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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 17. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  17. Nachwort

Als Fassbinder in die Oper gehen wollte

 


Titel ist für einige Bücher von heute höchst aktuell

Rainer Langhans, Fritz Teufel
Klau mich
Edition Voltaire 1968
Das Buch bei Amazon  externer Link

Am 31.1.1976 veröffentlichte die Frankfurter Rundschau ein Interview von Wolfram Schütte mit Fassbinder:
„Sie sind von Frankfurt weggegangen und wollten, sagten Sie damals, nach Paris gehen. Nun sind Sie aber wieder in München hängengeblieben …

Ich bin nicht in München hängengeblieben Ich bin hier in München, weil ich hier einen Film mache (…)

In Frankfurt hatten Sie aber doch schon ein Stück geschrieben, das Sie dort am TAT ursprünglich aufführen wollten …

Ich wollte es auch danach am Theater machen. ›Der Müll, die Stadt und der Tod‹ führe ich nun aber nicht mehr auf (am Theater). Daraus hat nämlich mein Freund Daniel Schmid einen sehr schönen Film gemacht, der fertig abgedreht ist, geschnitten; im Augenblick wird er gemischt.

Spielen Sie da mit?

Ja, ich spiele eine von den Hauptrollen.

Ein weiteres ›Frankfurt-Projekt‹ ist der Roman Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond von Gerhard Zwerenz …

Das ist richtig. Nächstes Jahr im März und April werde ich den Roman in Frankfurt verfilmen.

Ein Film von normaler Länge?

Im Moment sieht es noch aus, als würde er unheimlich lang werden.

Haben Sie vor, ihn so umfangreich zu machen?

Ich werde ihn so lang machen, wie ich glaube, dass er's sein muss.

Und wie wird er finanziert?

Im Moment hat der WDR daran Interesse, und dann haben wir das Drehbuch der Projekt­kommission vorgelegt und dann mit Eigen­kapital; auf jeden Fall: wir wollen ihn mit etwa 1,5 Millionen Mark machen. Wir hoffen, dass das so klappen wird. Das wäre der erste Film, bei dem ich wirk­lich Geld habe. Das wäre die teuerste von meinen bisherigen Kino­produktionen.

Wenn ich jetzt an Ihre kurze Frankfurter Zeit denke, dann sind da doch ganz schön viele Reste übriggeblieben. Das Frankfurt-Stück, das Daniel Schmid verfilmt hat (und damit fürs Theater 'gestorben' ist) …

Ja, ich habe es fürs Theater gesperrt ...

...und das große Filmprojekt nach Die Erde ist unbewohnbar wie der Mond (Zwerenz) .

Ja, das hat aber viel mehr mit Zwerenz zu tun als mit Frankfurt. Ich bin überzeugt, ich hätte den Roman verfilmen wollen, auch wenn ich nicht in Frankfurt gewesen wäre. Was mich an dem Roman faszi­niert, ist, dass er Figuren ganz präzise beschreibt, dle durch das Leben krank geworden sind, das sie führen, die krank und verkrüppelt und zerstört worden sind durch die Stadt, am Beispiel Frankfurt. Ich kann mir zwar vor­stellen, warum er das über Frankfurt geschrie­ben hat, weil ich dort war; aber das trifft auf alle Städte zu. Ich habe noch nie so sehr verstanden, während ich den Roman gelesen habe, wie Leute krank werden, weil die gar nicht mehr anders können, als klein zu bleiben und abzusterben. (…)

Ich habe gehört, dass Sie zusammen mit Peer Raben eine Oper machen wollen?

Er sprach in Mün­chen mit Au­gust Ever­ding über Fass­bin­ders Opern­plan

Peer Raben hat Gespräche mit August Ever­ding geführt, um hier fürs Münchner Natio­nal­thea­ter eine Oper zu schreiben, und ich hab gesagt: ›Na klar, ich schreib dann halt auch gerne etwas, weil ich mal gerne eine Oper machen will, ein Libretto …‹

Interessiert Sie das Libretto oder die Insze­nierung?

Mich interessiert eigentlich mehr, eine Oper zu insze­nieren. Aber ich will – wie beim Theater – nicht machen, was schon da ist, ich will was Neues machen. Wie beim Theater: erst dann mache ich wieder Theater, wenn man das wie einen Film machen kann, also konkret, direkt zusammen mit Leuten, die sich dafür interessieren und davon betroffen sind; und nicht, dass man so Stücke liest und dann sagt: dieses Stück wollen wir jetzt machen; das mache ich überhaupt nicht mehr, dazu habe ich mich effektiv entschieden. Vielleicht gibt es das wieder: dass man an ein Theater geht, für zwei Monate, sagen wir mal, und da etwas macht, was mit einem zu tun hat. Und weil ich das so sehe, möchte ich auch lieber eine Oper machen, die aus Sachen entstanden ist, die mit mir etwas zu tun haben – wie die Musik von Peer Raben oder der Stoff.

Was ist das für'n Stoff?

Eine Geschichte von Zwerenz, über die ich jetzt nicht genauer sprechen will.“
Gerhard Zwerenez | Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder
Gerhard Zwerenz
Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder
Knaur 1983

Das Buch bei Amazon  externer Link

Das hier gekürzte Interview ist komplett in Der langsame Tod des Rainer Werner Fassbinder ab Seite 149 enthalten. Das Buch erschien 1982 im Münchner Franz Schneekluth Verlag und 1983 als Knaur-TB. Weshalb RWF an die Oper gehen wollte, erklärt er selbst. Weshalb er sich dafür Nedine oder die 15. Rose aus­suchte, lässt sich ahnen, liest man die Story. Sie ist eine nur 14 Seiten lange naive Liebes­geschichte. Als er mich auf den Text ansprach, reagierte ich unkon­zentriert. Die Schil­derung einer un­konven­tionel­len, geradezu frene­tischen Liebe zum Tod war für mich keine unge­wöhnliche Schreib-Arbeit gewesen. Anders sah ich das erst nach Fassbinders frühem Ende. Da die Geschichte als Zitat zu umfänglich wäre, soll hier nur der Schluss anzeigen, um welche Art von Liebes­doppel­mord es geht: „Als hätte er alles geträumt, lag die Geschichte hinter dem Ange­klag­ten. Richter und Staats­an­walt glaubten ihm, jeder auf seine Weise, nicht. Kropps Geschichte war dem einen zu einfach und dem anderen zu kompli­ziert. Weder der begut­achtende Psychia­ter noch die wenigen Zeugen ent­wirr­ten den Fall. Der alte wulst­lippige Richter meinte zwar daheim im Bett zu seiner Frau, es handle sich offen­sicht­lich um eine nicht gerade seltene Dreiecks­geschichte, und das Dumme daran sei, dass gerade dieser harm­lose Kropp an das Viel­liebchen Nedine geraten musste, das ihn ins Verderben gestürzt habe. Schließ­lich liege nun aber ein Ver­brechen vor, das gesühnt werden müsse. Mit diesem Gedanken ent­schlief der Richter. Andern Tags schickte er die Zeugen zur Gerichts­kasse und dann nach Hause, der psychia­tri­sche Gut­achter erhielt ein an­stän­diges Honorar und Kropp fünf­zehn Jahre schweren Kerkers.
Da schien alles ins Lot gekommen, der Gerechtigkeit war Genüge getan. Was Kropp betraf, so gewöhnte er sich ausgezeichnet an die Verhältnisse im Zuchthaus und gewann bald die Zuneigung des Personals, das seine gutwillige Fügsamkeit lobte.
In Wirklichkeit liebte Kropp die tote Nedine so, dass kein Platz blieb in seinem Herzen für andere Gefühle. Denn er war von der Rasse der Unbedingten.
Bis zu jenem Morgen, an dem es genug war, an dem sie die Tür öffneten und Krapp nicht in der Zelle fanden, in der er sieben Jahre lang gesühnt hatte. Da blieb ihnen zur Begutachtung ein loses Brett, das sich aus den Dielen heben ließ und einen schmalen Gang freigab, der in die Erde und jenseits der Kerkermauern ins Freie führte, dort aber von Holundergebüsch verdeckt wurde, weshalb die im Stadtpark zu Dageran flanierenden Bürger nichts von der Flucht bemerken konnten.
Soviel man sich auch mühte, man fand Krapp nicht mehr; nur auf den Gräbern Nedines und Hareks lagen je sieben rotglühende Rosen, und der Stadtgärtner beklagte sich überall wortreich, weil ihm jemand über Nacht fünfzehn der kostbarsten Blumen gestohlen hatte.
Fünfzehn? wird man fragen, da doch auf den Gräbern Nedines und Hareks nur je sieben, zusammenqenommen vierzehn Rosen lagen? Und wo blieb die fünfzehnte?
Die alte chinesische Weisheit antwortet: Ein Liebender trägt eine Rose im Mund, und Blut tropft von seinen Lippen.“

Sorge wegen anekdotischer Abschwei­fung

Bei der Leipziger Lesung am 19.11.09 im Haus des Buches sprach mich der moderie­rende Poeten­laden­betrei­ber Andreas Heidtmann auf Fass­binder an, was ich ein wenig er­schrocken ab­blockte, weil ich wohl fürchtete, in der Kürze der Zeit anek­dotisch abzu­schwei­fen. So nahm ich mir vor, zumindest die Opern­episode nach­zuliefern. Was hiermit geschah. Bleibt anzu­merken, der Text enthält einen wahren Kern aus der Zeit kurz nach dem Ende des 2. Welt­krieges, als Liebe und Tod in der Vermi­schung ein uner­wartet Neues hervor­brachten. Als wär's ne reale Oper.
Die reale Oper des Zeit­geistes komponiert sich inzwischen das 21. Jahr­hundert selber zusammen. In den feuil­letonis­tischen Unter­ständen post­moderner Epochen­zwerge herrscht Aufregung. Das Gespenst der digitalen Evolution (FAZ vom 6.2.2010) geht um. Oder ist iPad gar ein Revo­lutionär? Das Risiko Staats­bankrott (FAZ) droht für über­morgen sowieso. Und noch er­schreckender: Das Internet bereichert und bedroht unser mensch­liches Ge­hirn. (FAZ 5.2.2010) So jammern die Hirn­losen. Aber: Das iPad ist nur eine Fern­bedienung. Ja was denn nun? Da wir einmal im Februar 2010 sind – am 3.2. zeichnete Rainer Hachfeld in Neues Deutschland einen heiligen Schwarz­kittel. Überschrift: Jesuiten­gymnasium – und noch bibli­scher: Lasset die Kindlein zu mir kommen… Der Lehrer trägt vorn unterm Rock die erektive Aus­buch­tung, ohne die der umge­triebene Pädo­phile nicht bei der Stange bleiben kann. Steckt unterm Priestergewand ein iPad von Apple, ein iPhone oder bloß das ganz gewöhnliche Handy von Lidl für oralen Sex? Dann lassen wir die Kirche aus dem Spiel, die bleibt sowieso im Dorf der Dauer­wichser, was einst über Nietzsche schon neben­bemerkt wurde.
Heute beklagen die Herren von der Presse den Informations-Tsunami vom Personal-Computer bis zum iPod und wohin das alles denn noch führt. Das Jammern im Feuil­leton über die schrumpfenden Werbe-Ein­nahmen der mit­schrump­fenden Blätter schwillt an. Das mailt und googelt, twittert, zitiert und zittert und erkennt in Helene Hegemann die Heilige von Plagia­tien. Was den Dresdnern ihr schiefer Tellkamp-Turm vom Weißen Hirsch ist, gibt den Berlinern ihr anonymisch-pseudo­nymisches Potpourri der Selbst­erfahrung übern Maus­klick. Vom Augen- und Ohren­schmaus zum Augen- und Ohrenklau. Die tüchtige Jungfer sucht ihr Glück per Handarbeit wie der Jesuiten­pater als Lehrer in der Hose der Jungen. Dazu der FAZ-Leitartikel vom 13. Februar: Dynamik des Skandals. Das ist der Genuss am Arsch bourgeoiser Götter – ein Tabu statt gebrochen erbrochen und kunstvoll aufbereitet zu neuen feuilletonistischen Kotz­brocken. Das letzte Wort hat die FAZ vom 9.2.: „Die Figur, die Hegemann entwirft, gewinnt mit jeder Seite an Kontur …“ Dazu passt: „Das Buch ist ein Spiegel. Wenn ein Affe hineinschaut, kann kein Apostel heraus­blicken.“ Heute wär's Usus, den Autor der schönen Erkenntnis zu verschweigen. Pustekuchen. Es ist G. C. Lichtenberg. Das mainische Verlaut­barungs­organ verkündet die Entriegelung der Sinne. Tatsächlich wird der Schrott verfeatchert, der Kultur genannt wird von den Verwer­tern des Bankrotts, der die Hirne mit den Banken gleich­schaltet, damit das Ende synchron werde.

Goethe zu Helene Hegemann
und Harald Schmidt

Als Harald Schmidt spätabends Helene Hegemann seinem zeit­geistig intel­lektu­el­len Publikum prä­sen­tierte, dröhnte es aus Auerbachs Keller: „Ein alter Bock, wenn er vom Blocks­berg kehrt, mag im Galopp noch gute Nacht uns meckern.“ Darauf Siebel: „Es ist mir eine rechte Kunst, den armen Ratten Gift zu streuen.“
Schmidt und Hegemann als Liebes­paar und Vorhang zu? Es ist Fassbinders verhinderte Oper als Parodie. Der Tote führt Regie, alle­mal lebender als das Personal vereinig­ter Hoch­stapel­kulturen.
Die am 13. Februar in Dresden ange­reisten und dort abge­wie­senen Natio­nalen drohen schon am 5. März in Chemnitz auf­zu­mar­schieren. Tat­säch­lich sind mit Dresden, Chemnitz und Leipzig alle drei großen Städte Sachsens im 2. Welt­krieg Ziele und Opfer west­alli­ierter Flächen­bombar­dements geworden. Es gibt drei Möglich­keiten des Ge­den­kens: 1. Wie alte und neue Nazis die anglo-ameri­kanischen Flieger wegen Kriegs­ver­brechen an­klagen. 2. Die Erin­nerung geschieht mit reli­giösem Touch, als stille Mischung von Toten­sonntag, Buß- und Bettag, Volks­trauer­tag. 3. Das Gedenken fügt der traurigen Rückschau eine akti­vie­rende Schau nach vorn an mit der Frage: Sind Kriege zu ver­hindern und wenn ja, was kann ich tun? Mit dieser anti­kriege­rischen Exis­tenz­frage waren wir schon mal weiter als heute.
Am Sonntag, dem 14. Februar d.J. gab es in der ARD Kölner Karneval und bei Phönix vor applau­dierendem Publikum eine der landes­üblichen tv-Diskus­sionen über unseren Krieg in Afghanistan. Die Herren spielten ihre Rollen profes­sionell. Der Kriegs­minister war von und zu, der Außen­politiker von der Süd­deutschen Zeitung täuschte den Part eines globalen Journalisten vor, ein NATO-General sprach auch so, Tom Koenigs von den ehemals friedens­bewegten Grünen könnte die Waffen, die er einst den Vietkong schenkte, afghanischen Dorf­schützern gegen die Taliban umwidmen. Außerdem dabei Moderator Minhoff, der einige Male keck nachzufragen wagte und Gregor Gysi samt seinem zu Recht wiederholten Einwurf, solche Aufstände könnten nie durch Militär besiegt werden. Darauf beharrend bezeugte er seinen und seiner Partei guten Friedens­willen. Historisch aber bleibt das strittig. Alle die aufzählbaren Kriege westlicher Werte­gemein­schaften waren und sind Kreuzzüge, bewaffnete „Missionen“ und abgetarnte oder offene „Kriegs­einsätze“ zur Bewahrung und/oder Ausweitung eigener Macht. Gysi ist als allseits beargter Spitzen­politiker an ein Minimum von Diplomaten –, ergo Sklaven­sprache gebunden. Rosa Luxemburg oder Karl Liebknecht hätten an seiner Stelle in dieser Runde energisch Nie wieder Krieg! ausgerufen. Dieser Satz plus Ergänzung durch Nie wieder Faschismus war bis zur deutschen Einheit eine Ost und West verbindende Linie. In der Folge von 1989/90 wurde das Wider­stands- und Friedens­band zerschnitten. Inzwischen ist es zu spät geworden für verbal­diplo­matische Disziplinen. Nie wieder Krieg heißt auch Ende mit Krieg! Das verlangt erst einmal die ehrliche Sprach­revolte als Beginn pazifis­ti­scher Revolution. Die Phönix-Runde vom Pariser Platz war nichts anderes als eine bemühte Fortsetzung der ARD-Karnevals-Sendung vom selben Abend. Die Kölner Jecken aber böllern nur statt scharf­zuschießen. Das Volk ist mitunter klüger als seine gewählten oder beamteten Sprech­automaten.
Das alles fügte sich in Fassbinders unvollendeter Oper in Fortsetzungen. Die Frage bleibt, wie öffnest du dir die Medien? Wer darf Oper, Theater, Kino, Fernsehen, Presse bedienen ohne als Bediener zum Diener fremder Herren zu werden? Erbrachte Helene Hegemann nicht eine revolutionäre Tat, als sie, die Rechtslage souverän missachtend, ihr Girliezimmer durch ein per Medien zusammen­gestohlenes Meublement zur Laster­höhle aufpeppte? Nebenfrage: Wie wird der Mensch heut­zutage Urheber, Schrift­steller, Dichter und gar Poet?
Was das sakrosankte Copyright betrifft, katapultierten Rainer Langhans und Fritz Teufel im Voltaire Handbuch 2 einst ihre Weisheiten unter dem listigen Titel Klau mich in die Welt. Unterzeile: „Wir haben geklaut bis zum 1. Sept. 68“.So geht die alte APO ins Anti-Opa-Zeitalter von heute über und Tellkamp / Hegemann sitzen trium­phierend im Olymp der putzigen Postmoderne. Du kannst als Dichter aber auch direkt in die Politik wechseln und Biographien absondern. Niemand liest das Zeug. Die Parteigläubigen kaufen es zum Füllen der Lücken im Bücher­schrank. Der Politiker kann seine Lebens­geschichte auch auf Eis legen, sich in der Weltwirtschaft ne goldene Nase verdienen und danach, bevor der Krebs ihn auffrisst, den eigenen Hof­bericht­erstatter spielen. Ein National- oder Nobelpreis ist immer drin, lügt der Raffke sich seine Version so meister­haft gewissenlos zusammen wie die voran­gegangene Politik, diesen ersten Karriere­sprung ins Himmelreich irdischer Gottheiten im Zeit­alter abendländischer Hochkultur.
Fassbinder wollte nur in die Oper gehen, um dort neue Töne zu erproben. Inzwischen leben wir inmitten einer aufgedonnerten Insze­nierung von Richard Wagner. Gewisse Helden­tenöre suchen uns heim wie einst die Bomben Wagners Heimatstadt Dresden.
Bei kommenden Wahlen muss sich zeigen, ob die jugendlich-neue Piratenpartei ihre Chancen wahrzunehmen versteht. Die bisher letzte und insofern neueste Partei, genannt Die Linke hält sich im Moment mit ca. 10/11% zwischen möglichen 20% und dem Absturz unter 5%. Ihre Aus­richtung auf Lafontaine und Gysi war förderlich, koppelte sie jedoch an Alter, Gesundheit und Wohlergehen zweier solitärer Spitzen­piloten. Schwächeln sie oder fallen gar aus, droht regionaler Zerfall. Denkbar wäre eine feminin dominierte Zukunft mit tüchtigen Frauen, was einen Vergleich mit dem Christentum des alten Rom nahelegt, doch auch wenn die römische Untergrundkirche weiblichen Gläubigen ihren Auftrieb verdankte, landete sie bald bei der chronischen alten Priesterkaste, obwohl Rom früher eine Vision zu bieten hatte, die heute längst zum Teufel gegangen ist.
Das bringt unser 15. Nachwort in Erinnerung, in dem von Irmtraud Wojaks Fritz- Bauer-Biographie gesprochen wird, die zu rezensieren die FAZ ausgerechnet den Prof. Manfred Kittel beauf­tragte, der dem Hessischen General­staatsanwalt prompt die klebrigen Abson­derungen seiner schwarzen Ironie aufs Grab schmierte. Inzwischen schlug der Blitz der Erleuchtung gleich zweimal in jener Chef­redak­tion ein, nachdem von der Süddeutschen Zeitung bis zum Spiegel allerlei Auf­klärung drohte. Am 20. 2. 2010 dämmerte den FAZ-Hausgeistern, der Bund der Vertriebenen sei in die Nazizeit „bis zur Harmlosigkeit verstrickt.“ Eine geniale Ver­harm­losung von Seiten treuer Sklaven­sprach­künstler. Immerhin wird Prof. Kittels Schwarz­mäntelchen gar zweimal gelüpft, denn er sei „der falsche Mann für die geschichts­politisch brisante Leitung des Doku­menta­tions­zentrums“ der Vertriebenen.
Mindestens seit Joachim Fest, der sich von Albert Speer „an der Nase herum­führen“ ließ, die ja beide in Fassbinders Oper auch eine Rolle spielen sollten, zeigt das Frankfurter Banker-Blatt eine fatale Vorliebe für falsche Männer.
Man stelle sich den letzten Akt illustriert vor: Ein DDR-Stasi-Mann informiert den General­staats­anwalt über Eichmanns geheimen Aufent­halts­ort. Fritz Bauer konnte zwei Fehler begehen. Das Geheimnis, weil aus dem Osten, ignorieren oder an die von Nazis durchsetzte BRD-Justiz weiterreichen. Bauer informierte statt­dessen sicher­heits­halber die Israelis. Ein Halb­jahr­hundert später kreidet ihm diesen Schritt ein deutscher Rechts­historiker in aller Öffent­lich­keit übel an. Viel­leicht war Prof. Kittel oder sein Rezen­sions-Auf­trag­geber nur besoffen? Das wäre noch eine am wenigsten arge Inter­pretation, die Fassbinders Oper aller­dings ver­fremdete zur Frankfurter Allge­meinen Seifenoper.

Fassbinder vor dem Sprung in die Oper – es war die Isar und nicht der Main.

Fassbinder dagegen: „Meine Theorie über die Oper besteht überhaupt darin, dass ich denke, dass Oper erst da anfangen kann, wo Menschen keine Möglich­keit mehr zu sprechen haben, wo ihre Gefühle so über­mächtig werden, dass sie einfach nur noch singen können. Und das ist so eine Geschichte, bei der ich mir das vorstellen kann. Es soll eine Oper werden, durch­kompo­niert, die in einem Klima, ständig an End­punkten von Gefühlen sich bewegt und wo man nur noch singen kann. Bei vielen Opern weiß ich nicht: warum ist das gesun­gen? Bei Verdi zum Beispiel weiß ich das, warum das gesungen ist …“

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 08.03.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   01.03.2010    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz