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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 89

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

89

Vom Buch ins Netz und zur Hölle?

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Magnus Hirschfeld: Sittengeschichte des Weltkrieges. Ein Bataillon protzt auf Befehl ab. Zeichnung des Malers Michael Biró (Zoom per Klick)

Als Jürgen Reents für unseren Interview-Band Weder Kain noch Abel Fragen stellte, erkundete er Details meiner Gablenzer Boden­kammer-Biblio­thek. Im Buch lesen sich meine Erin­nerungen so: Heutzutage nimmt vor allem der Konsum von dummen und idioti­schen Büchern zu. Man muss aber die guten Bücher zur Hand nehmen, auch wenn sie keine Neu­erscheinung sind. Ich plädiere für das Bücherlesen, und meine Argu­mente sind die Bücher meiner Jugend. Hier sind sie, nach der Liste meines Onkels Otto Widl:
Ich beginne bei A mit Anzengruber, „Der Stern­steinhof“ – und muss gleich gestehen: Den habe ich nie gelesen, ich weiß bis heute nicht, was das ist. Also: Das A über­springen wir.
Unter B haben wir Giovanni Boccaccio „Decamerone“ I und II, gefolgt von Honoré de Balzac „Glanz und Elend der Kurtisanen“, Henri Barbusse „Das Feuer“, Karl Friedrich Becker „Weltgeschichte“ 20 Bände – damit kann man natürlich eine lange Zeit verbringen.
Bei C finden sich: Giacomo Casanova „Memoiren“, Otto von Corvin „Der Pfaf­fen­spiegel“ – das ist Religions­kritik, da geht es um christ­lichen Fana­tismus, wir sagen heute auch: Fundamenta­lismus.
Dann D: Fjodor Michailowitsch Dostojewski „Aus einem Totenhaus“, Charles Dickens „Oliver Twist“. Nun kommen die ersten Rechten, es ist nützlich, auch ihr Denken zu kennen: Edwin Erich Dwinger, „Die Armee hinterm Sta­chel­draht“ und „Zwischen Weiß und Rot“. Das war ein kaiserlicher Kriegs­frei­williger, der sich nach dem 1. Weltkrieg in den Dienst russischer Weiß­armisten stellte. Ich habe beide Bücher gelesen, dadurch war ich später als Soldat sehr hellhörig, wenn ich solche Töne hörte.
Unter E folgt Hans-Heinz Ewers. Das war ein hochinteressanter Schriftsteller, in der Weimarer Republik sehr beliebt, ein Gespensterautor. Hier sind seine Titel: „Der Geisterseher“, „Der Zauberlehrling“, „Mein Begräbnis“, „Alraune“.
Bei F dann Gustave Flaubert „Madame Bovary“. Das nächste Buch ist ver­schwun­den: Sofja Fedortschenko „Der Russe redet“ – ich habe es sehr geliebt. Die zehn Bände Gustav Freytag habe ich mir nicht angetan, das war mir zu viel.
Gehen wir zu G: Nikolai Gogol „Die toten Seelen“, Maxim Gorki „Meister­erzählungen“, Johann Wolfgang von Goethe „Faust“ – den habe ich als Junge aber auch nicht gelesen. Dann ist da Friedrich Gerstäcker „Tahiti“, er hat Tagebücher über seine Reisen geführt – Hans Jakob Christoffel von Grimmeishausen „Simplicissimus“. Und nun der Gegenschlag: Hans Grimm „Volk ohne Raum“.
Bei H kommen wir wieder aus der Düsternis raus: Jaroslav Hasek „Schwejk“ Band I und II, Ludovica Hesekiel „Unter'm Sparrenschild“, E.T.A. Hoffmann, „Vier Novellen“, „Phantastische Geschichten“, „Von Spuk und Wirklichkeit“, „Die Elixiere des Teufels“, „Musikalische Novellen“. Heinrich Heine „Buch der Lieder“, Magnus Hirschfeld „Sitten­geschichte des Weltkrieges“ I. und II. Band.
Unter K finden sich Adolph Freiherr Knigge „Über den Umgang mit Men­schen“, Erich Knauf „Ca ira!“ – das war ein Revolutionsbuch, eine Reportage aus dem Kapp-Putsch. Dann ein Autor, der mir ungeheuer geholfen hat, die Welt zu verstehen: Max Kemmerich, er ist heute völlig unbekannt, ver­schwun­den. „Prophe­zeiungen“, „Kulturkuriosa“, „Aus der Ge­schich­te der mensch­lichen Dumm­heit“, „Moderne Kultur“ und „Dinge, die man nicht sagt“ hießen seine Bücher. Ein Kulturaufklärer, ich habe ihn immer wieder gelesen, und erst nach und nach verstanden.
Wir kommen zu L mit Adolf Langer „Casanovas Abenteuer“, Choderlos de Laclos „Gefährliche Liebschaften“, Ludwig Levy-Lenz „Der Arzt im Hause“ und Jack London mit acht Büchern: „König Alkohol“, „Menschen der Tiefe“, „Jerry der Insulaner“, „Michael“, „Südseegeschichten“, „Ein Sohn der Sonne“, „Lockruf des Goldes“ und „Abenteuer des Schienenstrangs“.
Bei M haben wir Dmitri Mereschkowski „Leonardo da Vinci“, eine Biografie. Dann Victor Margueritte „Dein Körper gehört Dir“, ein Aufklärungsbestseller. Unsere Arbeiterfrauen haben ihn von Hand zu Hand gegeben. Das war damals eine Sensation. Weiter: Guy de Maupassant „Meisterromane“, Thomas Mann „Buddenbrooks“; Prosper Merimee „Die Bartholomäusnacht“ – das Buch habe ich ver­schlungen. Warum haben die in der Nacht eigentlich wen so massenhaft abgemurkst? Dann ist da noch Gustav Meyrink „Der Golem“.
Und jetzt kommt N: Friedrich Nietzsche „Also sprach Zarathustra“. Den habe ich als Mitglied der Flieger-HJ angefangen zu lesen, das war meine philosophische Jugendlektüre, die mich seitdem immer begleitet hat. Anfangs habe ich das natürlich auch nicht verstanden, habe aber unterstrichen und Fragen an den Rand geschrieben und mir später in Leipzig die einzelnen wichtigen Worte hinten notiert. Natürlich auch das wichtige Wort, das jeder deutsche Männerarsch kennt: „Wenn Du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht“ – Seite 71 Peitsche, steht da. Auch: Seite 197 Atomfeuer. Nietzsche hatte darüber ja spekuliert. Das Wort „mühsam“ hat mich ungeheuer interessiert. Ebenso „böse“, „bösern“, „es ist Nichts zu bösern“, ich böser, du böserst – das sind so Dinge, bei denen ich angefangen habe nachzudenken. „Die Dichter lügen zu viel.“: Da gab es ganz tolle Passagen, die haben mich interessiert. Da habe ich aber noch nicht gewusst, dass er das bei Schopenhauer halb abgeschrieben hat, er hat es aber besser formuliert. „Die Menschen erbrechen ihre Galle und nennen es Zeitung“. Das habe ich mit 15 Jahren in der Flieger-HJ zitiert, gegen unseren „Crim­mitschauer Stadt­anzeiger“ gerichtet, es gab ein riesiges Gelächter. Und das ist ja heute noch genauso. Nietzsche ist immer umstritten gewesen. Im Dritten Reich war er durchaus angesehen, wurde aber nicht völlig akzeptiert. Die SS war gegen ihn, wegen seiner Judenfreundschaft. Dann komme ich zurück aus der Gefangenschaft und halte meine Vorlesungen an der Ingenieurschule. Da habe ich ab und zu eine Sentenz von Nietzsche eingeflochten, die ich diesem Buch entnommen habe. Ich war aber immer unzufrieden, weil ich nicht so richtig verstand, was mit Nietzsche nun los ist, er galt in der DDR als Klassenfeind. Als ich im zweiten Semester bei Bloch war, habe ich bei unseren ersten persönlichen Zusammentreffen das Gespräch auf Nietzsche gebracht, ich wollte Blochs Meinung über ihn wissen. Er hat sich ziemlich zurückgehalten, aber ich habe gemerkt, dass Bloch, so wie er Marxist war, auch Nietzschianer war, ein fast klandestiner. Das hat er noch lange an sich abtropfen lassen, erst 1956 konnte man offen mit ihm darüber sprechen. Als Bloch dann in Tübingen war, war es das selbe Problem: Nietzsche war nicht angesehen, war belastet durch die Bezug­nahme auf ihn im Dritten Reich. Unsere Genossen wollten nichts davon hören, dass Bloch zum Drittel Marxist, zum Drittel Nietzschianer und zum Drittel er selber war, Blochianer. Ich habe das Nietzsche-Buch aus der Kiste meines Onkels immer auf Reisen mitgenommen, vor allem, wenn ich ab und zu nach Tübingen zu Bloch fuhr, dann wollte ich immer mit ihm über Nietzsche sprechen, um das endlich zu verstehen.
Einen Autor mit O haben wir nicht, darum geht es weiter mit P: Abbé Prevost „Manon Lescot“, das hat Massenet und Puccini zu Opern angeregt. Und Ernst Penzoldt „Die Powenzbande“.
Bei R gibt es Alexander Roda Roda „Schwabylon“ und „Die verfolgte Un­schuld“, Ludwig Renn „Krieg“, ein großer Bestseller in der Weimarer Republik, ein absolutes Antikriegsbuch. Überhaupt: Erich Maria Remarque „Im Westen nichts Neues“, Robespierre „Erinnerungen“ – das Buch habe ich verschlungen. Es war für mich ein absoluter Roman, das Köpfen in Frankreich.
Und nun S: Emil Scholl „Der Rosstäuscher“ kenne ich nicht. Upton Sinclar mit „Boston“ und „Amerikanische Erziehung“. Aron Simanowitsch „Rasputin der allmächtige Bauer“. Henrik Sienkiewicz „Mit Feuer und Schwert“, schließlich Eugene Sue „Die Geheimnisse von Paris“, ein mitreißender Krimi, ganz früh.
Dann T, sehr wichtig: Mark Twain „Tom Sawyers Abenteuer“, Rabindranath Tagore „Meine Lebens­erinnerungen“, Leo Tolstoi 12 Bände, darunter „Auf­erstehung“, „Krieg und Frieden“, „Anna Karenina“, „Lebens­stufen“, „Welt­anschauung“. Der nächste Russe: Ivan Turgenev „Väter und Söhne“ Das U fehlt. Bei V haben wir Friedrich Theodor Fischer „Auch Einer“.
Unter W ein ganz wichtiges Buch für mich: Heinrich Wandt „Etappe Gent“, ein Antikriegsbuch aus dem Ersten Weltkrieg, mit Blick hinter die Armee. Vorne sind die Arschlöcher ins Feuer geschickt worden und in der Etappe, das war hier also Gent, fressen und huren die Offiziere in Saus und Braus. Der hat richtig saftig darüber geschrieben, das war das Aufklärungsbuch für mich. Als ich dann selber Soldat war, habe ich immer jeden Offizier angeguckt, ob er so ein „Etappe Gent“-Hengst ist. So bin ich in meine Rolle gekommen, natürlich auch über viele Irrtümer.
Abschließend Z: Emile Zola „Nana“ und „Lourdes“, Arnold Zweig „Der Streit um den Sergeanten Grischa“.
Um es zusammenzufassen: Vieles von dem, was mich bewegt, wie ich mich verhalten und was ich getan habe, führt auf diese frühe Lektüre zurück. Ich ließ mich nie von anfänglichem Nichtverstehen abschrecken. Ich muss wirklich den Hut ziehen vor der Bibliothek meiner Jugend, und so singe ich das Lied des Buches als einer widerständigen Lebensform. Jürgen Reents befragte mich im vorigen Jahr so geduldig und kenntnis­reich nach meiner Gablenzer Lektüre der frühen Jahre, dass ich mich bis in die Details erinnern musste. Die zitierten Passagen aus Weder Kain noch Abel sind für mich sowohl Vergangenheit wie Gegenwart. Stehe ich heute in unserer Haus­bibliothek vor den geretteten 200 Büchern aus der Weimarer Republik, erkenne ich den mein Leben durchziehenden roten Erzählfaden. Diese Bücher von Bocccacio bis Emil Zola und Arnold Zweig wurden mir zum epischen Schatzkästchen, von dem ich noch in Notzeiten zehrte und zugleich zum Schlachtfeld, das eine Vorstellung dessen erlaubte, was mir danach von Monte Cassino bis Warschau geschah. Heute, im Rückblick auf Weimar und sein Ende erhebt sich die Frage, ob die Epoche der Vernichtungskriege überwunden ist oder zur Wiederholung ansteht.
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Märkische Allgemeine
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Vor kurzer Zeit Nachricht aus dem Internet: „Langewisches Wilder Haufen führt neues Stück auf – Motto: Bloß nichts gefallen lassen – Eine Satire nach Gerhard Zwerenz“. Ich wünsche dem jugendlichen Wilden Haufen Erfolg.
Unsere Online-Serie im poetenladen heißt zwar Die Verteidigung Sachsens …, umfasst jedoch das ganze Ostdeutschland als vergangene DDR, diesen gescheiterten Versuch, der nicht scheitern musste. Kein Grund, sich zu entschuldigen, zu verleugnen, zu schämen. Die da jetzt anklagend auf andere zeigen, sollten sich an die eigene Nase fassen. Schon stolperte Stanislaw Tillich mehrmals über seine Fragebogenvergangenheit, die er anderen verübelte. Komm heraus aus dem Versteck, du CDU-Altmitglied, mach dich ehrlich und wage eine neue Politik, die der Kultur nicht entsagt. Dazu gehörte die Erkenntnis, dass die friedliche Revolution von 1989 scheiterte. Erstens gehört zum Frieden das Verhalten beider Seiten. Das klappte am Anfang, weil Gorbi gerade erzitterte. Zweitens schlugen die Revolutionäre statt des 3. Weges den 1. Weg ein und landeten bei kapitalen Pleitegeiern, denen jetzt auch noch die Flügel gestutzt werden. Glückauf zur Ankunft im Reich der Insolventen, Bankrotteure und Arbeitslosen? Statt Rommels Panzern in Afrika rollen heute Merkels und Jungs Panzer am Hindukusch. Sieht so das Erbe von Weimar aus?
Die Suhrkamp-Ausgabe seiner Bücher schickte Bloch uns stets mit freundlicher Widmung an Ingrid und mich. Nur Erbschaft dieser Zeit in der erweiterten Fassung von 1962 war mir allein zugeeignet: „Ein Gruß vom Kurfürstendamm der zwanziger Jahre für Gerhard Zwerenz – herzlich Ernst Bloch“. Das war ein Brückenschlag von Tübingen aus zurück zu meinem letzten Leipziger Besuch im Haus von Ernst und Karola. Die Erb­schaft …, 1935 in Zürich erstmals erschienen, in der DDR nicht und erst danach in Frankfurt am Main wieder aufgelegt, enthält den Kern der Differenz zum Moskauer und Ostberliner Parteimarxismus. In jener Augustnacht 1957 fragte ich den Philosophen, weshalb er nicht darauf bestanden habe, die Erb­schaft … im Aufbau-Verlag herauszubringen. Seine Antwort: „Es ist nicht ihre Erbschaft.“ Zielsicher richtete sich die Anti-Bloch-Kampagne gegen seine Versuche einer marxistischen Ontologie und Anthropologie. Leo Kofler arbeitete später an den verfemten Themen. In der gelben Hanser-Reihe erschien 1973 Aggression und Gewissen. Kofler aber war selbst Renegat, im Osten indiskutabel und für den Westen viel zu links.
Blochs Erbschafts-Buch enthält 3 Grundsatz-Thesen:
1. Die Niederlage der Linken im Kampf gegen Hitler wurzelt in falschen strategischen Annahmen. 2. Der Antifaschismus bedarf der Dekonstruktion des Faschismus sowie der eigenen Irrtümer. 3. Bei allen Differenzen unter Linken gebührt der „Liebe zum Gelingen“ Vorrang.
Das Axiom „Liebe zum Gelingen“ schmuggelte Bloch leicht verändert als „ins Gelingen verliebt“ in die ersten Sätze des Vorworts zum Prinzip Hoffnung ein. (Erster Band, Aufbau-Verlag 1954) Es hätte als Motto zu Erbschaft dieser Zeit gehört. Das Buch war Blochs Meisterwerk des frühen zweiten Exils, sein Dokument der Dekonstruktion, die Warnung vor der Niederlage von 1933 und den Folgen bis heute. Die Berliner Republik ist die erneute Versuchung der Deutschen wie die Weimarer Republik zu enden statt den 3. Weg zu gehen.
  Die Musterung der 50jährigen  
In der Liste der Gablenzer Bibliothek wird das Antikriegsbuch Etappe Gent von Heinrich Wandt hervorgehoben, das mich davor bewahrte, dem heroischen Dandy Ernst Jünger auf den Leim zu gehen. Der von der FAZ in Erinnerung an Helden-Zeiten dauerbelobigte Kriegsheld ist zu süß, wie wir in Folge 5 unserer Vertei­digung des sächsischen Pazi­fismus belegen. Ebensoviel verdanke ich Magnus Hirschfelds Sitten­geschichte des Weltkrieges. Wer die zwei in Text und Foto fulmi­nanten Bände kennt und trotzdem wohlgemut in die Schlacht zieht, muss schon vorher hirntot gewesen sein. Beide Hirschfeld-Bücher sind die konkretisierte Dekon­struktion aller Kriege. Besonders Jugend­lichen zu empfehlen, bevor sie Soldat oder Soldatin werden müssen oder wollen. Wir führen drei Hirschfeld-Exempel im Bild vor: 1. Das ganze Bataillon bescheißt die Natur. 2. Musterung alter Männer. 3. Befehl ist Befehl.
  Berliner Straßenbild  
Die Beispiele aus der Original-Ausgabe stellen wir deshalb ins Netz, weil Hirschfelds Weltbestseller trotz einer 1980 vom Komet-Verlag publi­zierten Neu-Edition nicht hin­reichend bekannt ist. Der militante Pazi­fismus der Hirschfeld und Wandt, den die Print­medien nicht mehr wahr­nehmen wollen, passt genau in unsere 99 Fragmente, wo Freiheit auch die Freiheit von Zensur und Angst­schweiß ist. Aber ja doch, liebe Kameraden von der Bundeswehr, heute kackt ihr nicht mehr bataillons­weise komman­diert auf die grüne Wiese. Jeder sitzt für sich aufrecht auf nem Chemie-Klo, so wie jeder auch für sich stirbt.
Am 21.9.2008 bediente sich ausgerechnet die an hochartifizieller Mode interessierte FAZ der Hirsch­feldschen Dekon­struktions­technik, indem sie ein loses Kunst­werk des phantastischen Bildhauers Peter Lenk vom Bodensee abdruckte. Entgeistert erblicken wir die Kanzlerin bar aller Textilien, etwa als DDR-FKK-Erinnerung? Sie steht in intimer Nähe zu ebenfalls entblößten Polit-Recken; dem Schröder streichelt sie den Rücken, den Stoiber packt ihre Hand am Kleinen Herrn, doch der bleibt ungerührt und zeigt nur gesichtsweise Wirkung. Kunst eben.
  Peter Lenk: Ludwigs Erbe  
Ist es das schöne alte Märchen von des Kaisers neuen Klei­dern? Die Kanz­lerin als des kriege­rischen Monar­chen Stell­vertretung? Warum nicht im total ent­fesselten Dekol­leté bei den Wagner-Fest­spielen zu Bayreuth an­treten wie schon mal in Oslo? Vor­schlag fürs auf­gehübschte Publikum: diadem­ge­schmückt, gold­ket­ten­be­han­gen, bril­lant­ring­befingert – die kunst­beflis­senen Herr­schaften der Wagner­brunst hul­digen dem Zeit­geist, der bis auf die nackte Haut präsentiert wird und nur ein paar Not­millionen an sich trägt. Da fühle ich mich an Etappe Gent erinnert und sehe Hirschfeld die Götter­dämmerung dirigieren. Ich, GZ alias Gert Gablenz und Ingrid Zwerenz stehen daheim vor den 200 Büchern, die durch 12 Jahre Hitler­zeit, DDR und BRD bis in unsere Haus­bibliothek am Fuße des Feldbergs gerettet wurden. Ein Hoch auf das treue Buch? Online nachzulesen? Ein Hoch auf das Netz? Die lustige bibliophile Geisterfahrt vom Buch zum www und bis in die Hölle der buchlosen Zeit ist jedenfalls mit guten Vorsätzen gepflastert. So sagen wir's im poetenladen, diesem litera­rischen online-Paradies an der Pleiße, wo Angela in Leipzig ja auch einst friedvoll studierte, bevor sie sich des Kaisers neuen Kleidern zuwandte, nicht ahnend, dass sie es einst laut Grundgesetz zur Ober­befehls­haberin einer am fernen Hindukusch krieg­führenden gesamt­deutschen Armee bringen würde.
Dagegen der Sachse Erich Kästner:

Und als der nächste Krieg begann,
Da sagten die Frauen: Nein!
Und schlossen Bruder, Sohn und Mann
Fest in die Wohnung ein.

Dann zogen sie, in jedem Land,
Wohl vor des Hauptmanns Haus
Und hielten Stöcke in der Hand
Und holten die Kerls heraus.

Sie legten jeden übers Knie,
Der diesen Krieg befahl:
Die Herren der Bank und Industrie,
Den Minister und General.

Da brach so mancher Stock entzwei
Und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab's Geschrei
Und nirgends gab es Krieg.
Anmerkung zur Kunstgeschichte. Herrschten in Deutschland römische Sitten, stieße Merkel dem Schröder statt ihn zu streicheln ein Messer in den Rücken. Und des Stoiberers ungalante Reglosigkeit trotz Angelas Handreichung, um den Puls der Zeit zu fühlen, erledigte den Mann für alle Zeiten. Über den Wassern aber schwebte der Geist Mussolinis, inkarniert in Silvio Berlusconi. So sähe eine intelligente Comic-Serie von heute aus. Abgesehen davon denke ich, alle diese kriegerisch engagierten Politiker und -innen, Generäle und -innen bekamen in ihrer traurigen Kindheit und Jugend einfach die falschen Bücher zu lesen. Wir versuchen das jetzt via Netz wieder gutzumachen.
Nachdem sich ein Halbdutzend elitärer Spiegel-Essayisten für den Krieg am Hindukusch und sonstwo abmühte, überrascht der freie Bestsel­ler­philosoph Richard David Precht die akade­mische Leserwelt am 3.8.2009 plötzlich mit einem geistes­blitzi­gen Hand­kanten­schlag gegen den Krieg. Ähnliche Orgien der Vernunft leistet sich in letzter Zeit nur noch Hans-Ulrich Jörges im stern. Was ist los in Hamburg? Kommt Desertion von den Schlachtfeldern in Mode? Precht: „Deutsch­land verteidigt am Hindukusch nicht seine Sicherheit, sondern es verstößt gegen das Völkerrecht. Geboten wäre ein Aufstand der Intel­lektuellen…“
Was für ein Utopist – und das so plötzlich mitten im Spiegel! Geht da etwa der Geist Augsteins um, vonwegen Sturm­geschütz des Grundgesetzes?

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 24.08.2009.

Gerhard Zwerenz   20.07.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz