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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 21. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  21. Nachwort

Von Frankfurt / Main übern Taunus ins Erzgebirge


 
FR-Chef mit Liebe und Zorn

(Ausriss eines Linolschnitts
von Karl Gerold)
Im Jahr vor dem Tode Karl Gerolds begrüßte der Pförtner im Frankfurter Rundschau-Haus mich mit den Worten: „Ich kenne Sie.“ Meine Antwort: „Ich bin ja auch vor 10 Jahren schon mal hier gewesen.“ Was zeitlich ungefähr stimmte. Anfang der sechziger Jahre, ich wohnte damals in Köln, erhielt ich einen Brief des FR- Chefs mit der Einladung, ihn zu besuchen. Als ich das nächste Mal nach Frankfurt kam rief ich Gerold an und er bat mich zu sich.

 

Er thronte hinter einem riesigen Schreibtisch, zeigte ein spitzbübisches Lächeln, redete von diesem und jenem, unterbrach sich abrupt, sprang auf, stülpte sich einen Hut über den Kopf und befahl: „Kommen Sie, wir gehen jetzt essen!“

 

Es war noch gar nicht Mittagszeit oder aber schon zu spät dazu, wir hetzten durch die Innenstadt in ein Lokal, wo Gerold offenbar Stammgast war. Eigentlich gab's kein Mittagessen (entweder noch nicht oder nicht mehr – ich entsinne mich nur an die Komplikation), doch für den Chef der Frankfurter Rundschau holte man den Koch herbei und öffnete die Küche extra.

 

Ich lernte an diesem Tag einen mitteil­samen, nach Gesprächen dürstenden Mann kennen, dessen abenteuer­liches Leben ebenso faszinierte wie sein schwieriger Charakter. Vom Augenblick unserer Begegnung an wollte ich über Gerold schreiben, zugleich warnte mich etwas, das zu verwirklichen, und diese leise Warnung war wohl der Grund, weshalb ich nach dem ersten ausführlichen Kennenlernen jede direkte Begegnung mied.

 

Mit der Vorsicht, zehn Jahre fern­zubleiben und nur telefonische und briefliche Kontakte zu halten, hatte ich die einzig richtige Entscheidung getroffen. Als ich mit Gerold wieder zusammentraf, zeigte sich dies sehr schnell.

 

Es geschah gegen meinen Willen, die Initiative ging ganz vom Zei­tungs­heraus­geber aus, dessen Heftig­keit mich zu einer kurzen, intensiven Freund­schaft verurteilte. Ich habe darüber im Bericht aus dem Lan­des­inneren geschrie­ben, mit der notwen­digen Diskretion, doch ohne Verlogen­heit, obwohl ich ahnte, die Folgen würden stören.

 

Leider kann ich nicht umhin, starke Eindrücke festzuhalten, das Leiden heißt Schreibzwang. Karl Gerold lief mit meinem Buch von einem zum anderen Freund und Ratgeber, sie alle befragend, ob das, was Zwerenz über ihn schreibe, akzeptabel oder diffamierend sei. Ich muss hier einflechten, wie sehr ich erschrak, als ich den Mann, den ich zehn Jahre lang als kräftig statuiert erinnert hatte, jetzt als Schatten seiner selbst wiederfand. Der Tod wühlte wohl schon in ihm, was seine Reaktionen noch unbe­rechen­barer machte. Gerold rief immer wieder bei mir daheim an, und seinen Ein­ladungen mochte ich nicht widerstehen, auch weil ich inzwischen ahnte, der Mann würde nicht mehr lange zu leben haben. Die inten­sivsten Begegnungen fanden im Verlauf einiger Monate statt. Ich lernte Gerolds stille Frau, eine Pianistin aus der Schweiz, seinen Chauffeur, sein Haus, seine Neigungen und Abneigungen kennen. Er sandte mir Bücher mit Widmungen, selbstgemalte Bilder, die er mir ausdrücklich zueignete, nahm sich die Freiheit, mich nach Mitter­nacht aus dem Schlaf zu klingeln, und wurde mir durch alle diese Aktivitäten bald zu einer dermaßen dichten Figur, dass ich ein Manuskript über ihn begann: Der Verleger .

 

Schon vor Gerolds Tod hörte ich auf, daran zu schreiben. Der Mann würde es nie verstehen und verzeihen, wenn ich mich nicht auf die Illustration einer Lichtgestalt beschränkt hätte. Hinter jeder genaueren Charakte­risierung witterte er feindliche Angriffe. In diese Zeit fiel der Spoo-Konflikt. Gerold entließ seinen Münchner Korres­ponden Eckart Spoo, was seine Zeitung viele Sympathien kostete und ihm eine Niederlage vor dem Arbeitsgericht einbrachte.

 

Ich suchte bis zuletzt zu vermitteln. Dabei wäre ich nachts bei plötzlicher Glatteis­bildung beinahe mit dem Wagen verunglückt, weil es sich als unum­gäng­lich erwiesen hatte, Gerold daheim auf­zusuchen. Meine Bemü­hungen, zwischen Spoo und Gerold zu vermitteIn, fruchteten nicht nur nichts, sie machten den kranken Gerold auch immer misstrauischer. Er verlangte Vasallen­treue, die ich weder leisten konnte noch wollte, unser Verhältnis wurde stetig stärker zerrüttet.

 

Als ich, in Erwi­derung der viel­fältigen gedruckten und gepinselten Präsente ihm eines meiner eben erschienenen Bücher sandte, schrieb ich statt einer nichts­sagenden Widmung hinein: „Nicht dem Zeitungs­herrn – aber dem persönlichen Freund – mit guten Wünschen ...“

 

Das Buch kam zwei Wochen später zurück. Gerold, der wie sehr oft in seinem Schweizer Haus weilte, hatte sich die Post nachsenden lassen und führte nach Lektüre der ihm seltsam dünkenden Zeilen eine Reihe aufge­regter Telefonate mit Leuten in und außerhalb der Rundschau, las ihnen meine Widmung vor und wollte hören, wie sie ihrer Meinung nach auf­zufassen sei. Was die Befragten auch antworten mochten, am Ende beschloss Kar! der Große, es böse zu verstehen. Die Freund­schaft war von seiner Seite aufgekündigt, in der Zeitung lief ein Ukas um, der anordnete, von Gerhard Zwerenz dürfe künftig nichts mehr gedruckt werden. Ich nahm 's gelassen auf, war so was doch schon meinem Freund Robert Neumann wider­fahren, den Gerold jahrelang hofiert hatte, bis er von einer Stunde auf die andere in tiefste Feindschaft verfiel. Wer die Presse privat­wirtschaftlich führen lässt, muss allerprivateste Zensur hinnehmen. Mehr schmerzte der Abbruch der Freundschaft und das törichte Umschlagen in eine Feindseligkeit, die ich zwar nicht erwiderte, unter der ich aber doch litt. Ein alter, kranker Mann war besiegt worden von seinen eigenen Schwächen; ein Grund zu Trauer noch vor dem Sterbefall.

 

Die Anweisung Gerolds, Zwerenz nicht mehr zu drucken, wurde von gewissen Flügel­leuten, besonders im politischen Ressort, begrüßt, nichts anderes hatte man hier ja angestrebt, im Feuilleton dagegen entschlossen sich drei Mitarbeiter zum offenen Widerspruch, obwohl ich fürchtete, das könnte wie bei Spoo mit Entlassung, jedenfalls beruflichen Schwierig­keiten enden. Meine Einwände nicht achtend, verfassten die drei ein Papier, das dem Heraus­geber und Chef­redakteur vorgelegt werden sollte. Allein, am Tag nach der Nieder­schrift des Protest­papiers verstarb Gerold. Still­schweigend verschwand das mich betreffende Druck­verbot in der Versenkung.

 

Die Erfahrung mit Karl Gerold und die schock­artige Erinnerung an gewisse Erfahrungen in der DDR ließen mich zu einem argwöh­nischen Verfechter des Pluralismus im publizistischen und literarischen Verlagswesen werden. Es kann hier gar nicht genug verschie­dene und höchst unter­schiedliche Verlage und Redaktionen geben. Mir wäre am liebsten, dem privat­wirt­schaft­lichen Pluralis­mus stünde noch ein gemeinwirtschaftlicher Pluralismus zur Seite. Wir brauchten neben dem Einzel­kapital und der hierarchischen Struktur noch andere Modelle verschieden struktu­rierter Mitbetei­ligung. Wobei diese Modelle nur Mittel zum Zweck sind, der aber hat die individuelle Freiheit des schreibenden Autors zu garan­tieren. Wird einem Autor in einer Firma die Arbeit erschwert oder erhält er Schreib­verbot, muss er in anderen Firmen weiterarbeiten können.

 

Es war in den siebziger Jahren, als dem unwillig lauschenden kleinen Schriftsteller vom Steuerberater bedeutet wurde: Wenn Sie weiterhin so unklug mit Ihren Einkünften verfahren, geht die Hälfte Ihres Geldes ans Finanzamt. Der Dichter zählte fünfzig Jahre, war gegen den Krieg, die Ehe und jeden unbeweg­lichen Besitz. Ich soll mir ein Haus aufladen? fragte er mürrisch. Da er aber sowieso schon lange verheiratet war und überall in der Welt Kriege geschahen, auch wenn er sie ablehnte, beschloss er, ein Haus zu bauen, und zwar im Taunus, wo er am höchsten ist und Fuchs und Wildsau sich gute Nacht sagen. Mitten im Wald saßen sie dann, diese lebenslangen Großstädter, die Natur genießend, die himmlische Ruhe preisend. Natürlich fuhren sie Auto, Frau wie Mann, jeder für sich, denn öffentliche Verkehrsmittel waren rar bis nicht vorhanden. Ein außer­gewöhn­licher Hund sowie zwei Schnurr­katzen komplettierten die Familie, in deren Umkreis Rehe, Eichhörnchen, Hirsche und Hasen wohnten, wie Mutter Natur es anordnete. Der kleine Schriftsteller lobte oft und gern sein Haus in der Waldesruhe, auch als das Nachbar­grundstück zur Linken endlich bebaut wurde, zuvor war es gar zu einsam gewesen, und als im Tal hinterm Haus mehr und mehr Bäume verschwanden, ließ ihn das kalt, hatten sie beide in ihrem Garten in weiser Voraussicht doch allerhand Nadelgewächse eigen­händig angepflanzt. Rechts von seinem Anwesen blieb der Laubwald sicher und fest stehen, denn der Hang stieg zu steil an fürs Häuserbauen. So dachte er und dachte alle Welt, bis der Wald stracks geschlagen und gerodet und dafür eine Doppel­reihe Bungalows dicht an dicht hingequetscht wurde. Dort zogen freund­liche Nachbarn aus aller Herren Länder ein, so dass Reh und Hirsch samt Hase und Wildschwein in den letzten dichteren Forst emi­grierten. Ja, unsere Welt ist voller Flüchtlinge. Die heilige Familie mitten in Gebirg und Wald war vom Ort eingeholt und umzingelt worden. Wir verstädtern, klagte der Autor, einst aus den steinernen Metropolen ins schöne einsame Abseits geflüchtet. Indessen war er zum Fünfund­siebziger aufgewachsen, was ihn nun doch mit leiser Unruhe erfüllte, zumal ihm die Frau im Jahrzehntabstand folgte, dabei hatten sie doch immer geglaubt, die Alten, das seien die anderen. Sei's drum, dem Glücklichen schlägt keine Stunde, erklärte der kleine Schriftsteller, der inzwischen nur noch selten schrieb, denn die Welt, die es zu verändern, d.h. zu verbessern galt, verschlechterte sich von Tag zu Tag, was der Mann als persön­liche Belei­digung verstand, weshalb er seine vielen klugen Ratschläge lieber bei sich behielt. Es hatten inzwischen auch unzählige Kriege statt­gefunden, unbekümmert um alle Proteste und Demos. Sie wollen halt schießen und bomben, äußerte der resignierte Dichter, und die Jets donnerten knapp übers Dach, zumindest bei Westwind. Der Flug­verkehr war europaweit neu geordnet worden, einige Linien von landenden und startenden Maschinen beschenkten den Naturpark Hoch­taunus mit Lärm und Abgasen, bei Ostwind aber herrschten noch immer Stille und Höhenluft, als wär die Zeit stehen­geblieben. Bis auf die Autos, die nun vermehrt vorbei­fahren,der vielen Neuzu­zügler wegen und bis auf die Motor-Rasenmäher, die brummen und knattern. Die stolzen Besitzer neuer Häuser haben jahrelang zu tun mit Hämmern, Sägen, Bohren und Feiern.

 

Unsere Tochter, die seit Jahren in Berlin lebt, besucht die Eltern im Taunus nicht mehr. Es ist ihr zu laut geworden, sie findet nachts keinen Schlaf. Die Frau fuhr zur Tochter. Als sie zurückkam, sagte sie: Dort kann man nachts ungestört durch­schlafen. Lass' uns umziehen nach Berlin. Der Mann hörte ihre Worte als wären es Schick­sals­schläge. Die Tochter wohnt, nebenbei bemerkt, am Kurfürsten­damm.

 


 Martin-Niemöller-Haus im Hochtaunus

 

Am Sonntag, dem 7.2.2010 fuhren wir zum nachbarschaftlichen Martin-Nie­möller-Haus in Arnolds­hein. Dort findet für einige Wochen ein Stück Erz­gebirge im Hoch­taunus statt – aus dem sächsi­schen Schwarzen­berg übersiedelte 1989 kurz vor DDR-Tores­schluss der Holz­gestalter Matthias Schmidt mit Frau und Sohn ins Hessische ganz in unsere Nähe. Zur Vernissage lud er ein in die weitläufige Tagungs- und – Aus­stellungs­stätte, die nach Martin Niemöller benannt ist.

 

Als ich in den wilden Westen kam, saßen Nazi­juristen auf demo­krati­sierten Stühlen und sperrten weiter Kommunisten ein, die sie vorher schon mal eingesperrt hatten, als die Stühle noch nicht demokratisiert waren. In Frankfurt am Main traf ich Martin Niemöller, den tapfren kaiserlichen U-Boot-Komman­danten. Mir die zarte Hand reichend sagte er: Ich brauchte zwei Weltkriege und einen Aufenthalt in Dachau, um endlich Pazifist zu werden! Mir genügte ein Krieg samt Nachkrieg, entgegnete ich unver­drossen, und so hetzten wir Ostern 1967 vor dem RÖMER und drei- bis vier­tausend Friedens­menschen gegen die Atom­bombe, nichtahnend, dass sechs­und­dreißig Jahre später der Zyklop Bush jun. damit wieder herumjonglieren und drohen würde, umgeben von geölten US-Blitzen, russischen Zwergen und chinesischen Schlitzohren.

 

Derweil rotiert Niemöller im Grabe, und der brave Heinemann zählt die Runden. Seine tüchtige Tochter Ute schwebt zwischen katho­lischen und protes­tanti­schen Kirchen herum, ein atheismus­bedroh­ter Engel.

 

Ich flüchte ein wenig ins randa­lierende Gedächtnis. Anno 1988 durfte Walter Janka zu einer Veran­staltung in der Frankfurter Paulskirche ausreisen. Ich hatte da etwas arrangieren können. Wir sahen uns erstmals seit 1956 wieder, und er überbrachte quasi Melzheimers Grüße, die der damals dem Unter­suchungs­häftling Janka verlaut­bart hatte: zehn Jahre sollte ich bekommen, kriegten sie mich. Die Nachricht, nicht neu, aber nun spät beglaubigt, stürzte mich in Zweifel: Sollte ich verärgert sein oder laut lachen. Ich entschloss mich zur Dankbarkeit des Ent­flohenen. Ach ja, dieser Melzheimer, bei den Nazis Jurist, und in der DDR Generalstaatsanwalt. Welch ein Fortschritt. Brachte die Genossen hinter Schloss und Riegel. Ein Kamerad eben. Walter Janka war zweimal in Bautzen gelandet – 1933 von den Nazis, 1956 von Genossen verhaftet. Ich war 1944 den Nazis entwischt und 1957 den Sozialisten durch die Lappen gegangen. So stand ich verfroren zwischen Janka und Harich, die sich seit ihrer Haft befeindeten, blieb jedoch ungerührt mit beiden befreundet. Ein Friedens-Idiot zwischen allen Fronten, umgeben von Graben­kämpfern und ideologischen Messer­stechern. Niemöller hatte zwei Kriege gebraucht, zur Vernunft zu kommen. Was ist aus der Niemöl­lerschen Vernunft geworden?

 

Die Vernissage eines Holz­gestalters aus dem Erzgebirge mitten im Hoch­taunus vereint zwei Mittel­gebirge in einem Haus, das an Martin Niemöller erinnert. Die Stil­sicherheit weckt unsere Neugier, auch wenn dieser Winter mit Schnee und Eis von jeder Autofahrt abzu­schrecken sucht. Der ins hessische Mittel­gebirge aus- oder einge­reiste Erz­gebirgler aber, ein Kollege von der Internationale der Wälder, ruft und lockt in Wort und Bild.

 

Die Präsentation mischt Holz und Heimat, Natur und Gestalt (-ung), Gestern und Heute. Es sind zahlreiche Kollegen aus der Nähe und von weiter her angereiste Gäste versammelt. Ihre Texte im Begleitheft:

 

Holz-Stele von Matthias Schmidt zum Ortseingang
Erzgebirgs-Relief im Taunus-Baum: Schwarzenberg im Querschnitt
Er + Sie einsam verwurzelt
Rita Altmann: Der Holzbildhauer hat das Glück, nimmt ein Stück und lässt es gestaltet weiterleben.
Aber: Der Baum steht für sich selbst. Christhild Becker-Hock: Bin ich hier, möchte ich dort sein. Wird das Dort zum Hier, verlange ich zum Dort. Wo bin ich hier – wo dort? Bei mir.
Christian Löhr: Tun und Nichtstun Handeln und Leiden Amboss oder Hammer sein? Ute Fröhner-Ludwig: Vielleicht kennt mancher noch die Namen von uns, verbreitet durch den Wind …

 

Das Holz steht aufrecht als Zeuge seiner Herkunft, dem Baum. Aufrecht stehend die von Matthias Schmidt gefertigte Holz-Stele am Orts­ein­gang: „Erholungs­ort Ober­rei­fen­berg“. Bei der Vernissage ist eine Quer­schnitt-Scheibe zu sehen, ein Relief: „Schwar­zen­berg, Perle des Erz­gebirges“, eingefügt die Silhouette des Ortes.

 

Endlich aus Fichte „Er + Sie“, statisch, ver­wurzelt, wortlos. („Und die Gene­rationen blicken sich kalt in die Augen.“ Shlink in Bertolt Brechts Stück Im Dickicht der Städte.) Baum­sprache. Worttod. Auf der Einladung zur Ver­nis­sage streben „Er + Sie“ aus­einander. Trennung. In den Medien wird eine deutsche Einheit gefeiert. Die Trennung wechselt das Feld. Matthias Schmidt fährt zwischen Taunus und Erz­gebirge hin und her. Aus­stel­lungen in Schwarzen­berg, Kronberg – Schau­plätze in Ost wie West. Fortge­gangen wo. Angekommen wo. Ich erinnere Kriegs­wälder. Bäume voller Splitter und Geschosse. Die Toten zwischen Wurzeln ver­graben. Aufrecht­stehen ist die Lebens­form der Bäume. Sie schlafen sogar im Stehen. Werden sie gefällt, sind sie Gefallene. Es gibt Länder ohne Wald. Kahle Länder als Baum­friedhöfe.

 

Der Holz­gestal­ter sattelt um auf Sarg­tischler. Der Holz­bild­hauer stirbt als Letzter und kommt in die steinerne Urne. Ist der letzte Wald ver­nichtet, werden sie ihren Christus ans Eiserne Kreuz hängen, bis er absteigt, weil's verrostet. Die Zei­chen, die Matthias Schmidt im Martin-Nie­möller-Haus setzte, über­setzen die Baum­werdung des Menschen.

 

Im Nachwort 19 und in der Folge 95 entwarf ich eine U- und S-Bahnstrecke vom Taunus nach Leipzig und retour. Warum nicht noch ein Stück von Leipzig aus die Pleiße entlang ins Erzgebirge und zurück. Da könnten wir leichter ins Innere von Sachsen reisen und auch als Auswohner Einwohner­schaft vortäuschen, die immer knapper wird. Mögen Dresden und Leipzig ihre Zahlen halten, Erzgebirge, Vogtland, Pleißen- und Muldenland laufen leer und dünnen aus. Der gesamte Osten, dieses versuchte Groß-Sachsen, leidet an einer missglückten Einheit, die den Bruch mit guten Vergangenheiten er­zwingt. „Wir haben uns abge­hauen“ heißt es bei Matthias Schmidt, dem Holzgestalter, der ins Niemöller-Haus lockte. Mir fällt seine Vorliebe für erektiv-einsame Gestaltungen auf. Ist das nun Schmidt-Taunus oder Schmidt-Erzgebirge?

 

Sein Heimatort ging in die Weltgeschichte ein, weil Amerikaner und Russen 1945 mit der Besetzung zögerten. Auf kurze Zeit entstand ein freies Stücklein Erzgebirge. Darüber schrieb mein Freund und Kollege Stefan Heym ein Buch. Der junge Chemnitzer Jude, der den Nazis entkommen war, 1945 als US-Offi­zier zurückkehrte und 1994 den Bundestag als Alterspräsident er­öff­nete, war am Vortag so pünktlich wie lügen­haft von der Gauck-Behörde zum Stasi-Spitzel erklärt und ver­unglimpft worden. Als Heym zu seiner Rede als Alters­präsident den Bundes­tag betrat, erhoben sich die Abgeord­neten wie üblich von den Sitzen. Kohl und seine Fraktion blieben arschfest sitzen.

 

Ein jüdischer Links­intellektueller als deutsches Vorbild im Parlament ging hoch über ihren beschränkten Horizont. Das walte Schwarzenberg, die unbesetzte freie Zone.

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 19.04.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   12.04.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz