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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 60

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

60

Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze

Das Ende einer Utopie
Horst Krüger (Hrsg.)
Das Ende einer Utopie –
Das Erstgeburtsrecht unseres linken Widerstands
Walter 1963
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Dem Internet ist zu entnehmen, am 28.4.08 fand in der Handballmetropole Gummersbach eine kulturvolle Tagung statt zum Thema: »Die Faszination der Heilslehre und der Weg in die Unfreiheit.« Als erstes ist zu erfahren: »Pro­fessor Dr. Eckhard Jesse sprach über die Faszination totalitärer Systeme und Ideologien und fasst selbst zusammen …«
Wir zitieren den ersten Absatz seiner Zusammen­fassung: »Der Kommunismus muss als eine Utopie gelten, die in die Wirklichkeit umgesetzt werden soll(te) – mit Gewalt, aber auch mit dem Anspruch auf die Erfüllung eines geschichtlichen Auftrages. Wer als gläubiger Kommunist die unerbittlichen Gesetze der Geschichte bejahte, gestand in den Schauprozessen seine Schuld ein, weil die Partei, die nicht irren konnte, es so wollte. Immer wieder wandten sich ehemalige Verfechter der kommunistischen Ideologie an die Öffentlichkeit, um vor ihren Versuchungen zu warnen: Franz Borkenau, André Gide, Arthur Koestler, Ignazio Silone, Manès Sperber und viele andere mussten sich den Vorwurf des Renegatentums gefallen lassen. 1963 erschien eine von Horst Krüger herausgegebene Edition über »Das Ende einer Utopie«. Exkommunisten wie Leo Bauer, Ralph Giordano, Alfred Kantorowicz, Günther Zehm, Gerhard Zwerenz rechneten mit jener Ideologie ab, zu der sie sich noch vor einiger Zeit bekannt hatten.«
Folgt der ganze Sermon astrologischer Extremismusforschung mit Joachim Fests Anti-Utopie-Palaver und Ernst Noltes Geistesblitzen Richtung Archipel Gulag und Auschwitz. Zu empfehlen ist dem an den Lessing-Feind und orthodoxen Hauptpastor Johann Melchior Goetze gemahnenden Prof. Jesse, gelegentlich über die Differenz zwischen Auschwitz und Bautzen zu forschen. Was aber den Verweis des Chemnitzer Lehrstuhlinhabers auf unsere 1963er Anthologie Das Ende einer Utopie betrifft, bin ich gern bereit, Aufklärung zu leisten, da wäre allerhand vorgestriger Untergrund auszuleuchten. Hier und jetzt nur soviel: Von den neun Buch-Autoren waren sieben Opfer der Nazis oder bzw. und antifaschistisch-kommunistische Widerständler. Diese kommunistische Vorgeschichte ihres Ex-Kommunismus stößt bei Jesse auf keinerlei Interesse. Warum nicht? Ist ihr Antifaschismus auch Extremismus? Stattdessen wertet Jesse heutige neonationale Strömungen auf. Für die sieben Antifaschisten in der Anthologie würde ich mich verbürgen, dass unter ihnen keiner vom Extremismus-Forscher EJ als Zeuge aufgerufen werden möchte. Hier ein Zitat von einem meiner Freunde, der 1963 im Sammelband schrieb: »Ist es eine neue Utopie, vorauszusetzen … dass auch eine Entspannung denkbar wäre, die den Abbau der Mauer … auf gewaltosem Wege möglich machte? Alles fließt.« So Alfred Kantorowicz vorausschauend. Bei Prof. Jesse fließt alles zurück in die kaltkriegerische Vergangenheit. Er sucht die Konfliktlage der fünfziger Jahre zu beleben. Statt die Differenzen zwischen Hitler und Stalin zu konstatieren, ebnet er sie ein, um seine Gleichsetzung zwischen links und rechts propagieren zu können. Die intellektuelle Dürftigkeit dieser Extremismus-Rechnung ist das eine, die politische Aufwertung des Nazismus samt seiner post- wie präfaschistischen Formen das andere. Von den Autoren des Bandes Das Ende einer Utopie durfte ich Leo Bauer, Josef Scholmer, Alfred Kantorowicz zu denjenigen Freunden zählen, die sich im antifaschistischen Widerstand als aufrechte Kommunisten bewährt hatten. Ihre Konflikte und ihr Abfall von der KP resultieren aus den nachfolgenden Deformationen der Partei und sollten nicht als Rücknahme ihrer Lebensziele benutzt werden. Der in mein heimatliches Chemnitz geholte Extrem-Forscher Jesse sollte wissen, unser zu Recht berühmtes Marx-Denkmal zeigt tatsächlich Karl Marx, nicht aber Hitler oder Stalin.
Von den Widerständlern, die bei uns 1934 in Westsachsen verhaftet wurden, waren die meisten ehemalige Sozialdemokraten, die über die SAP zur KPD gekommen waren, weil ihnen gegen die Nazis eine derart schlaffe SPD nicht mehr reichte. Der junge Willy Brandt war SAP-Genosse. Alles bloß Extremisten? Im wohlfeilen Gerede über die Zwangsvereinigung von KPD und SPD in der damaligen Ostzone wird vergessen gemacht, dass Sozialdemokraten und Kommunisten in den Hitlerschen Zuchthäusern und KZ's original zwangsvereinigt worden waren. Ohne Kommunisten und Bolschewisten hätte Nazi-Deutschland ganz Europa erobern können; so mancher Totalitarismus-Experte wüsste dann noch weniger vom Widerstand als er so schon wissen will. Davon abgesehen dient die Totalitarismus-Masche heutigen Wahlkämpfen. Die Kommunisten sollen Nazis sein, die Sozis vom Kampf für soziale Prinzipien abgeschreckt werden. Eine neue Linke ist zu verteufeln, auf dass sich nichts ändere am herrschaftlichen Kurs in die totale Weltpleite.
Einer meiner Leser verwies gerade »erschüttert übers Dargestellte« auf Seite 264 von Krieg im Glashaus oder Der Bundestag als Windmühle Berlin 2000. Da das Buch vergriffen ist, zitiere ich hier die Seiten 264/65: In den protzig hochfahrenden deutsch-deutschen Vereinigungsfeiern wird geflissentlich die Tatsache fortgeredet, daß die größten Opfer im Widerstand gegen die Stalindiktatur von Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten gebracht wurden. Nicht die Kompanien friedenstüchtiger Pastoren, angefangen bei unserem sehr achtbaren SPD-Freund Schorlemmer bis hin zum letzten DDR-Verteidungsminister Eppelmann, wurden als Staatsfeinde verfolgt, sie wurden doch nur ein wenig geängstigt, meist toleriert, wo nicht hofiert. Gejagt, geköpft, gehängt, erschossen wurden unter Hitler wie Stalin Tausende von Linken und Revolutionären, und noch in den fünfziger Jahren setzte es Todesurteile, Lebenslänglich, Verschwinden nach Workuta, etwa bei Kurt Müller und Leo Bauer. Noch 1957 gab es bis zu zehn Jahren Zuchthaus für die Oppositionellen der Harich-Janka-Prozesse.
So wurde mit drastischer Strenge der linke Widerstand gegen die Moskauer Diktatur und die Diktatur der Moskauer gebrochen. Dieses Erstgeburtsrecht linken Widerstands wird nur allzu bereitwillig vergessen gemacht, paßt es doch nicht in die schöne Glitzermär vom Heldenmut einer späten Dissidentenschaft, der ihr Idealismus nicht abgesprochen werden soll, die jedoch aufrichtig einzugestehen vergißt, daß sie sich nicht rührte, als es den Kopf kosten konnte, sondern sich, durchaus vernünftigerweise, erst hervorwagte, als die Moskauer Perestroika strafmildernde Liberalität verkündete.
Die Todeslisten der Nazi-KZ's und Gulags sprechen die Sprache der Fakten. In Brandenburg und Bautzen, in Dachau und Buchenwald saßen schon Genossen ein, als die deutschen Bürgerkameraden noch vom Endsieg träumten oder, nach 1945, im Zeichen der Gehlen und Globke dennoch siegen zu können vermeinten.
Arnold Paucker in Arno Lustigers 1997 bei dtv München erschienenen Buch Zum Kampf auf Leben und Tod. Vom Widerstand der Juden 1933-1945 Seite 51: »Andererseits stand nach der Pogromnacht die kommunistische Untergrundpresse im Zeichen vorbildlicher Solidarität mit der drangsalierten jüdischen Bevölkerung. ›Gegen die Schmach der Judenpogrome!‹ lautete die Schlagzeile der Roten Fahne, die in den Novembertagen des Jahres 1938 nachts in den Arbeitervierteln Berlins unter die Türen geschoben wurde. Und überhaupt – schon in Anbetracht der großen Opfer, die sie gebracht haben, sind und bleiben die Kommunisten die Helden des deutschen Widerstands.« Offenbar ist doch nicht so einfach links gleich rechts.
Nach Lektüre eines Beschattungsprotokolls notierte ich 1996 in Das Großelternkind: Wie es gelang, 1976 die Reise ins mir seit 19 Jahren verbotene DDR-Land zu meinem Geburtsort durchzusetzen, ist ein Lach-Kapitel für sich ... Weil der Staat DDR einen Kontakt des für 3 Tage eingereisten Zwerenz mit Erich Loest im 72 km entfernten Leipzig befürchtete, wurden wir beschattet, wurde Loest in Leipzig beschattet, wurden Kontrollen und Straßensperren in mehreren Städten errichtet, gab es Alarm bei Polizei und Armee, rätselten Agenten bis hinauf zum General, warum »der Zwerenz und seine Ehefrau im Dorfe Gablenz an einem Platz mit mehreren Teichen« spazieren gingen. (Es sind nur zwei Teiche.) Warum er dort photographierte. Nun ja, dort steht sein Geburtshaus, das er nach 19 Jahren wiedersah. Auf einen so banalen Grund kommt ein Geheimdienst nicht, der naturgemäß Konspiratives argwöhnt.
An anderer Stelle notierte ich dazu: Die Überwacher ahnten nichts von meiner besonderen Beziehung zu diesem Ort, nichts von der »Weißbach«, die sich dort erstreckt, wo sich 1933/34 die Widerständler insgeheim trafen, nichts vom nahebeiliegenden Häuschen, in dem Alfred Eickworth gelebt hatte, der 1943 Erschossene. Wie sollten SED-Geheime so schnell antifaschistische Orts- und Geschichtskenntnisse aktivieren, wenn sie doch vollauf damit beschäftigt waren, einen Renegaten zu überwachen. Kein Gedanke auch an den tapferen Rudolf Hallmeyer, der sich hier in der Weißbach mit den Gablenzer Hitler-Gegnern traf. »Am 8. September 1943 mit dem Fallbeil hingerichtet«, vermerkt Chronist Wolfgang Gärtner in seinern Bericht: Der antifaschistische Widerstand 1933/34 im Raum Crimmitschau (die Alfred-Eickworth-Gruppe). Die Broschüre erschien 1977, ein Jahr, nachdem Ingrid und ich für drei Tage einreisen durften und genau am Ort des Widerstandes durch emsige Geheimdienstler observiert worden sind.

Wie lustig, 100 Jahre Völker­schlachten

Von der parteiischen Naivität der überwachenden DDR-Geheim­dienstler zu Jesses heutigem anti­marxistischen Kurs, wobei er sich auf Arthur Koestler beruft. Empfohlen sei Prof. Jesse deshalb die 56. Folge meiner poetenladen-Serie, die nicht ganz unbeabsichtigt Zwischen Arthur Koestler und den Beatles heißt. Darin sagt Koestler im Interview, die künftige Gefahr sei nicht mehr die Ost-West-Konfliktlage, sondern die drohende Selbstvernichtung der Menschheit. Das Interview stammt aus dem Jahr 1966. Höchste Zeit für die Extremismus-Forschung, davon Kenntnis zu nehmen. Stattdessen verhagelte Jesses Doktorandin Carmen Everts ihrer hessischen SPD im schönen Herbst 2008 die Ablösung Roland Kochs als Ministerpräsident, weil ja von links die Diktatur des Proletariats drohe. Inzwischen ging auch der rechte Flügelmann Clement von Bord. Die Welt des Kapitals havariert als sei es die Titanic. Professor Jesse und seine Dr. Carmen aber bekämpfen die Linke, auf dass die Kontinuität vaterländischer Geschichte in all ihrem Schrecken wieder hergestellt sei. 2013 wird sich die Einweihung des Leipziger Völker­schlacht­denkmals zum hundertsten Mal jähren – wie lustig – 100 Jahre Völkerschlacht. Und in Berlin wollen sie das Hohenzollernschloss wieder errichten. Die Zuckerbäcker üben schon zusammen mit den Generälen, da wollen sie wohl bald ihren Kaiser Wilhelm wiederhaben.
Im Spiegel 17/2008 wird Eckhard Jesse zitiert mit seiner Erkenntnis, es sei »ganz wichtig«, dass mit Stanislaw Tillich als Dresdner Ministerpräsidenten »die Sachsen nun von einem Sachsen regiert werden«. Kaum ausgesprochen muss der tapfre katholische Sorbe aus Pauschwitz-Kuckau seine veröffentlichte Biographie korrigieren, weil ein zugereister Sozi darin erhebliche Lücken entdeckte. So ist das, wer anderen eine Grube vor der Haustür gräbt, sollte selber Fallschirm tragen.
Mit Blick auf die 2009 anstehenden Bundestagswahlen probt der eisiggraue Konservenflügel der CDU die Rückkehr in die geliebten Kaltekriegszeiten. Die Herrschaften von vorgeblich links und rechts schlagen sich eifrig ihre Vergangenheiten vor die Birne. Wer war KPD, SED, Ost-CDU, West-Juso, Friedensmarschierer. Hessens wackerer Linkspolitiker van Ooyen wurde mit Ostgeld ausgestattet? Entstammt das nicht dem Milliarden-Kredit, den der Privat-Pilot F. J. Strauß höchstpersönlich dem Genossen Honecker besorgte? Zur Jahreswende 2008/9 stecken die eifrigen Politkrieger bis zur frechen Unterlippe im selbstverschuldeten Billionendefizit ihrer Finanzartistik, doch ihre ganze Sorge gilt dem eigenen Fortkommen im Klassen- und Kassen-Glitsch. Prof. Jesse aber, den in Chemnitz der steinerne Marx-Nischel nicht ruhen lässt, will in die vergangenen FAZ-Zeiten zurück, als unter der seligen Joachim-Fest-Heraus­geberschaft Archipel-Gulag = Auschwitz galt, wie es der bis dahin relativ unbescholtene Ernst Nolte lehrte. Die berühmte Prioritäten-Formel lautete: Gulag war früher als Auschwitz, also muss Auschwitz die Folge, Stalin das Prius von Hitler sein. So denken die reichs­deutschen Chefs.
Ein Gott, der keiner war
Ein Gott, der keiner war –
diese von Koestler heraus­gege­bene englische Anthologie war Vorbild für den deutschen Sammelband Das Ende einer Utopie
dtv 1962
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Wir raten zur Lektüre der schönen Anthologie Ein Gott, der keiner war (1950/62) von Arthur Koestler mit Ignazio Silone, Richard Wright, André Gide, Louis Fischer, Stephen Spender – dieses Buch stand Modell für Das Ende einer Utopie von 1963. Wenn Gottes Thron leer steht, ein Gott keiner war oder irgendeine andere Utopie nichtig wird, sollte das noch lange kein Grund sein, eine hinkefüßige rechte Denkfabrik zum Hochschulinstitut auszuloben. Den Rückfall in die Fest-Nolte-Irrtümer der achtziger Jahre hat selbst die Tante FAZ nicht verdient.
Zum 90. Jahrestag der Revolution legt der S. Fischer Verlag so pünktlich wie verspätet Alfred Döblins Riesenepos November 1918 in einer preiswerten Neuausgabe vor. Das Werk, seiner literarisch-politischen Radikalität und Wahrheitsleidenschaft wegen lange vernachlässigt, wo nicht abgelehnt, gar verboten, wird plötzlich favorisiert. Schon am 23.11.08 überraschte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung mit der Überschrift: »Das Leben radikal anders denken«, was ich mir gern gefallen lasse, selbst wenn's von ungewohntem Ort kommt. Die FAS also: »Zahlreiche historisch verbürgte Personen treten auf, darunter Ebert, Scheidemann und Noske, der Bluthund von der SPD …« Gerade wurde im hessischen Wahlkampf eine linke Politikerin verdammt, weil sie so etwas nicht nur wusste, sondern auch noch öffentlich äußerte. Weiter im FAS-Text: »Dort agieren die amputierten Machtmenschen, Leute wie Ebert & Co, die in Döblins Darstellung die deutsche Revolution erstickt haben … Dort schießt der SPD-Noske den Aufstand nieder …« Was sich doch anhand eines Romans alles unbestraft sagen lässt im Reich der Mitte. Wir erstaunen weiter. Sogar Sebastian Haffner wird nebenher gewürdigt, zwar sei sein Buch über 1918/19 »hinreißend«, wenn auch nicht an Döblin heranreichend, doch:»Das Buch ist der engagierte Versuch, die Ereignisse mit einer Hand zu fassen, die maßgeblichen politischen Motive und Handlungen zu analysieren, deren fatale Folgen bis zu Hitler reichten. Da schrieb sich ein Journalist in die Vorfälle hinein wie in das aktuelle Tagesgeschehen, das er mit seinen Kommentaren nicht nur begleiten, sondern am liebsten beeinflussen wollte. Ein Kerl muss eine Meinung haben, das hat Döblin einmal geschrieben. Haffner war ein Kerl.«
Was sich doch Ende 2008 noch für Kerle in den letzten Tagen der Menschheit entdecken lassen: Alfred Döblin, Sebastian Haffner, sogar Eberhard Rathgeb von der FAS. Seit die Krise zur Weltkrise eskaliert, geschehen Zeichen und Wunder.
Herr Extremismusforscher Jesse, es gibt viel zu tun.
Bei den Dreharbeiten zu Fassbinders Berlin Alexanderplatz fiel mir in meiner Rolle die expressionistische Sprache des Buches schwer. Im Grunewald an einen dicken Baum gelehnt verhaspelte ich mich, dachte an eine frühere Döblin-Lektüre und riet Rainer, Döblins Revolutionsroman über 1918 zu verfilmen. Fassbinder kannte sich aus. Vielleicht später, sagte er, so ein Projekt ist sehr teuer. Wer wollte das bezahlen …
Darüber starb unser phantastischer Extremist der Bilder einfach weg.
Sklavensprache XVII

Lass nie dich von Gefühlen täuschen,
die sie von außen überstülpen dir
und deinesgleichen. Sie wollen dich
nur lebensgroß im Sarge haben.

Von Anfang an, mit Wiegenliedern.
Statt von der Muttermilch sollst
du von Tranquilizern naschen. Auf
Sicherheit und Ruhe eingestellt.

Sie nehmen Maß an deinem Hosenboden,
sie stecken deine Zunge ab. In
deiner Bibel streichen sie die
schärfsten Stellen einfach durch.

Dann lassen sie dich fromme Lieder
singen, und wenn du aufbegehrst,
kriegst du eins drauf. Sie löchern
dich und hängen deinen Hals ins Seil.

Las nie dich von den schönen Worten
täuschen, mit denen sie an deiner
Grube loben, was da liegt. Du bist
ein braver Hund gewesen deinem Herrn.
PS.: Eben erinnere ich mich, mein Beitrag in dem von Prof. Jesse benannten Buch Das Ende einer Utopie schließt auf Seite 193 mit der Aufforderung zur Aufklärung. Allerdings steht dort: »Man wird, will man sich dieser Aufgabe unterziehen, freilich in Ost und West auf erbitterte Gegnerschaft stoßen. Aber das sollte kein Hindernis sein.«

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 15. Dezember 2008.


Gerhard Zwerenz   08.12.2008    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz