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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 53./54. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  53. und 54. Nachwort

53. Nachwort: Die DDR musste nicht untergehen (2)
54. Nachwort: Ein Orden fürs Morden


  Rosa Luxemburg:
Ermordung als Risiko
der Revolu­tionärin?


Laut Agenturmeldungen wird im Erzgebirge vom hlg. Berggeist mal wieder nach Silber geschürft. Das geht seit Jahrhunderten so. Die Hauptstraße in meinem Heimatort hieß schon immer Silber­straße. Karl May erfand den Schatz im Silbersee. August der Starke lebte vom versilberten Silber, wollte Gold und ließ versehentlich das Sächsische Porzellan erfinden. Die Russen gruben nach und stießen auf Uran, das Gold der Bombe, mit der sie die USA einholten, ohne sie zu überholen, denn Hiroshima und Nagasaki waren bereits auf ameri­kanisch in Trümmer gelegt worden. Was tun, wie Lenin fragte. Ohne ihn zu fragen, rückte die Sowjetunion in Afgha­nistan ein und wieder aus, damit Platz würde für den Ein­marsch der NATO, die unsere Freiheit überall dort verteidigt, wo es sie gar nicht gibt. Statt auf die Schatzsuche nach Silber sollte auf die nach Freiheit gegangen werden. Dabei gelang dem MDR tatsächlich ein befreiender Blick auf unsere Vergan­genheit der Wismut. Der Film heißt Der Uranberg, spielt im Jahr 1947 und wurde am 18.12. 2010 auf Arte erstgesendet. Ein wundersames Bilder-Märchen, verortet in Annaberg, Böhmen, Crimmit­schau und voll von Salz und Pfeffer. Ohne Liebe geht die Story nicht. Aber Liebe mit Charakter haut den Bergmann um. Die Schöne weint trockene Tränen. Den sowje­tischen Oberst spielt einer mit Maß und Charakter. So hartreal kann Heimat­film sein, wenn Saxonia sich traut und zu Stuhle kommt, wie dem stern-tv-Programm für den 18. – bis 24. Dezember 2010 aus einem Interview mit Henry Hübchen zu entnehmen ist:


Die Suche nach Silber und Gold (Porzellan) führt uns in die schöne Stadt Dresden, von der schon am 11.11.2007 in der Folge 11 mit dem Titel „Hannah Arendt und die Obersturmbannführer“ die Rede war. Insgesamt endet die Expedition ohne Umwege beim Dresdner Hannah-Arendt-Institut, das be­kannt­lich der Totali­taris­mus­forschung dienen soll und mit falschen An­gaben aller­hand falsche Aus­sagen in die Welt setzte.


 Warnung vor uralten
 Kalten Kriegern

Zuletzt war der dama­lige Bundes­präsi­dent Horst Köhler in seiner Leipziger Rede vom 9.10.2009 drauf rein­gefallen, als er behaup­tete, am 9.10.1989 seien wegen der Demon­stra­tion in Leipzig als erwart­bare Folge des Schieß­befehls Panzer, Blut­plasma und Leichen­säcke bereit gehalten worden. (Mehr dazu vom Historiker Horst Schneider in junge Welt vom 30.11.2010) Um den frag­wür­digen Produk­tionen des Dresdner Instituts zu begeg­nen, schlugen wir schon in unserer Folge 11 vor, als Gegen­gewicht ein Leipziger Ernst-Bloch-Institut zu gründen, die Antwort darauf steht bis heute aus. Der in Dresden offenbar herr­schenden Unkennt­nis Paroli zu bieten, zitieren wir zumindest einen luziden Hinweis von Hannah Arendt, die aus­drück­lich vor der Hinter­lassen­schaft der „Ära des Kalten Krieges“ warnt, weil sie „eine offizielle Gegen­ideologie hinter­lassen hat, den Anti­kommunis­mus, welcher gleich­falls dazu neigt den Anspruch auf Welt­herrschaft zu ent­wickeln …“ ( aus Totale Herrschaft – Vorwort)

Anno 2010/11 steht den Eliten das Wasser bis zum Halse. Ihr favo­risiertes Feuilleton am 2. Weih­nachts­feiertag: „Ist die Welt denn noch zu retten?“ Politik­seite: „Ratlos vor den Designer-Wasser­hähnen … Spazier­gang im Luxus­gässchen … Die SPD tritt auf der Stelle … Tot­gesagte leben länger … Der Stern von Bethlehem …“


Cesare Borgia – Nietzsche und sein Hymnus auf den Katholizismus

Zur Erholung von den FAS-Mythen hier ein wenig Nietzsche:
  „Cesare Borgia als Papst .. Versteht man mich? .. Wohlan, das wäre der Sieg gewesen, nach dem ich heute allein verlange –: damit war das Chris­tentum abge­schafft! – Was geschah? Ein deutscher Mönch, Luther, kam nach Rom. Dieser Mönch mit allen rach­süchtigen Instink­ten eines verun­glückten Priesters im Leibe, empörte sich in Rom gegen die Renais­sance .. Statt mit tiefster Dankbarkeit das Ungeheure zu verstehen, das geschehen war, die Überwindung des Christen­tums an seinem Sitz –, verstand sein Haß aus diesem Schauspiel nur seine Nahrung zu ziehn. Ein religiöser Mensch denkt nur an sich. – Luther sah nur die Verderbnis des Papsttums, während gerade das Gegenteil mit Händen zu greifen war: die alte Verderb­nis, das peccatum originale, das Christentum saß nicht mehr auf dem Stuhl des Papstes! Sondern das Leben! Sondern der Triumph des Lebens! Sondern das große Ja zu allen hohen, schönen, verwegenen Dingen! .. Und Luther stellt die Kirche wieder her: er griff sie an .. Die Renais­sance – ein Ereignis ohne Sinn, ein großes U m s o n s t ! Ah diese Deutschen, was sie uns schon gekostet haben! Umsonst – das war immer das Werk der Deut­schen. – Die Reformation; Leibniz, Kant und die soge­nannte deutsche Philo­sophie; die ›Freiheits‹-Kriege¸ das Reich – jedes Mal ein Umsonst für etwas, das bereits da war, für etwas Unwieder­bring­liches .. Es sind meine Feinde, ich bekenne es, diese Deutschen: Ich verachte in ihnen jede Art von Begriffs- und Wert-Unsau­berkeit, von Feigheit vor jedem recht­schaffenen Ja und Nein. Sie haben, seit einem Jahrtausend beinahe alles verfilzt und verwirrt, woran sie mit ihren Fingern rührten, sie haben alle Halb­heiten – Drei­achtels­heiten! – auf dem Gewissen, an denen Europa krank ist, – sie haben auch die unsauberste Art Christentum, die es gibt, die unheil­barste, die unwiderleg­barste, den Pro­testan­tismus auf dem Gewissen .. Wenn man nicht fertig wird mit dem Christentum, die D e u t s c h e n werden daran schuld sein .. Hiermit bin ich am Schluß und spreche mein Urteil. Ich verurteile das Christentum, ich erhebe gegen die christ­lichste Kirche die furchtbarste aller Anklagen, die je ein Ankläger in den Mund genommen hat. Sie ist mir die höchste aller denkbaren Korruptionen ...“ (Der Antichrist – Umwertung aller Werte)

Old Friedrich N. ist hier etwas ungerecht prokatholisch. Im Jahr 2011 kommt der Papst nach Berlin, um im Bundestag zu predigen. Motto: Wann dürfen christliche MdB Kondome benutzen? Von evangelischer Seite werden Bedenken laut. Diese Sorgen teile ich nicht, solange Benedikt XVI keine Zwangstaufe verlangt. Als MdB sprach ich, obwohl Atheist, oft genug im Plenum und was mir als Heiden recht war, sollte dem Heiligen Vater billig sein, falls er ausnahmsweise etwas Relevantes zu sagen hat. Die antiprotestantischen Impertinenzen Nietzsches aber dienen als klassische Kostprobe jenes Dekonstruktivismus, auf den sich inzwischen die werten Nachkommen von Heidegger bis Derrida berufen. Zu Recht oder nicht.


Preisträger Michael Buselmeier: Einst als 68er aufge­bro­chen und auch heute noch munter

Der Heidelberger Michael Buselmeier erhielt den Ham­burger Ben-Witter-Preis 2010, seine Rede ist im poeten­laden als Gedicht in Prosa nach­zuerleben: Genug der hehren Töne rief ich/ im Licht der Straße liegt mein Lied … Der Siebzig­jährige mit Magen­grimmen faulen Zähnen ist mir seit Jahr­zehnten bekannt wie das Heidel­berger Schloss, von wo aus er lyrisch-ingrimmig auf der Abschieds­orgel spielt. Einst als 68er aufge­brochen, nun bei Becketts Krapp angelangt, vom Neckar-Rhein-Raum ausgreifend zu Novalis, Brentano, Eichendorff, Kleist, Hölderlin, Schlegel … Romantik als Wunsch­traum einer Neuen Mythologie und fetzen­haften progressiven Universal­poesie … Denn: Ich in ein auto­biogra­phischer Autor. Ein Abseits­steher: Am Rand. Wo soll da das Zentrum sein, nachdem das Herz in Heidelberg verlo­ren ging. Gratu­lation von Oldy zu Oldy.
  Als wäre in diesen Tagen der deutsche Süd­westen angesagt, meldet sich via poetenladen der nächste Poet mit dem Poem Herbstblätter: Dich frage ich: an den Bergen, an den Flüssen und Seen/ So spurlos bist du verschwunden, hat keiner gesehen … Tränen fließend suche ich dich … Das spannt sich aus von Aschaffenburg bis Lindau und weht so hin wie Herbstlaub. Der Typ ist herrlich romantisch-frech, heißt Ibrahim Sediyani und kommt aus der Türkei sowie aus Aschaffenburg. Im SÜDKURIER lese ich unter dem Titel: Wie fremde Augen auf Konstanz blicken über den Autor: „Der 38-jährige Journalist sieht sich als Karl May des Orients. Während May das Morgenland bereist und für den Westen geschrieben hat, reist Ibrahim Sediyani durch das Abendland und berichtet für den Osten. Durch seine Internetseite habe er Konstanz in der Türkei zu großer Bekanntheit verholfen, sagt er. Viele Leser haben seine Artikel kommentiert. Einen der Kommentare hat der Journalist für uns übersetzt. Ein Türke schreibt: ›Ich habe gelernt, dass es in Deutschland und der Schweiz sehr schöne Natur und Sehenswürdigkeiten gibt und Europa nicht nur aus Häusern und Autos, besteht.‹ Wie wahr.“


Georg Elser: Hitler-Attentat un­mora­lisch?

Unser türkischer Karl May führt flugs nach Dresden zurück, wo der origi­nale Western-Sachse lebte und starb und heute ein Hannah-Arendt-Institut seiner Namens­geberin spottet, denn die deutsch-jüdische Philo­so­phin hielt viel von Rosa Luxemburg, von der in diesen Tagen oft die Rede ist: Der Doppel­mord geht um. Noske lässt grüßen. Das Dresdner Institut unter CDU-Regime ist die postume Verge­walti­gung einer frei­heit­lichen Links­denkerin. Die junge Studentin damals mag dem Prof. Heidegger ihr Hymen gespendet haben, die spätere Juden-Ver­fol­gung führte zum Wider­stand mit einem intel­lektuel­len Format, das Rosa Luxem­burgs Lauter­keit einbeschließt und heute an der Elbe schamlos unter­schritten wird. Erinnert werden muss auch ans poli­tische Schind­luder, das in Dresden mit einem anderen großen Namen getrieben wird und in der Behaup­tung gipfelt, Georg Elsers tapferer Anschlag auf Hitler sei unmora­lisch gewesen. Zurück zur Frage, warum Ernst Bloch in Leipzig die Leer­stelle bleiben soll, auf die man ihn 1957 verwies. Diese Posi­tion wurde ab 1990 verfestigt und dauert bis heute an.


Rosa Luxemburg: Ermordung als Risiko der Revolu­tionärin?

In Blochs Buch Geist der Utopie (1918) heißt es: „›Wir haben keinen sozialistischen Gedanken. Sondern wir sind ärmer als die Tiere geworden. Wem nicht der Bauch, dem ist der Staat sein Gott.‹ Das ist eine mit Rosa Luxemburg gleich­laufende Kritik an Lenins Diktatur. Rosa Luxemburgs Begriff von der Freiheit, die immer auch die Freiheit des Anders­den­kenden sei, wird ins Anthro­pologische gebracht, und das Blochsche Philo­sophie­ren ist, seit es sich in den Umkreis des Marxismus begab, immer zugleich ein den Marxismus ver­lassendes Denken gewesen, ein Versuch, die Amputation des Menschen auf­zuheben, der Versuch, Ontologie und Anthropologie in den Marxis­mus zu bringen, ihn überhaupt wieder philosophisch zu machen, metaphysisch nicht im Miss­ver­ständnis eines Friedrich Engels, sondern im Sinne der philo­sophischen Tradition.“
  Das Zitat entstammt meinem Vortrag Ernst Bloch oder die Heimat und das Exil bei Bonner Studenten im November 1961, Abdruck in Wider die deutschen Tabus, Paul List Verlag, München 1962, und auch wenn Rosa Luxemburgs Satz von der Freiheit des Anders­den­kenden inzwischen inflatio­nierte, so bleibt doch die Charak­te­risie­rung der Blochschen Philo­sophie bis heute aktuell und mit einem favorisierten Wort des Philosophen „uneingelöst“. Der Bonner Vortrag, damals als Begrüßung des von Leipzig nach Tübingen Exilierten gedacht, deutete die alten und neuen Schmerz­linien an: Utopie, Staat, Gott, Rosa Luxemburg, Anthro­pologie, Ontologie, Marxismus und ein den Marxismus voran­treibendes Denken … An anderer Stelle wird Nietzsche genannt. Bloch war Nietzscheaner, bevor er Marxist wurde und als Nietzscheaner sowie Marxist wurde er der Bloch, der noch heute nicht sein soll und darf, was er war und ist. So entstand die Geheimlehre Bloch. Wenn sein Sohn Jan Robert im Konflikt zwischen denen, die seinen Vater als Marxisten sahen und denen, die ihm Revisionis­mus vorwarfen, auf der Eigen­ständigkeit von Blochs Denken beharrte, hat das tiefere Gründe als den bloßen politischen Streit.

Die DDR musste nicht untergehen, lautet dieser Nachwort-Titel schon zum zweiten Mal. Unser Leipziger Diplomphilosoph, Mathelehrer, Komponist Kommentator, Sänger, Foto­montage­produzent Hartwig Runge, auch bekannt unter ingografrunge, meldet sich zum Nachwort 52 zur Stelle:

Das Theater in Auerbachs Keller wird mal eine erfolgreiche Welt-Tragimödie!
…so kann nur noch die Renationalisierung Europas helfen, möglichst mit dem Aspekt eines klügeren und kleineren Versuchs von Europa-Konstruktion.

Es lebe „meine Hymne“!

…Dem Ende der DDR folgte das Ende der SU. Moskaus Finale steht Pekings Anfang und Aufstieg entgegen.

Eigentlich umgekehrt, denke ich: Dem Ende der SU folgt das der DDR.
Denn: Wenn das partei­staat­liche Ende der DDR dem der SU auch erst folgte, war die SU als Zivilgesellschaft schon verfault, als die DDR ihren Sozialismus noch in den „Farben der DDR“ aufpolieren wollte. Parole: „Vorwärts immer – rückwärts nimmer!“ Allerdings waren ihre Polierer derart stroh­dummeigen(ohn)mächtig und voller Unter­legenheits­angst, dass sie, die Wandlitzianer, dann die glasnostischen Tapeten aus der Gorbatschow-Fabri­kation „mit Fug und Recht“, wie der immer Hager-er werdende Honny doch des öfteren hervorhob, als Leichentuch des DDR-Politbüros empfanden, ohne dieses natürlich je auszusprechen …
…Von China lernen heißt siegen lernen? Die DDR ging voran. Hätte sie sich von Moskau ab- und Peking zuwenden sollen? Da sie es versäumte,…

Da war wohl nichts mehr zu versäumen…

…Nachdem die Leipziger Universität infolge Entrevolutionierung nicht mehr den Namen Karl Marx tragen darf, steht zur Debatte, soll sie nach Hans-Dietrich Genscher oder Erich Loest benannt werden.

Makaber-lustig…

…Tucholsky am 24. August 1935: „Der Kommunismus in Europa ist tot, und man darf sich bei Stalin bedanken.“ Vier Monate später war auch Tucholsky tot. Und Stalin verband sich 1939 mit Hitler, bevor er dessen Tod von 1945 besorgte. Die DDR? Sie war unser Versuch, daraus zu lernen. Sie musste nicht untergehen.


Das Publikum erinnerte sich an Kurt Tucholsky, der uns immer wieder lachen ließ und lässt. 1933 aber schrieb er in einem Brief an den Freund Walter Hasenclever: „Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, dass das, was wir einmal die deutsche Linke genannt haben, nicht mehr wiederkommt. Und mit Recht nicht.“
Dieses Fazit w i l l   w i d e r l e g t   w e r d e n .

Na, denn man tau! – sächt de Mäckelbörger Michel-Stichel-Hartwingo


Von dieser Mail akzeptiere ich fast jedes Wort. Meine aphoristische, wo nicht apodiktische Schreibweise erlaubt, soweit sie nicht absurdistanisch abgesichert ist, jede Relativierung, ausgenommen die eine: Unsere DDR musste nicht untergehen!
  Das will bewiesen sein, na denn man tau, wie Hartwig Runge von der Pleiße her sig­nalisiert. Am Heilig­abend 2010 darf der SPD-Genos­se und Ex-Bun­des­banker Sarrazin die ganze erste FAZ-Feuilleton-Seite mit einem revo­lutio­nären Geständnis füllen, das gene­ral­stabs­mäßig abgehangen lautet: Ich hätte eine Staatskrise aus­lösen können … Hätte er wirk­lich. Hat er aber zu unserem Glück nicht. Wenn er aber mal hätte? Wo war denn da der zuständige Staats&Ver­fassungs­schutz? Die wachten an der Tota­litaris­mus­front, besonders mit Argusaugenmerk auf Links­radikale. Gegen Staats­krisen aus der Banken und Parteien Mitte, gar von oben, wo die Elite sitzt, ist niemand abwehrbereit auf dem Posten. Man war zudem abgelenkt, weil der noch von F.J. Strauß zum Präsi­denten des Verfas­sungs­schutzes hoch­gepuschte Ex-Staats­sekretär Ludwig-Holger Pfahls mal wieder inhaftiert werden musste. Hier Korruption und Berufs­verbrechen – dort drohende Staatskrise, was bleibt da vom deutschen Bürger­tum, außer der Bundes­kanzlerin, die als Weihnachtsfrau zur Truppe nach Afghanistan floh, wo zuvor schon die zu Guttenberg-Gemah­lin geweilt hatte. Der Krieg findet nun auch um die Publi­zitäts-Rang­folge der prominenten Damen statt. Merkel durfte auch gleich einen gefallenen Bundeswehrsoldaten betrauern. Er hatte sich beim Waffen­reinigen aus Versehen erschos­sen oder ohne Versehen selbstgemordet. Mutti Bundes­kanzlerin spendete tiefes Mitgefühl. Was aber geschieht im Berliner Ehrenmal. Wird des von eigener Hand getöteten tüchtigen Hauptgefreiten amtlich ehrend gedacht? Und wenn nicht, was dann?


Pabst mit Pickel­haube: Haupt­mann als Mordbefehls­geber

Nicht amtliche, doch öffent­liche Trauer findet jedes Jahr in Berlin zum Gedenken an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht statt. In der 11. Folge über „Über Hannah Arendt und die Sturm­bann­führer“ ist mein Brief vom 23.2.1962 an den dama­ligen Welt-Chef­redakteur Hans Zehrer abgedruckt, in dem ich dagegen protestiere, dass in seiner Zeitung behauptet wurde, Luxem­burg und Lieb­knecht seien „zum Tode verurteilt“ und das „Urteil vollstreckt“ worden. Am 12. Dezember 2010 sendete das ZDF im Rahmen seiner histo­rischen Serie mit Die Deutschen II eine Doku­mentation: Rosa Luxemburg und die Freiheit. Bei Bild ist am Tag vorher diese Inhalts­angabe zu finden: „Am 15. Januar 1919 werden Rosa Luxemburg und Karl Lieb­knecht gefangen genommen und erschos­sen. Rosa Luxemburg war eine Frau, die für ihre Ideale ihr Leben riskiert und am Ende verloren hat. Die Mörder wurden niemals ernsthaft zur Verant­wortung gezogen.“ So ist ein Stück Wahrheit nach kleinen 48 Jahren wo nicht bei der Welt, aber immerhin teil­weise bei Bild angelangt. In welchen Wirbel ich geriet, weil ich den für diesen Doppelmord verantwortlichen Waldemar Pabst damals aufscheuchte, wird ein andermal berichtet. Was jedoch das Dresdner Hannah-Arendt-Institut betrifft, so könnte es sich, solange Leipzig kein Ernst-Bloch-Institut zustande bringt, als rele­vant und nützlich erweisen, indem es Arendts Nähe zu Rosa Luxemburg und ihre Hochachtung für die revolu­tionäre Sozialistin erforscht und dokumentiert. Da ist noch Aufklä­rung geboten. Einige Hinweise zum Thema waren in unserer 11. Folge vom 20. 11. 2007 schon enthalten. Fehlt noch eine umfas­sende Antwort auf unsere These, die DDR habe nicht untergehen müssen. Sie hatte, wie der Sozialismus, noch gar nicht angefangen. Darüber dem­nächst, denn es geht um Blochs zum Geheimnis verrätselte, aber deco­dierbare Revo­lutions­lehre als Versuch, das Ur­christentum zu materialisieren.

Wie zu lesen ist, enthielt die Rede der Links­partei­vorsit­zenden Gesine Lötzsch auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz am 8.1.2011 in Berlin ein umfassendes Bekennt­nis zu Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Das registriere ich mit Freude und Sympathie. Vor fast einem halben Jahr­hundert, im Juni 1962 erschien im Perio­dikum Der Monat – wie inzwischen allge­mein bekannt ist, eine vom amerikanischen Geheimdienst gesponserte Zeitschrift – dessen ungeachtet mein von keinerlei politischer Rück­sichts­nahme getrübter Rund­umschlag: Ein Orden fürs Morden – Rosa Luxemburg, Karl Liebknecht und Hauptmann Pabst. Als Konsequenz hatte ich sofort danach die wut­schäumenden regie­renden Bonner Kameraden von Waldemar Pabst am Hals und einige schwer vergrätzte SED-ZK-Genossen ebenfalls. Wie schön, dass so etwas in West wie Ost passé ist. Zur geflissentlichen Erinnerung an diese turbulenten Zeiten wird der Monat-Artikel im nächsten Nachwort abgedruckt.



  54. Nachwort

Ein Orden fürs Morden

Kaum war der letzte Satz fürs 53. Nachwort geschrieben, bewirkte Gesine Lötzsch mit ihrer in der jungen Welt vom 31.12.2010 vorab ver­öffent­lichten Rede ein Schlag­zeilen-Gewitter, das den Anschluss von Nachwort 54 dringlich macht.Zu Beginn ein Foto vom 80. Geburtstag meines Freundes Heinrich Graf Einsiedel im Jahr 2001 in Berlin. Der rechter­hand sitzende Herr – weißes Dinner-Jacket schwarze Fliege – ist Melvin J. Lasky, Begründer jener seriös-dubiosen Zeitschrift Der Monat, wo es mir gelang, 1962 einen umfang­reichen Artikel zur Vertei­digung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zu veröffent­lichen, hier die Ankün­digung der Redaktion zu meinem Text:



























Gerhard Zwerenz    09.01.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz