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Juli 2011
Zeitschriftenlese  –  Juli 2011
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch

Steckt die Literaturkritik einmal mehr in der Krise und mit ihr das ganze Feuilleton? Ist deren Niveau nicht oft erbärmlich? Sind viele Kritiker nicht nur inkompetent, sondern auch boshaft und neidisch? All dies war wohl immer schon so und ist höchstens halb wahr, ein Vorurteil eher, meint Tilmann Lahme in der Neuen Rundschau. Das erste Heft des 121. Jahrgangs – ein besonderes Jubiläum – wird eröffnet mit Walter Benjamins Text Die Technik des Kritikers in dreizehn Thesen, zuerst erschienen 1928 in dessen berühmter Sammlung Einbahn­straße. Der Kritiker, heißt es dort, sei „Stratege im Literaturkampf“, er müsse die „Sachlichkeit dem Parteigeist opfern“, er müsse ein Buch in wenigen Sätzen zu „vernichten“ lernen statt es zu „studieren“. So etwas wie „Kunst­begeis­terung“ sei ihm fremd, usw.
  Solche überspitzt und provokativ formulierten Thesen passten, wenn sie denn überhaupt ernst und nicht parodis­tisch gemeint waren, in die hoch politisierten 20er Jahre, sie dürften auch 1968, im Umfeld von Kursbuch 15, ihrer Radikalität wegen auf Zustimmung gestoßen sein; in der gegenwärtigen Situation können sie nur absurd erscheinen. Was immer die Redaktion der Neuen Rundschau bewogen haben mag, ausgerechnet mit diesem Manifest eine Umfrage unter Literaturkritikern zu veranstalten – das Ergebnis spricht für die Initiatoren. Denn die 24 Antworten summieren sich durchaus zu einer Standortbestimmung.
  Am Anfang sollte eine Aus­einander­setzung mit den dreizehn Thesen stehen, was einigen Kritikern schwer fällt, denn Benjamin war nun einmal der Abgott aller linken Theorie­freaks, und so drücken sie sich um eine Abrechnung. Nicht Wolfgang Schneider, der Benjamins „kokett martialische Sprache“ bemängelt, auch nicht Gustav Seibt, der ihm „leninistisches Geschwätz“ und „Platitüden“ vorwirft. Hubert Winkels spricht gar von „ideologischem Mittelalter“. Im Grund kann keiner mit Benjamins revolu­tionärem Hochmut, der von Brecht inspiriert war, noch etwas anfangen. Die „Einbahnstraße“ sei, meint Ulrich Greiner, zu einer „Sackgasse“ geworden. Benjamins Forderungen an den Kritiker seien einfach nur „lächerlich“ (so Uwe Wittstock) und mausetot.
  Doch welche Rolle spielen die Literaturkritiker heute tatsächlich? Sind alle nur lahme Enten? Wie definieren sie selbst ihre Aufgabe? Die Antworten klingen – konträr zu Benjamin – moderat, sind vernünftig und pragmatisch. Der Kritiker sollte, so Meike Feßmann, die Literatur „diffe­renziert“ wahrnehmen, er sollte „die Tradition kennen“, sollte „sachlich“ argumentieren, sorgfältig und „begeisterungsfähig“ sein. Für Felicitas von Lovenberg ist der Kritiker noch ein „Vermitt­ler zwischen Buch und Leser“, für Martin Lüdke allenfalls ein „Conferencier im Literaturbetrieb“, ein „Pausen­clown“. Daniela Strigl hat ihn bereits zum „Platzanweiser“ degradiert. In keinem Fall ist er mehr die heroische Gestalt, als die ihn nicht nur Benjamin einst geträumt hat. Allerdings fordert Burkhard Müller vom Kritiker, er sei „einsam“, trage „in sich nicht ein Atom von Eitelkeit“ und begreife „sich selbst nicht als Künstler.“
  Ebenfalls in der Neuen Rundschau stellen Michael Braun und Michael Lentz, unter dem etwas affektierten Titel Lyrikosmose3, sieben deutsche Lyriker vor, geboren zwischen 1895 und 1981, fast hundert Jahre Poesie. Es handelt sich um Wieder­zuent­deckende und um ganz Unbekannte, eine auch stilistisch höchst disparate Kleingruppe, darunter mit Franz Richard Behrens der Älteste, ein völlig vergessener Wortkünstler des literarischen Expres­sionismus mit komprimierten Feldtagebuch-Gedichten aus dem Jahr 1916, die an August Stramm erinnern: „Wässer kupfergrün / Birnblüten­schere Violen / Rosenströme Schwalbenhimmel / Mondhauch / Heiliger / Schein“.
  Eine weitere Überraschung ist die Wie­der­ent­deckung von Renate Rasp, geboren 1935 als Tochter des geheimnis­vollen Film­schau­spielers Fritz Rasp. 1967 veröffentlichte sie mit Eine Rennstrecke ihren ersten, 1978 mit Junges Deutschland ihren vorerst letzten Gedichtband. Danach hat sie keine Gedichte mehr publiziert, sie wurde vergessen, hat aber, wie man nun sieht, weitergeschrieben. Die neuen Gedichte knüpfen an die frühen an, verzichten aber auf Provokationen wie etwa diese: „Das haben die Amerikaner / gut gemacht / mit ihrem Präsidenten, damals - / bäng! / Und weg. / Und dann der Bruder / Martin Luther King / bäng bäng!“ Die Texte sind kurzzeilig und wirken auf eine surreale Weise versponnen, mit jähen Einsichten: „Laufe nicht hinter dem Eichhörnchen her. / Es hat doch / den Sternenrhythmus. / Fünf Sterne haben es / im lächelnden Fenster.“
  Der Lyrik­experte Michael Braun scheint, wenn man die ein­schlägigen Magazine durchsieht, all­gegen­wärtig. In der Wiener Litera­tur­zeitschrift Volltext führt er ein Lyrik-Logbuch mit Eintra­gungen zu Gedichten der Gegenwart. In der jüngsten Ausgabe kommentiert er Verse von Clemens Eich, Levin Westermann, Nadja Küchen­meister und Roman Graf. Auch in der einst mit großem Aufwand gestarteten Zeit­schrift für Leser namens Literaturen, die mangels Lesern nur noch alle zwei Monate erscheint, mustert Michael Braun das vielgestaltige Lyrikgelände, wenn auch ziemlich versteckt am Ende des Hefts, während vorne Roger Willemsen ein höchst moralisches und politisches Gedicht von Erich Fried kommentiert, wie heutzutage keines mehr geschrieben wird.
  Das weiß auch Michael Braun, wenn er vom jüngsten „Versuch einer Wieder­belebung des politi­schen Gedichts“ berichtet, wie ihn die Wochenzeitung Die Zeit für sich reklamierte. Der­artige Unter­fangen seien nicht ernst zu nehmen und nur als „eine harmlose Werbe­veran­staltung zur Auf­polierung des eigenen publi­zistischen Images“ zu bewerten. Das Gedicht der Gegenwart suche eben nicht mehr, wie zuletzt in den von naiven Utopien erhellten 70er Jahren, den Weg ins „Hand­gemenge“ des Alltags, es bewege sich vielmehr „in einem separaten Raum des artis­tischen Experiments“, der nur der exklusiven community zugänglich sei.
  Die jungen Lyriker verstünden sich auch nicht mehr als Einzel­gänger und karge Einzimmer-Bewohner, wie noch Gottfried Benn sie sah, sondern als „höchst gesellige Wesen und allseits informierte Netz­werker“, jederzeit „auf der Pürsch“, um das nächste Sti­pendium, die nächsten Alimente einzuheimsen, das nächste Poesie­festival nicht zu versäumen. Zwar werden ihre Gedichtbände und Magazine miserabel verkauft, doch der Boom der Lyrik-Events hält an.
  Natürlich gibt es inner­halb der kleinen Jung­dichter­zunft auch ein Unbehagen an der eigenen Selbst­bezogenheit und am vorherrschenden Ästhetizismus, der sich mit Sprachartistik und grammatischen Dekon­struktions­arbeiten zufrieden gibt und sich an die „drängenden Existenz­fragen“ nicht heranwagt. Unter den jüngeren Poeten, die sich noch an „Mythen und Meta­phoriken alther­gebrachter Dicht­kunst gebunden fühlen“, hebt Braun Jan Wagner und Nora Bossong hervor.
  Zu deren Vorbildern könnte auch Nicolas Born zählen, der in den 70er Jahren als Lyriker, Romancier und Heraus­geber eine zentrale Rolle einnahm, doch schon 1979 mit 41 Jahren starb. Seine Tochter Katharina hat vor einiger Zeit die gesammelten Gedichte und die Briefe ihres Vaters ediert und dadurch Born erneut ins Gespräch gebracht. Im jüngsten Heft der Akzente veröffent­licht sie nun Nicolas Borns „letztes literarisches Dokument“. Da der an Lungenkrebs erkrankte Dichter schon zu schwach war, um zu schreiben, sprach er mithilfe eines Auf­nahme­geräts im April 1979 einen fragmentarischen Text auf Band. Seine Schmerzen, seine Depression, Ekel und Wut über die eigene Situation sind darin enthalten. Naturgemäß fehlt dem Tonband­protokoll aber die Geschlossenheit und poetische Dichte der geschriebenen Texte.
  Wiederholt spricht Born von der „Panik der Erkenntnis, betrogen zu werden, ohne die Betrüger namhaft machen zu können.“ Er spielt hier, im Landkreis Lüchow-Dannenberg lebend, auf den Plan der damaligen Bundesregierung an, im Nachbardorf Gorleben ein Atomkraftwerk und eine Wieder­auf­bereitungs­anlage für radioaktiven Müll zu errichten. Born fühlt sich persönlich bedroht und von wirtschaftlichen Interessenvertretern betrogen. Er befürchtet, seine Heimat zu verlieren, ähnlich wie seine Eltern, die bald nach dem Krieg in Wohnungsnot auf einem Trümmerfeld ein kleines Haus erbauten, das ihnen sieben Jahre später auf Betreiben der Stadt Essen weggenommen und abgerissen wurde, um eine Industrie­anlage anzusiedeln.
  Auch ist da manchmal der Wunsch, angesichts der fort­schreitenden Krankheit „rasch zu verschwinden.“ Und dann wieder, „wenn ich über einen Rand hinweg gekrochen bin aus einem Tief heraus heute morgen, möchte ich jede Sekunde retten.“ Sich eins fühlen „mit der Landschaft, mit dem Gras, mit den Bäumen“, zählt zu Borns letzten Wünschen. Nur das nackte, „von Leidenschaften entblößte Leben“, das will er behalten. Und das Schreiben natürlich. Dafür nimmt er noch eine schwere Lungenoperation und eine letzte, vergebliche Hirnoperation in Kauf.
  Wie Nicolas Born ist auch Hugo Ball nur 41 Jahre alt geworden. „Es lebe der Kommunismus und die katholische Kirche.“ Mit solchen Sätzen hat der wohl eigensinnigste Intellektuelle des expressionistischen Jahrzehnts seine Zeitgenossen in Verwirrung gestürzt. Als ewiger Renegat widerrief der aus Pirmasens stammende Dadaist und Mystiker seine Überzeugungen immer dann, wenn sie staatstragend zu werden drohten.
  In diesem Jahr wird Hugo Balls 125. Geburts­tag mit allerlei Publi­kationen begangen. In der Zeitschrift Chaussee äußert sich der Philosoph Gerhard Deny sehr persönlich, gleichsam von Pfälzer zu Pfälzer oder von Messdiener zu Messdiener. Ball ist ihm Gesprächspartner und Bundes­genosse, etwa als früher Nietzsche-Leser, der den Zusammenbruch der euro­päischen Kultur reflektierte, der dann 1919, nach seiner avantgardistischen Phase in Zürich, ein schrilles Buch mit dem Titel Kritik der deutschen Intelligenz publizierte, im Tessin Freundschaft mit Hermann Hesse schloss und schließlich den mystischen Weg der christlichen Wüstenmönche einschlug, bevor ihn der Krebs einholte.


Neue Rundschau: Heft 1, 2011   externer Link  
(Hedderichstraße114, 60596 Frankfurt), 12,- €.

Volltext: Nr. 2, 2011   externer Link
(Porzellangasse 11/69, A-1090 Wien), 2,90 €.

Literaturen: Nr. 2, 2011   externer Link  
(Knesebeckstraße 59-61, 10719 Berlin), 12,- €

Akzente: Heft 3, Juni 2011   externer Link
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Chaussee: Nr. 27, 2011  externer Link
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Michael Buselmeier   18.07.2011     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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