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Elke Erbs
Poetics  33  


Anne Carson

Es kam jetzt mit der Post ein ansehnliches Buch: Anne Carson (geb.1950 in Toronto): Übersetzt von Anja Utler (*1973), da hab ich ein gutes Zutrauen. Decreation. Gedichte, Oper, Essays. S. Fischer 2014.

Das ist wohl ein mir fremder Text, aber unversehens fühlte ich mich, von ihm zur Ruhe gebracht, nach einigem Lesen deutlich besser als vorher.


UND OB SCHON DIE GANZE STADT
LIEGT IN ASCHEN

Licht auf Ziegelmauern und ein Nordwind, der die Zweige schwarz peitscht.
Schatten ziehen Eingeweide aus dem Licht, sich trocken vor die Hand.
Iss deine Suppe, Mutter, wo immer du in deinem Kopf auch bist.
Der Winternachmittag geht auf. Sonnen, schwach, doch am Leben
verhalten sich wie Tugend zu den Sonnen von damals.
Für die Stadt in der Aschen gibt es den Traum
vom Erliegen, Mutter
immer gediegen,
Mutter munter
und froh.

Zuerst reizte mir das Formelangebot:
z.B. Tugend zu den Sonnen von damals,
so eine angenehm lässige Neugier auf.
Wie wenn man sich freuen könnte, wenn man seinen Mantel zugeknöpft hat.
Super. Und auch wie der schwache Wirbel den Begriff Tugend zuweht. Sage ich jetzt: absolut?
Absolut unerheblich die Verhältnisse, und gratis, die gesamte Beruhigung.
Nun schau doch, da geht der Winternachmittag auf. Oh: damals.
Die muße des plurals Sonnen seitdem. Ja, sicher, wo du in deinem kopf auch bist. Schon mal das allein!
Iss deine Suppe seitdem. „Seitdem“ ist nicht gemeint,
aber du kannst es so nehmen und gleich­zeitig fallen­lassen. Hm?
Anfangs dachte ich, die in der ersten Gedicht-Abteilung öfter vorkommende Mutter ist bestimmt eine in einer Zu­frieden­heits-Vorstadt-Villen-Sied­lung.
Anne Carson hat da später im Buch auch so ein Elternpaar von einer unter­nehmenden Denke­rin – Simone Weil (googlen).
Mutter munter / und froh
.
Und wie die ganze Stadt liegt in Aschen
moderiert wird von dem Umgang zu die Stadt in der Aschen
(also mit dem äußerlich selben Wort aus dem Plural eine Einzahl,
und eine so famose (ist von Brecht im Kopf; Reim auf waschen)
(moderieren – mäßigen – steuern –; moderate Verhältnisse – beschei­dene).

Ich denke allerdings, Anja Utler hat an der Bravour einen entschei­denen Anteil. Ebenso an dem fein-feinen Lau­tungs­gehoppel der letzten vier Zeilen.
Ich würde mich ja gar nicht mehr kennen, wäre solches von mir!

A.C. trumpft nicht auf, du wirst nicht angepowert.
Eben wegen der Maßen gefällt mir das Ergebnis ausdermaßen.
Das Vergängliche der Mutter gibt sie im Hinsein der Stadt?
Sie haben keine Kriegstrümmer in ihren Weiten, nicht wahr.
Das Zeitmaß gibt zu begreifen.

Es geht auich ohne techn. Gewalt. Deren Zerstörungspotenz setzen die Amis anderswo ab. A.C. ist Kanadierin.)

S.23 entzückt mich im Gedicht „Jetzt ohne Hafen“ die Frage

In der Summe der Teile
sind die Teile wo?

Dieses ganze Gedicht ist wie mehrere andere auch auf Mitte gesetzt.
Ehe ich zu dem von S. 27 zurückkehre, möchte ich das von S. 22 im Ganzen zitierten:

UNSER VERMÖGEN

Die letzte Lektion einer Mutter in einem Haus im letzten Licht
bringt den Ruin der westlichen Welt und den Handel zum Erliegen.
Schaut in die Fenster bei Nacht, dort werdet ihr Leute stehen sehen.
Das waren wir, wir hatten einen Grund dafür, drin zu sein.
Es tagte, wir schnitten die Früchte ab (mitsamt
dem Baum). Jetzt sind wir draußen.
Hier ist eine Schuld
beglichen.



Jetzt zu den ersten 2 Zeilen oben:
Licht auf Ziegelmauern und ein Nordwind, der die Zweige schwarz peitscht.
Schatten ziehen Eingeweide aus dem Licht, sich trocken vor die Hand.
Wo denn sonst macht man mit Ziegelmauern Poesie bei uns? Und dem Folgenden dazu. Danke für die Zeile!
Und Vers 2: So schön hergerätselt! Und das geniale Komma vor:
sich trocken vor die Hand. Da hat man was!
Elke Erb   05.01.2015   

 

 
Elke Erb
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