poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 82. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  82. Nachwort

Zur Philosophie des Krieges



 


Kriegführender
Philosophiedarsteller –
(Kay Sokolowsky)




Die Philosophie des Krieges mündet im Kern­satz von der ewigen Wieder­kehr des Gleichen, den Nietzsche in seinem Zarathustra zur Geschichts­analyse sowie gleich­zeitig zum wünschens­werten Postulat erhob und alles in einem so starken Deutsch wie die Industrie ihre Flieger, Panzer, U-Boote anpreist: Spitzen­produkte eben, Wort wie Stahl und Stahl wie Worte. Ernst Bloch dagegen: Nietzsche stellte die richtigen Fragen, gab aber die falschen Antworten. Bloch dekon­struierte den ver­abso­lutier­ten Zara­thustra-Wieder­kunfts­gedan­ken mit seinem Dreisatz. »Ich bin. Aber ich habe mich nicht. Darum werden wir erst.« Der werdende Mensch des auf­rechten Ganges differiert zum Tier, indem er nicht des Menschen Wolf ist (bleibt), sondern des Menschen Hüter – Bruder wird, welcher Satz uns schon wieder fremd, weil nicht feind­selig genug erscheint.
  Dies eine Kurzfassung unserer bisherigen 99 Folgen und 81 Nachworte. Dazu gleich die knappe Verfahrensweise und Begründung meiner autobiographischen Schreibweise, d.h. des Subjektiv-Prinzips. Im Vorspruch zur Serie wird Karl Mays Liebe zu den Indianern artikuliert. Meine Indianer sind auch die anderen Roten, die durch andauernde Verfolgung zu deutschen Indianern mutierten: Behindert, be­schimpft, ausge­grenzt, verfolgt, getötet. Wobei sich die Indianer von der Rasse zur Klasse verändern und in einander bekämp­fende Stämme zerfallen – wenn die heutigen Polit-Roten nicht scharf Obacht geben, geraten sie ebenfalls auf Irrwege wie die Vorgänger.
  Als an der Pleiße geborener Sachse schrieb ich eine Art sächsischer Auto­bio­graphie, wobei das kleine Land sich unve­rsehens zum ostdeutschen Gebiet in den Grenzen der DDR ausweitete. West gegen Ost – Sieger gegen Besiegte. Mielke: »Aber ich liebe euch doch alle!« Als einer der frühesten Mielke-Gegner nehme ich den Mann beim viel zu spät aus­gespro­chenen guten Wort. Mit diesem Satz war der über Jahrzehnte er­starrte, vernagelte Genosse plötzlich wün­schens­wert statt ver-wünschens­wert. Die Tragödie der Kom­munisten ist epischer Natur, also ein modernes, letztes oder vor­letztes Kapitel im globalen Endspiel.

Unsere geheime Gablenzer Boden­kammer-Biblio­thek über­stand alle deutschen Un­ter­gänge. Das sind der Reihe nach: Weimarer Republik, Drittes Reich, DDR, Bon­ner Republik. Nun leben wir in der Berliner Republik und singen immer weiter ein beschä­digtes Deutsch­land­lied, das die DDR mit Recht und guten Gründen verweigerte. Noch wird die zweite Strophe statt der ersten ge­schmet­tert, bald wird man vom Torso, dieser Ruine unge­scheut zur ersten Strophe zurückkehren. Die Einheit hat ihren Preis der Grenzen­losig­keit.
  In jedem deutschen Land war ich, das sei eingestanden, wider­willig Prophet. Die geheim gehaltenen Gablenzer Boden­kammer-Bücher stehen heute in unserer Haus-Biblio­thek im Taunus. Vor dem Nazi-Regime schützten wir sie. Ich selbst verließ es zu Fuß über die Front, die Bücher unvergessen im Kopf. Der DDR entging ich »über Nacht« – so damals Neues Deutsch­land, es begab sich aber bei Tage. Das Ende des zweiten deutschen Staates erwartete ich zum Beginn der achtziger Jahre, es wurde 1989/90 draus, weil F.J. Strauß gewiss nicht aus reiner Menschen­freund­lichkeit mit Mil­liarden­krediten aushalf. Das Ende aller deutschen Reiche beschrieb ich voraus­blickend der leichteren Ver­ständ­lichkeit halber mit lite­rari­schen Mitteln. Zur Lese­probe ein kleiner Abschnitt aus dem Casanova-Roman:

»Man wird die Schlachtfelder der deutschen vater­ländischen Geschichte nach den verstreuten Gerippen absuchen, die Knochen der Volksverführer und Marschälle zusammen­lesen, die feisten Wänste germanischer Schreihälse einsammeln, die richtsprüchlich Gehenk­ten aus den Gruben holen, Nürnberg zurück­nehmen, Lands­berg zur Andachts­stätte ausbauen, Guderian einen großen Mann heißen; man wird den Hauptmann Pabst hier aufbahren, weil er Luxemburg und Liebknecht umbringen ließ, wird die Frei­korps­kämpfer, den Stahlhelm, die SS durchmustern zur großen Heiligen Allianz, und was nur irgendwie dem Vater­land aufgrund seiner Pestilenz zur höheren Ehre und zum ewigen Ruhme dienen könnte, wird hier einge­sammelt, restauriert, numeriert, konserviert und zu erneutem Aufbruch vorbereitet…« (Aus dem Roman Casanova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden, 1966, zitiert nach Seite 621 der vorläufig letzten Ausgabe von 2005 in Ein März-Buch im Area Verlag, 2005)

Wer möchte, kann das ganze vorletzte Roman-Kapitel Germa Nija lesen. Es sind 27 Seiten vorausgesagter Untergang per Wiederholung im literarischen Sarkasmus, Deutschland pur eben.
Casanova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden

1966 im Scherz-Verlag gestartet, brachte es der Roman als Antikriegs-Erotik-Best­seller auch zu inter­na­tio­nalen Edi­tionen.

Unter anderem mit italie­nischer Ausgabe (unten rechts) und ameri­kani­scher (Grove Press, links).
 


Im Spiegel vom 4.6.2012 waltete auf Seite 143 ein ausnehmend kluger Ge­schichts-Geist als Zeit­genosse, der ohne jede Ideo­logie Darwins Evolu­tions­theorie, Marxens Gesell­schafts­analyse und Freuds Psycho­ana­lysen-Kultur als Grund­lage des klas­si­schen Humanis­mus und der Auf­klärung anerkannte. Frag­würdig ist, wenn die Post­moderne als einziges Endresultat legitimiert wird. Unerwähnt bleibt die Fort­ent­wick­lung von Marx zu Bloch / Lukács und damit der Links­kultur über Onto­logie und Anthropologie, die sich als marxistische Dekon­struktions­theorie zusammen­fassen lässt. Die Post­moderne in ihrer Ahnungs­losig­keit ist davon unbe­troffen wie einst die SED von Bloch / Lukács, nach­dem man sie aus­gebootet hatte.
  Wie im Osten so im Westen, zeitverzögert, also ungleichzeitig, wo die Post­moderne als gut­gedüng­ter Boden wirkt, aus dem die neuen (alten) Krieger sprießen. Der erste Sterben-für-Deutschland-Propagandist im Gefolge der Einheit war Arnulf Baring. Der bisher letzte ist Joachim Gauck. Soweit die kurze Wegstrecke vom zunehmend rechten Kriegs-Professor zum konter­revolu­tionären Pastor­präsidenten. Denken wir unge­recht­fertigt an Hindenburg und Reichs­bischof Müller? Das deutsche Militär und die Kirche. Das Volk will nicht, wird von der Elite gehirn­gewaschen und gehorcht oder betet resigniert. Wir blicken zurück. Hitlers Legion Condor half Franco den Bürger­krieg zu gewinnen. Eine links­intel­lektuel­le inter­natio­nale Elite leistete in Spanien damals tapfer Wider­stand gegen den Faschismus. Heute marschiert statt einer Legion die Bundes­wehr in die neuen Kriege, und eine schreib­stubeng­esattelte Elite bereitet sie vor und nach, ohne sich selbst in Gefahr zu begeben.

 
PEN Tagung in Rudol­stadt, mein dort erschie­nenes Buch erin­nert an Blochs Hoff­nung, doch vor allem an seinen Trotz

Gerhard Zwerenz
Aristotelische und Brechtsche Dramatik
Greifenverlag 1956

Das Buch bei Amazon  externer Link

 


Dieses Jahr tagte unser PEN-Club im thüringischen Rudolstadt. Der dortige Greife­nverlag druckte 1956 mein Büchlein Aristotelische und Brechtsche Dramatik, in dem ich erstmals öffentlich Blochs Prinzip Hoffnung mit dem Prinzip Trotz zusammen behan­delte. Das geschah wie bei Bloch selbst als Teil seiner Ästhetik, führte allerdings zu poli­tischen Konse­quenzen, was mir nicht unrecht war. Im PEN vom Jahr­gang 2012 ist das alles gänzlich unbekannt geblieben. West wusste nie davon, Ost schließt sich an. Eine Gene­rations­frage? Hätte ich vor Ort darüber sprechen sollen? Blieb wegen Klinik-Aufenthalt fern. Nein, bleibe seit fataler Ver­eini­gungs­querelen weg. Im vor­herigen West-PEN fochten wir unsere Konflikte hart und oft auch unfair aus. Immerhin gab es intel­lektuel­le Fronten statt der Wasch­salon­atmo­sphäre nach der Aus­son­derung miss­liebiger Schrift­genos­sen. Wenn die Kultur schrumpft, blähen die eli­tären Kadaver sich erwar­tungs­voll auf. »Souverän ist, wer über den Ausnahme­zustand entscheidet.« (Carl Schmitt)

Oder Matthias Matussek per Kommentar im Spiegel 18/2010, Seite 34 über die NATO-Kämpfe in Afghanistan »Ein gerechter Krieg«, denn: »Früher haben sich deutsche Regie­rungen mit dem Scheckbuch aus solchen Kon­flikten heraus­gekauft. Das geht nicht mehr und des­halb haben die deutschen Soldaten Unter­stützung verdient. Geben wir sie ihnen.« Was gibt der Befür­worter gerechter Kriege im Spiegel denn selber hin? Statt sein Blut wohlfeiles Gelaber. Unter­dessen verordnete Obama den Rückzug aus Afghanistan. Ganz wie vorher die Russen. Matussek aber, der Kampf-Trompeter darf seinen gerechten Krieg weiter­führen. Der Spiegel braucht Maulhelden, die Seiten zu füllen. Nach­zuschmecken ist das »Wir« des Matthias M. – soll das kampfgeile Gespenst aus der Vatikan-Waffen­kammer von vor­vor­gestern sich Verbündete suchen, wo es will. Sein »Wir« verbittet sich ein Großteil des Volkes. All diese heroi­schen Schwätzer – Baring nicht zu vergessen, der schon seit zwei Jahr­zehnten das neue Sterben für Deutschland favorisiert, und der Bu-Prä Gauck, der sich ihm jüngst zugesellte, formieren die neue Heimat­front missio­narisch-aggressiver Großschnauzen.

Das Ich ist Wort, Begriff und Subjekt. Alle drei finden einander in der Auto­bio­graphie. Geboren in einer Boden­kammer wurde ich meiner guten Großmutter anvertraut. Bis zum vierten Lebensjahr schlief ich wohlgeborgen in ihrem Bett. Danach die Einsamkeit im eng begrenzten Raum unterm Dach. Mehrere hundert Bücher, die sich dort befinden, dienen als Lesehilfe und Welter­weite­rung. Als ich sieben­einhalb Jahre zähle, werden solche Bücher verboten und ver­brannt. Wir ver­graben welche im Wald und die anderen in unseren Herzen per Geheimhaltung. So bildeten sich Abwehrfronten. Ich träume vom Segelflug übers Erzgebirge bis nach Prag. Kaum habe ich meine ersten Gleitflüge absolviert, besetzt die Wehrmacht die Goldene Stadt. Dann eben mit Motor. Mit siebzehn Jahren zur Luftwaffe, um als Flieger­heros zu entschwinden. Statt Pilot werde ich Infanterist. Da musst du eben zu Fuß abhauen. Das scheitert, bis es im August 1944 in Warschau gelingt. Die roten Russen umarmen und lieben mich so inniglich, dass sie mich erst vier Jahre später frei­lassen nach Unter­schrift zur Ver­pflichtung für drei Jahre Dienst bei Militär und Polizei. Ich ärgere mir eine veritable Lungen­tuber­kulose an den Hals und ent­schwinde ins Sanatorium, lese mal wieder Thomas Mann und werde um­mon­tiert zum Dozenten einer Ingenieur­schule. Bald bin ich satt und sauer und heuere in Leipzig als Philosophiestudent an mit dem besten Willen, endlich ein Weiser zu werden. Statt­dessen verrate ich zuviel von den Lese­früchten unserer Boden­kammer­bibliothek. Dafür wollen sie mich einsperren. Ich gehe, von Flüchen und Haft­befehlen begleitet, westwärts davon. Ein freies ICH auf der Suche nach seiner Auto­biographie. Soweit Rückgriffe aufs Vergangene. Nach­zutragen ist: Wo immer es sich einrichten ließ, schrieb ich alles auf. Die frühe Lektüre trug ich im Kopf mit mir herum. Zu den drei- bis vierhundert damaligen Bänden gesellten sich im Lauf der Jahrzehnte an die ein­hundert, die ich mir selber schrieb. Ich rede vom Schreiben, nicht vom Dichten. Die einst verbo­tenen Bücher sollen nicht vergessen werden, Leute, Leser, Lebende -also Über­lebende. Auto­biographie ist Kontinuität. Einem Team der Leipziger Universität gelang es in dreizehn Jahren frucht­barer For­schung, das DNA-Genom des Neandertalers zu knacken, der bis vor 30.000 Jahren in Europa lebte. Wie schön, hätte der Typ Auto­bio­graphi­sches hinter­lassen, gelle? Stattdessen wollen seine runter­gekommenen Nachfahren heute Ernst Bloch unbekannt vergehen machen. Das Genom der linken Marx-Töter ist bekannt, weil rechter­hand ent­schlüssel­bar. Die Protokolle dazu liefere ich seit 1956, als in Leipzig mein erstes Buch erschien und wir bald verscheucht wurden von krake­lenden Kretins. Gegen Bloch und Lukács: »Der Ein­fluss von Lukács ist bei uns gebrochen oder er­schüttert worden.« (Prof. Rugard Otto Gropp) »Lukács hat schwere Schuld auf sich geladen. Theore­tisch bestehen zwischen Lukács, und Bloch enge Bezie­hungen.« (Prof. Hermann Ley) Theoretisch setzt hier 1956 meine Auto­bio­graphi­sche Drama­tur­gie ein. Es galt wieder wie 1933 unsere Bücher und ihre Ver­fas­ser zu verteidigen. Ich verspürte wenig Lust, das von Bautzen aus zu tun. Die Jahre in sowjeti­schen Gefan­genen­lagern steckten mir noch in Knochen und Gedächt­nis. So wurde der keines­wegs freie Westen für mich zur Frei­heits­bastion des freien Wortes. Kein Grund, Marx zu vergessen.

Während der vier Jahre in sowjetischer Gefangenschaft und den neun brausenden Jahren DDR-Zeit brauchte ich meine Lektüre nicht zu verleugnen. Bis 1956/57 die Werke von Lukács und Bloch für klassenfeindlich erklärt wurden. Hatte ich bis zum Parteiausschluss an die marxistische Einheit von Philosophie und Politik geglaubt, sortierte ich jetzt die Vorwürfe im Einzelnen: Verbreitung feindlicher Ideologie – Konterrevolutionäre Ideen – Zuwendung zur Philosophie Blochs – Ablehnung von Parteibeschlüssen gegen Bloch – Antisowjetismus – Verteidigung der eigenen Platt­form – Verweigerung von Selbstkritik – Das sollen meine Fehler sein? Ich bekenne mich heute wie damals zu meinen Sünden und erweitere sie. Es gibt in Parteistrategie- und Taktik keine Einheit von Philosophie und Politik mehr. Es gibt auch keine Einheit zwischen Religion (Glaube) und Partei-Politik. Soweit beides nach 1945 behauptet wurde, misslang es bei der ideologischen Absicherung von Macht in West wie Ost. Feindschaft eben. Um Jahrzehnte verspätet erfahren erst heute Westler die Wahrheit über ihre Bonner Jahre, und die Ostler erfahren, was es mit Gulag oder Katyn auf sich hatte. Den überlebenden Kommunisten, die in der DDR Karriere machten oder sie wie Ulbricht und andere Genossen fortsetzten, fiel die Verdrän­gung ungleich schwerer. Sie brachen einst auf für Ideen, die sie Schritt für Schritt zu verleu­gnen gezwungen wurden. Der Kommunist bricht ursprüng­lich mit der bürgerlichen Ordnung. Was aber, wenn die neue Ordnung nicht hält, was von ihr erwartet wird? Das Jahr 1945 bildet die Zäsur. In der Folge entwickelten die besiegten Deutschen sich in frontale Heldenheerscharen West und Ost, bereit zum Atom­krieg. Mit dem Sieg West über Ost wurde der atomare Ver­nichtungs­feld­zug Richtung Nah- und Fernost vorerst verschoben. Das kriege­rische Endspiel zu erreichen bedarf es einer endgültigen intellektuellen und charakte­rlichen Enthuma­nisie­rung der Eliten. Die Parteien lösen dabei keine Probleme mehr, sie schaffen mit ihrem diffusen Personal erst welche, die zu lösen sie so bean­sprucht, dass für reale Überlebensfragen weder Zeit noch Energie übrig bleiben. So ent­steht der Eindruck, das heutige Personal entstammte der Augsburger Puppen­kiste, während Adenauer seine Elite von Globke bis Gehlen den unterirdischen Korridoren des Führer­bun­kers ent­nahm – Konti­nui­täten schaffend vom Militär, den Geheim­diensten, der Büro­kratie bis in die leitenden Mit­läufer­scharen. Am Tag, da Albert Speer das Gefängnis in Spandau als freier Mann, der er nie war, verließ, standen die inte­grierten Weiß­wäscher längst zu Diensten. An der Spitze die intel­lektuel­le Pickel­haube Joachim C. Fest als FAZ-Super­feder. Aus dem Job des Kriegs­ver­brechers war längst ein Beruf mit Zukunft geworden. Und das soll schon alles gewesen sein?

Soviel zu Deutschland. Und was ist mit unserm Nachbarn Frankreich? Im Spiegel vom 3.4.2010 verkündete der Pariser Mode­denker und Aggre­ssionist Ber­nard-Henri Lévy ulti­mativ: »Denken ist nicht gewalt­tätig, wohl aber uner­bitt­lich. Entschei­dend ist die Un­nach­giebig­keit. Was ich in der Philo­sophie ab­lehne, ist der Kom­promiss. In der Politik ist der Kom­promiss das Gesetz …« Das ist so groß­mäu­lig wie ge­fällig formuliert. Der Kriegs­held der Philo­sophie mischt dabei im Politkrieg emsig mit, ver­setzte Sarkozy in Bomben­stimmung und sucht Hollande anzu­stecken. Damit ist BHL, so das auch von ihm gern auf sich angewendete Kürzel, selbst Polit­krieger und kein Philo­soph. Genau wie bei den Religiösen: Im Herzen Friede – in der Hand das Schwert, zur Bombe und Drohne umge­baut. So wird im modernen Krieg aus der Ferne gemordet. Wozu da noch Philosophie, wenn nicht lediglich, um der Barbarei ein philo­sophi­sches Mäntel­chen zu ver­pas­sen.
  Lévy zählt zu den Pariser Post-Linken, die vom Marxismus zum Anti­totali­tarismus reti­rierten und als Militaristen enden, nachdem die KPF sich selbst aufgab. In Frank­reich wie in der der Berliner Republik versuchen trotzdem ein paar roman­tische KP-Genossen, sich neu zu organisieren, guten Willens und von ihren Nieder­lagen enthu­siasmiert spielen sie die Geschichte verspätet und ungleich­zeitig nach als ließe sich der linken Farce noch auf den alten ausge­latschten Wegen entrinnen.

Das Spitzenprodukt klassischer Philo­sophie des Krieges stammt aus der Feder des Carl von Clause­witz. Was auch immer danach geschrie­ben wurde, bleibt meilen­weit hinter seinem Werk zurück, das provo­zierend den simplen Titel Vom Kriege trägt. Seine Logik ist a) unüber­treff­lich, b) eiskalt, c) tödlich. Das dritte Verdikt ist wort­wörtlich als Todesurteil zu nehmen. Nichts spricht deshalb so vehement gegen die Urteils­kraft der Militärs als die Tatsache, dass sie alle mit­einander und gegen­einander ihren Clause­witz als akti­vierenden Kriegs­lehr­meister begriffen und be­nutz­ten. Und kein Stratege, General, Politiker las die doch ein­deutige Absage an den Krieg aus der vielzitierten Schrift heraus.
  Im Anhang lesen wir bei ihm: »Irgendein großes Gefühl muss die großen Kräfte der Feldherren beleben. Sei es der Ehrgeiz wie in Cäsar, der Hass des Feindes wie in Hannibal, der Stolz eines glorreichen Unter­ganges wie in Fried­rich dem Großen.« Da sei angefügt: US-Präsi­dent Obama mag als Friedens­nobel­preis­träger bei seinen Mordbefehlen per Drohnen vom großen Gefühl des Sieges im Wahl­kampf belebt sein. Welch großes Gefühl aber be­herrscht unsere Kriegs­mit­betreiber, die bis zur Vereinigung doch die Beschränkung auf den Fall des Landesverteidigung – wie es im Grundgesetz steht – zu schätzen wussten. Alles vergessen, Ihr Siegfriede im Blut­wurscht­format? Das zeigt sich, wenn auch ver­schämt, bis ins lokale Detail. Weshalb, dies nur als Beispiel, verbirgt eine tra­ditions­reiche Indus­trie­arbeiter­stadt wie das sächsische Crimmitschau die Gedenk-Büste des Gablenzer Wehr­macht­deser­teurs Alfred Eickworth im tiefen Keller des Heimat-Museums? Weil er fahnen­flüchtig wurde? Weil er als Kom­munist schon vorher verfolgt worden ist? Weil die ver­gan­genen DDR-Zeiten Anti­kommunis­mus ver­langen? Weil man nach der Wende nichts Eiligeres zu tun hatte als die nach ihm benannte Straße in Gablenz wieder mit der frü­heren Bezeich­nung Mühlweg zu versehen? Der gejagte, bedrohte, ermordete Wider­stands­kämpfer gehört ans Licht statt in den Keller. Wir sind bereit, die Büste im Garten unseres Hauses in Ober­reifenberg auf­zustellen. Ehre wem Ehre gebührt. Diese Sätze sind ein Antrag an die zuständigen sächsischen Stadtbehörden.

  Alfred Eickworth
Als Widerständler inhaf­tiert, als Straf­soldat deser­tiert und tot­geschossen

Über Alfred Eickworth berichtete ich ausführlich in dieser Serie. (Folgen 17, 60, 84, 85, 86, Nachworte 11, 44, 61) Außer­dem im Freitag, in Ossietzky und während ver­schie­dener Radio- und Fernseh-Dis­kussionen zur Wehrmachtausstellung. Anfang 1944 nach einer Verwundung daheim auf Genesungs­urlaub hatte ich von Eick­worths Desertion und Ende erfahren und schwor mir, mich kriegt ihr nicht. Jeden­falls nicht lebendig. Wenn Gauck heute von unserer »glücks­süchtigen Ge­sell­schaft« schwa­droniert, drückt es mir die Kehle zu, denke ich an die zur Strecke gebrachten Genos­sen. Am heu­tigen 21. Juni geden­ken in der FAZ die Kinder und Enkel eines ihrer Vorfahren, der als Offizier heute vor 70 Jahren an der Ost­front fiel: »Er opfer­te sein Leben für Heimat und Vater­land« heißt es im Blatt. Das ist Nietzsches ewige Wieder­kehr der Vater-Länder. Der Herr fiel für den Führer, der Anti­faschist Eickworth fiel gegen Hit­ler. Was hier im Fokus der Kriegs­kultur steht, gilbt ebenso für Ökonomie und Religion im geschlos­senen System. Die West-Elite folgt der des Ostens im End­spiel nach. Die letzten strate­gischen Denker der abend­ländi­schen Revo­lution stehen verbor­gen in den Kellern der Museen.
Gerhard Zwerenz    25.06.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz