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Mai 2008
LiteraturenwespennestDie Aktion
 
Zeitschriftenlese  –  Mai 2008
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk
Vierzig Jahre „1968“ – ein Jubiläum, an dem kaum eine Kulturzeitschrift vorbeikommt, wobei die historische Bedeutung dieser gelegentlich sogar als „Zeitenwende“ apostrophierten Jugendrevolte changiert. Veteranen wie Peter Schneider, Götz Aly oder Rainer Langhans erzählen ihre je eigene Version, wobei Aly mit seiner gar nicht so neuen These, die 68er seien die Wiedergänger ihrer vordergründig bekämpften Nazi-Eltern gewesen, die hier und da zelebrierten Heldengedenkfeiern zumindest ein wenig stört.
Auf der Suche nach bislang vernachlässigten Aspekten von „68“ bin ich zunächst auf das Maiheft der Literaturen gestoßen. Darin kritisiert René Aguigah die „Ich-Sucht der Veteranenliteratur“. 1968 müsste, meint er, objektiviert, als „plurales Großereignis“ dargestellt werden, beginnend im Adenauerstaat der 50er Jahre. Doch sein chronologischer Schnelldurchlauf, gleichsam aus der Vogelperspektive, fordert auch keine frischen Erkenntnisse zutage, während die subjektiven Erfahrungsberichte sich immerhin bemühen, die der Revolte eigene Gleichzeitigkeit von überraschendem Freiheitsgefühl und finsterster Intoleranz zu beschreiben. Als „Gegenstand der Zeitgeschichte“ wird 68 jedenfalls wie beliebige andere Themen einfach wissenschaftlich abgehakt.
Freilich sollte man 68 nicht allein aus der politischen Warte deutscher Theorieköpfe betrachten, für die subkulturelle Phänomene wie die Hippie-Bewegung, Sex- und Drogen-Begeisterung oder die Rockmusik eher nebensächlich, oft sogar konterrevolutionär waren. 1968 war auch das Jahr eines globalen Protests, was eine Einschätzung zusätzlich erschwert. An amerikanischen Hochschulen ging es los, im Pariser Mai, in Amsterdam, in Italien, aber auch jenseits des Eisernen Vorhangs, wo doch ganz andere Verhältnisse als im satten Westen herrschten.
In der jüngsten Ausgabe der Kommune berichtet Anna Leszczynska-Koenen darüber, was 1968 in Polen geschah, einem Land, in dem es einen staatlich gelenkten wie einen volkstümlich verankerten Antisemitismus gab. Auch dagegen entfaltete sich ein politischer Widerstand, der sich an den Aufständen gegen das zaristische Russland im 19. Jahrhundert orientierte. Im März 1968 kam es zu Protestkundgebungen der Warschauer Intelligenz gegen die repressive Kulturpolitik der Kommunistischen Partei. Die Stimmung dieser Demonstrationen hatte, so Anna Leszczynska, mehr zu tun mit Schillers „Sir, geben Sie Gedankenfreiheit!“ als mit den antiautoritären Aktionen der westlichen Studenten, die Polen nur am Rand wahrnahmen.
In den staatlichen Medien Polens wurde suggeriert, dass hinter allem die Juden steckten. Die jugendlichen Proteste erschienen so als Werk „fremder, zionistischer Agenturen“. Tausende von Studenten wurden von den Universitäten relegiert. Die anhaltende antisemitische Hetze führte zu einem Exodus von etwa 20.000 Juden. Sie flohen in die USA, nach Schweden, Dänemark, auch – wie Anna Leszczynska – in die Bundesrepublik oder nach Israel. Der Westen war ihnen vollkommen fremd. Es fiel ihnen schwer zu begreifen, was die hiesigen Studenten überhaupt wollten, die doch eigentlich alles zu haben schienen. Besonders irritierend war es für die Neuankömmlinge, dass man hier ausgerechnet den Sozialismus feierte, dem sie gerade entkommen waren.
Für Zweifel und Ängste solcher Art hat man in der Zeitschrift Die Aktion kein Ohr. In einem sich über mehrere Ausgaben erstreckenden „Monolog“ fragt der Herausgeber Lutz Schulenburg, von allen Ernüchterungen und Niederlagen der letzten Jahrzehnte unberührt, „nach Sinn und Bedeutung der Guerilla in Westeuropa“. Er möchte „die revolutionäre Praxis“ wiederbeleben, die angeblich „vom verlogenen Geplapper einiger opportunistischer Wichtigtuer“ wie Götz Aly, Gerd Koenen oder Peter Schneider „ins zwielichtige Dunkel“ abgedrängt wurde. Freilich ist die Annahme, man könne das revolutionäre Denken und den „Klassenkampf“ mithilfe einer Sammlung angestaubter Zitate aus der linkskommunistischen und militanten Tradition (von Franz Junk und Max Hölz über Autonome Kampfgruppen in Spanien bis zu den Tupamaros Westberlin) neu anfachen, mehr als naiv.
Wenn sich indes ein so luzider Kopf wie Karl Heinz Bohrer eingehend zu 68 äußert, ist Ungewöhnliches zu erwarten. Im Maiheft des Merker publiziert er einen sehr persönlichen Essay, der etwas vom Charme der Revolte vermittelt, aber auch eigene Schwächen und Wunden offenbart. Unvergessen der Satz eines Freundes, der 1970, aus Anlass des gerade erschienenen Bohrer-Traktats über Surrealismus und Terror, in arrogantem Tonfall zu ihm sagte: „Eigentlich müssen wir dich umlegen, später, sorry.“ Bohrer empfand dies als „radikale Zurückweisung eines Annäherungs­versuchs.“ Der politkommissarische Stil und die völlige Missachtung seiner Leistung seitens der Neuen Linken schockierten ihn so sehr, dass er fortan nicht mehr dazugehören wollte.
Nun sah er – als Verfechter rein ästhetischer Kriterien – noch schärfer hin und nahm vielerorts Verachtung, ja „eschatologischen Hass“ gegenüber allem wahr, was nicht der marxistischen Gesellschaftsanalyse entsprach und als „subjektivistisch“ abgetan wurde. Zugleich bewunderte er an Studentenführern wie Dutschke und Krahl die „lutherische Unbedingtheit“, den existentiellen Ernst, der sich vom „Gesinnungsmief“, dem „Empörungsgehabe“ der Mitläufer unterschied.
Bohrer ruft mit leichter Feder die damals dominanten Gestalten und ihre Schriften herauf, teilt fast ungeschützt seine Erinnerungen an Herbert Marcuses „Sprengsätze“ und Adornos zutiefst irritierende Sprache mit, vor allem die Begeisterung über Walter Benjamins „quasi theologische Kategorie des messianischen Augenblicks.“ Bohrer karikiert auch die exzentrisch auftretenden Propheten der Kulturrevolution Bazon Brock und Peter Hamm, die sich als „Engel der Apokalypse“ darstellten: „Es war zum Brüllen komisch.“ Noch schlechter kommen die „Großmäuler der Umwälzung“ weg, sich linksradikal gebende Verleger und Autoren, Opportunisten und Medientypen, „die eigentlich nicht bis drei zählen konnten.“ Dennoch lautet Bohrers Resümee: „Es war eine phantastische, eine aufregende und darin wunderbare Episode des 20. Jahrhunderts.“
In der jüngsten Nummer des Wiener wespennests sorgt sich der Verlagslektor Klaus Siblewski, Jahrgang 1950, um die Autoren der „Generation 68“. Wenn man z.B. in den 2007 erschienenen Band mit Briefen von und an Nicolas Born blicke, könne man feststellen, wie viele Schriftsteller, die mit Born Kontakt hatten, heute am Rand der öffentlichen Aufmerksamkeit stünden. Nach einem zu den größten Hoffnungen Anlass gebenden Start sei es still um sie geworden. Siblewski nennt auch Namen: Hermann Peter Piwitt, Reinhard Lettau, Peter Schneider, Hans Christoph Buch, Jürgen Theobaldy. Während sich deren Spuren verloren hätten – was man so global gar nicht sagen kann, auch wenn sie zweifellos an Einfluss eingebüßt haben –, wecke die realistisch erzählende Autoren-Generation vor ihnen (also Grass, Walser, Kempowski) noch immer immenses Interesse.
Das ist einfach so dahergeredet, stimmt und stimmt auch wieder nicht. Wie verhält es sich etwa mit Peter Handke und Botho Strauß, die ja auch zur „Generation 68“ zählen und gleichwohl unentwegt sämtliche Feuilletons beschäftigen? Haben die linken Autoren, die sich einst um Rowohlts Literaturmagazin sammelten, tatsächlich resigniert? Sie haben ihre „Szene“ verloren, ihr Umfeld und in vielen Fällen auch – durch Erreichen der Altersgrenze – die Lektoren und Redakteure, die sie mit Aufträgen versorgten, ihre Bücher verlegten und besprachen. Das mag traurig sein, aber kommt es wirklich auf die Höhe der Auflagen und andere Weihen des Literaturbetriebs an? Auch Klaus Siblewski hat sich als Lektor von alternden Schriftstellern (etwa dem schwierigen, aber genialischen Günter Herburger) getrennt, statt sie weiter zu fördern.
Es gab eine Zeit – etwa vom Ende der 60er bis weit in die 80er Jahre –, in der auch Walter Kempowski mit Ressentiment begegnet wurde. Das „halblinke Establishment“ titulierte ihn, da er bestimmten Parolen nicht folgte, als „Reaktionär“ und „kalten Krieger“. Besonders ärgerte man sich über seine unversöhnliche Haltung gegenüber der DDR, deren Charakter er freilich, im Unterschied zu seinen Kritikern, bestens kannte, hatte er doch acht harte Jahre im Knast zu Bautzen abgesessen.
Im Aprilheft des Merkur schickt Jörg Drews, der sich wiederholt für Kempowskis Werk eingesetzt hat, dem 2007 Gestorbenen „letzte Grüße“ nach. Kempowski habe den Begriff der Nation hochgehalten, was nicht so recht zum linksliberalen Credo der alten Bundesrepublik passte. Und da er zudem als Landschullehrer lebte, war das Bild vom kleinkarierten Unterhaltungsautor schnell fertig. Der dünnhäutige Kempowski fühlte sich gekränkt und zurückgesetzt.
Glücklicherweise hat er noch, so Drews, erlebt, „wie da ein Umschwung eintrat; aber da blieb seine Verletztheit, die manchmal auch seine Züge verzerrte.“ Sein mit protestantischer Arbeitsethik vorangetriebenes Riesenwerk besteht aus den neun Bänden der Deutschen Chronik und den zehn Bänden des Echolots, das ausschließlich fremde Stimmen arrangiert. Hinzu kommen sechs weitere Romane und ein Bericht, ferner – als dritte Säule des Werks – fünf Bände mit Tagebüchern. Am Ende soll er an seinen Memoiren gesessen sein, als hätte er nicht allen Lebensstoff bereits in seinen Romanen versteckt.

Literaturen: Heft 5, Mai 2008   externer Link
Reinhardtstraße 29, 10117 Berlin
9,50 Euro

Kommune: Heft 2, 2008   externer Link
Postfach 90 06 09, 60446 Frankfurt a.M.
10,- Euro

Die Aktion: Nr. 213, 2008   externer Link
Alte Holstenstraße 22, 21031 Hamburg
12,90 Euro

Merkur, Heft 708 Mai 2008 und Heft 707 April 2008   externer Link
Redaktion: Mommsenstraße 27,10629 Berlin
11 Euro.

Wespennest, Nr. 150   externer Link
Rembrandtstr. 31/4, A-1020 Wien
12 Euro

Michael Buselmeier    22.05.2008    Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

Saarländischer Rundfunk | Zeitschriftenlese Mai 2008

Michael Buselmeier
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