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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 88. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  88. Nachwort

Keine Lust aufs Rentnerdasein



 

Chruschtschow: Weichensteller im Versuch – außerdem Stalinist, Anti-Stalinist, Reformator, Mauerbauer, gemeinsam mit J F Kennedy Atomkriegsverhinderer, auf dass wir überleben durften ...




Das Wort vom »Weichensteller«, mit dem die Süddeutsche Zeitung mich an meinem 80. Geburtstag erfreut und ermutigt hatte, nehme ich dankbar an und der Verweis auf die ver­hinderte Weichen­stellung mindert das Wort und den Wert nicht. Beides hebt im Gegen­teil unsere prekäre Situation hervor, die sich im 21. Jahr­hundert massiv zuspitzt. 1914 wurde der Welt­krieg nicht verhindert, 1939 gewollt, in der Kuba-Krise 1962 wurde der Welt-Atom­krieg erst in den letzten Minuten um­gan­gen, genauer gesagt: auf­geschoben. Die Not­wendig­keiten effek­tiver Media­tion, wie sie den Dreißig­jährigen Krieg 1648 mit dem West­fäli­schen Frieden zu beenden half, besteht bis heute in aller Dring­lichkeit fort, das Kriegs­risiko ist ständig virulent. Was kann der kleine Mann, ein Mensch wie du und ich dagegen tun? Was sonst als in listiger wie strenger Beschei­den­heit die eigene Weiche anders stellen. Wer die Weiche falsch stellt, fährt in die falsche Richtung. Wir stei­gen bei ihm nicht ein, sondern aus. So wie ich die ab 1933 ver­botene kleine Biblio­thek zu behüten und ver­teidigen half, verteidigte ich 1956/57 in Leipzig die scharf ange­grif­fenen Bloch und Lukács samt ihren Büchern. Es erscheint mir nötig, mit meinen eigenen Schrif­ten ver­tei­digend und attackierend linke Tra­ditionen fort­zu­setzen, gegen die der Zeit-Ungeist nun schon von einer Kriegs-Generation zur nächsten anrennt als wären Verdun und Stalin­grad noch zu erobern.
  Ohne mich. Ohne uns. Ich vertreibe mich zurück nach Leipzig als wären Ingrid und ich dort ver­blieben und Bloch nicht weg­ge­gangen, weil Bloch wie Karl May und seine Leser unkündbar zum Land zählen, weil die staats­amt­liche Geschichts­schrei­bung der Kor­rektur bedarf wie die Macht der Oppo­sition. Ich fühle mich freiweg als DDR-Autor, in Leipzig wohnend, wo wir unsere Welt von 1956/57 vertreten, ohne von poli­ti­schen Übel­krähen gestört und behackt zu werden. Wenn aber doch, defi­niere ich das frie­dens­durstig zu Spaß­vogel-Aktionen um. So mein Media­tions-Ange­bot, damals abge­schlagen, heute aktuell wie vor­gestern und auch noch über­morgen. Denn die blonden Bestien und die braunen Männer sind Ver­gangen­heit. Es ist Zeit, in anderen Kategorien zu denken. Chruschtschow auf dem Höhe­punkt der Kuba-Krise: »Es ist möglich, dass die ganze Menschheit untergeht.« Die plötz­liche poten­zierte Angst vorm Atomkrieg stiftete ihn wie Kennedy zum Einlenken und Ausgleich an. Aus­gleich als Auf­schub der Ver­nich­tung? Der Mord an Kennedy unter­brach die Chance der Mediation, der Kalte Krieg lief weiter bis heute. Eine Mediation, wie sie 1648 die Dreißig­jährige Völker­schlacht beendete, ist im seit 1945 an­dauern­den Kalten Wirt­schafts-Religions-Krieg nicht möglich. Den Barbaren fehlt es dazu an intel­lek­tueller Moral. Vom ES kommend, das ICH aussparend simu­lieren sie die Tragödie vom Über-Ich, zu deutsch vom Übermenschen.
  Adenauer, Erhard, Kiesinger, Brandt, Schmidt, Kohl, Schröder, Merkel – die heilige Familie der Übermenschen – mit Ausnahme von Willy Brandt, dem vater­losen Exilanten. Für heute und morgen sind die Weichen von Adenauer bis Merkel über Brandt hinweg falsch gestellt. Seit 1848 sind die Deut­schen, wenn auch recht unwillig, ein konter­revolu­tionäres Krieger­volk und, sozio­logisch betrachtet, eine Quasi-Kasten­gesell­schaft: Oben ist besser als unten, west­lich besser als östlich, rechts geht über links. Nach diesen Mustern lebend ver­banden sie indus­triel­le Spitzen­leistungen mit poli­tischer Irra­tiona­lität. Und Hoch­kultur mit inte­griert­en Sado-Maso­chis­men. Das Fehlen einer sieg­reichen Revo­lution ka­schier­ten sie, indem sie sich für den Ostteil eine Friedliche Revo­lution erfanden, mit der sie dann vereinigt wieder in viel­fältige Kriege ziehen durften. So kann ein Deutscher immer nach­einander Sieger und Besiegter sein. Es ist wie in der String-Theorie mit ihren zehn oder elf Dimen­sionen. Oben / unten, westlich / östlich, rechts / links, Sie­ger / Be­sieg­ter – jede Dimen­sion für sich und mit anderen an und für sich und der ewige Wechsel, z.B. Ver­sailles – Deutsch­land wird ver­traglich für besiegt er­klärt, Hitler nimmt Rache und kehrt das um, de Gaulle heiligt Adenauer, Kohl besiegt außer Moskau auch noch Paris, bis Merkel und Hollande in den Box­ring steigen und Schieds­richter spielen. Die String-Theo­retiker mit ihren multi­dimensio­nalen Raum­zeit­welten ver­kennen die gemeinsame Basis von Einsteins klarer Relati­vitäts­lehre und dem uner­klär­lichen Quanten­zauber: Die Basis eben ist und bleibt unser ein­dimen­sionales Kasper­letheater der Politik. Über den Fest­spiel­ort Bayreuth wird die nächste Wagner-Oper draus. Lauter Eliten aus Politik und Show­gewerbe reisen an. Prakti­zierende Polit­gespenster lassen sich dankbar von illu­minierten Helden­sängern auf­möbeln, der von Rudolf Hess beglei­tete Führer kehrt nach sechs Stunden Opern­genuss er­frischt und blut­taten­durstig aus dem Kultur­bereich in die akute Europa-Politik zurück. Hess, dem Friedhof in der Totale ent­ronnen, dirigiert den Unter­gang des Feier­abend­landes und hätte doch so gern des kleinen Mozart Zauber­flöte gespielt.

Max Hölz | Cover zum legendären Stülpner Karl: Beide Männer nur Vorbildfiguren aus DDR-Jahren?

 

Einen Katzensprung nördlich des Bayreuther Opern­tempels lebt der Freistaat Sachsen in voller Ope­retten­seligkeit vor sich hin. Das Institut für Wirt­schafts­för­derung (iwf) bezeichnet zwar viele Ost­deutsche als über­quali­fiziert, doch seien auch die meisten Klär­anlagen wegen der noch immer an­dauernden Ab­wan­derung über­dime­nsioniert. Das Wettiner Fürstenhaus hält die sächsi­schen Kunst­samm­lungen auch für zu um­fang­reich und verlangt kostbare Teile zurück, obwohl der Freistaat schon mehr als genug aus­lie­ferte. Die Episode der Revo­lutionen ist eben vorbei. Die Konter­revo­lution mästet ihre Günst­linge. Am Ende zahlen Sachsens Hartz 4-Emp­fänger eine Wettiner-Euro-Steuer an die not­lei­denden Prin­zes­sinnen und Prinzen. War da mal was? Der revo­lutio­näre Max Hölz er­trank im Exil in rus­sischen Gewäs­sern. Wieder­belebungs­ver­suche zweck­los. Hilft not­falls der wil­dern­de Stül­pner-Karl? Aus der DDR ist immerhin Merkel auf uns gekommen, von den Wohl­betuchten in aller Welt so gelobt und geliebt wie unsere moder­nen Panzer und U-Boote. Wohin geht die Fahrt, wer hält hier welchen Kurs?

Das wuchs so leise in mir heran, eines schönen Tages hatte ich es satt. Ich rede von den Arien der Selbst­verleug­nung. Begonnen hatte es mit dem Zwang, der von außen kam. Mein kindlicher Stolz, mir das Lesen mit Hilfe unserer Bücher selbst beigebracht zu haben, wandelte sich in un­gläu­biges Staunen, als ich erfuhr, diese Bücher seien ver­boten worden. Bald durchlebte ich die heim­lichen Freuden der List. Die Biblio­thek musste ver­teidigt werden, was Umsicht, Tarnung, Taktik ver­langte. Wenn ich auf dem Weg zur Schule von meiner Karl-May-Lektüre er­zählte und immer Zuhörer fand, weil ich als gelern­te Lese­ratte die größere Über­sicht besaß, dachte ich, wenn ihr wüsstet, was ich sonst noch so alles lese – ja wenn ihr wüsstet was ich weiß – ihr dürft es gar nicht wissen und ich darf euch nichts verraten.
  Das heimlich-unheim­liche Leben des Kindes im Dritten Reich. Als Schüler, Lehrling, Segel­flieger bei der Hitler-Jugend, Soldat bei der Wehr­macht – danach ging es weiter bei den sowjeti­schen Siegern. Als Deserteur, in Gefangen­schaft, bei der Volks­polizei, als Dozent an der Ingenieurschule in Zwickau, Student in Leipzig. Bis ich mir als freier Schrift­steller in der mitunter recht munteren Messestadt ein paar freie Worte erlaubte, weil ich alle Andeu­tungen, Anspie­lungen, Camou­flagen und Tricks so verdammt satt hatte. Von den Folgen berichte ich seither und schreibe darüber – und das nun seit sechsund­fünfzig Jahren, denn ich bin am 3. Juni 2012 ein unglaub­licher 87er geworden. Dabei hatte die sozial­fürsorg­liche Mutter DDR dem lungen­kranken 25jährigen schon 1950 die Rente einzu­reichen geraten. Ich ver­spürte keine Lust aufs Rentner­dasein, so wurde erst runde vierzig Jahre später was draus. Mit 65 statt mit 25 Jahren in Rente? Das ist nun auch schon wieder reichlich zwei Jahr­zehnte her. Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR, Bonner Republik kamen und ver­gingen mit ihren mehr oder weniger herrschenden Sklaven­sprachen. Heute gibt's die Berliner Republik, die ihre Ver­gangen­heit vor­bereitet. Offen gesagt, mich der Skla­ven­sprache der Berliner Republik zu be­dienen, die immer deutlicher zu Weimar Nummer 2 wird, ist mir zuwider. Das Le­ben ist für die unendliche Wieder­holung antiker Dumm­heiten zu kurz und zu wert­voll.

 

Gerhard Zwerenz:
Frühes Dokument

25 Jahre alt, schwerbeschädigt,
guter Rat: Rente einreichen


Die Folge 2 unserer Serie heißt »Wird Sachsen bald chinesisch?« Das ist eine schlank­weg optimis­tische Aussicht, der puren Sympa­thie ent­sprungen. Ich stelle mir vor, der Freistaat sei so frei, seine vier Millionen statischen Einwohner pluralistisch zu vergroß­städtern: Alle Vor­aus­setzungen sind vorhanden: Land und Leute, Natur sowie feste Grenzen und gute Traditionen. Was fehlt, sind Kapital, Ziel­bewusst­sein, Phantasie und Ermun­terungs­poten­tiale. Eine Hundert­schaft erprobter City-Erbauer aus China würde genügen, aus dem kleinen Land zwischen Pleiße und Elbe, zwischen Erzgebirge und Völke­rschlacht­denkmal die Zehn­mil­lionen-Metropole Pleiße-Elbe zu schaf­fen. Was Asiens Gelbe als Rote können, können Sachsens lang bewährte Rote schon lange. Sie ließen sich nur den Schneid abkaufen. Dazu gibt's keinen Grund. Die Sieger sind nicht besser als die Besiegten. Sie tun nur so.
  Heute im 2. Jahrzehnt des 3. Jahrtausends laufen wieder allerhand Fahnen­schwenker herum, schwafeln vom Patrio­tismus und dem Tod fürs Vaterland. Ich entdeutsche mich, wenn das um sich greift, zum sächsi­schen Patrioten im Ausland und rufe: Komiker aller Länder vereinigt euch in Lach­stürmen. Das ist meine Er­leuchtung. Salut Saxonia! Karl May schrieb nach seinen Abenteuer­romanen eine Reihe strikt pazi­fistischer Bücher, die auf den kriege­rischen Zeitgeist zielten, in Gemein­samkeit mit Bertha von Suttners Roman Die Waffen nieder! Was wurde aus allen diesen Mühen? Der 1. und 2. und der heute anhaltende 3. Weltkrieg. Höchste Zeit also, dass sowohl Suttner wie May auf­erstehen müssen. Und unsere Pazifisten Tucholsky und Ossietzky dazu.

Bertha von Suttner

 

Historisches Buchcover: Die Waffen nieder – kann nur ein Engel helfen?


Ein Vorschlag zur Güte. Machen wir Sachsen zur Welt­metropole. Sächsische Wan­der­arbeiter glbt's genug auf den Autobahnen. Finden sie daheim endlich Jobs, müssen sie nicht in die Schweiz, nach Bayern, Österreich, Holland und Dänemark sausen. Ehrte Bayerns Stoiber kurz vor seinem Abgang aus Bayern in Hanoi schnell noch den toten Ho-Tschi-Mlnh, um in Vietnam Auf­träge einzuheimsen, sollte Sachsen einen Kranz für Maos Grab spendieren und von den dortigen Sonder­wirtschafts­zonen lernen, wie der ehemaligen deut­schen Ostzone aufzuhelfen ist. Wenn in China Kapital und Kommunismus gemein­sam Gold machen können, erinnern Sachsen sich an jenen J.F. Böttger, der anno 1708 für den sächsi­schen König Gold hers­tellen sollte und dabei das Meißner Porzellan erfand, auch dies ein Gold, das den Chinesen schon im 7. Jahr­hundert gelungen war. Was hat das alles mit Karl May und Carl von Ossietzky zu tun? Mit May, Bertha von Suttner, nicht zu vergessen der ältere Friedrich Engels mit seinen eindring­lichen Welt­kriegs­war­nungen, begann eine Pazifizierung, die von Tucholsky und Ossietzky sowie der Weltbühne fortgesetzt wurde, bis das Dritte Reich mit Hitler auf- und einbrach. Wir benötigen dringend einen militant-pazi­fistischen Ossietz­kysmus, soll der Tod nicht wieder zum heroischen Meister aus Deutschland werden. Erinnern wir uns.1933 wurde die Linke ausge­schaltet, um ungestört Kriege vor­bereiten zu können. In Sachsen gibt es heute eine starke Links­opposition, die zur Klasse der Unbe­rührbaren verurteilt wurde, und so blühte dort weniger die Land­schaft als die einge­wanderte Korrup­tion. Nachdem wir vor einigen Jahren anfragten, ob Leipzig und Chemnitz bald chine­sisch würden, reiste der damalige Minister­präsident Milbradt prompt ins Land der Mitte, wo der kommunis­tische Kapitalismus gedeiht. Aber Vorsicht, ihr Christen­genossen, im roten China droht bei Bestech­lichkeit und Günst­lings­wirtschaft die Todes­strafe, die wir Pazifisten strikt ablehnen.

Rief ein Bayer in Vietnam Ho – Ho – Ho-Tschi-Minh?

 

Die Professorin und Publizistin im Clinch mit der Politikerin Angela Merkel


Am 28.8 2012 benannte stern-Autor Walter Wüllenweber die »Oberschicht« als »Verursacher der Finanz­krise.« Sein Klartext wird ebenso klar spez­ifiziert. Exempel: »In Griechenland ist das Privat­vermögen zwei­einhalb­mal größer als die Staats­schulden, in Por­tugal fast dreimal, in Spanien drei­ein­halbmal.« Und in Deutsch­land? Bei ca. zwei Billionen Staatsschuld gibt's ca. acht Billionen Privat­vermögen. Was also tun? Es werden Bil­lionen Worte pro­duziert. Das FAZ-Feuil­leton mar­schiert in jüngster Zeit fleißig mit der Kritik am Markt­fetischis­mus vorneweg. Am 9.8.2012 wird Angela Merkel kennt­nisreich gekontert. Ihre stur wieder­holte Meinung, dass der Markt immer recht habe, sei falsch. Und: »Die wahre politische Macht des Finanz­kapi­tals bemer­ken wir erst jetzt in Krisen­zeiten.« Aha! Und wer ist »wir«? Marco Herack, der das in der FAZ so offen formu­lieren darf, ist selbst Finanzguru, doch mit Durch­blick. Nur der Ausweg bleibt ver­sperrt. Den suchte am 4.8.2012 das Trio Bofinger, Habermas, Nida-Rümelin aufzu­zeigen. Europa brauche einen Ver­fassungs­konvent plus Volks­ab­stimmung. So rät uns das SPD-artige Trio wie vorher schon eine Gruppe ebenso braver Eierköpfe, die das Chaos ordnen wollen, indem sie es ver­größern. Rein marxis­tisch gesehen wäre eine kleine Re­volu­tion nötig, die aber ging vor nicht allzu langer Zeit in der großen Sowjet­union gewaltig schief. In Frankreich und Washington wiederum ist Re­vo­lution längst Vorge­schichte. Wagt nun wer an das immerhin bisher erfolgreiche China zu denken? Ist intel­lektuel­le Selbst­re­volution im Abend­land per Selbstreflexion etwa denkbar? Denkbar schon. Nur fehlen die Köpfe. Tat­sächlich gibt es noch bemühte Res­tbe­stands­anhänger der Marx-Leninschen Re­volutions­lehre. Die unver­dros­senen Genossen hoffen jeweils auf die nächste Re­vo­lution wie die Christen auf ihren Gott. Indessen wächst die Re­volte aus den eigenen Reihen der Kanz­lerin, von der doch alle Welt die Führungs­rolle erwartet. Wohin soll die Führung führen? Da präsentiert sich in der FAZ vom 3. August die ansehn­liche Lit­eratur­wissen­schaftlerin, Unter­nehmens­bera­terin, Publi­zistin, rechts­intel­lektuelle Pro­fes­sorin Ger­trud Höhler und versenkt ihre Christen­schwes­ter Angela Merkel in einem Feuer­werk femininer Feind­selig­keit, dass es nur so blitzt und kracht. Zwei Stuten­bissige, schräg und modisch formuliert, im Clinch? Dafür ist es dramatur­gisch zu perfekt durrch­gestylt. Aller Glanz der Polemik kann den tieferen Grund der Feind­schaft nicht verbergen. Doch worum geht es?
 Mich erinnert Ger­trud Höhler über ihre Attitüden an Karl Heinz Bohrers post­heroische Trauer wegen der herr­schenden lausigen Alltäg­lich­keiten. Inzwischen erdichtete Bohrer sich eine Kriegs­geschichte, die er Granat­splitter nennt, weil er reale Granatsplitter sich einzufangen glücklicherweise zu jung gewesen ist. Die FAZ schlägt ihm sofort die Werbetrommel. Warum auch nicht, ich lese Bohrer-Texte ganz gern, um den Autor begründet zu bedauern. Keine Bange, auch Neues Deutschland wird ihn wie die FAZ bald feiern. Rechter Stil-Adel spürt einander im Schlaf auf. Schon Heiner Müller war zu Ernst Jünger gepil­gert, um dessen durch­schos­senen Helm küssend gegen Wolfgang Harich anzuätzen. In Soldaten sind Mörder berichte ich von meinem Landsmann und Kameraden Wilhelm Strasser, der 1943 in Sizilien neben mir unter einem abge­schossenen Panzer liegend von einem Granatsplitter getötet wurde. Der Begriff Granat­splitter klingt mir anders in den Ohren als aus Bohrers Wortschatz. Offenbar eine sprachliche Generationen-Differenz. Solange unsere lite­rarischen Post­heroiker dem Heroismus nur auf dem Papier nachtrauern, bleiben sie als possier­liche Papp-Figuren im deut­schen Pro­vinz­theater erträg­licher als ihre helden­haften Vor­gänger in der Weimarer End­republik.

Bonns triumphaler Sieg über die DDR und die geschichtsblinde Installation westdeutscher Macht über die ostdeutsche Verlassenheit führten in Paris und London zu Ängsten vor wieder erstarkender deutscher Hybris. So siegte der Euro als Notnagel über die D-Mark und wer diesen Sargnagel nicht hinrei­chend bejubelte, hatte ausgedient wie die Leiche in der Kiste, die ihren Scheintod beteuernd von innen wie ver­rückt gegen den Deckel trommelt. Klio, die lahmende Göttin der Geschichte inklusive Wirtschaftsgeschichte kennt nur zwei Arten auferstehender Wiederkehr: Vorwärts zu Europa oder retour zu einem Haufen von Nationalstaaten. Beides kostet mehr als die Lemuren haben.
  2017 will die evange­lische Kirche ihren 500. Reforma­tions­tag feiern. Nicht Margot Honecker, sondern Margot Käßmann ist die Glaubens­beauf­tragte. Was wird sie wohl zu Thomas Münzer sagen. Die Lutherstadt Wittenberg ver­mittelt den Eindruck sanfter Verloren­heit. Gott wird Luther und Käßmann brauchen, um Leben in die Bude zu bringen. Was aber, wenn die Christen ihren Jesus und die demo­kratischen Sozialisten ihren Marx ganz real und ernsthaft revi­tali­sieren sollten bzw. wollten?
  Wegen der Weichenstellung und weil unsere christlichen NATO-Soldaten zu kriegerischen Missionen in alle Welt ausrücken – laut Mose 2/32 ließ Gott, wie sein Presse­sprecher Moses kundtat, »dreitausend Mann« als Strafe für den Tanz ums Goldene Kalb töten. Umge­rechnet auf heutige Zahlen wäre das ein atomarer oder Stalinscher Massen­mord. Ist Gott etwa Stalinist wie Stalin Gott war?
  Der katholische Büchnerpreisträger Martin Mosebach, der Blasphemie wieder verfolgen möchte, wird meine Erkun­dung hoffentlich nicht als strafbar empfinden. Man möchte doch wissen, wie der Fall zum 500. Reformations­tag für die protes­tan­tische Chris­ten­heit ent­schie­den wird. Heißt es bei Büchner »Friede den Hütten – Krieg den Paläs­ten« oder etwa Krieg den Hüt­ten – Friede den Palästen? Und wie viele Menschen dürfen laut Gott von den Gläubigen auf ihren radikal-frommen Missionen umgebracht werden? Für solche Anfragen erhielt ich, nebenbei bemerkt, mal den Alter­nativen Büchner-Preis. Den gibt's aber nicht mehr, weil die Alter­native fehlt.
  Ingrid findet eben in der jahrelang sich im Internet hin­ziehenden Diskussion über die Wehr­macht­aus­stellung ein kerniges Zitat: »Jener Baldur von Schirach, der dichtete ›Die Fahne ist mehr als der Tod‹, schickte die Fahnen­gläubigen in den Tod; er selbst überlebte auch das Spandauer Kriegs­ver­brecher­gefängnis. Denn nur die Dummen glauben daran und müssen dran glauben.«
  Nicht zu leugnen, diese Sätze sind von mir, wie es im Diskussionsbeitrag auch korrekt angegeben ist. In einigen Gebieten blieb offenbar die »versuchte Weichen­stel­lung« nicht ganz wir­kungs­los. Das freut den Autor.
Gerhard Zwerenz    03.09.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz