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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 12

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

12

Die Westflucht ostwärts


Wolf Biermann | Foto: Hans Weingartz
Wolf Biermann
Foto: Hans Weingartz
(C.C.A. 2.5)

Die permanente sächsische Revolution begann mit der Genossin Magda Schnyder, als sie die Kaffeetasse ansetzend, einen kurzen prüfenden Blick aus dem Fenster warf, vor dem sich die Straße noch in gähnender Leere erstreckte. Die Frau trat ans Radio und schaltete den gewohnten Sender ein. Es war Herbert Fries, der diese Woche die Frühnachrichten sprach. Seine leicht heisere Stimme verriet nicht die geringste Erregung, während er die letzten Informationen verlas: „Nachdem Prag den Visumzwang für Bundesdeutsche abschaffte, schloss sich jetzt auch Warschau an. Scharen von Westdeutschen drangen heute nacht wiederum übers Erzgebirge in die DDR ein. Hunderte, vielleicht auch schon Tausende fuhren durch die CSSR nach Polen, wo sie ihre Autos an den östlichen Ufern von Neiße und Oder abstellten und die Grenzflüsse durchschwammen, um auf das Staatsgebiet der DDR zu gelangen. Meldungen der maritimen Grenzschutzorgane besagen, die Wessis landen mit Schiffen, Fähren und kleineren Booten in Rostock und Stralsund sowie am gesamten Ostseestrand in der verzweifelten Hoffnung, an den Segnungen des Sozialismus teilhaben zu können. Seit gestern abend 22 Uhr tagt der Ministerrat der DDR. Beschlüsse, das Aufnahmeverfahren der Westflüchtlinge betreffend, werden noch im Laufe dieses Vormittags erwartet.“

Magda Schnyder kratzte sich leicht am linken Knie, das der blütenweiße Morgenmantel freigab. Sie beugte sich vornüber und erblickte eine kleine, kreisrunde Rötung. Ich glaub, ich reagier allergisch auf die Westler, dachte die Genossin. Und: Es wird eng werden in unserer Heimat. Indessen war der Radiosprecher von den nationalen zu den internationalen Nachrichten gelangt: „Die Regierung der DDR richtete ein Ersuchen an die UNO, den Weltsicherheitsrat zusammentreten zu lassen ... Die Regierung der UdSSR protestierte durch ihren Botschafter in Bonn gegen die Massenflucht der Wessis, weil die DDR nicht alle 60 Millionen Bundesbürger als Flüchtlinge bei sich aufnehmen könne. Die Bonner Machthaber müssten endlich Reformen wagen, Washington mit hartem Dollar die weiche D-Mark stützen, damit die westdeutsche Wirtschaft wieder auf die Beine komme ... “

Folgte eine Direktschaltung ins DDR-Außenministerium, wo Minister Fischer eine Pressekonferenz abhielt.

Der Minister: „Die Westdeutschen übersteigen zu Tausenden den antifaschistischen Schutzwall. Wie das statistische Bundesamt in einer Schnellschätzung ermittelte, befinden sich nur noch 30 Millionen Bundesdeutsche auf dem Notstandsgebiet der BRD, woraus sich nach Adam Riese, dem Erzgebirgler, ergibt, dass ebensoviele Bürger Westdeutschlands bereits ins Staatsgebiet der DDR geflüchtet sind, was die dortige Bevölkerung von bisher 17 auf jetzt 47 Millionen anwachsen ließ, eine Zahl, mit der kein Staat der Welt so leicht fertigwerden könnte ... “

Da hat er recht, dachte Magda Schnyder, und der allergische rötliche Fleck auf ihrem Knie breitete sich aus, aber das konnte auch am Kratzen liegen. Doch wollen wir schön der Reihe nach berichten:

Die Wessis waren schon lange unzufrieden mit ihrer Regierung und Gesellschaftsordnung, die klügsten Eierköpfe lasen heimlich bei Marx nach, was sie noch unzufriedener stimmte. Nacht für Nacht suchte sie der Weltgeist heim und schließlich hatten sie schon von Brecht gehört, dass die Welt veränderbar sei.

So sei es, sagten sich die Eierköpfe und lernten inbrünstig den Text der Internationale auswendig, denn ihr aufgezwungenes Deutschlandlied missfiel ihnen sogar in der Verstümmelung. Vonwegen nur ab der zweiten Strophe singen, murrten sie, die DDRler durften ihre Nationalbecherhymne gar nicht singen und wer es doch tat, musste brummen. Derart stieg die üble Laune der gebeutelten und vom Kapital (dem eigenen) ausgebeuteten Wessis bis zum Überlaufen an. Denn der Kohl geht solange zu Wasser, bis er bricht. Dann wird der Rest verscherbelt.

Honecker ist ein großer Politiker, dachten die BRD-Spitzköpfe, der Schaden, den er anrichtet, hält sich innerhalb der Grenzen seines Jagdreviers. In den langen Stunden, die Honi mit der Flinte im Anschlag verbringt, kann er nicht regieren, also nichts Dummes anstellen. Und eine Menge Wessis wünschten sich klammheimlich, ihr Kohl wäre auch Jäger und verschwände die meiste Zeit in der Hütte oder auf dem Hochstand der Mainzelmännchen.

Im Wessiland grüßte man neuerdings mit „Horrido!“, was soviel bedeutete wie „Waidmannspech!“ und jeder wünschte jedem den Blattschuss. Denn unter Wessi-Christen ist jeder sich selbst der Nächste, auf den gezielt wird.

Das war genau die Zeit, in der die klügsten Marx-Lenin-Ossis das Gras wachsen hörten. Bei denen im kapitalistischen Ausland bereitet sich eine furchtbare Krise vor, schrieben sie in ihren wissenschaftlichen Forschungsarbeiten, die sie bei der zuständigen Stasi-Dienststelle einreichten, wofür man ihnen sofort den Doktortitel verlieh. Auf diese Weise wurde ein gewisser Gysi oder so ähnlich zum Doktor der Rinderzucht graduiert, zumal er in einer Minute sieben Kühe, elf Schafe und dreizehn Nichtparteimitglieder restlos auszumelken imstande war. Mit diesem Doktor Oberschlau werden wir siegen, schrieb der Stasigeneral Leberwurst quer über die Dissertation, die noch heute im nationalen Revolutionsmuseum zu besichtigen ist. Erinnerungssüchtige Lehrer führen ganze Schulklassen dorthin, denen nach dem Besuch die Milchzähne zu Elefantenstoßzähnen langwachsen, was den Mangel an Elfenbein behebt. Zurück jedoch zur Krise, falls wir sie verlassen haben sollten, die im Traumland der Wessis grassierte wie Pest und Cholera im Dreißigjährigen Krieg, an dessen Neuauflage das unglücklich geteilte Volk nach Kräften arbeitete. Im Politbüro zirkulierte ein Papier mit dem Vorschlag, Mauer und Grenzzäune dreifach zu erhöhen und vierfach zu verbreitern, damit man dem zu erwartenden Ansturm unzufriedener, krisen- und wutgeschüttelter Wessis standhalten könne.

Honi aber, zwischen zwei Hirschkuh-Abschüssen, soll gesagt haben: „Meine Mauern sind hoch und breit genug.“ Und so führte des Oberjägers Kursichtigkeit mitten hinein in die gesamtdeutsche Katastrophe. Zuvor aber tagte das Politbüro ohne seinen Jägermeister noch einmal drei Tage und Nächte hindurch und beschloss an- und abschließend, es sei gewisslich nicht zu befürchten, dass die kapitalistischen Wessis bei den sozialistischen Ossis um Asyl bäten. Die Genossen hatten in dreimal vierundzwanzig Stunden mit verteilten Rollen alle drei Bände des Marxschen Kapital durchgelesen und nirgendwo ein Zitat gefunden, das derlei prophezeite.

Beruhigt legten die Politbüroleseratten sich in die Betten. Nichtahnend, dass Marx die bevorstehende Katastrophe doch erwogen und ausführlich dargelegt hatte, allerdings nicht im Kapital, sondern in einer Schrift, die im Zuge der Großen Bolschewistischen Oktoberrevolution für ungeschrieben erklärt und ausgelöscht worden war.

So stellt in der Geschichte immer ein Held dem anderen ein Bein, und der Fortschritt stolpert darüber und bricht sich das Genick. Soviel zum Ausstieg, wie ihn die Genossin Magda Schneyder erlebte. Ohne bunte Revolutionsmärchen bleibt das tägliche Leben alternativlos.


Über das alternative Weiterleben unterrichtet ein tv-Kulturbericht mit dem Titel: „Schriftstellertreffen ohne schwarze Liste“, in dem es heißt: Wie aus ungewöhnlich gut unterrichteter Quelle bekannt wird, fand zum diesjährigen 17. Juni an einem geheimgehaltenen Ort ein organisiertes Dichtertreffen statt.

Hauptreferenten: Helmut Schmidt von der Sektion Historischer Roman zum Thema: Wie ich mit Honi ein Bonbon tauschte und Erich Honecker von der Sektion Archäologischer Sozialismus, Thema: Es war ein VEB-Bonbon.

Weitere Referenten: Apel: Der Abstieg, Krenz: Der Absturz, Waigel: Der Kassensturz, Schabowski: Als Mauern stürzten, Brandt: Vom Auseinanderstürzen, Brigitte Seebacher-Brandt: Mein Platz zwischen Willy und FAZ, Franz Alt: Jesus, der allerletzte Mann, Karl-Eduard von Schnitzler: Mit der Titanic durch den Schwarzen Kanal, Kuby: Als ich die Nitribitt ermordete, Franz Josef Strauß: Woher die Milliarde kam, Schalck-Golodkowski: Wohin die Milliarde ging, Scholl-Latour: Bruder Konzelmann, Konzelmann: Scholl-Latour ist Allah und ich bin sein Prophet, Lindlau: Die Mafia oder bei mir reden sie alle, Mielke: Meine Abenteuer unter Kohls Schreibtisch, Mischa Wolf: Mein Leben als Lamm, Wolf Biermann: Warum ich den Krieg liebe, Birgit Breuel / Treuhand: Von der Vermeidbarkeit neuer Ideen, Stefan Heym:Wie ich von deutschen Bildschirmen verschwand, Stephan Hermlin: Gottvater Stalin, Joachim Fest: Mein Freund, des Führers Architekt, Reich-Ranicki: Wie ich Ulla Hahn den Nobelpreis verlieh, Ulla Hahn: Meine pornographische Rache am Küster, Modrow: Vom Erschauern, wenn Kohl einem die Hand küsst, Hans Mayer: Als ich den Turm zu Babel erbaute, Walesa: Polen ohne Kondome, Enzensberger: Leben als Revolte-Beobachter, Biermann: Schön ist es, Soldat zu sein, Schönhuber 1. Band: Nun ist auch Grass dabei, 2. Band: Grüß Gott, Kameraden, Dyba: Der gerechte Krieg gegen die Frauen, Späth: Nur Fliegen ist schöner, Süskind: Parfüm hilft weniger zu stinken, Mittag: Wirtschaften, bis es nichts mehr gibt, Honecker: Jagen statt regieren, Gottschalk: Wirb oder stirb – ich aber lebe.

Außerdem sollen auf dem Dichtertreffen wichtige Nachlassbände vorgestellt werden:

Bei Rowohlt von Josef Stalin: Ich erschoss die Falschen, Ulbricht, Walter: Maurer gesucht, aus dem stern-Archiv: Hitler, die wahren Tagebücher, Band 1: Mein Sieg, Band 2: Wir werden weitersiegen, Die Bände 3 – 77 sind noch in Arbeit.

Wie es heißt, bemühen sich beide deutsche PEN-Zentren sowie der eine übriggebliebene Schriftstellerverband darum, die prominenten Polit-Autoren in ihre gelichteten Reihen aufzunehmen. Den inzwischen Verblichenen, die durch Nachlässe vertreten sind, wird die postume Ehrenmitgliedschaft verliehen, das spart Erbschaftssteuer.

Auf die Zusammenstellung der üblichen Schwarzen Liste wird verzichtet, denn schwarz genug sind sie alle, die Gedanken aber sind frei. Das walte die Demokratie.


Natürlich nahmen alle Leser an, der Kulturbericht sei ein Zeitungs-Entenschwarm. Wir Zeitzeugen aber wissen, von Stund an kam alles anders als die Regierenden sich dachten. Das kulturelle Chaos war nur der erste Schlag. Kein einziger Satiriker von all denen, die sich die wildesten Stories aus den Fingern sogen, ahnte, dass die Geschichte fortan noch verrückter spielte. Nur die gelehrtesten Marxisten blieben ruhig, hatten sie doch längst den Untergang des Kapitalismus vorausgesagt. Da frage ich mich, warum ich mir die Flucht der Wessis in den Osten erdichten muss und warum sie nicht tatsächlich so vor sich ging. Versagten hier seine Anhänger oder schon Marx selbst? Ihn erneut lesend, denke ich, an unserem Karl kann es nicht gelegen haben. Solange Marx im Exil existieren muss, werden uns unsere Mächtigen von einem Krieg in den nächsten jagen, solange, bis endgültig Schluss ist.


Es waren einmal 12 kleine Sachsen. Der erste blieb in Wilhelms Krieg. Der zweite machte Revolution und wurde erschossen. Der dritte wählte Hitler und verreckte in Stalingrad. Der vierte ging ins Exil. Der fünfte kehrte aus der Gefangenschaft zurück und wollte alles besser machen. Der sechste machte alles besser und siegte unverdrossen bis zur nächsten Niederlage. Der siebte protestierte heldenhaft bis zum Verlust seines Arbeitsplatzes. Der achte arbeitet seither in der Fremde. Der neunte hockt daheim bis zur Rente und gibt an allem den Nazis die Schuld. Der zehnte den Kommunisten. Der elfte hat den Durchblick, doch nimmt er, weil ihm keiner glaubt, solange am tv-Ratespiel teil, bis er Millionär wird. Anschließend versäuft er die ganze Kohle. Der zwölfte schafft als Politiker die Verhältnisse, unter denen alle leiden.


Unsere durch ein Dutzend Folgen gut trainierten Hochleistungs-Leser erkennen natürlich, dass dieses 12. Kapitel der Serie von meinem Pseudonym Gert Gablenz erdichtet wurde. Den nüchternen Kommentar dazu liefere ich jetzt als GZ wieder selbst:

Der Sozialismus sei als Idee gut, doch schlecht umgesetzt worden, hören wir mehr und mehr Menschen sagen. Wie könnte man ihn, wenn überhaupt, besser realisieren? 1917 erließ das 1. Bayerische Armeekorps den Befehl, die Soldaten müssten die Autos des Generalkommandos grüßen, auch wenn kein General drinsitze. Im Jahr 2007 wurden Bestrebungen bekannt, Carl Schmitt, dem „Kronjuristen der Nazis“ (Ernst Bloch), ein Denkmal zu setzen. Das sind so deutsche Traditionslinien. Am Horizont westlich von Crimmitschau stehen deutlich sichtbar drei Linden. Ein Schäfer des Rittergutes Frankenhausen, wegen Diebstahls zum Tode verurteilt, steckte, bevor er getötet wurde, drei Lindenzweige verkehrt herum in den Boden. Sollten sie absterben, sei er schuldig, falls sie heranwüchsen, hätte man ihm schweres Unrecht zugefügt. Die Linden gediehen prächtig. Sein Richter soll sich der Sage nach in der Pleiße ertränkt haben. Was für ein Ausnahme-Jurist. Ersäuften sich alle furchtbaren Juristen der letzten hundert Jahre, ließe sich aus ihren Knochen ein Riesen-Staudamm errichten.


Hier sollte diese 12. Folge enden, doch am vergangenen Wochenende suchte Bild am Sonntag die Welt durch die süffisante Schlagzeile zu schocken: „Hat Wolf Biermann mit Margot Honecker geschlafen?“ Als Quelle wird ein Buch von Florian Havemann genannt, das dieser Tage beim Suhrkamp Verlag erscheinen soll. Seither rotiert die Bettgeschichte in allen Medien. Der Fall ist allerdings schon seit Jahren bekannt. So berichteten darüber u.a.: Jakob Moneta in Sozialistische Zeitung, Nr. 24 vom 22.11.2001. Schröder und Kalender in Schröder erzählt, April 2002, Ingrid und Gerhard Zwerenz in der Zeitschrift Das Blättchen, Nr. 9 vom 29.4.2002.

Da uns nicht der vermutete Akt per Selbstvermarktung interessiert, sondern die informelle, interne Verbindung zwischen Dichter und Staatspräsidenten-Gattin, der Staatspräsident selbst also möglicherweise das Staatstor hinter dem fremdgehenden Poeten zumachte, gedenken wir der kuriosen Affäre mit einem heiteren Zitat aus unserem 2004 erschienenen Buch Sklavensprache und Revolte:

Dies bezeichnet den Abstand zum Radaubruder Wolf Biermann, dem ich alles nachsehen kann, ausgenommen den Fall Moneta. Über unseren Freund, den ehemaligen Chefredakteur der Gewerkschaftszeitung Metall, Jakob Moneta, der in der Bundesrepublik viel für ihn getan hatte und in dessen Haus er 1976 übernachtete, wusste Biermann im Spiegel Nr. 46 vom 12. 11. 01 mitzuteilen: Moneta „war damals bekannt als Kopf der ›Vierten Internationale‹ in der Bundesrepublik. Nach der Wende wurde derselbe Jakob Spitzenkandidat der PDS in Frankfurt am Main. Nach meiner Erfahrung kann aus einem waschechten Trotzkisten, egal aus welcher sektiererischen Gruppierung, alles werden: ein SPD-Mann, ein CDU-Mitglied, ein fundamentaler Moslem, ein RAF-Terrorist oder ein Banker oder ein Immobilienhai oder ein Sozialfall, er kann sich sogar umoperieren lassen zur Frau – aber ein Mitglied der stalinistischen Bande wird er nur dann, wenn er es im Grunde immer schon heimlich war.“

Was Biermann nicht erwähnt: Bei seinem Aufenthalt im Hause Jakob und Sigrid Monetas erzählte er den beiden von seinem letzten Treffen mit Margot Honecker. Sie sei vor seiner Reise die Nacht über bei ihm gewesen und in der aufscheinenden Morgensonne habe er sich sehr vor „ihrem faltigen Hals geekelt“. Was muss der Mann gelitten haben. Verbrachte da unser Widerstandsheldenpoet die Nacht mit der gestandenen Stalinistin Margot, der Frau des obersten stalinistischen Bandenführers Erich Honecker, und ein Vierteljahrhundert später fällt ihm ein, dass er im Goldenen Westen im Hause des einladenden Helfers wieder bei einem stalinistischen Bandenmitglied gelandet sei? Nun behauptet unser Staatsdichter ja, Trotzkisten könnten „alles werden“, notfalls sich sogar „umoperieren lassen zur Frau.“ Biermann, der in der DDR als Privilegierter nie in reale Gefahr für Leib und Leben geriet, hat inzwischen im Westen allerhand Reichtum angehäuft. Er sollte der exilierten Margot im fernen Chile aus Dankbarkeit etwas Geld für einen kosmetischen Eingriff an ihren Halsfalten überweisen, wenn die ihn denn so ekeln.

Im seither vergangenen Vierteljahrhundert modellierte sich der Faltenflüchtling zum Musterexemplar der dritten Exkommunistengeneration. Von Biermann bis Schabowski wird die Richtung gewechselt. Das einzige Lebenselixier ist die „Hassproduktion“, wie Werner Mittenzwei das nennt. Was bei Schabowski verständlicher Haß auf die eigene bornierte SED-Karrierevergangenheit sein mag, ist bei Biermann wohl Vaterhass, denn dieser Vater ist ein unauslöschbarer jüdischer Kommunist gewesen. Wer so auf der Achterbahn in die Mussolinikurve rast, von links unten in Richtung rechts oben, muss natürlich auch seine früheren Lieder gegen den Krieg verleugnen und sich den schönen neuen militanten Zeiten anpassen. Am 25.3.02 delirierte sich der Wolf ohne Schafspelz im Feuilleton der Welt in Gewaltphantasien hinein, die von Bomben auf den Irak bis China und Russland reichen, wozu er sich von Orwell Argumente holt, die der, lebte er noch, ihm um die Ohren hauen würde.

So kann einer aus vielerlei Ekel zum Kriegssänger werden und blitzgeschwinde im Jahre 1914, wo nicht 1941 ankommen. Anno 1980 begegneten wir uns im Mainzer ARD-Studio, und Biermann erkundigte sich, ob ich ihm seine Haltung verüble. Was ich verneinte. Entweder war er noch nicht Richtung Mussolinikurve unterwegs oder wir haben uns missverstanden. Schade drum.

Am Montag, den 3. Dezember, erscheint das nächste Kapitel.

Gerhard Zwerenz   26.11.2007   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz