POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 

Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 27. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  27. Nachwort

Jan Robert Bloch – der Sohn, der aus der Kälte kam


Jan Robert Bloch (1937 – 2010)
auf dem Fahrrad in Leipzig,
Wilhelm-Wild-Straße


Am 13. Mai 2010 starb Jan Robert Bloch, noch keine 73 Jahre alt. Für uns immer der Sohn des Philosophen, ewig der junge Mann. So wir alt Gewordenen. Seine in winziger kaum entzifferbaren Handschrift verfassten Briefe sind unter anderer Post im Haus verstreut. Seit Mails die konventionelle Korrespondenz ablösten, häufte sich ein ganzer Ordner voller elektronischer Nachrichten an. Nachdem seine Ehefrau Anne Monika Sommer-Bloch uns telefonisch von Jans Tod informiert hatte, blätterte ich in den zahlreichen gesammelten Seiten. Der 1937 in Prag geborene Junge bewahrte dem späteren Exil in Amerika ewige Dankbarkeit. Folter-Berichte über die USA in jüngerer Zeit passten nicht in seine positiven Erinnerungen. Seiner Jugend in der DDR von 1949 bis 1961 vermochte er nicht viel abzugewinnen. Unser Mail-Wechsel steckt voller Details, Ingrid neigte in diesen Fragen zu heftigeren Reaktionen, er antwortete mit essayhaften Ausführungen. Ich versuchte mich als Doktor Freud und flüchtete auch mal selbst auf die Couch. Da ich die Professoren Markov, Krauss, Behrens positiv beschrieb, konnterte er kühl, alle drei hätten für den Ausschluss seines Vaters aus der Akademie der Wissenschaften gestimmt. Nicht unbetroffen registrierte ich Gefahren der Ablenkung von der Dekonstruktion, die verlangt, dem subjektiven Urteil die abwägende Objektivität voraus­zuschicken. Jan Robert: Vor Bloch lag als letzter Einsteins Akademie-Ausschluss. Das saß. Er vermochte auch sich selbst zu bespötteln. Als der Leipziger Bloch-Wohnsitz in der Wilhelm-Wild-Straße mit einer Erinnerungs-Tafel versehen wurde, hatte er schön ironisch als Text vorschlagen wollen: Hier lebte Jan Robert Bloch mit seinen Eltern … man konnte herzhaft mit ihm lachen. Seine volle Sympathie ereilte uns nach der Lektüre von Sklavensprache und Revolte. Wir schickten ihm eines der ersten Exemplare. Seine Reaktion vom 18.8.2004 erweist den Schönheiten betroffener Nähe alle Ehre:

 

Wer ist das? Vater oder Sohn?

„… lch entstieg Montag dem Zug, ging einkaufen, holte beim Nachbarn Euer Paket ab und verstrickte mich sogleich ins Lesen. Derweil wurde die in der Küche abgestellte Milch warm, die Wurst ebenso. Bin also jetzt mittendrin und fahre mit Euch bei der spannenden Reise. Der Ton ist wohltuend, mir verklebt sonstig häufiger Jubel zuweilen den Blick, mir sagt – vielleicht gerade beim eigenen Vater – nüchterne Zuneigung mehr als die ewige Wiederkehr des Immergleichen, diese Verehrung, die nicht satt macht. ›Bloch aß wie ein Schwein‹ oder so ähnlich, wie Du, Gerhard, vor Jahren schriebst (die auch jetzt erwähnte Bockwurst erinnert mich daran) – so etwas macht mir Riesenspass, ebenso die Kritik an seinem Lavieren 1957, an seiner Schwäche beim Tübinger Antritt ›Kann Hoffnung enttäuscht werden?‹. Ich war enttäuscht von der Mattheit dessen: ›… sonst wäre sie Zuversicht.‹ Mir war das zu biegsam (oder brechtisch: wen immer ihr sucht, ich bin es nicht), rutschte weg, perlte ab. Ich verstehe, dass man mit 76 Jahren die Resternte des Werkes möglichst ungestört einfahren will, dass ein philo­sophisches System nicht auf jedes Frosch­quaken hören kann (ähnliches schreibt auch Schiller) – aber es war eben mehr als ein Froschquaken, es war Wirklichkeit – und was für eine, objektiv wie subjektiv. Womit ich wieder in Zagreb wäre. Ich lese weiter, mit Vergnügen. Ihr hört weiteres von mir. Nochmals Dank für die hoch­interes­sante Reise. Euer Jan“ Am 30.8. kam die Fortsetzung: „Liebe Ingrid, lieber Gerhard, gestern nacht las ich Euer Buch zu Ende und beglückwünsche Euch zu dieser reichen Ernte. Die vielen Fäden der letzten Jahr­zehnte sind nun zusammen­gefasst. Viele Dinge haben mich bewegt und erinnert. Schmerzlich dabei, wie vor Jahren auch, die Wieder­begegnung mit dem Kulturbund-Tribunal und den ungekonnten Verbeu­gungen meines Vaters – umgeben vom unver­schämten Becher, vom selbst­gerechten Erich Wendt …

 

Wir sehen uns am 16. September im Brechthaus. Darauf freue ich mich. Seid herzlich gegrüßt von Eurem Jan“

 

Der Sohn hat manches zu sagen

So enthusiastisch Jan auf das Buch Sklavensprache und Revolte reagierte, so spitzzüngig, doch mit den Kennt­nis­sen des Insiders verriss er Arno Münsters politische Bloch-Bio­graphie, was wir inhalt­lich, nicht in der Form akzeptierten. Unsere Diskus­sionen mit Jan bezogen sich meist auf seine Urteile über DDR-Promi­nente, bei denen er zum Pauscha­lieren neigte. In unserem Buch ist das Kapitel Der Mord an der Philosophie enthalten, darin geht es um den Kern von Themen, die nicht nur als übliche Dif­ferenzen zwischen Vater und Sohn abzutun sind. Da der rund 550 Seiten umfassende Band nur noch antiquarisch zu erwerben ist, weil er offensichtlich das Vermögen zeit­genös­sischer Intel­ligenz über die Maßen stra­pazierte, sei hier mit einem verkürzten Abdruck des Kapitels an Jan erinnert. Ein wenig sentimental darf's zugehen beim Tod von Freunden:

 

Der Mord an der Philosophie

„Wir sind nach Zagreb gekommen, um ›das Blochsche Denken als eine Philo­sophie des auf­rechten Gangs‹ zu diskutieren … Wir ehren dieses Denken, indem wir es prüfen. Und indem wir prüfen, unter­suchen und kritisieren wir, um selbst aus einem ›Jargon der Eigent­lichkeit‹ herauszutreten … denn Verehrung ist nicht Erhellung und Verklären nicht erklären“, hatte Jan Robert Bloch auf dem Zagreber Symposium im Mai 1987 anlässlich des 10. Todestages von Ernst Bloch gesagt. Eine überarbeitete Fassung der Rede erschien im Bloch-Almanach, neunte Folge 1989 und in Sinn und Form Mai/Juni 1991. Der Titel „Wie können wir verstehen, dass zum aufrechten Gang Verbeu­gungen gehören?“ wird im Almanach-Vorwort so erläutert: „Dennoch war Bloch gegenüber der Unter­drückung (Stichworte: Moskauer Prozesse, SED-Regime) immer realitäts­blind; warum das so war, sucht der Sohn Jan Robert Bloch in seinem ausführlichen Aufsatz … zu begründen.“ Das Haupt­augenmerk richtet sich auf die Verbeu­gungen des Aufrechten, was nicht mit dem bequemen Verweis auf den üblichen Vater-Sohn-Konflikt abgetan werden kann. Der Dissens reicht über das Tiefen­psycho­lo­gische ins Philo­sophische und Politische hinein, wo er seine intellektuelle Brisanz erhält.
  Zweifellos haben wir hier ein so tief- wie weit­greifendes Stück Auto­bio­graphie vor uns, für das sich Jan Robert aus gutem Grund Zeit nahm, in deren Verlauf er alles tat, der väterlichen Instanz optimal gerüstet entgegen­zutreten. Wenn schon des Vaters Engagement für Stalin aus Gründen des Anti-Hitler-Kampfes unab­dingbar gewesen ist, weshalb musste diese enge Bindung an Sowjetunion und DDR nach Kriegs­ende und gar nach Stalins Tod weiter bestehen bleiben? Fragt der Sohn und gestattet sich, dem toten Vater und uns allen, die wir mit E.B. sympathisieren, keine Ausflucht. Zahlreiche Zeugen werden pro und contra aufgeführt, von Arthur Koestler über Samjatin, Orwell, Trotzki bis Brecht, Feuchtwanger, André Gide, Becher, Mao Tse-Tung, und sie werden gebraucht, weil die im Westen grassierende Legen­dierung Blochs nicht akzeptabel ist: „Das philosophische Problem des auf­rechten Gangs aber blieb liegen und wird es wohl auch bleiben, sofern wir Blochs Denken, das Über­schreiten heißt, nicht aus dem Ghetto der Verehrung mit Kritik befreien.“
  Der lange Aufsatz, ich nenne ihn einen auto­bio­gra­phischen Essay als Be­freiungs­schlag, vereint gekelterte Nähe mit zorniger Fernsicht, selbst wer den vorge­brachten Argumenten nicht folgen möchte, steht staunend vor der vehemen­ten Abnabelung. Des Sohnes Rede jedoch befreit erst den Blick auf das Erbe, das vom Philo­sophen-Vater bleibt: „Im philo­sophischen Entwurf einer besseren Welt hat er vor den Träumen seiner Jugend Achtung getragen: mit hellem Ziel und dunklem Weg …“ Zu fragen ist also nach der Dunkelheit des Weges.
Ingrid und Gerhard Zwerenz | Sklavensprache und Revolte

Ingrid u. Gerhard Zwerenz
Sklavensprache und Revolte
Schwartzkopff, 2006
Das Buch bei Amazon  externer Link

  Dem Abdruck in Sinn und Form folgt ein Antwortbrief an Jan Robert von Friedrich Dieckmann, Sohn des vormaligen DDR-Volkskammer­präsidenten. Man kennt sich aus Stu­denten­tagen, bis Blochs 1961 auf Westreise vom Mauer­bau überrascht wurden und nicht nach Leipzig zurück­kehrten.
  Dazwischen liegen drei Jahrzehnte unter­schiedlicher Sozialisation. Dieckmann salutiert vor der weltoffenen, kennt­nis­reichen Inten­sität des gleich­altrigen Jan Robert und verteidigt Ernst Bloch zugleich gegen dessen Sohn, der im Rückblick ahistorisch vorgehe – „aus dem Ko­ordinaten­system des Jahres 87“ –, denn „Trotzki war geschlagen – musste man sich also nicht an Stalin halten?“
  Die Argumente von Dieckmann-Sohn gegen Bloch-Sohn sind klug gesetzt, eine Spur Vertei­digung des eigenen Vaters mag darin mit­schwingen. Ich brauchte einige Zeit, bis mir deutlich wurde, weshalb ich auch nach wieder­holter Lektüre meinte, etwas fehle im Diskurs. Wir müssen deshalb zur Klärung auf die „Konferenz über Fragen der Blochschen Philo­sophie“ zurück­blicken, die am 4./5. April 1957 in Leipzig stattfand. Prof. Rugard Otto Gropps Beitrag gab gleich eingangs die Richtung an: „Ernst Blochs Hoffnungs­philosophie – Eine anti­marxistische Welt­erlö­sungslehre“.
  Das Konferenz­protokoll von 352 Seiten erschien in ungewohnter Eile noch im selben Jahr im Deutschen Verlag der Wissenschaften, Ostberlin. Titel: „Ernst Blochs Revision des Marxismus“. Zu diesem Zeitpunkt lebte ich bereits in Westberlin, beschaffte mir das Buch aber sogleich. Fast jeden der Beiträger kannte ich. Jetzt, im Jahre 2003, also fast ein halbes Jahr­hundert später und nach Lektüre der Äußerungen von Bloch-Sohn und Dieckmann-Sohn suchte ich das vergessene Dokument heraus und las es mit zunehmender Anspannung von vorn bis hinten ein zweites Mal durch. Die einzelnen Texte differieren stark.
  Drei der Professoren mussten als ehemalige junge Wehrmachtsoffiziere brav auf Linie bleiben. Zwei Assistenten waren 1956 von uns zu halben Blochianern gemacht worden und suchten sich in der Konferenz eilig von diesem „Stigma“ zu befreien. Ein paar Luftnummern übten sich auf Karriere ein. Bleiben die zwei gewichti­geren Professoren Gropp und Johannes Heinz Horn. Ersterer begann den Kriegstanz, der zweite beschloss ihn – Horns Beitrag umfasst ca. hundert Seiten. Der Genosse Professor scheute keine Mühe, sich selbst zu überzeugen. Offenbar misslang es, und so schien ihm sein ganzes Leben misslungen. Er brachte sich um.
  1957 war ich außerstande, die deprimierenden Beiträge objektiv einzuschätzen. Jetzt lässt sich kühler urteilen. Vom Standpunkt der beiden Professoren und ihrem Auftrag her wird Bloch so logisch wie konsequent zum Revisionis­ten erklärt, wofür sie Belege sammelten, die sie als unabweisbar bewerteten. Für Gropp trieb Bloch „Missbrauch mit dem Marxismus“, war „unwissen­schaftlich“, gar „antiwissenschaftlich“ und brachte „antisowjetische Tendenzen zum Ausdruck“, denn: „Durch ihre scheinmarxistische Einkleidung erhält die Philosophie Ernst Blochs Züge einer ideologischen Demagogie.“
  Wo Gropp in dieser Verdammung Lücken lässt, springen die minderen Geister ein und beschuldigen den Denker der „Spontaneitätstheorie“, also des Luxemburgismus, des Subjektivismus und was dergleichen fürchterliche Verrätereien noch sein mögen.
  Endlich liefert Horn die Rundumschau: „Schwerlich ist es ein Zufall, dass sich der Streit um die Philosophie Ernst Blochs besonders nach dem XX. Parteitag der KpdSU zuspitzte und zu einer immer grundsätzlicheren Abgrenzung marxistischer Philosophen von seinen Ideen führte. Denn dieses welt­historische Ereignis, das u. a. kühn die Fehler aufgedeckt hatte, die durch Personenkult und Dogmatismus auch auf dem Gebiet der marxistischen Philosophie entstanden waren, wurde von bestimmten Kräften auch bei uns erheblich missverstanden und in einer Weise auszulegen gesucht, wie es schlechter­dings nicht auszulegen ist. Zusammen mit bestimmten Forde­rungen des VIII. Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas, z.B. der Forde­rung, „alle Blumen blühen zu lassen“, wurden einige Losungen des XX. Parteitags so verstanden, als brauche man das Prinzip der Parteilichkeit in der Philosophie nicht mehr allzu ernst zu nehmen, als müsse man sich vielmehr nun auch auf solche „Probleme“ orientieren, die von der bürgerlichen Wissen­schaft und Philosophie aufgeworfen werden. Die Schluss­folgerungen dieser Kreise – nicht nur bei uns – aus dem XX. Parteitag der KPDSU waren liberalistisch und versöhnlerisch; sie übersahen, was N. S. Chruschtschow expressis verbis bereits auf dem Rechenschafts­bericht des ZK der KpdSU klar und eindeutig ausgesprochen hatte: aus der Notwendigkeit der ökonomischen und politischen Koexistenz der beiden Weltlager dürfe keinesfalls ein friedliches ideo­logisches Nebeneinander geschluss­folgert werden. Schließlich wurde immer deutlicher, dass sich hinter der Losung des ›Kampfes gegen den Dogma­tismus‹ eindeutig revisionis­tische Absichten verbargen. Dies hat besonders R. O. Gropp deutlich ausgesprochen.“
  Auf die historische Einordnung folgen zentrale Anwürfe im Detail. Bloch ist „Verführer der Jugend“. Sein „Kardinal­fehler“ besteht darin, dass er „den Schwerpunkt auf den subjektiven Faktor“ legt, endlich aber: „Wir wissen, wie Friedrich Engels in seiner Schrift Die Entwicklung des Sozialismus von der Utopie zur Wissenschaft die Grundfrage der Philosophie beantwortet hat. An dieser Konzeption kann nicht gerüttelt werden.“
  Genau das tat Bloch – er rüttelte an den Grundfragen. Und wagte ganz andere Grundfragen aufzuwerfen. Mit Bloch zugleich wird Georg Lukács abgeräumt. Wobei sowohl Gropps wie Horns Deduktionen in sich schlüssig sind. Horn erlaubt sich gar Zuge­ständnisse an Blochs Werk, soweit es ephemere Teile betrifft, das Ganze aber wird verworfen. Sagt's über hundert Seiten hin, nimmt einen Strick und hängt sich auf.
  Im Mittel­punkt der Abrechnung steht des Philosophen Hauptwerk Das Prinzip Hoffnung. Nehmen wir also die Verurteiler beim Wort und lesen es mit den Augen seiner Verächter, etwa Kapitel 19: „Welt­veränderung oder die Elf Thesen von Marx über Feuerbach“, wozu wir uns schon mehrfach äußerten. Und siehe da, Gropp wie Horn diagnostizieren mit Recht, der 1949 aus dem US-Exil in die DDR gekommene Bloch legte bereits mit dem 1954 beim Aufbau-Verlag erschienenen Band eins seines Hauptwerkes Partei und Staat ein veritables Kuckucksei ins Nest.
  Wer arglos oder schlichten Gemüts ist, kann eine brillante Verteidigung der Sowjetunion herauslesen. Wer genauer hinschaut, findet eine wesentlich differierende Theorie, deren Abweichungen von den Wächtern als Revi­sionis­mus zu brand­marken war. Dies ist der Punkt, den Friedrich Dieckmann in seinem Brief an Jan Robert Bloch nicht sieht und den Jan Robert zwar sieht, aber im Unwillen über den Vater zu gering gewichtet. Gerade indem der Sohn die Autonomie Blochscher Philosophie bejaht, betrachtet er sie durch des Vaters Agieren in der DDR als von blinder Treue überschattet.
  Tatsächlich aber war mit Blochs Einzug in die DDR ein Deal verknüpft: politisches Wohl­verhalten gegen relative Gedanken­freiheit mit Prominenten­status. Als er 1956 diesen Handel politisch und öffentlich aufkündigte, wurde sein wichtigstes Privileg, der Zugang zum Lehrstuhl gekappt. Jetzt war die Subversivität des Hauptwerks offiziell angreifbar geworden. Rätselhaft scheint nur, weshalb der Ange­griffene sich auch noch jahre­lang demütigte, gar verleugnete und unbedingt im Osten bleiben wollte. Wären er und Karola beim Mauerbau nicht zufällig auf Westreise gewesen, hätten sie dann die DDR verlassen wollen? Wohl kaum, und damit sind wir beim gravierenden Analyse­fehler des Philosophen, der den Roten Oktober überhöhte und sich ein Ende von Sowjetunion samt DDR einfach nicht vorzustellen vermochte. Wer aber sah das schon voraus – bis es 1989/90 binnen kürzester Zeit geschah.
  Zu Blochs Konzeption der doppelten Revolte gehörte nach dem Abschied von Bürgertum und Kapitalismus auch der Abschied von der Philosophielosigkeit der Partei-Ideologen. Dabei verhielt er sich taktisch, denn nur im Moskauer Kraftfeld ließen sich seine Ideen Richtung Refor­mation realisieren, soweit sie überhaupt realisierbar waren. Sich heftig, hitzig, listig und hochgemut auf Marx berufend, widersprach er der Partei, die das Ende der Philosophie verkündete und das Recht auf Weltveränderung einzig ihren Politbüros zubilligte, d.h. deren jeweiligen Gottheiten.
  Bloch lehnte das ab, in Sklavensprache zwar, doch entzifferbar für den, der es entziffern wollte. Seine Schriften sind von Anbeginn ein einziges Werk revolutionär engagierter Subversion. Das setzte er ab 1961 im westlichen Tübingen fort, wo die antiöstliche Subversion begierig notiert, die antiwestliche Subversion mit Fleiß nicht wahr­genommen werden sollte. Man nutzte den Philosophen gegen den Osten wie er dort vorher gegen den Westen in Stellung gebracht worden war. Und beides ist nicht falsch, tangiert jedoch nur die äußere Hülle. Die jüngeren östlichen Philo­sophen sollen damit keineswegs diffamiert werden, sie hatten Beschrän­kungen und Maßregelungen genug durchzustehen, doch der Grund­konflikt wurde mit dem Revisionismus-Urteil gegen Bloch ein für allemal disziplinarisch entschieden, wonach freies, autarkes, autonomes Philo­sophieren nicht statt­zufinden hatte. Partei und Staat schrieben auf Ewigkeit vor, sich an die genehmigten Axiome und Deduktionen zu halten, was den Sammelband über Blochs Revisionismus zur frühen Sterbe­urkunde der DDR werden lässt. Im Schmuck ihrer verminderten, ja gefesselten Fähigkeit zu Analyse und Prognose marschierten Partei und Staat siegesgewiss ihrem Ende zu, das sie schließlich nur noch taumelnd erreichten.
  Als ich im Kalten Krieg mehrfach Renegat genannt wurde, gab ich den Schimpf zurück und beschuldigte die Partei des Renegatentums, was Bloch gefiel, denn er wollte weder Renegat noch Exkommunist sein. In den orthodoxen Kommunisten sah er eine Art von bockigen Schülern, die sich weigerten, seine Lehre anzunehmen und ihr System zu modernisieren. Seine Distanz zur Kapital­gesellschaft blieb davon unbetroffen, also stabil.

 

Soviel aus dem Kapitel Der Tod der Philosophie. Ich bin nicht uneitel genug, um hier nicht nochmals auf mein Freiheitsgedicht zu verweisen, das am 30. Januar 1957 in der Leipziger Kongress­halle verdammt wurde. Der Rest war das (betretene) Schweigen der Versammelten. Das Schweigen als Taktik warf Jan Robert auch seinem Vater vor. So sah und fühlte er sich aus der Kälte gekommen und ihr entkommen. Für seinen Vater und uns aber ist der Wärmestrom stärker als die Kälte. Bloch wie Lukács hatten sich bereits im 1. Weltkrieg für die Revolution entschieden.

 

Für mich gehörte Bloch nach Leipzig, weil er die linke Kontinuität verkörperte. Die Mutter der Freiheit heißt Revolution – dies der Anfang. Am Ende steht da: Ihr schliefet den Schlaf der Ungerechten / Erwacht und lasst uns gemeinsam / besser fechten. 1956/57 eröffnete sich der DDR die Möglichkeit, wie China einen 3. Weg zu gehen. Doch die Verfolger und Raus­schmeißer siegten bis zum bitteren Ende.

 

G. Zwerenz, L- Bauer, J. Bloch, G. Zehm
Tübingen 1965:Gerhard Zwerenz, Leo Bauer, Jan Bloch, Günter Zehm

 

Ein in Tübingen am 80. Ernst-Bloch-Geburtstag aufgenommenes Foto zeigt Leo Bauer, Jan Robert Bloch, Günter Zehm, Gerhard Zwerenz. (siehe Folge 17) Zehm, der seine Gefängnisjahre in der DDR nicht verwinden konnte, befand sich bereits auf dem Wege in die rechte Karriere. Leo Bauer, nach dem Todesurteil und dessen Umwandlung zur Haft in Workuta, war trotzalledem ungebrochen und wirkte gemeinsam mit Herbert Wehner, Willy Brandt und Egon Bahr gegen die Gefahr kriegerischer Konfrontationen mit dem Ostblock und für Verständigung.

 

Jan Robert erwartete vom Vater die Korrektur der „Verbeugungen“, wie er später in verschiedenen Essays schrieb. Karola Bloch äußerte sich im Gespräch mit Ingrid mitunter etwas skeptisch über den Sohn. Ernst Bloch erkundigte sich nach dem Fortgang meines „Erbschafts-Romans“, wie ich die verwegene Absicht eines Buches über den Philosophen kaschierend nannte. Immer von neuem ging es um die Fragen der Sklavensprache, die Bloch junior als Verbeugung definierte und ablehnte, während wir sie als Strategie der Abwehr linker wie rechter Konter­revolutionen begriffen.

 

Die Angst vor der Freiheit, die in der DDR 1956/57 eine bitter notwendige Entstalinisierung verhinderte, ist so deutsch wie identisch mit der Angst unserer heutigen Macht-Eliten, die sich in den andauernden Kreisläufen von Krisen und Kriegen verfangen als gäbe es keine Alternative dazu. Die in der Einheit veruneinigte Berliner Republik weist Analogien zur Weimarer Republik auf. In der Angst vor der Freiheit gleicht die gegen­wärtige Politik dem SED-Politbüro von 1956/57, das den Kurswechsel scheute, bis es in der Kälte verkam.
Brecht: Es war einmal ein Kind / Das wollte sich nicht waschen …

 

Nach dem Wort des untoten Brecht noch einige Sätze des für uns untoten Jan Robert Bloch, der es schwer hatte, aus dem Schatten des Vaters herauszutreten, was ihm dann auch gelang. Sein Scharfsinn und seine Zuneigung werden uns fehlen. Wie gern hätte man ihm zum 80. Geburtstag gratuliert. Zu meinem 80. im Jahr 2005 mailte er:




Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 07.06.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   31.05.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz