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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 39. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  39. Nachwort

Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel



 Der junge Wolfgang Harich im Selbstversuch


Blochs Diktum Schach statt Mühle spielen verlangte 1956 die Öffnung der DDR-Philosophie und Politik. Beides unternahm Wolfgang Harich im Selbst­versuch. Für dieses offene Denken und Lehren plädierte er in seinen 16 Thesen über Marxismus und Philosophie, erst unter der Überschrift Vade­mekum für Dogmatiker, dann etwas weniger provo­kativ als Kleines Vade­mekum für Schematiker. Der Text sollte in Heft 4/1956 der Deutschen Zeitschrift für Philosophie gedruckt werden. Dazu kam es nicht, das Vade­mekum verschwand. Harich wurde am 29. November 1956 verhaftet.

 

In Neues Deutschland vom 9./10. Juli 2005 berichtet Siegfried Prokop, die 16 Harich- Thesen seien jetzt in einem Archiv aufgefunden worden. Prokop fragt, was daran so explosiv gewesen sei und bietet eine Kurzfassung an, aus der ersichtlich wird, dass es um die im Blochschen Sinne revo­lutionäre Erwei­terung marxis­tischer Philo­sophie geht: Frisch, reflexions­mächtig und fern aller Dogmatik. Man mag einwenden, dies sei bloße DDR-Geschichte. Vergangen und vergessen, wie der Philosoph Ernst Bloch selbst, von dem nur noch Einzel-Zitate durch die Medien geistern.

 

Widerlegt wurde der Befund zum Beispiel im Bloch-Almanach Nr.23/2004, der Beiträge über Blochs Ontologie, Phänomenologie und Ästhetik enthält. Außerdem behandelt Jürgen Moltmann Blochs Christologie und der US-Pro­fessor Peter C. Caldwell referiert kenntnis­reich über Materialis­mus und Hoffnung. Überraschend ist, diese Artikel entsprechen ziemlich genau den Themen, mit denen Bloch ein Halb­jahr­hundert früher ein Halb­dutzend seiner Studenten für ihre Staats­examens­arbeiten versah. Das ging damals schief, die Repression führte 1956/57 zu Relegationen, Berufsverboten und Haft­strafen. Die heutige Beschäftigung mit Blochs Themen ist im Westen gefahrlos und wird von der Konsumgesellschaft aus mangelndem Interesse kaum wahrgenommen. Was 1956 in der DDR eine Staats­affäre gewesen ist, schrumpft 50 Jahre später zum Disput unter Spezialisten.

 

Allerdings enthält der Bloch-Almanach mindestens zwei Passagen im Klartext. Auf Seite 20 steht: „So ist menschl­iches Dasein nach Bloch im Unterschied zu Heidegger nicht von Sorge, Angst und einem Sein zum Tode bestimmt, sondern von Anbeginn an von einem durch­gängigen Streben nach humanen Zielen, die in den utopischen Wunsch­vorstel­lungen aller Zeiten und Völker gesell­schaftlich in Erscheinung treten.“ Wer die Seite 20 nur unauf­merksam liest, kann den gesamten Almanach inhalieren ohne auch nur zu ahnen, worum es mit Bloch gegen Heidegger geht. Der philo­sophische Fachjargon tarnt den explosiven Inhalt. Hinzu tritt die Geschichts­losig­keit heutiger Autoren, die nicht wissen können oder wollen, dass ihre Vorgänger in Leipzig wegen dieser Arbeiten berufsverboten und kriminali­siert wurden. Wir erleben hingegen, dass ehemalige Maoisten und Leute, die links von sich selber standen, inzwischen im Dienst groß­bürger­licher Medien zu maß­gerech­ten Leit­artik­lern abgesunken, die berühmten 11 Feuerbach-Thesen von Marx mit Spott und Häme zitieren. Kein Gedanke daran, dass ihre vormaligen Partei­götter in der vormaligen DDR diese Thesen 1. verun­stalteten und 2. ihre revolu­tionäre Inter­pretation mit Staatsgewalt verhinderten. Diese nachhaltig Gewen­deten inter­pretieren gehorsam die Welt Richtung Abgrund und dokumentieren nur den eigenen tiefen Fall.
 
 Seitenhiebe aus Leipzig Richtung Paris: Ernst Bloch und Jean-Paul Sartre

 

Ingrid Z. über Blochs letzte Leipziger Vorlesung:
Antizipation ist einer der Schlüssel­begriffe des Philosophen. Nicht anti­zipiert hatte der DDR-National­preis­träger von 1955, welche Folgen sein öffentlicher Auftritt im Hörsaal 40 am 17. Dezember 1956 an der Karl-Marx-Uni­versität nach sich ziehen würde, fortan durfte Bloch die Uni und sein Institut für Philosophie nicht mehr betreten. An diesem Tag redete er sich in ein fünf Jahre währendes unfrei­williges Leipziger Schwei­gen. Der Professor las über Neut­homismus und Existen­tialis­mus, ein weit­räumiges Thema. Ausgewählt habe ich die Passagen über Heidegger und Sartre, wobei voraus­zuschicken ist, daß der Franzose Ernst Bloch nie zur Kenntnis nahm, was mich auch heute noch etwas verblüfft, wenn nicht irritiert. Der franzö­sische Existen­tialist schöpfte sonst gern aus dem deutschen Ideen-Fundus und ließ sich von Hegel und Husserl inspi­rieren. Den dritten Mann – Heidegger rücke ich zunächst etwas beiseite, eine allzu enge Nachbar­schaft ist eine Zumutung für Hegel und Husserl.

 

Meine Nachschriften beginnen mit einem akademischen Seitenhieb Richtung Paris, Bloch sagte: „Sartre – geboren 1905 – bedeutender Drama­tiker.“ Touchez – an vorderster Stelle wird der Bühnen­autor ge­nannt, nicht der Philosoph. Solche kleinen Nadel­stiche waren jedoch peripher, verglichen mit dem, was der französische Autor in den eisigsten Perioden des Kalten Krie­ges aus der Sowjet­union zu hören bekam, von dort wurde er wechsel­weise definiert als „Menschen­feind, Toten­gräber, Sänger der Gosse, gekauftes Subjekt, Füllfederhyäne ... “, das hinderte ihn zum Glück nicht daran, beim zartesten Tauwetter-Hauch das Land zu besuchen, in dem man ihm dann einen triumphalen Empfang bereitete.

 

Zurück zu Bloch über Sartre: Da geht es weiter mit dessen Haupt­werk „Das Sein und das Nichts. L'etre et le néant. Was bei Heidegger die Angst, ist bei Sartre Nausea – La nausée – der Ekel.“ Sartres Ausgangs­position wird von Bloch prägnant auf den Punkt gebracht: „Es ist zum Kotzen. Im Ekel aber ist Kraft. Ihn zu überwinden, bedarf es der Résistance. Vorhanden ist die Freiheit zu wählen. Faschismus ist die Unfrei­heit schlecht­hin. Dagegen: Ich kann das Wählen wählen, mein Wollen wollen. Was hindert, wird in Seiendes auf­gespalten, ins An sich Seiende. Für kleine Individuen bringt das ein wenig Licht in die Finsternis. Gesucht wird das Ethische. Was wir treiben, hat jedoch keinen Anschluss an die Welt. Unsere Freiheit der Wahl bedeutet: Wir können alles wollen und können doch nichts erreichen. Eine Wahl, die inhaltliche Moral besitzt, ging gegen den Faschismus.“

 

Soweit Ingrids Teil 1 der letzten EB-Vorlesung in Leipzig. Blochs These, der Mensch sei erst noch im Werden begriffen, richtet sich gegen Nietzsches Satz: „Der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss.“ Der Bomber­pilot und die Bomber­pilotin überwinden den Menschen in sich, wenn sie den Tod verbreiten. Steini­gung ist ein exorbitant scheuß­liches Ver­brechen unterm Deckmantel isla­mischer Gesetzes­treue. Der mit christlichen Bomben abgeworfene Tod ist potenzierte Steinigung.

 

Foucaults Gedanke, die Philosophie auf eine „Frage des Subjekts in der Politik“ zu konzen­trieren enthält, was Foucault nicht wissen konnte, die Erkenntnis der Marxbrüder Lukács und Bloch, die in ihrer Heidelberger Zeit vor 1914 auf Marx setzten und im Prozess dieser Kehre doch differierten. Lukács wurde direkt in der kommunistischen Bewegung aktiv, Bloch auf Distanz. Beiden ging es um ihre Philo­sophie des Subjekts in Politik und Geschichte. Beide scheiterten an Stalin, der die Subjekte zu Objekten seiner Mordlustlisten machte.
 
 Scylla Stalin und Charybdis Hitler? Odysseus und Walter Ulbricht

Monolog des Genossen Walter Ulbricht: Odysseus ließ sich, um den Gesängen der Sirenen nicht zu verfallen, an den Schiffsmast binden. Die Fahrt durch die Meerenge von Messina führte zwischen Scylla und Charybdis hindurch. Um nicht mit der gesamten Mannschaft unterzugehen, steuerte er auf nahe Distanz an Scylla heran und vorbei. Das See­ungeheuer verschlang sechs Mann. Die anderen überlebten.

 

So der Genosse Walter aus Leipzig, der Hitler entkam, indem er zu Stalin steuerte und Stalin entkam, indem er einen Teil seiner Mannschaft opferte. Ulbricht legte am 28.11.1956 den Rückwärts­gang ein, um auf gleiche Höhe mit Adenauer zu gelangen. Immer zwischen Scylla und Charybdis hindurch bis zur letzten Insel, wo heilige Rinder weiden und die Götter darauf warten, beleidigt zu sein. Will Faust vorwärts, Mephisto zurück?

 

Ingrid Z. zu Blochs letzter Vorlesung (2):
Aufgeschrieben habe ich eine Kurz-Fassung, Blochs Sätze waren epi­scher und ausführ­licher, doch wer kann schon mit einer rheto­rischen Loko­motive Schritt halten, für dieses Tempo hätte es eines Gerichts­steno­graphen bedurft, das sind die schnellsten. Aufbe­wahrt über ein halbes Jahrhundert ist die Essenz seiner Ausfüh­rungen, was Blochs Stakkato durch die verknappte Nachschrift noch komprimiert und nicht leichter verständlich macht.

 

Zurück zur Vorlesung: „Der (Faschismus) wird am Ende gleichgesetzt mit dem Bolsche­wismus, d. h. die Feinde werden verwechselt, siehe Die schmutzigen Hände. Sartre sucht den bekannten 3. Weg. Seit Amerika faschistische Züge zeigt, wieder Änderung seiner Position. Für den soziologisch nicht sehr geschulten Kopf sind diese Wechsel verwirrend. Also ist Sartre ein naiver Poli­tikus, das Ganze umrahmt vom Nihilismus, der Welt selber sind Schweine­hund und Edler völlig gleichgültig. Der Anschluss an den dialek­tischen Materialismus ist von daher sehr weit.“

 

Sartres berühmtestes Drama um einen politischen Mord, Les mains sales, steckte der Partei quer im Hals, in der Abwer­tung des Stücks zeigt sich der deutsche Philosoph auf Linie, ebenso im knappen Satz über den vom Franzosen gesuchten „bekannten 3. Weg“ zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Für Die schmutzigen Hände gab es, was Bloch wahr­schein­lich nicht wusste, ganz konkrete Hintergründe. Simone de Beauvoir hatte in Paris einen Sekretär Leo Trotzkis kennengelernt, der ihr Details aus den letzten Jahren des 1940 auf Stalins Befehl im mexi­kanischen Exil getöteten russischen Revo­lutionärs erzählte. Ihr Bericht inspirierte Sartre zu seinem auch heute noch häufig aufgeführten Drama, das partiell an den realen Fall Trotzki erinnert. Sartres Analyse des indi­viduellen Terrors, eines partei­strate­gisch begründeten Mordes aber traf exakt zu, der Vorwurf „naiver Politikus“ schlägt hier auf Bloch selbst zurück.

 

Begegnen können hätten sich beide Denker in einer anderen Frage. Hier wagte der Professor ganz neue Töne. Wir fühlten uns animiert und beschleu­nigt nach Chruschtschows fulminanter Stalin-Krititk auf dem 20. Parteitag, doch witterte man bereits die retar­dierenden Instanzen. Sie führten schon lange ein Sünden­register über Blochs Ideologieverstöße, allen voran Rugard Otto Gropp, der seit Jahren am Lehrstuhl des unge­liebten, benei­deten, berühmten Kollegen sägte. So erlebten wir zugleich begierig und besorgt, wie unser Ikarus auf dem Katheder sich die Flügel verbrannte. Zwar war Die Sonne, die uns täuschte, bereits 1953 verstorben, aber es fehlte nicht an kleineren Sonnen, denen sich zu nähern man besser nicht riskierte.

 

Soweit Teil 2 von Ingrids Nachschriften der letzten EB-Vorlesung in Leipzig.

 

Neueste Nachrichten aus Auerbachs Keller – Pastor Gauck will den Laden übernehmen, das klappt nicht, weil der Herr keine linken Gäste akzeptiert. Kafka stellt sich vor der Tür quer. Kollege Petrus weise die Sünder vorm Himmelstor ab, die Erde aber sei die Hölle, als böhmischer Jude aus Kakanien ist Kafka für Geistesfreiheit, weil als Leser seiner eigenen Bücher darauf angewiesen – so ins Literarische wechselnd, verweigert unser Türsteher dem deutschen Christen Joachim G. den Eintritt, bis der Pastor auch Linke als himmelsfähig anerkennt. Das kann dauern.

 

Mitunter stell' ich mir das Schicksal als guten Freund vor. Ich war eben 19 Jahre alt geworden, als ich vom 20. Juli 1944 hörte: Attentat auf den Führer misslungen. Am 1. August Warschauer Aufstand, am 2. saß ich nachts in einem Zug, der nach Warschau einfahrend unter Beschuss explodierte. Manchmal meint es das Schicksal wirklich gut mit unsereinem. Ich holte tief Luft, nahm Anlauf und sprang über die Grenzen der Front hinweg. So in meinen Träumen. In der Wirklichkeit noch viel traumhafter. Manche Kehren verlaufen spitzwinklig. Andere in langen Kurven. Du musst dich nur ent­scheiden – zurück oder voran.

 

Gert Gablenz berichtet, bei ihm beschwert sich eine Abordnung der Toten von Stalingrad. Sie gingen an der Wolga als Halb­millionen-Armee zu Bette, d.h. in die Ewigkeit ein – und was schaffen ihre Nachfolger am Hindukusch? Nichts als das alte Muster: Angriff bis zum Rückzug.

 

Ich nahm heute früh 8 Uhr 30 die Phantom-U-Bahn und bin 10 Uhr 15 auf der Station Auerbachs Keller. Die Dreier-Abordnung aus Stalingrad ist zum Empfang angetreten:
Erster Kamerad von der Wolga: Ich bin zu Weihnachten 42 verhungert.
Zweiter Kamerad: Ich wurde am 1. Januar 43 von Kameraden erschossen.
Dritter Kamerad: Ich ließ ihn erschießen.
Die drei toten Kameraden traten tadel­los auf wie im Leben, d.h. sie logen diszipliniert. Der erste verschwieg, dass er befehls­getreu bis ins Ende verhungerte. Der zweite verschwieg, er war nur einer von 364 Exekutierten, die im Kessel innerhalb einer einzigen Woche erschos­sen worden sind. Der dritte sagte nicht, er war der Feldwebel des Hinrich­tungs­kom­mandos, das für den Vollzug der letzten Urteile des Kriegs­gerichts extra durch­gefüttert worden ist. (Siehe dazu Fritz Wüllner Die NS-Militärjustiz und das Elend der Ge­schichts­schrei­bung, Nomos 1997) Wüllner übrigens zählt zu den Tot­geschwie­genen der Zunft, weil Außenseiter und Betroffener.

 


 Da hat der Autor im Artikel etwas vergessen? (Ausriss: junge Welt )

Schau an, die junge Welt entdeckt am 27. August 2010 den Genossen Trotzki und erweist sich für die herrschenden desas­trösen Zustände sogar als gut informiert. Nur die Unter­schrift zum Foto greift zu kurz. „Die Vierte Inter­nationale ist nie richtig zum Zuge gekommen“ heißt es. Da mangelt es offensichtlich an der den Straftatbestand erweiternden Begründung. Wenn Göring bestimmte, wer Jude ist, um ein paar Luftwaffen­kameraden vor Globkes Kommentaren zur Rassen­gesetz­gebung zu retten, dekretierte Stalin, wer Trotzkist ist, um ihn samt Familie ermorden zu lassen. Die Vierte Internationale ist nie richtig zum Zuge gekommen? Ostminister Mielke wie Westminister Maihofer betrieben Stalins Geschäft gern weiter. Zu diesem Thema habe ich so einige Erfahrungen machen müssen. Ein andermal mehr darüber.

 

Die Dekonstruk­tivisten Frankreichs stehen als vormalige Linke unter Zug­zwang, sich von früheren Bindungen abzunabeln, was von der Marx-Rela­ti­vierung bis zum Antimarxismus reicht. In Deutsch­land führte die Teilung zu anderen Relationen. Mit der Vereinigung redu­zierten sich die diversen Marxismen auf bloße letzte Schattenexistenzen, notdürftig als am Leben befindlich behauptet von Prä- und Post­faschisten, Extremismus-Experten und Verfassungs­schützern, die sich aus Angst vor Job-Abbau ihre Feinde aus den Fingern saugen. Wer von Marx abfällt, landet wie Mussolini beim Faschismus. Derrida scheute davor zurück. Nahm, wie er meinte, eine Leichen­beschau vor und erklärte Marx für endgültig verstorben. Fühlte sich danach von allen guten Geistern verlassen und ernannte Marx zum Untoten.

 

Marx als Gespenst hat seine Meriten: Stalin tritt als Vampir auf. Lenin liest in Auerbachs Keller aus seinem Buch Staat und Revolution vor. Marx nimmt seine Revolutionslehre zurück, denn: Die Diktatur des Proletariats führte zur Diktatur über das Proletariat. Stalin wütend: Das stammt von Trotzki. Marx: Ich sehe nur noch Prekarier. Stalin: Lenin hinterließ uns einen sozia­lis­tischen Staat und wir haben ihn verschissen. Gert Gablenz: Wir sehen vom Standpunkt der Weltbühne aus einen 3. Weg. Marx: Tony Blair? (alle lachen) Lenin: Sarrazins SPD? (alle lachen noch lauter) Stalin:Trotzki! (alle verlassen fluchtartig den Raum)

 

Das letzte Wort soll Gert Gablenz haben: Obwohl Pastor Gauck und Banker Sarrazin längst zur deutschen Ober­klasse zählen, wollen sie noch ganz oben hinaus. Gauck wird Merkels Nachfolger, wenn nicht – mit Sonder­geneh­migung – als Protestant Papst in Rom. Sarrazin, viel begnüg­samer, reicht das Sozial- und Finanz­minis­terium oder ein Nobel­preis für Gen-Forschung. Not­falls machte er sich auch als PEN-Präsident gut, weil er dort neben den beiden Vize­präsi­denten Grass und Christa Wolf residierte. Günter lernte die Waffen-SS beschwei­gen und Christa heult ad infini­tum wegen ihrer ver­drängten IM-Lebensphase. Sarrazins Ver­sicherung, sein SPD-Mit­glieds­buch mit ins Grab zu nehmen, darf bei so einem Mann des unumstößlichen Wortes gewiss als zere­monielle Vorbe­reitung auf den letzten Ruhe­platz seiner Gene gelten.

 

Die Wut, die ich im heißen Sommer 1944 in Warschau und im Herbst in Weiß­russland empfand, was heißt empfand, die mich heute noch irregulär stoßweise befällt, weil diese deutschen Wehr­machts­sol­daten das Reich verteidigten als sei es ihr Himmelreich, und weil sie, wenn es so war, ihr Land zum Teufel gehen ließen. Ja und dann kommt 1986, fast ein Halbjahr­hundert später, ein Haupt­mann a.D. Dregger, CDU-MdB sowie hessi­scher Landes­fürst daher und faselt von Unschuld und Ehren­haftig­keit der Schrott­köpfe, die noch 1944/45 im Osten den Helden markierten. Leben wir denn, verdammt noch mal, in einem Graben­kampf-Fort­set­zungs­roman von Jünger&Konsalik?

 

Da fällt mir Harald Schmidt ein, am 21. September 2006 um 22 Uhr 45 führt er in seiner ARD-Sendung ein Modell mit Figürchen aus Kunststoff vor und deklariert das als Benn-Schmitt-Brecht-Jünger-Test. Alle vier Plastik-Puppen fielen durch. Die unerwartete Chuzpe des Late-Night-Show-Stars im Umgang mit abend­ländischen Spitzen-Intel­lektuel­len imponierte derart, dass im Publikum pures Entsetzen herrschte. Kein Schwein vermochte dem hinter­listigen Arrangeur zu folgen. Keine der genannten Personen war auf der gewohnten Show-Ebene heimisch und zu identi­fizieren. Ein nutzloser Gag also und Harald lachte entwaffnend. In diesem Moment, da bin ich mir sicher, hing er innerlich seinen Job an den Nagel.

 

Dies ist ein Fragment meiner luftigen Auto­biographie. Ich will nichts mehr werden. Das liegt am glücklichen Alter. Vordem wollte ich auch nichts werden. Ich möchte weder Befehle geben noch empfangen. Das nennt man Anarchismus. Der Anarchist ist kein Chaot und weder miss­vergnügt noch sauertöpfisch wie die regierenden Chaoten, die sich als Elite fühlen und „politische Klasse“ genannt werden, was den Klassen­kampf immerhin soweit andeutet, wie es dem ratlosen Bürger schicklich erscheint. Wer aber weiß, diese Menschheit wird bald kollek­tiven Selbstmord begehen, den schreckt im Alter weniger der bevorstehende Tod als die deprimierende Aussicht, den machtgeilen Großmäulern, die man schon im Leben nicht mochte, bald himmel- oder höllen­wärts erneut zu begegnen. Noch ein Grund, die Idee der Aufer­stehung zu verwerfen. Sie vernichtet Distanzen.

 

Blochs Lehrsatz, wonach der Mensch erst im Werden begriffen sei, erscheint mir nach 85 Jahren Lebens­erfahrung etwas zu optimistisch, obwohl er treffsicher gegen Nietzsches Wort, der Mensch ist etwas, das überwunden werden muss, gezielt war.

 

Wem stößt da nicht Pastor Gauck auf und der lebenslang verbeamtete Schriftsteller Sarrazin? Beide exemplifizieren das fatale Nietzsche-Zitat von der ewigen Wiederkehr des Gleichen. Die Herren sehen und ihre Botschaften hören führt unweigerlich zum Déja-vu-Gefühl: „Zuweilen scheint ein Jetzt schon gewesen zu sein.“ Ernst Bloch. So lebt sich's im ungelüfteten Museum.

 


 Kurt Westergaard, Angela Merkel, Joachim Gauck

Im Nachwort 36 steht, warum mich mein Gedicht Die Mutter der Frei­heit heißt Revo­lution 1957 zur Flucht aus der DDR veran­lasste. Am 9.9.2010 lese ich ent­zückt in der FAZ die Fang­zeile Das Ge­heim­nis der Frei­heit ist der Mut, dar­über ein schmu­ckes Farbfoto mit drei Köpfen: Angela Merkel, die in der DDR so mutig pro­mo­vierte, dass sie an­schlie­ßend in der dor­tigen Aka­demie arbei­ten muss­te, bis die Mauer fiel, was sie ver­schlief. Dane­ben Joachim Gauck, der als Pastor in Rostock so mutig Wider­stand leis­tete, dass er dort jeder­zeit pre­digen und un­be­schadet west­wärts und wieder zurück auf die heimat­liche Kanzel reisen durfte, endlich der dänische Karika­turist, der Jesus mutig mit der Atombombe auf dem Kopf zeichnete, was die Lauda­toren in höchste Begeis­terung versetzte, denn, sagte Gauck, auf dem Koppelschloss meines Vaters, des Wehr­macht­offi­ziers prangten die Worte Gott mit uns und die Kanzlerin fügte hinzu, wir können nicht leugnen, die Atombombe ist christlicher Natur. Donner­wetter, denke ich, die gehen aber wirklich ran wie Perikles, von dem der Satz – Das Geheimnis der Freiheit ist der Mut – stammt. Alles höchst respektabel. Statt sich Feinde zu schaffen, um sie im Feindes­land angreifen zu können, gehen sie in sich, um frei zu werden. Und, kommt es mir in den Sinn, ist das nicht endlich die Revolution als Mutter der Freiheit, die mir vor einem halben Jahr­hundert im Osten Verfolgung eintrug? Jetzt verstehe ich auch den Bundeswehr-Oberst Klein, der in Kundus bomben ließ, weil ihn der Mut zum Geheimnis der Frei­heit beseelte.

 

Dabei dachte ich immer, Satiriker und Karikaturisten legen sich mit der eigenen Herrschaft an, im Unter­schied zu Julius Streicher und Joseph Goebbels.

 

Demnächst dagegen Ingrid Z. mit dem 3. Teil ihrer Nachschriften von der letzten Leipziger Bloch-Vorlesung.

Ein weiteres Nachwort ist für Montag, den 20.09.2010, geplant.

Fotos zur Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie am 19.11.2009 im Haus des Buches, Leipzig   externer Link

Lesungs-Bericht bei Schattenblick  externer Link

Interview mit Ingrid und Gerhard Zwerenz bei Schattenblick  externer Link

Gerhard Zwerenz   13.09.2010    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz