alters gekrümmt und doch unentwegt produktiv. Hingegen gelingen dem auch nicht mehr jungen Günter Herburger immer wieder boshaft-aufmüpfige Märchenbilder. Da steckt etwa der Sohn „seiner Mutter, / die keinen Mund mehr hat, / eine angezündete Zigarette / in den verschorften Rumpf. / Sie raucht, als esse sie Aspirin.“ Anders der 1945 geborene niederländische Dichter Frans Budé, dessen Zyklen über Stadt und Landschaft aus sensiblen kleinen Beobachtungen aufgebaut sind: „Die Stille tragen wir mit Fassung. / Mitten am Tag verneigen sich die Sträucher.“
Eine Entdeckung bedeutet der 1950 geborene amerikanische Dichter und Essayist Edward Hirsch, der im Mittelpunkt des jüngsten Akzente-Hefts steht. Seinen alltagsnahen Gedichten ist zu entnehmen, dass seine Eltern deutsche Juden waren: „Gib mir meinen Vater wieder, der durch die Hallen / der Wertheimer Kartonagen- und Papierfabrik / schritt, Sägespäne an seinem Schuh.“
Hirsch glänzt auch als Poetologe, ein profunder Kenner der europäischen wie der amerikanischen Tradition. Sein Aus dem Stundenbuch der Poesie überschriebener Essay folgt dem Ablauf der Tageszeiten. Da ist das „Lied der Morgendämmerung“, eine Variante des mittelhochdeutschen Tagelieds, schwer lesbar auf eine leere Seite gekritzelt. Sodann der „Morgen des Gedichts“, der uns in den Garten der Neuen Welt einlädt und für den „unser Vater Walt Whitman“ steht. Der „Nachmittag des Gedichts“ ist die skeptische Zeit des Fragens und Nachdenkens, „die Stunde von Emily Dickinsons forderndem Intellekt“, aber auch die der engagierten Lateinamerikaner oder der dem Kollektivdenken abgeneigten Polen. Das „Sonnenuntergangsgedicht“ gibt dem Unbewussten Raum, dem „dunklen Bereich der Seele“, wofür Lorca den Begriff „duende“ also „Dämon“ benutzt.
Um Freundschaft, genauer: Männerfreundschaft, drehte sich im Georgekreis und dessen Folgekreisen immer schon alles. So ist es eigentlich nicht ganz einsichtig, weshalb die jüngste Ausgabe von Castrum Peregrini das Phänomen Freundschaft einer besonderen Beleuchtung aussetzt, zumal frühere Hefte dies implizit schon eindrucksvoller getan haben. Schließlich konnte die Gründergeneration des Castrums während der Besatzungszeit der Niederlande nur durch engen geistig-seelischen Austausch, Georges Gedichte lesend, überleben, und diese gemeinsame Erfahrung hielt jahrzehntelang vor.
Neuerdings fällt auf, dass die gegenwärtig für Castrum Peregrini Verantwortlichen gewillt zu sein scheinen, das Spektrum der Zeitschrift zu erweitern, also die Dominanz von Themen aus dem Georgekreis zu beschneiden und sukzessiv immer mehr (Freundes-)Stimmen von außen zu Wort kommen zu lassen. So findet man im jüngsten Heft etwa eine geheimnisvolle Erzählung von Sibylle Lewitscharoff und ein Gespräch, das Christoph Buchwald mit Cees Nooteboom und Rüdiger Safranski führte.
Mit der ausführlichen Besprechung von Thomas Karlaufs vielgerühmter George-Biographie kehrt Castrum Peregrini zu seinen Fundamenten zurück. Freilich ist der Gegenstand etwas heikel, war doch Karlauf viele Jahre lang Redaktionsmitglied und hat gleichwohl, so nüchtern und klar wie noch keiner vor ihm, das im Kreis selbst weitgehend tabuisierte Phänomen der Homosexualität dargestellt. Überraschend auch, dass die Rezension einem außenstehenden Intellektuellen, Joachim Kalka, übertragen wurde.
Kalka preist Karlaufs Buch zunächst seines stilistischen Duktus wegen, der sich radikal von dem so oft in der Georgeliteratur anzutreffenden „Erhabenheitston“ absetze. Auch die Detailkenntnisse des Autors seien beeindruckend. Sodann arbeitet Kalka drei die Biographie strukturierende Hauptakzente heraus: Die vollkommene Offenheit in (homo-)sexuellen Dingen, die Übertragung des von Max Weber geprägten Begriffs der „charismatischen Herrschaft“ auf den Georgekreis und schließlich die Spätzeit im Zeichen der Begegnung Georges mit den Brüdern Stauffenberg. Karlauf folge also „den erotisch-privaten, den soziologischen und den politischen Implikationen“ des Werks. Dabei werde auch Georges „verhängnisvoll uneindeutige Haltung“ gegenüber dem Nazireich evident.
In der Zeitschrift Volltext erinnert Gunther Nickel an den weithin vergessenen Schriftsteller, Bildhauer und Maler Ernst Penzoldt, der 1892 in Erlangen zur Welt kam und 1955 in München starb. Man kennt ihn allenfalls noch als Verfasser des Schelmenromans Die Powenzbande. Nickels Aufmerksamkeit gilt indes Penzoldts Roman Der arme Chatterton von 1928. Erzählt wird darin die noch heute bewegende Lebensgeschichte eines Wunderkinds und pubertären Genies, die auch Hans Henny Jahnn 1955 zu einem Theaterstück inspiriert hat. Sie ist keineswegs erfunden. Thomas Chatterton, 1752 als Sohn eines Küsters in Bristol geboren, machte mit 16 Jahren auf sich aufmerksam, weil er erstaunliche Gedichte eines Mönchs aus dem 15. Jahrhundert namens Thomas Rowley entdeckt zu haben vorgab. Als wenig später herauskam, dass die auf alt getrimmten Gedichte von ihm selbst stammten, also Fälschungen waren, nahm er sich das Leben.
Bald jedoch fand Chattertons poetische Erfindungskraft Bewunderer, und er avancierte zu einer Ikone der Romantik. Keats etwa widmete ihm ein emphatisches Sonett. Auch Penzoldts Roman ist, so Nickel, von verklärenden Zügen nicht ganz frei; aber er schildert auch die sozialen Missstände der Zeit: Weil Chatterton arm ist, weil ihm vor allem die Anerkennung als Dichter versagt bleibt, flüchtet er sich in die Literatur des Mittelalters und schlägt dabei immer tollere Kapriolen.
Der 1967 geborene Thomas Lang geht in den jüngsten Volltext-Ausgaben ebenfalls einer seltsamen Tätigkeit nach. Er „überschreibt“ nämlich Werke der Literaturgeschichte. In der Januarnummer hat er sich eine frühe, ziemlich unbekannte Erzählung von Friedrich Hebbel. Eine Nacht im Jägerhause (von 1836) vorgeknöpft. Das sieht praktisch so aus, dass Lang Hebbels etwas gruselige, aber sehr moralische Geschichte fast wörtlich übernimmt. Nur an einigen Stellen sind bewusst abgehobene, übertreibende Stifter-Zitate eingebaut. Und aus einem „berüchtigten Mörder“ wird ein „berühmter Dichter“, an einem Beil klebt Tinte statt Blut ... Unter „überschreiben“ stelle ich mir etwas anderes vor, nämlich einen substantiell neuen Text, der mit dem darunterliegenden auf erhellende Weise korrespondiert. Langs Methode ist weder witzig noch erkenntnisfördernd, sondern geistiger Diebstahl zu Hebbels Lasten.
Zu den ungewöhnlichsten Blättern in den mit Alternativzeitschriften reich bestückten 80er Jahren zählte Falk. Diese Loosen Blätter für alles Mögliche (so der Untertitel) erschienen zwischen 1984 und 1987 einmal im Monat für 3 Mark in der „Head Farm Odisheim“, meist 36 Seiten stark, fotokopiert und mit Klammern geheftet, von wechselnden Redakteuren betreut – ein Medium, in dem Neues wie etwa Ökologie auf überraschende Art Gestalt annahm und scheinbar Vergangenes reaktualisiert wurde. Die Auflage von 300 Exemplaren war mehr als bescheiden, die Themenvielfalt indes groß. Sie spannte sich von „Bioregionalismus“, Buddhismus und Ethnopoesie über Texte unbekannter Dichter und einige Autorenhefte bis zu Walt Whitmans Tagebüchern, Hölderlins Wahnsinnsgedichten und einer Dokumentation über Rainer Maria Gerhardts verschüttetes Werk und seine in die Zukunft weisende Zeitschrift fragmente.
Mittelpunkt und eigentlicher Macher von Falk war unbestritten der Dichter, Literaturkritiker und Musiktheoretiker Helmut Salzinger alias Jonas Überohr, der aus dem offiziellen Betrieb ausgestiegen war und im norddeutschen Flachland ein Netzwerk der Gegenkultur, der „hedonistischen Internationale“ aufzog. 1987 stellte Falk mit Nummer 36 sein Erscheinen ein, es folgten allerdings noch diverse SonderFalks.
Caroline Hartge und Ralf Zühlke haben nun unter dem Titel querFalk eine umfangreiche Dokumentation erstellt. Eigentlich sollten die Beziehungen zwischen Falk und anderen subkulturellen Organen nachgezeichnet werden, doch herausgekommen ist eher ein Buch über den 1993 gestorbenen Helmut Salzinger und seinen Einfluss auf jüngere Autoren der deutschen Beat-Generation.
Sämtliche Ausgaben von Falk (einschließlich der Sonderkopien, der Krähen Blätter usw.) werden detailliert beschrieben. Hinzu treten Beiträge von Autoren, die eine Zeit lang an der „Head Farm“ und dem dort herrschenden Lebensgefühl teil hatten, wobei leider Stefan Hyner. Jörg Burkhard und Arnfrid Astel fehlen. „Für mich“, schreibt Hadavatullah Hübsch, war Falk „eine begierig erwartete Flaschenpost aus dem Jenseits des Medienwahnsinns.“

Akzente: Heft 1, Februar 2008   externer Link
Vilshofener Straße 10, 81679 München
7,90 Euro

Castrum Peregrini: Nr. 279-280. 2007   externer Link
Postbus 645, NL-l000 AP Amsterdam.
24,50 Euro

Volltext: Heft 1, 2008   externer Link
Lothringer Straße 3, A-1010 Wien
2,50 Euro

querFalk: Buch über eine Zeitschrift   externer Link
Verlag Peter Engstler, Oberwaldbehrungen 10, 97645 Ostheim/Rhön
17 Euro

Michael Buselmeier    11.04.2008    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese März 2008

Michael Buselmeier
Lyrik
Prosa
Gedichtkommentar