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Juli 2013
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Zeitschriftenlese  –  
von Michael Buselmeier | Saarländischer Rundfunk – Literatur im Gespräch


Es ist vermutlich das erste Mal, dass eine Literatur­zeitschrift ihr Jubiläum zum Anlass nimmt, weniger auf sich und die eigenen Ver­dienste hinzu­weisen als das Medium selbst zu würdi­gen und den Blick auf diese reiz­voll schillern­de Gattung zu lenken, die im aktuellen Lite­ratur­betrieb immer weniger Beachtung findet. Eben dies un­ter­nehmen die seit 1955 be­stehenden horen mit ihrem 250. Band. Sascha Feuchert und Jürgen Krätzer haben Autoren, Heraus­geber und Kritiker ein­geladen zu literatur­geschicht­li­cher Dar­stellung und persön­lichem Urteil, auch angesichts bedroh­licher Ent­wick­lungen, die sich im World Wide Web anzu­künden scheinen. Haben die eh schon finanz­schwachen und an schwin­denden Auflagen labo­rie­renden Kultur­maga­zine gegenüber den Internet-Platt­formen überhaupt noch eine Überlebens-Chance?
  Die 250. Ausgabe der horen ist verdienst­voll, indem sie einen Über­blick über die vielen größeren und kleineren Zeit­schriften wagt und die eigene Er­folgs­geschich­te nur am Rand ab­handelt, mit einem bis zu Schillers horen zurück­blickenden Aufsatz des 2011 als Heraus­geber aus­geschie­denen Johann P. Tammen. Aller­dings ist dieser Band mit 320 Seiten über­laden und daher oft un­über­sicht­lich geraten, obwohl sich die knapp 60 Beiträge (bis auf den Tammens) auf das 20. Jahrhundert kon­zen­trieren. Allein der um­fang­reiche Blick auf Lite­ratur­zeit­schriften außerhalb des deut­schen Sprach­raums (darunter Weiß­russ­land, Korea, Island…) hätte eine eigene Publi­kation verlangt. Auch manche Zeit­schriften-Porträts und die einge­streuten Ge­spräche zwischen diver­sen Heraus­gebe­rn bringen nicht viel.
  Ein paar Glanzpunkte aus der bewegten Geschichte der lite­rarischen Blätter seien erwähnt. Rolf Schneider stellt die be­rühmte Fackel vor, die Karl Kraus ab 1899 in Wien fast im Allein­gang voll­geschrieben hat, ein mono­manischer und hoch pole­mischer Kopf, der sein Blatt (und sich selbst) bis 1936 am Leben hielt. Auch über den Inns­brucker Brenner, in dem ab 1910 Georg Trakls Gedichte zuerst vor­gestellt wurden, ist einiges zu erfahren. Reich an Neu­gründungen war die Phase unmit­telbar nach dem Zweiten Welt­krieg. Porträtiert wird die ver­gessene Kasseler Zeitschrift Das Karussell, die zwischen 1946 und 1948 erschien. Zwei substantielle Beiträge widmen sich dem erfolgreichen Blatt Der Monat, das 1948 von Melvin Lasky begründet wurde, ein „Fenster zu Welt“, das freilich einen scharfen antikommunistischen Kurs fuhr und mit dem Makel behaftet war, von der CIA finanziert zu sein. An die ab 1956 von V.O. Stomps, später von Horst Bingel geleitete linke Streit-Zeit-Schrift, die in einem extremen Schmalformat erschien, wird ebenso kenntnisreich erinnert wie an Alfred Anderschs Texte und Zeichen, die zwischen 1955 und 1957 im Luchterhand Verlag herauskamen.
  Natürlich werden in diesem horen-Heft auch die aufre­gendsten Literatur­blätter der letzten Jahr­zehnte wie die Akzente, die manuskipte und das Schreibheft in Ein­zel­bei­trägen gewürdigt (nicht aber Rowohlts Literatur­magazin, das frühe Kurs­buch oder Lettre Inter­national). Anrührend ist Norbert Hummelts Bericht über seine ihn prä­gende Begeg­nung mit dem Castrum Peregrini. Im Jahr 1998 sei er in Amster­dam über diese Zeit­schrift „gestolpert“, sie habe ihn angeregt, „wie keine sonst.“ Das 1951 von dem Emigranten Wolfgang Frommel be­gründete Castrum, zugleich eine Art Geheim­gesell­schaft in Stefan Georges Nachfolge, hat manchen deutschen Schrift­steller, der sich als Sti­pendiat in Amsterdam einsam fühlte, will­kommen geheißen und nach genauer Prüfung sogar zur Mitarbeit eingeladen. Dass die geheimnis­volle Zeit­schrift Ende 2007 einge­stellt wurde, beklagt nicht nur Norbert Hummelt.
  In ihrem Juniheft demonstrieren die Akzente einmal mehr eine ihrer Stärken, näm­lich die Vermittlung bedeutender euro­päischer Literatur in Über­setzungen, einfühl­sam kommentiert. So wird der große franzö­sische Poet Yves Bonnefoy, der in diesen Tagen 90 Jahre alt wurde, mit neuen Texten vor­gestellt, die Elisabeth Edl und Wolfgang Matz für dieses Heft übertragen haben, Gedichte und lyrische Prosa­stücke, die von Bonnefoy lebens­lang verfolgte Motive wie Kindheit und Traum auf­greifen, Das Kinder­theater überschrieben. Da tritt etwa ein kleiner Junge auf, „in kurzer Hose, barfuß, mit rot­fleckigen Knien“, der etwas in den Händen ver­steckt: „Das Ver­borgene, es sind Murmeln. Und eine davon fällt sogar hinunter, er hebt sie auf, mit einiger Mühe, wegen der anderen, die ihm ebenfalls beinah entgleiten. Doch jetzt hat er's geschafft, er richtet sich auf. Kommst du spielen? sagt er.“
  Neugierde weckt ein langer, komplizierter Essay des emeritierten Romanisten Karlheinz Stierle mit dem Titel Dante, Borchardt und das Reich, dessen luzide Struktur sich hier nicht ange­messen wie­der­geben lässt. Der für Jahrzehnte in der Toskana wohnende Rudolf Borchardt, der „den Traum einer Ver­ei­nigung von ger­manischer und roma­nischer Welt lebte, dem die geschichtliche Ver­wirk­li­chung versagt blieb“, um­kreiste, so Stierle, zeitlebens Dantes große Gestalt. Höhepunkt war die 1929 abge­schlos­sene Über­set­zung, besser: Nach­dichtung von Dantes Comme­dia unter dem Titel Dante Deutsch. Wie Dante sich um 1300 die hoch­sprach­liche Grund­lage für sein gewaltiges Werk erst schaf­fen musste, habe auch Borchardt versucht, eine dem Geist Dantes ver­wandte Sprache zu erfinden, und zwar aus einer Weiterentwicklung des klassischen Mittel­hoch­deutsch der Stauf­fer­zeit – ein kühnes Programm, von dessen Gelingen Stierle auszugehen scheint. Borchardts ange­strengt gereimte Terzinen sind freilich nur mühsam ver­ständlich, so dass sich Stierle genötigt sieht, auf Hermann Gmelins Übersetzung zurück­zugreifen.
  Gewagt sind Stierles weitere Ausführungen. Während für Borchardt die Stadt Pisa als vir­tuelle „Reichs­haupt­stadt“ galt und er selbst sich als „mittel­alter­licher Pisaner“ fühlte, ver­dammte der Florentiner Dante Pisa als „Ver­räter­stadt“. Allerdings habe sich Dante nach seiner Ver­treibung aus Florenz vom „eifernden Lokal­politiker“ in einen „Dichter des Reichs“, also der stauf­fischen Reichs­politik und damit Pisas ver­wandelt. Zudem habe die plas­tische Kunst­sprache Pisas in Gestalt der Hoch­reliefs von Nicola und Giovanni Pisano an Kanzeln und Tauf­becken Dantes dichte­rische Form­sprache be­ein­flusst. In sie habe er seine Trauer über das „ver­ra­tene“ und „zer­ris­sene“ Imperium gefasst: „Italien, Sklavin, Ort des tiefsten Schmerzes, / Schiff ohne Steuermann in großen Stürmen, / Nicht Herrin von Provin­zen, Haus der Schande!“
  Im Jahr 1963 hat Walter Höllerer nach den Akzenten eine zweite, ein­fluss­reiche Zeit­schrift, Sprache im technischen Zeitalter, begründet. Gleich­zeitig hat er das „Literarische Colloquium Berlin“, getragen vom Senat, ins Leben gerufen, das rasch zu einem Kris­tal­lisa­tions­punkt inter­natio­naler Kultur­begeg­nungen wurde, ein Haus für Sprache und Literatur, unter­ge­bracht in einer Gründer­zeit­villa am Wannsee, ge­eig­net als Gästehaus wie für Autoren­treffen.
  Die jüngste Ausgabe von Sprache im technischen Zeitalter versucht die 50jährige Geschichte des Lite­rari­schen Collo­quiums ein­zukreisen, was nicht ganz gelingt. Roland Berbig schaut zurück auf das Gründungsjahr 1963, in dem John F. Kennedy ermordet wurde. Was literarisch geschah, wird posi­tivis­tisch aufgelistet: Max Frisch trennt sich von Inge­borg Bachmann (oder umgekehrt), Paul Celan sucht in der Pariser Psychiatrie Zuflucht, Hans Mayer verlässt die DDR, Christa Wolfs Der geteilte Himmel und Günter Grass' Hundejahre erscheinen. Siegfried Unseld startet die Edition Suhrkamp undsoweiter.
  Wie es bei der ersten Schreibwerkstatt des Literarischen Colloquiums zuging, skizziert etwas kurz ange­bunden Hans Christoph Buch. Höllerer hatte den damals 19jährigen bei einer Tagung der Gruppe 47 ange­sprochen und für November 1963 in die Gründer­zeitvilla ein­geladen. Teilnehmer der Prosawerkstatt waren u.a. Ror Wolf, Peter Bichsel, Nicolas Born und Hubert Fichte; als Lehrer fungierten Hans Werner Richter, Peter Weiss, Peter Rühmkorf und Günter Grass. Es ging primär um hand­werkliche Probleme, konkret darum, wie man besser nicht schreibt.
  Michael Braun zieht einige Strömungs­linien von Walter Höllerers berühmten Thesen zum langen Gedicht aus dem Jahr 1965 (und auch von Helmut Heißen­büttels expe­rimen­teller Poetik) zu den avan­cierten Jung­lyrikern des 21. Jahr­hun­derts, die das Ich grund­sätz­lich in Frage stellen. Galten Höl­lerers Thesen bislang als poeto­logi­sches Fun­dament der Lyrik der Neuen Subjek­tivität der 70er Jahre („mehr Frei­zü­gig­keit“, „weiterer Atem“), stellt Braun sie nun in einen eher gegen­läufigen Zusam­men­hang. „Die härteste Nega­tions­leis­tung“, schrieb Höl­lerer, „die täg­lich in bezug auf uns selbst gefor­dert wird, ist: von uns selber zunächst abzu­sehen.“ Wir spa­ren uns also aus, wir sind keine Ich-Sager, wir folgen der „Poly­per­spekt­ivität der Wahr­nehmung.“ Das behaup­ten so ähnlich auch die jungen Ber­liner Text­bastler und Neo­struktu­ralisten von heute, diese „globa­li­sierten Subjekte der Gene­ration In­ter­net“, und fühlen sich von Braun, der früher streng der Alltags­lyrik anhing, in ihrem „multi­plen Ich“ ver­standen und legitimiert.
  Von einem durchaus „kohärenten Ich“ zeugen die Erzählungen des großen alten Doku­mentar­filmers, Journa­listen und Schrift­stellers Georg Stefan Trol­ler, geboren 1921 in Wien. In der jüngs­ten Aus­gabe von Lettre Inter­national be­richtet er von einem „erlo­schenen Pla­neten“ und meint damit die Wiener Juden­welt seiner Kind­heit, ihre Kultur und ihre Sprache. „Unsere Leut, unsere Sprach – was ist davon ge­blie­ben?“ 80 Jahre ist es jetzt her, dass Troller, Sohn eines mittel­ständi­schen Pelz­händlers, täg­lich dieses Gemisch aus Deutsch, Wiene­risch, Jiddisch und Tsche­chisch hörte, und er erin­nert sich noch genau an den beson­deren Tonfall, die eigen­tüm­lichen Wörter der armen Juden, der Bett­ler und der Gassen­jungen, die sich „Burscherln“ nann­ten und den jungen Troller gewöhnlich mit dem Lied „Jud, Jud, spuck in Hut, sag der Mamme, es ist gut“, begrüßten.


die horen:Nr. 250, 2013   externer Link
(Böttgerweg 4a, 04425 Taucha), 16,50 €.

Akzente: Heft 3, Juni 2013   externer Link
(Postfach 86 04 20, 81631 München), 7,90 €.

Sprache im technischen Zeitalter: Nr. 206, Mai 2013   externer Link
(Am Sandwerder 5, 14109 Berlin), 14 €.

Lettre International: Nr. 101, Sommer 2013   externer Link
(Erkelenzdamm59/61, 10999 Berlin), 13,90 €.

Michael Buselmeier   11.07.2013     Druckansicht    Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   

 

 
Michael Buselmeier
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