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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 36. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  36. Nachwort

Dekonstruktion oder Das Ende der Verspätung ist das Ende


  Marxbrüder: Georg Lukács und Ernst Bloch statt Panzerarmeen


Das Dutzend Leipziger Jahre Ernst Blochs war der Versuch, die Stadt von der Pleiße ans Meer zu verlegen. Das Wasser floss sowieso mit der Elbe zur Nordsee und in den Atlantik. Wer zurückblieb, litt an einiger Verspätung. Mein philosophischer Hauptsatz lautete wie der Titel sagt: Dekon­struktion oder das Ende der Verspätung ist das Ende. Der Witz ist, dafür brauchte ich gar keine Philosophie. Sie formulierte mir nur meine Lebens- und Todeserfahrung. Soviel zum Titel und nun zur Sache: Das Konzept meines Bloch-Romans bezog die Berlin-Leipziger Geschichte der Dekonstruktion ein. Im Gegensatz zu den Pariser Meisterdenkern, bei Sartre angefangen, verzichteten wir auf die Linie von Nietzsche zu Heidegger. Als 1927 Heideggers Sein und Zeit erschien, wollten Brecht, Benjamin, Bloch und Günther Anders eine Zeitschrift gegen Heidegger gründen. Als Prinzip sollte „eingreifendes Denken“ dienen. Es griffen aber Hitler und Stalin ein. Panzerarmeen statt Ideen. Das schreit nach Gegenwehr. So schwenke ich elegant um auf unsere Marx-Brüder Georg Lukács und Ernst Bloch. Existen­tialismus oder Marxis­mus-Erbschaft dieser Zeit. Die Geistesbrüder L und B begleiteten den Gang des revo­lutionä­ren Marxismus vom 1. Weltkrieg bis zur Niederschlagung des ungarischen Oktoberaufstands von 1956, der für beide auf unterschiedliche Weise das offizielle Aus bedeutete. Von da an zählt der Theoretiker und Praktiker L zur Historie der Oktoberrevolution in ihren auf- und absteigenden Phasen. Der Philosoph B, der nie als Theoretiker oder Praktiker der Partei auftrat und lediglich als verbundener Linksintellektueller gegolten hatte, geriet Anfang 1957 nachdrücklich in Acht und Bann. Während L als spezielle Geschichts­figur erinnert wird, führt B als Philosoph ein seltsames Nachleben. Für die Feinde links wie rechts gilt er als toter Hund. Für die Blochianer beginnt seine Wirkung erst. Beides ist so falsch wie richtig und aus diesem Konflikt resultiert die Wirkung.

 

Als Bundeskanzler Schmidt 1977 bei Blochs Tod bedauerte, mit seinem Wunsch nach einem Gespräch über die Utopie zu spät gekommen zu sein, ahnte er nicht, dass seine Utopie-Vorstellung längst veraltet gewesen ist. Das war übrigens schon seit Marx und Engels der Fall. Doch darüber war bei Schmidts philosophischem Favoriten, Meister Popper – Sir Karl Raimund Popper – nichts zu erfahren.

 

Unser Buch Sklaven­sprache und Revolte speist sich aus zwei Quellen. Die eine ist Der Mensch in der Revolte von Albert Camus, die andere ist Ernst Blochs Sprach-Revolte. Wir unterscheiden vier Variationen von Sklaven­sprache: die naive, die taktische, die strategische, die poetologische. Der Naivling redet als Knecht wie der Herr es will. Taktisches ist zu vernehmen, ist der Sprechende unzufrieden, gar rebellisch geworden und schimpft. Die strategische Sklaven­sprache nutzt den Duktus, überschreitet aber die Klassengrenzen ins Radikale. Die poetisch-poetologische Form ist ästhetische Revolte. Ernst Blochs Aufforderung, Schach statt Mühle zu spielen, ist als Metapher das Resultat einer Dekonstruktion plus. Die Dekonstruktion wird in einem Satz von Camus plausibel: „Alle modernen Revolutionen haben mit einer Verstärkung der Staatsgewalt geendet.“ Bloch gibt der fatalen Analyse das Plus hinzu: Schach statt Mühle hieß: Reform im Sinne einer zweiten Revolte, also weder zurück zu Stalin noch Selbstaufgabe vor dem Tod im Kapital.

 

Descartes verkehrt:
Ich denke, also bin ich nicht.

Auf Lenin und Trotzki folgte der schre­ckens­geile Stalin, sperrte seine Genossen Marxisten in die von ihm oft falsch inter­pretierten Zeilen ihrer Klas­siker ein und setzte sich selbst an die erste Stelle. Danach hockte, wer nicht aus­geschlos­sen werden wollte, in den Klas­siker­zita­ten wie ein Häft­ling in der Kerker­zelle. Jeder eigene Gedanke wurde zum Feind erklärt. Descartes verkehrt: Ich denke, also bin ich nicht. In der Tat aber waren Marx und Engels die ersten Dekon­strukteure. Von 1848 an standen Bourgeoisie und Kapital­akkumu­lation so nackt da wie der Kaiser im Blick des Kindes: Durch­schau, Erkenntnis, Defini­tion, Dekonstrukt. Und was dann?

 

 




Marburg – einst tiefrot




 

Kaum hatte ich dem Prof. Holz auf seinen niedlichen Anti­kommunismus-Vorwurf in der jungen Welt geantwortet, druckte die auf­merksame FAZ am 24.7.2010 eine so detailreiche wie genaue und selbst­ironi­sche Rückschau von Ulrich Raulff auf seine Studenten­zeit im ehemals tiefroten Marburg ab. Erinnert wird an unseren alten Freund Wolfgang Abendroth, der sich ein Jahrzehnt vor uns in den Westen rettete, und an den eben zum Professor berufenen Hans Heinz Holz, einen „Mann von ähnlicher Prägnanz wie Abendroth und großer persönlicher Eleganz, aber auch von einer bestürzend ver­steinerten, marxistischen Dogmatik.“ Das ist glänzend gesehen und formuliert, bloß die Marx angeheftete Dogmatik riecht mehr nach FAZ-Schule als nach Marburg. Wir kehren von dort nach Leipzig zurück, wo Nietzsche am Pleißenufer predigt: „Seht, ich lehre euch den Übermenschen: der ist dieser Blitz, der ist dieser Wahnsinn!“ Heißt Friedrichs Übermensch Walter Ulbricht? Nicht grundlos stellte ich ihn 1966 in einem Büchlein dem Übermenschen Adenauer zur Seite, d.h. entgegen, das war außenpolitisch gezielt, innenpolitisch versagte unser Sachsen-Heros exakt im Oktober 1956, so wurde daraus eine Leipziger Oktober-Konter­revolution. Kommandiert vom Über­menschen Stalin hatte Ulbricht klammheimlich seine DDR als sozialistischen Staat soweit etabliert, dass 1956 die Abnabelung von dem seit 1953 neben Lenin einbal­samierten und ausgestellten Großmogul Wissa­riono­witsch an der Zeit gewesen wäre. Im Berliner Politbüro und ZK warteten genügend Geburtshelfer auf ihre Stunde. Da lieferte der Spiegel Fotos von in Budapest gelynchten Genossen. Wollt ihr so enden? fragte Ulbricht. Sein Nothelfer wurde Paul Fröhlich, Statthalter von Leipzig, sein kulturelles Exekutiv­organ hieß Siegfried Wagner. Ein Siegfried wie von Richard Wagner erfunden. Der wahre Übermensch Fröhlich war erst Kommunist, dann Wehr­machts-Feldwebel und Koch, später Ulbrichts Retter aus höchster Not.

 

Soweit ist die damalige Situation übersichtlich. Wie aber werden daraus heutige Bühnenszenen und Dialoge? Soll ich selber meine Texte in Auerbachs Keller vortragen? Kafka würde mich wohl einlassen, doch wer mag schon freiwillig Walter Ulbricht spielen? Vielleicht H.H. Holz? Vielleicht bequemt sich der Professor zu einer Doppelrolle. Soviel zur Comic-Serie des Romans, der ein Bühnenstück vorführen soll, weil Faust samt Mephisto es erwarten. Da steh ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor. (Der Tragödie erster Teil: Nacht.)

 

Im Jahr 1951 erschien von Georg Lukács im ostberliner Aufbau Verlag Existen­tialismus oder Marxis­mus? Ein Buch, das mir für meine Dozenten­tätig­keit an der Ingenieur­schule Zwickau hoch­will­kommen war. Sartre, Frank­reich, Existen­tialis­mus waren en vogue. An dem Band arbeitete ich mich ab wie Theologen an der Bibel. Zwei Text­stel­len pro­gram­mierten mein weiteres Leben, was ich bald schmerz­lich erfahren sollte. Dabei fing es gut an. Auf Seite 49, vor nunmehr 59 Jahren grün und rot unter­strichen, ist zu lesen: „Ernst Bloch, der bekannte deutsche anti­faschis­tische Schrift­steller, stellte zur Hei­deg­ger­schen Theo­rie des Todes, aus der die Jaspersche Pri­vat­moral durch den einfachen Prozess der Verwässerung hervorgeht, folgendes fest: ›Der ewige Tod als Ende macht die jeweilige gesell­schaft­liche Lage des Menschen so gleich­gültig, dass sie auch kapitalis­tisch bleiben mag. Die Bejahung des Todes als des absoluten Schicksals, als des einzigen Wohin ist für die heutige Gegen­revolution dasselbe, was für die alte der Trost des Jenseits war.‹ (Blochs Buch ist 1935 erschienen.) Diese treffenden Bemerkungen beleuchten auch die Tatsache, weshalb die Popu­larität des Existen­tialismus nicht nur bei Snobs, sondern auch bei Schriftstellern der Reaktion wächst.“

 

Die Sache mit dem Tod und seiner Überwindung war mir zugleich lieb und fremd. Da tummeln sich neben den Pastoren noch die Philo­sophen. Ich war im Krieg ein paar Mal abgekratzt, der Sachse bleibt existenz­bedroht nicht eiskalt, aber nüchtern. Als ich Anfang 1952 nach Leipzig fuhr, (siehe Folge 7 Reise nach dem verlorenen Ich) diesen Professor gegen Tod und Kapital aufzusuchen, klemmte ich mir den Lukács-Band untern Arm. Das hat mit der zweiten Lukács-Passage von Seite 59 zu tun, die mir nicht aus dem Kopf ging: „Der Faschismus ist geschlagen. Nicht nur mili­tärisch und politisch, auch moralisch. Dies aber eher in objektiver Hinsicht als subjektiv. Vor allem: Die Faschisten sind geblieben. Und nicht ohne Unter­stützung jener ›demokratischen‹ Strömungen, die in ihnen eine brauchbare Reserve gegen links erblicken. Dies bedeutet auch eine Abdämpfung des ideologischen Kampfes gegen den Faschismus. Vor allem aber eine volle Toleranz jenen Welt­anschau­ungen gegenüber, die den Faschismus geistig und moralisch vorbereitet haben (Nietzsche, Spengler, Ortega y Gasset, Heidegger). Der Einfluss dieser Strömungen ist auch in der politisch linken Intelligenz beträchtlich. Die neue soziale und politische Lage drückt sich also weltanschaulich sehr kompliziert und wider­spruchsvoll aus, ist aber weit entfernt von jener radikalen Abrechnung mit dem prä­faschistischen und faschistischen Erbe, die Optimisten von der NiedSerlage Hitlers erwarteten.“

 

Georg Lukács, der sich 1951 für uns so luzide contra Irrationalismus äußerte, wurde ein halbes Jahrzehnt später auf Anordnung Walter Ulbrichts von Paul Fröhlich in Leipzig zum Konterrevolutionär erklärt. Mit ihm zugleich Bloch, Mayer und andere, indirekt auch Brecht. Wer spielte hier verrückt? Im Oktober 1956 schlägt die Sowjetarmee in Budapest den ungarischen Aufstand nieder. Lukács verschwindet spurlos. Bloch bittet Walter Janka, Lukács rauszuholen. Janka will mit Hilfe Bechers ein Flugzeug schicken, was Ulbricht verhindert. Bloch ist wütend. Becher sucht Bloch telefonisch zu begütigen. Erreicht nur Karola Bloch, die ihm die Leviten liest. Einem Abgesandten erläutert Bloch seine Gesprächs­verweigerung mit der Auskunft, er wolle „Lumpen nicht garnieren“. Becher hört von einer bevorstehenden Ulbricht-Aktion gegen Lukács und Bloch. Setzt von einem Tag auf den anderen ein Treffen in Leipzig an. Fährt hin. Das Treffen wird verhindert. Becher fährt tags darauf nach Berlin zurück. An diesem 28. November 1956 schreibt Ulbricht seinen Brief an Paul Fröhlich in Leipzig, mit dem die Anti-Bloch-Kampagne, die der Kulturminister Johannes R. Becher abblocken wollte, einsetzt. Die von Becher für den 27. November geplante und von Gegnern torpedierte Zusammenkunft findet nun, von Fröhlich im Auftrag Ulbrichts organisiert, am 30. Januar 1957 in der Leipziger Kongresshalle statt. Statt der 60 bis 70 Personen werden mehrere hundert Kulturarbeitergenossen herangekarrt. Ich glaubte meinen Augen und Ohren nicht trauen zu dürfen, als mein Freiheitsgedicht Hauptziel der Angriffe wurde. In den Tagen darauf änderte sich mein Selbstverständnis. Politik und Philosophie konnte ich nur noch als humoristische Einlagen bewerten. Comics total im heutigen Sinn, Kabarett eben, von Zeit zu Zeit mit polemischen Vorstößen vernetzt, man will schließlich auch selber seinen Spaß am Schimpfen haben.

 

        




Rodenberg-Wagner-Hager:
Ein Säuberungs-Dreigestirn
(von links nach rechts)


 

Die Mutter der Freiheit heißt Revolution war am 1. Juli 1956 in der Kultur­bund­zeitung Sonntag erschienen. Der schöne Titel geriet unter Trotzkismus-Verdacht. Walter Ulbricht konnte ihn auswendig, Paule Fröhlich kochte über, sein Kultur­sekre­tarius Wagner heftete sich fleißig an meine Fersen. Der Leser dieser Auf­zeich­nungen weiß Bescheid – vom 1. Juli 56 bis zum 30. Januar 57 war ich mit der Ver­teidigung des Gedichts beschäftigt. Es folgten Gespräche, Ver­warnungen, Drohungen und am 1. Juni 57 der Partei­aus­schluss. Inzwi­schen war der Kampf gegen Bloch voll entbrannt. Wären die Herren noch bei Troste gewesen, hätten sie stattdessen eine Leipziger Denkfabrik gegründet, ein Hoff­nungs & Zukunfts-Institut zur Verhinderung des partei­sozia­listi­schen Untergangs in Einheit von Berlin bis Moskau, dem allein China widerstand. Warum überlebte China den sowjetischen Untergang? Und warum wagten unsere ost­deutschen Genossen nicht ihren eigenen (3.) Weg?

 

Meine liebenswürdigen Strophen gerieten in den Ruch des Trotzkismus. Na und? Gegen Trotzki sondern heute noch die werten Verfassungsschützer jede Menge Angst ab. Es geht ihnen um die Verteidigung der Freiheit am Hindukusch.

 

Zur Bundespräsidentenwahl im Juni 2010 trat Joachim Gauck als verbaler Freiheitskämpfer auf, wobei er sich, von SPD und Grünen lanciert, stets gegen links wandte, wie es fest in der Tradition der Deutschen Christen verankert ist. Dazu Meyers Kompakt-Lexikon 2004: „Deutsche Christen, unter Einfluss des Nat.-Soz. entstandene kirchl. Bewegung, erstrebte die Machtübernahme innerhalb der dt. ev. Kirchen; in Abwehr gegen diese Formierung der Bekennenden Kirche.“

 

Mein kleiner Freiheitsdurst ist von anderer Art. Zugegeben, ich war und blieb so etwas wie ein trotz­kistischer Blochianer, hochgestochen gesagt, einer der von Karl May geliebten Indianer, doch mein folgenreicher Gedicht-Titel stammte gar nicht von Trotzki, obwohl er gut zu ihm gepasst hätte. Vier Jahrzehnte später entnehme ich dem www. unter der Überschrift lernet was diese Information: „Im übrigen soll es der damalige (Bloch)-Schüler Gerhard Zwerenz gewesen sein, der in der damaligen DDR J.H. Mackays Poem Mutter der Freiheit, Revolution! (1894) als politische Losung popularisierte: Die Mutter der Freiheit heißt Revolution. Werkverzeichnis (eine Auswahl)“

 

Inzwischen kann jeder bei Wikipedia über John Henry Mackay Auskunft einholen. Unter dem englischen Namen verbirgt sich ein deutscher Schriftsteller und individueller Anarchist, geboren 1864, gestorben 1933. Sein Gedicht mit dem Titel Mutter der Freiheit, Revolution, ist 1894 erschienen. Ich bedanke mich für die couragierte Vorgängerschaft.

 

Der fabelhafte Internet-Verweis steht übrigens in einer freundlichen Aufzählung meiner Veröffentlichungen bis 2004, dazu Zitate und am Ende Personenangaben, das sind Name, Geburtsdatum und -Ort, nur Todestag und Sterbeort sind freundlicherweise noch freigeblieben. Wären die beiden Spalten auch ausgefüllt, müsste ich mich als verspätet am Leben befindlich empfinden.

 

Geschichten, die ich zu erzählen habe, sind vor allem meine eigenen Geschichten, inklusive Irrtümern und Niederlagen, dann kommt ein Stück Niemandsland, genannt Deutsches Reich, Freistaat Sachsen, Leipzig an der Pleiße, das engt den Kreis nicht ein, es erweitert ihn bis ins Herz, diese Weltbühnen-Zentrale in Auerbachs Keller, wo unsere Schachfiguren von Adam, Adenauer, Adorno bis Zappenduster und Zinnober versammelt den Auftritt des Türstehers erwarten – Franz Kafka aus dem nahen Prag, der Fabulosus wird das geheime Gesetz verkünden, vor dem wir stehen, und wer's nicht übersteht kommt im Gasthaus in die Suppe, auch wenn er ein Heldenleben göttergleich führte, wie die Hofdichter und Schranzenhistoriker verkünden. Was hier erzählt wird, wollen viele nicht wissen. Das schwarze Sachsen hört nur Schlechtes vom roten Sachsen. Andere wollen sich nicht erinnern. Na wenn schon, ich fabuliere ja nur die Personengeschichte des 3. Weges bis in den heutigen Nachmittag hinein, denn spätestens übermorgen wird der Erdball explodieren.

 

 




China erneuert den Marxismus und Mark Siemons die FAZ?
FAZ-Artikel 3.8.2010





Deutschland 2010. Trotz Krise brummt die Wirtschaft wieder. Deutsche Luxus-Autos sind gefragt. China rettet Mercedes, BMW, Audi, VW. Ist Russland bald abgebrannt? In China, Pakistan und Bangladesch saufen ganze Provinzen ab. In der Berliner Republik treten die Schwarzen zurück. Sammeln sie? Angela bügelt ihren FDP-Partner glatt. SPD und Grüne sind bereit. Die Kanzlerin steht mit Peking auf bestem Fuß. Sind zwar Kommunisten, doch kapitalistisch. Jedenfalls an der Macht. Ist ne Mischung dort. Wie bei uns auch. Der Mix. Merkel regiert. Ackermann hat die Macht. Die Partei der Linken changiert zwischen Links­sozialisten und linken Sozis. Wer mit wem gegen wen für wen? Ein Wunder geschieht. Am 3. August 2010 erscheint das FAZ-Feuilleton auf Seite 1 mit einem Paukenschlag über China und Marxismus: „Der wandlungsfähige Herr Ma in Peking“. Von Mark Siemons, der als FAZ-Chinese dort im Land einiges lernen durfte. Lustig-luftig stellt er neuerworbenes Wissen zur Schau: Wie viele Kompromisse verträgt der Marxismus? Da staunt der gut dressierte FAZ-Konsument. Der deutsche Jude Marx in der Heimat besiegt und in Peking als Partei an der Macht? Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral (Brecht) – erst kommt der Kapitalismus, dann der Kommunismus (Peking). Seit dem Beginn unserer Sachsenserie am 10. 9. 2007 im poetenladen heißt es in der Einleitung: „Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche …“ Die Überschrift zur 2. Folge der Serie lautet: „Wird Sachen bald chinesisch?“ Sachsen wohl noch nicht. Aber Mark Siemon gewann an Einsicht. Sein Artikel endet mit der Erkenntnis: „Der Marxismus ist unter­dessen zu einem Gehäuse mutiert, in dem sich so ziemlich jede Art Politik unterbringen lässt, solange sie nur als Einheit der Gegensätze unter dem Dach einer autoritären Partei interpretiert werden kann - und insofern auch als Gegenmodell zur westlichen Demokratie taugt.“ Die Einheit der Widersprüche hat Zulauf.

 

Ist das nun bloßes Sommertheater oder verhilft der Exportmarkt zur Vernunft? Im anschließenden FAZ-Feuilleton werden zum Ausgleich die alten Stamm-Herr­schaften beschworen, Ernst Jünger und Heidegger in Reih und Glied, die Stahlgewitter gewittern, die post­heroischen Enkel zwittern, das reicht nicht für die Gespenster­parade, da muss noch der selige Nietzsche aufpoliert werden. Gott ist tot hat der behauptet? Das geschah im jugendlichen Leichtsinn sächsischer Pubertät unweit Leipzigs. In Wirklich­keit soll der späte Nietzsche Gott sei Dank Gott für lebendig erklärt haben. Dafür spendete man dem Friedrich eine Viertelseite. Das zweite Viertel ist der Firma Jünger&Heidegger gewidmet. Das dritte Viertel handelt von „Frauen im Schweizer Kloster …“ und trägt den Titel: „Der Glaube ist eine pikierte Pflanze“. Selbstkritik der FAZ-Gärtner? Nein. Versuchter Ausgleich für einen etwas zu rational und reflektiert geratenen Leitartikel über Marx in China. Peinlicher­weise schwenkt Hillary Clinton als US-Außen­ministerin aus­gerechnet in Hanoi bei der ASEAN-Konferenz am 23. Juli von der friedlichen zur konfrontativen China-Politik um. Da werden in der FAZ wohl bald wieder die anti­kommunis­tischen Kom­munisten­fresser dominieren. Was dann, Frau Merkel? Ein neuerliches Treffen mit dem Dalai Lama, und unsere Global Players der Auto­industrie können ihre Luxus-Karossen auf Halde stapeln. Im vorigen Nachwort empfahlen wir der Leipziger Universität, sich wieder mit dem Namen Karl Marx zu schmücken. Dem Außen­handel könnte es nutzen, wenn man mit den Ressourcen der weiland DDR klüger umgeht als bisher geschehen. Diese flotten Chinesen sind eben dabei, sich ihren eigenen rotgelben Marx zu entwickeln. Und wer zu spät kommt, dem droht das Ende.

 

Kaum hatte ich dieses 36. Nachwort so schön und liebevoll beendet, lese ich nach dem auf­fallend verständigen Mark-Siemons-Artikel aus Peking in der FAZ, sonst stets die Bibel des Finanzkapitals, am 16.8.2010 eine ebenso erstaunlich objektive Rezension im FAZ- Wirtschafts­teil mit der Überschrift „China und Indien im Aufwind“, in der „… einige Modi­fikationen der dominanten Sicht­weise“ konstatiert und diese Worte als Fazit gezogen werden: China hat gegenüber Indien sogar die Nase vorn. Es hängt eben immer von der Machtfrage und dem ökono­mischen Potential ab, wie weit eine Linke zu akzeptieren ist und wem ein Ende droht.

 

An Karl Marx und seine Funktion in China denkend erinnere ich mich nochmals des Marxisten Georg Lukács. Die Scharnier­funktion Heideggers, des Staats­rechtlers Carl Schmitt und des stahl­gewittern­den Eisen­fressers Ernst Jünger ins Auge fassend urteilt Lukács: „Wohin geht nun diese Philosophie? Sie behält ihre extrem vernunft­feind­liche Wesensart aus dem Prä­faschismus.“ Das wurde vor mehr als einem Halb­jahrhundert geschrieben und ist doch so frisch wie vom jüngsten Tag.

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 30.08.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   23.08.2010    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz