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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 63

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

63

Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)

Siegfried Prokop | Der versäumte Paradigmenwechsel
Siegfried Prokop (Hrsg.)
Der versäumte Paradigmenwechsel
Schkeuditzer Buchverlag 2008
Aus dem Vorzimmer des Polit­büro­mitglieds und DDR-Minister Willi Stoph stammte jener adlige Professor, Provokateur und SED-Renegat Hermann von Berg, neben dem ich 1988 in einer Rundfunk-Nacht­sendung in Köln zu sitzen kam. Jetzt traf ich ihn in Potsdam wieder. 1978 hatte er mit einem Spiegel-Manifest vom 2. und 9. Januar als Oppo­sitio­neller Skandal erregen können, war von seinen DDR-Oberen einge­sperrt und aus Angst vor internationalem Ärger wieder freigelassen worden. In Köln orgelte er seinen kolossalen Deutschland-Frust in den Äther. Da ich jetzt in Potsdam dem so rätsel­haften wie eindeutigen Schimpf­kanonier wieder begegnete, erneuerte sich mein damaliger Eindruck: Der Mann meint es bitterernst. Ich war zur Zeit der Kölner Diskussion auf dem Kurs der neuen Ost­politik von Bahr und Brandt, was den Herrn von Berg entsetzte, denn er sah die DDR schon am Ende, jedenfalls kurz vorm Zusammen­bruch. Ich gab dem Ende noch einen besseren Verlauf. Als ich aber im Frühjahr 1989 in der Zeitung Die Welt vor dem baldigen Exitus des anderen deutschen Staates warnte, erinnerte ich mich an von Bergs Alarmrufe. Man muss ein wenig verspon­nen sein, den Blick in den Abgrund nicht nur zu riskieren, sondern auch aus­zuhalten.
Februar 2008: Ins Potsdamer Alte Rathaus hatte die rührige Rosa-Luxemburg-Stiftung Brandenburg zur Konferenz geladen. Von Berg war eine der Attraktionen. Es ging ums Spiegel-Manifest sowie den versäumten Paradigmenwechsel in der DDR und anderswo. Der Schlachtruf des alt­gedienten Provokateurs war unüber­hörbar: „Marx ist Murx“. Er behauptet nicht, aus Marx wurde Murx, er setzt auf Identität: M = M. Das ist nicht Berg, sondern tiefstes Tal.

Die Vorzimmer der Mächtigen sind umkämpfte Machtzentralen und deshalb bei Aufsteigern, Konkurrenten und Geheimdiensten besonders beliebt. Oft sind es auch Startblöcke eigener Karrieren. Vor Jahrzehnten, wir wohnten in Köln, besuchte uns Fritz Schenk, der aus dem Vorzimmer des Polit­büro­mitglieds Bruno Leuschner kam und aus der DDR geflüchtet war. Er schrieb ein Buch darüber und landete im Vorzimmer des kaltkriegerischen ZdF- Magazins, bis er den erzkonservativen Leiter Gerhard Löwenthal ersetzen durfte. Der Genosse von Berg war nicht wie Schenk simpler Frontwechsler von Ost zu West. Sein Konflikt reichte und reicht tiefer und kann auch heute noch nicht als geklärt und ausgestanden gelten.

Auf der Potsdamer Tagung moderierte Ingrid Zwerenz nachmittags die Zeitzeugendebatte mit Prof. Dr. Hermann von Berg, Dr. Cay Hehner, Prof. Dr. Horst Schützler und Prof. Dr. Wolfgang Seiffert zum Thema „Die DDR im Jahr 1978 zwischen Spiegel-Manifest und erstem Deutschen im All.“ Das ist nachzulesen in Der versäumte Paradigmenwechsel, herausgegeben von Prof. Dr. Siegfried Prokop, Schkeuditzer Buchverlag, 2008. Soviel zu den Fakten. Da aber im Vorfeld der Tagung schon über die Aussage Marx und Murx geblödelt worden war, ist es mir ein unausweichliches Vergnügen, hier einige Sätze der mir nicht ganz unbekannten IZ zu zitieren, die sich wohl der Technik des diplomatischen Dampfablassens verdanken: „Vorhin ist im Zusammenhang mit Hermann von Berg bereits die Verballhornung von Marx zu Murx genannt worden. Dazu gehen wir mal an die Quelle. Kurt Tucholsky schreibt 1932: ›Das Blatt der Niedersachsen, Nat.-Soz. Tageblatt für den Gau Hannover Ost bringt in seiner Nummer vom 24. Februar 1932 einen Beitrag: ‚Kurzer Abriss der National Ökonomie von Karl Murx, staatlich prämierter Nationalkomiker'.‹ Der Beitrag ist gestohlen, kommentiert Tucho. ›Er hat hier unter derselben Überschrift am 15.9.1931 gestanden und war damals von Kaspar Hauser gezeichnet. Stehlen – sich die deutsche Nationalität ermogeln – lügen – stehlen: es sind arme Luder.‹ resümiert Tucholsky.
Dies zur historischen Einordnung dieses Begriffs, wobei ich einräume, es ist ein bisschen Holzhammer statt Florett, wie man es sonst bei Tucholsky gewohnt ist. Doch zum Trost für alle, die jetzt darüber enttäuscht sind, was Deutschlands berühmter Satiriker hier geschrieben hat, ebenfalls aus dem Band von 1932 noch ein kurzes Tucholsky-Zitat: ›Ich bin kein Kommunist, aber man könnte einer werden, wenn man den geistigen Zustand der europäischen Bourgeoisie betrachtet.‹ Zitatende, passt heute genauso.
Nun also Hermann von Berg. Er ist geboren in Mupperg, Kreis Sonneberg in Thüringen. Im Internet ist eine Menge über Sie zu lesen, wie sich das gehört. Am schönsten finde ich die Bezeichnung DDR-Geheim­diplomat, so werden Sie annonciert. In diesem Beruf soll es ohnehin keine Plaudertaschen geben, dort ist man aufs Verbergen eingeschworen. Sie haben sich auch relativ lange daran gehalten. Ab 1978 dann nicht mehr. Es ist heute vormittag schon von dem berühmten Spiegel-Manifest mehrfach die Rede gewesen. Doch es ist hochinteressant, dass wir jetzt sozusagen den Hauptschuldigen selbst dazu hören können, bitte Herr von Berg.

Von Bergs Rede rief mir die zwanzig Jahre zurückliegende Kölner Rund­funksendung ins Gedächtnis, als wir nebeneinander vorm Mikrophon saßen. Der Herr Ex-Genosse ist ein hochengagierter Marxtöter, dem es ernst ist. Im Stockwerk unter unserem Konferenzsaal fand eine schräge Theater­probe statt: Marx als ein Karl von heute. Ich bin auf der Treppe unterwegs, da kommt mir ein smartmoderner Schauspieler entgegen, schnellt in den Saal und beginnt zu schimpfen wie ein Rohrspatz. Ich höre angenehm gekitzelt zu. Später besorge ich mir den Text. Von Marx erschien demnach kürzlich eine knappe Analyse, verfasst beim letzten Erden-Urlaub, und das sieht so aus: Ansprache im Altersheim: Eh Euch der Krebs auffrisst, tut schnell noch was für diese schöne Welt. Bald wirds zu spät sein, durchs Leichentuch dringt keine scharfe Tat. Und Eure Koffer bleiben hier.
Den Kopf gesenkt, die Hände tief im Safe, die Ganglien wohlverschnürt, das Kirchensiegel überm Herzen, den Arsch voll Hämorrhoiden, das ist, mein ich, kein Leben, das sich sehen lässt.
Eh Euch der Krebs wegleckt, tut schnell noch was für diese Welt und die noch allen Jammer vor sich haben. Ein Schuft, wer sich beiseite stiehlt. Im Sarg da ist kein frohes Wohnen. Man sollte hier die Luft mit viel Genuss und keinmal ohne Folgen schlucken.
Nehmt Zyankali doch, wenn Ihrs nicht schafft beizeiten abzutreten Geköhlert & verschrödert undsoweiter.
Ansprache im Säuglingsheim: Dies ist ein Ort des Anfangs, Mensch, so nutzt doch die Gelegenheit, die Windeln ziehen an im Preis und was den Kinderfräuleins rinnen tut, das ist der Schweiß. Die früher vor Euch hier zur Erde fuhren, waren arm im Blut, mit Mägen groß wie Häuser und voll fauler Köpfe. Man rochs, das Euch vorangegangne Volk saß übel hier auf vollgeschissnen Töpfen. Setzt Brillen auf, besorgt sie zeitig Euch und Rohre gut zu hören, so lang es mit Rezepten geht. Die vor Euch kamen waren schwach an Ohr und Aug und ausgestattet auch mit vielverbotnen Schläuchen. Und ihr Gehirn verdauten sie in zentnerschweren Bäuchen. Dies ist ein Ort des Anfangs hier, so fangt nur an, nutzt hurtig die Gelegenheit, bevors zu spät ist, morgen, wenn ihr geköhlert & verschrödert undsoweiter.
Ansprache im Standesamt: Ihr habt Lizenz, Ihr könnt nun bocken, und dass Ihr hier seid, sagt, Ihr habt Lizenzen nötig. Auf dass der Gott, auf den man Euch vereidigt, die Welt auch gegen Euch verteidigt: Das wird von jetzt an nötig sein: Der Staat steht vor der Tür Spalier: Den Spermatozoen wird Salut geschossen: Auch dampft ein Ei schon vor Befruchtungseifer, die sind ganz hin- und hergerissen von nichts als Pflichtgefühl und selbst den Genen glänzt das rechte Aug, dieweil das linke wässrig rinnt. Das macht der Appetit, der kommt Euch hoffentlich nicht bloß beim Fressen. So geht denn heimwärts jetzt und sorgt für Nachwuchs, bevor der Speichel Euch gerinnt. Da nehmt noch wahr die liebe Lust, bevor sie auf Pantoffeln naht und wieder geht und ihr nichts merkt. Wer ist das bloß gewesen? Nun ist er fort! Ihr Braven! Das Kino zeigt, was Liebe ist: Aus Langeweile miteinander schlafen. Geköhlert & verschrödert, vermerkelt und auf Ewigkeit vergöttert wie im Rinderstall der Mist anfällt.
Genug jetzt mit der schrägen Schülersprache, dem leisen Kauderwelsch der Kids, das bis in hohe Sphären dringt, weil das Panoptikum ein Loch hat für den Abfluss der Gemeinheit von Natur.
Mehr Licht. Das stammt von Goethe. Damit verstarb er.

Die Theaterprobe mit der Rede des fiktiven Marx wurde mir ebenso zu einem Potsdamer Fixpunkt wie unser Kolloquium im oberen Stockwerk über Marx und Murx. Einigermaßen amüsiert las ich kürzlich den Dokumentenband. Schließlich gehört der Marxfresser von Berg zu einer Episode meiner Kölner Vergangenheit, die jetzt Jahrzehnte zurücklag. Der Versuch des jungen Schauspielers, old Marx in moderne Wütigkeiten zu überführen klingt mir wie ein Kontertext in die Reden der versammelten Intellektuellen hinein. Wenn der Buchtitel Spiegel-Manifest und Erster Deutscher im All – die DDR im Jahr 1978 lautet, ist damit die BRD ausgelassen, obwohl sie ja mitbetroffen und behandelt wird. Doch der inzwischen von der Bonner Teilrepublik zum vereinten Berliner Deutschland eskalierte Staat nimmt seine östliche Teil­geschichte sowieso nur zu politpolemischen Zwecken zur Kenntnis. Nun ja, Marx überlebte alle seine Feinde. Sie enden meist selbstverantwortet. Der Marx-Monolog des Mimen aber war der Versuch, heutige Konflikte provokativ zu verbalisiern. Die Marx-Feinde herrschen ringsum in allen Medien und haben den Karl zum Fressen gern – Kannibalen mit staatlicher Lizenz.
Im Osten fand das Kolloquium mehr Resonanz. Neues Deutschland hatte schon eine Hermann-von-Berg-Aktivität aus dem Jahre 1997 vermerkt: „Die gewendete Wende – Kohl hat die Einheit verspielt. Jetzt hieß es: Nix mit Paradigmenwechsel. Dazu Otto Köhler: Mein Berg – kein Spleen. Die junge Welt raubte Brandenburg gar einen Buchstaben: Sprengstoff in Bandenburg. Objektiver der Rundfunk: Störmanöver Deutsche Einheit – die Spiegel-Affäre Ost.
Das war's. War's das? Das war es nicht. Siegfried Prokop auf dem Kolloquium direkt zur Sache: „Erich Honecker hat nach der Wende bedauert, dass die DDR sich nicht nach chinesischem Vorbild gerichtet hat. Ein Paradigmenwechsel der Politik in der DDR hätte es einfacher gehabt. Es hätte an die erfolgreiche Wirtschaftsreform des NÖS und im Felde der Politik an die Reformkonzepte von 1956 (Janka, Just und Harich) bis 1977/78 (Bahro, von Berg und Behrens) angeknüpft werden können. Wirtschaftlichen Rückhalt hätte die DDR auch von der Regierung Helmut Schmidt bekommen, dem vorschwebte, dass DDR und Bundesrepublik in Milliarden-Größen­ordnung auch auf Drittmärkten kooperieren. Man sage nicht, das sei angesichts der Einbindung der DDR in den RGW und die Warschauer Vertragsorganisation (WVO) nicht möglich gewesen. Gomulka, Mitte der fünfziger Jahre, und Walter Ulbricht in den sechziger Jahren hatten schon ihren Eigensinn gegenüber sowjetischen Vorschriften demonstriert und teilweise auch durchgesetzt.“

Der ND-Bericht vom 19.2.08 über das Potsdamer Kolloquium endete mit einer witzigen Anekdote über Die emsigen Ärzte, hier ist sie: „Last not least wagten sich die Konferenzteilnehmer auch an eine Diagnose des gegen­wärtigen Kapitalismus. Von Agonie und Koma war die Rede, von Zuständen, die nach Revolution schreien Den Einwand, dass eine solche kaum denkbar sei In Deutschland, wo es doch nach wie vor eine Sozialdemokratie gebe, die Arzt am Krankenbett des Kapitalismus spiele, ergänzte der als Zeuge für die Beachtung bzw. Nichtbeachtung des Spiegel-Manifests in der westdeutschen Linken geladene Schriftsteller Gerhard Zwerenz. ›Ja, und solange es auch eine Linke gibt, die sich als Arzt am Krankenbett der Sozialdemokratie versteht.‹“

Mein Thema in Potsdam hieß: Ex-Genosse – DDR-Renegat und trotzdem links? Ich sagte: Das Fragezeichen ist von mir und dennoch fehl am Platz. Ex-Genosse und Ex-Kommunist ja, DDR-Renegat nein. Der Renegat ist ein Glaubensabtrünniger. Mein Glaube war vorher und nachher identisch. Ich flüchtete aus der DDR, um Verhaftung und Gefängnis zu entgehen. Die DDR wollte ich erhalten, fürchtete aber, ohne Reformation und Paradigmenwechsel werde sie untergehen Trotzdem links ist insofern ungenau, weil ich in der Bonner Republik zwar Ex-Kommunist, aber kein Ex-Linker war. Für mich war Stalin der Revisionist und Renegat. Dafür hatte es objektive Gründe gegeben.
Mit Lenin starb sein Projekt der Weltrevolution samt Wartezeit auf die Revolution in Deutschland. Indem sie ausblieb, war Trotzkis permanente Revolution gegenstandslos geworden und er selbst ohne Chance. Also stieg Stalin auf und mit ihm sein Sozialismus in einem Land, der 1945 zum Sieg über Hitler und 1990/91 zum Übergang in den asiatischen Kapitalismus führte.
Am 15.12.1935 schrieb Tucholsky an Arnold Zweig: „Man muss von vorn anfangen – nicht auf diesen lächerlichen Stalin hören, der seine Leute verrät so schön, wie es sonst nur der Papst vermag – nichts davon wird die Freiheit bringen. Von vorn, ganz von vorn.“
Über Tucholsky merkte ich 1978 an: Von den revolutionären Linken, den Kommunisten, trennte ihn der Unglaube an die Diktatur des Proletariats. Er sah in Stalin das Gegengewicht zu Hitler. Doch nicht die Inkarnation des Sozialismus.“
Soviel zum Renegatentum und dem Trotzdem links .

Siegfried Prokop | 1956 - DDR am Scheideweg
Siegfried Prokop
1956 – DDR am Scheideweg
Opposition und neue Konzepte der Intelligenz
Homilius Verlag 2006
Das Buch bei Amazon  externer Link
Spiritus rector des Kolloquiums, das gern als Konferenz bezeichnet wird in Analogie zu 1945, denn Spott muss sein dürfen, und Herausgeber des Doku-Bandes ist Siegfried Prokop, von dem auch das Buch 1956 – DDR am Scheideweg und die anschlie­ßende Antho­logie Zwischen Aufbruch und Abbruch stammen. Alle drei Bücher doku­mentieren politische und kulturelle Kern­bereiche in der weiland DDR-Geschichte. Gewichtig­keit und Stich­haltig­keit der analy­tischen Rückblicke heben sie aus dem üblichen Geschwätz soweit heraus, dass sich die Blindheit westlicher Intelligenzler per brüllender Stumm­heit bestätigte, im Osten aber schwanken Genossen wie Ex-Genossen zwischen ein wenig Schuld­bewusst­sein und viel ver­schämter Ver­leugnung. Man will nicht eingestehen, dass es in der DDR diverse oppo­sitionelle Chancen gab. Man will nicht daran erinnert werden, welche Hoffnungen Chruschtschows Anti-Stalin-Rede weckte. Der 1956/57 versäumte Paradig­men­wechsel führte 1989/90 zum Ende des ost­sozialistischen Jahr­hunderts, so wie die Kriege im 21. Jahr­hundert zum Ende der bourgeoisen Welt­herrschaft führen.
Brecht hatte schon 1934 von „Murxisten“ gesprochen. Es war die Zeit der Moskauer Schau(-er)prozesse, die von den Genossen noch 1956 nicht zur Kenntnis genommen wurden, so wie unsere Sozialdemokraten heute noch nicht Noskes Bluthund-Funktion und ihr eigenes Elend zur Kenntnis nehmen wollen.

Der jugendliche Marx-Darsteller von den Theaterproben im unteren Geschoss ließ sich auf dem Platz neben mir nieder. Thema des Kolloquiums ist Marx oder Murx, erläutere ich – falls Sie was lernen wollen. Und er: Was heißt hier lernen? Ich bin der Marx! Tatsächlich? Ich schaue genauer hin. Unverkennbar, es ist der Marx-Nischel, direkt aus Chemnitz angereist, wo sie seinen Kopf gerade mit Planen verhängen wegen irgendwelcher modernen technischen Installationen. Er steige gern vom Sockel, erzählt mein Nachbar, treffe sich zur Mitternacht mit Leo Bauer, Walter Janka, Stefan Heym, Hermlin und anderen linken Chemnitzer Juden, verfolgt, geflüchtet, ausgewiesen. Man streite tüchtig, doch das wäre ihm ja nichts Neues. Klären möchte er hier nun seine Identität – sei er nun Marx oder Murx oder beides? Genosse Karl, staune ich, Sie bewerkstelligen, obwohl aus Trier, Köln und London, ein waschechtes Sächsisch? Und er: Stehen Sie mal jahrzehntelang in Chemnitz auf der Straße, inmitten der Eingeborenen, da wandle sich die Dialektik unweigerlich zum Dialekt. Und Sächsisch ist eine Art von Jiddisch, das ja ausstirbt. Wie er das in seiner fröhlichen linksrheinischen Lebensart, wenn auch sächsisch angehaucht, so von sich gibt, begreife ich, weshalb die Sachsen immer weniger werden – keine Perspektive, Geburtenverweigerung, Ausreise, um der Verfolgung wegen unpassender DDR-Vergangenheiten oder früherem Widerstand im Dritten Reich zu entgehen – welches Volk entflieht da nicht in die Diaspora. Ich will das dem Nischel gerade verklickern, da fällt mir ein, eben wurde per Umfrage sächsisch als unbeliebtester deutscher Dialekt herausgefunden. Und die Nähe zum Jiddischen? Wenn das dem Henryk Broder zu Ohren kommt, macht er sofort Antisemitismus draus. Genosse Marx, sage ich, freuen Sie sich, neuerdings gibt's in Deutschland eine Linkspartei mit 10–12 % Wählerstimmen. Das ist schon eine schöne Differenz zum Reichstag im Dritten Reich und zum Bundestag in Adenauers Zeiten. Ich wollte noch mehr sagen. Doch der Sitznachbar war von hinnen. In Chemnitz wird er schließlich gebraucht. Dort kriegt er die meisten Stimmen.

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 12. Januar 2009.

Gerhard Zwerenz   05.01.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz