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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 3. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

3. Nachwort

Online-Abenteuer mit Buch und Netz

 

Gerhard Zwerenz
Die Antworten des Herrn Z. oder
Vorsicht, nur für Intellektuelle
Dingsda Verlag 1997

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Ab und zu kommt die Pleiße in den Taunus auf Besuch. Da wir uns von 1957 bis 1989 nicht kennen durften und auch danach kaum Zeit dafür fanden, erzählt die Pleiße aus ihrer Ver­gange­nheit und ich versuche dem kleinen Sachsen-Missi­sippi nahe­zubringen, was für ein possier­licher, treuer Aus­lands­genosse ich gewesen bin. Auf die Frage der Besucherin nach meinen Büchern gebe ich ihr Die Antworten des Herrn Z., 1997 im Dingsda Verlag erschienen, im Anhang Freunde und Feinde – eine Dokumen­tation:

Otto Köhler, „Die Zeit“, 1.6.1990:
Ein Prozeß vor dem Amtsgericht Buxtehude
„Für den General ist alles ganz klar. Der Deserteur Gerhard Zwerenz las aus seinem Buch vor, daß Hitler die Generale mit Geld­geschenken und Ritter­gütern gekauft habe. Sie hätten doch gar nichts mehr davon gehabt, erläuterte der General dem Gericht, des unglücklichen Kriegsendes wegen. Klar ist auch, daß ›Zwerenz sehr geworben hat für Deserteure‹ und daß der General sich darum fragen mußte, welchem Zweck das dient. Er, der General halte es nicht für richtig, junge Menschen zur Desertion zu verleiten, das werde, so habe er sich kundig gemacht, mit fünf Jahren Gefängnis bestraft. Zwerenz habe genau gewußt, wen er da beleidigt: ›Es ist absolut sicher, daß er von vornherein wußte, daß ich ein hoher Offizier der Wehrmacht und General der Bundeswehr bin.‹“

Ralph Giordano, „Die Tageszeitung“, 13.4.1988:
„Wer am Titel Anstoß nimmt – ›Soldaten sind Mörder‹ – ein Zitat von Kurt Tucholsky aus dem Jahre 1931, der sollte sich zunächst einmal aus­einander­setzen mit dem zentralen Widerspruch von Staats­geschichte und Strafrecht, also daß, was in Friedens­zeiten das höchste Kapital­verbrechen ist, nämlich einem anderen Menschen das Leben zu nehmen, im Kriege plötz­lich geheiligt wird als vater­ländische, als heldische Tat. Wenn überhaupt, könnte das natürlich nur gerecht­fertigt werden, so man angegriffen wird und Notwehr übt. Der Angreifer ist der Mörder! Und so hat sich denn bisher jede Armee, haben sich alle Staatsmänner, Oberbefehlshaber, Offiziere und Soldaten durch die ganze Mensch­heits­geschichte hindurch als Ver­teidiger, als Ange­griffene aus­ge­rufen – die große Lüge der Kriegs­geschichte.“

Wolfram Schütte, „Frankfurter Rundschau“, 1973:
„Die Aus­weg­losigkeit, in die Zwerenz seine Personen stürzen läßt, reflektiert einen augenblicklichen Zustand, beschrieben aus der Perspektive der späten sechziger Jahre und ihrer zusammen­gebro­chenen Revolte; sie gibt ein Protokoll der Wider­sprüche, an deren Unter­drückung wieder einmal gearbeitet wird; sie offenbart, als Versuch einer möglichst aufrichtigen Bestands­auf­nahme, die lllusions­losigkeit eines Schrift­stellers, der das Potential seines rigiden Anarchismus nicht aufzugeben gewillt ist. ...“

Robert Neumann in seiner Autobiographie „Vielleicht das Heitere“, 1968:
„Zwerenz ... ein hochbegabter, erbitterter, schwer kämpfender Mann, der es im Westen nicht leicht hat, weil er sich dem Klüngel nicht anschließt, der hier das Wetter macht.“

„Abendpost-Nachtausgabe“, 1978:
Gerhard Zwerenz, Buchautor, der bei Gesellschaften gern ultralinke Sprüche von sich gibt und den Wohlstand genießt, hat sich vor seine neue Villa im Taunus einen BMW-Luxuswagen gestellt. Zwerenz ist Fan für große und schnelle Autos.“

Leserbrief-Antwort von Zwerenz an die „Abendpost~Nachtausgabe“:
„Die Villa im Taunus ist ein Fertighaus, der Luxuswagen ein gebrauchtes Mittelklassenauto und auf Gesellschaften gehe ich nie. Zu Ihrem Blatt allerdings fallen mir nur linke Sprüche ein.“

Gustav Just, 4 Jahre Bautzen, in seinem Buch „Zeuge in eigener Sache“, 1990:
Notiz vom 18.2.1957: Von Gerhard Zwerenz brachten wir das Gedicht ›Die Mutter der Freiheit heißt Revolution‹, ein Gedicht unseres sozia­listischen Geistes, das aber von den Büro­kraten miß­verstanden wurde ... Noch schlech­ter bekam ihm und uns sein Feuilleton ›Leipziger Allerlei‹. Wir hatten ihn beauftragt ... Wider­sprüche aufzudecken, einen Artikel also in der Art zu schreiben, wie sie Brecht mir im Sommer angeraten hatte. Zwerenz schrieb das Feuilleton, wir druckten es. Es gab einen Skandal ...“

Horst Krüger, „Der Spiegel“ über Gerhard Zwerenz, 1971:
„Ein ganz Schlimmer.“

Karl Korn, „Frankfurter Allgemeine“, 1966:
Und Zwerenz hat das Zeug, den Lebensbereich seines Herrn und kleinen Herrn bei aller Drastik des epischen Details ironisch als ein simplizianisches Helden- und Renommierstück zu stilisieren. ... In diesen simpli­zianischen Partien steckt trotz mancher Derbheit und Unflätigkeit viel epische Kraft und das heißt sprachliche Kraft.“

Ernst Bloch in einem Brief an Gerhard Zwerenz, 1966:
„Das ist ganz Blick von unten auf die Bagage und allwegs mit der tieferen Bedeutung. ... Die Rezensenten des Kleinen Herrn werden wohl auch dadurch determiniert werden, wie sie selber einen haben.“

„Neues Deutschland“, 1957:
„Ich kehre zu den Gedankengängen von Zwerenz zurück. ... welche Absichten der sogenannte Bloch-Kreis verfolgt, der sich durch den Mund von Zwerenz vorstellt, ist klar ... Nicht nur Stopp für den Aufbau des Sozialismus, sondern die Liqui­dierung des Sozialismus überhaupt.“

Hermann Kant, „Neues Deutschland“, 1990:
„Wenn mich Herr Zwerenz zu den Autoren zählt, mit denen ihn eine ›heftige jahrzehntelange ... Feindschaft verbindet‹, muß ich erwidern, ›verbindet‹ ist etwas viel gesagt. Um neun Buchstaben zuviel.“

Hermann Kant, „Neues Deutschland“, 1962:
„Und dabei hat Zwerenz, seitdem er sich und seine Familie in Freiheit setzte, schon zwei Romane ... auf den Markt geworfen. Da liegen sie nun und keiner hebt sie auf, und Familie Z. geht knurrenden Magens ins Bette und debattiert, wenn sie nicht gerade der Erinnerung an Leipziger Fleischtöpfe nachhängt ...“

Hans Teubner, „Leipziger Volkszeitung“, 1961:
Verräter Zwerenz und Konsorten in der Gosse – als Prostituierter schreibt er das Zeug, das ihm die reaktionären Verlage und Redaktionen abnehmen. Treu seiner Gesinnung schmiert er für die Feinde des Volkes ... Unsere Zeit verlangt von jedem einzelnen die Entscheidung, auf welcher Seite er zu stehen hat ... Eine Zwischenposition gibt es nicht. ... Schmach, Schande und Verderb denen, die wie Kantorowicz ... Zwerenz, Zöger und Konsorten zu erbärmlichen Verrätern werden.“

„Leipziger Volkszeitung“, Juli 1990:
„Anfang der sechziger Jahre verging sich die Leipziger Volks­zeitung an Zwerenz in Rezension und Leitartikel mit Vokabeln wie ›Verräter‹, ›Prostituierter‹, ›Ganove‹, ›Bandit‹ ... Wir bitten Gerhard Zwerenz und mit ihm andere, die zu drangsa­lieren die LVZ als Zeitung in vier Jahrzehnten beige­tragen hat, um Entschuldigung.“

Werner Fuld, „FrankfurterAllgemeine“, 1989:
„Da der Autor aus häufig wechselnder Verlagserfahrung weiß, daß kaum ein Leser frei­willig ein zweites Buch von ihm zur Hand nimmt, konnte er aus sechs alten Sünden die autobiographischen Teile ... zu einem Produkt zusammen­leimen, mit dem er wieder seine beweg­liche Vergan­genheit ver­mark­ten möchte, in der er zwar vieles erlebt, aber als leider zumindest darin exem­plarischer Deutscher nur wenig dazugelernt hat, vor allem bis heute nicht die Kunst des Schreibens.“

Georg Hensel, „Süddeutsche Zeitung“, 1971:
„Was ist das? Die Auto­biographie eines Anarchisten? ... Die poli­tische Pole­mik eines heimatlosen Sozialisten? ... Genießt ein Epikuräer seinen Weltekel? Schluchzt da ein neuer Maxim Gorki? ... Zuviel Karl Marx gelesen oder Karl May? ... Trotzdem: Irgendwie hat mir dieses ... beschissene Buch doch gefallen.“

Hans Krebs, „Augsburger Allgemeine“, 1989:
„Pazifist schießt scharf – seit Zwerenz 1989 die 1931er Tucholsky-Wörter ›Soldaten sind Mörder‹ zum Titel seines Zündbuches gemacht hat, ist hier­zulande auch so etwas wie Ehren­rettung des Deser­teurs in der Dis­kus­sion.“

Alfred Kantorowicz, „Deutsches Allgerneines Sonntags­blatt“, 1975:
„ ...verdächtig war Zwerenz mit seinem Widerspruch ohnehin“... So viel Bekennermut und Wider­spruchs­geist erbitterte die Partei­wächter drüben sogar noch mehr als die Scharfmacher hüben."

Aus der Stasi-Akte Erich Loest, abgedruckt in Erich Loests Buch „Der Zorn des Schafes“:
„In Absprache mit der zuständigen Dienst­einheit ist eine offizielle Dokumen­ta­tion über die Feind­tätigkeit des Gerhard Zwerenz zu erarbeiten. In Auswertung der Kon­troll­ergebnisse über Loest ist sein Kontakt zu Zwerenz in geeigneter Weise zu dokumentieren, um eine offizielle Auswertung zu ermöglichen.
Auf der Grundlage dieser offizi­ellen Angaben ist Loest durch eine ge­eignete Schlüs­sel­position zur Einstellung des gemeinsamen feind­lichen Wirksam­werdens mit Zwerenz aufzufordern.“

Der Landrat des Hochtaunus­kreises – Kriminalkommissariat – 1989:
„Sehr geehrter Herr Zwerenz!
Zu einem Ermittlungsverfahren der Staats­anwaltschaft Mannheim – Az.: 503 UJs 98/88 – sollen Sie hier als Beschuldigter vernommen werden. Das Er­mitt­lungs­verfahren wurde in Zusammenhang mit der Autoren­lesung in Hocken­heim und der damit verbundenen Veröffent­lichung ›Soldaten sind auch Mörder‹ eingeleitet.
Ich darf Sie bitten, am Donnerstag, den 13.10.1988, um 10.00 Uhr, beim Kriminalkommissariat Bad Homburg, Saalburgstraße 116, Zi. 238, zwecks Vernehmung vorzusprechen.“

„Darmstädter Echo“, 12.10.1989:
„Als Gerhard Zwerenz 1988 auf einer Lesereise in der Bundesrepublik unter­wegs war, erklärten ihm Buch­händler, sie könnten sein Buch ›Soldaten sind Mörder‹ nicht in die Schau­fenster stellen, weil sie befürchteten, daß dann die Scheiben eingeworfen würden ...
Für Provokationen war Zwerenz immer gut. Auch wenn er, wie in jüngster Zeit, durch die diversen Fernseh-Talkshows der dritten Programme eilt, bietet er die Garantie für ein paar erfrischend gegenläufige Bemerkungen. Der Mann, der 1944 von der Wehrmacht zur Roten Armee desertierte, als Volks­polizist in Sachsen arbeitete, erst manche Hoffnungen in den DDR-Sozia­lis­mus setzte, dann aber auch hier aneckte und schließlich in den Westen floh, stimmt heute gleichwohl nicht in das multimedial angestimmte Freiheitslied ein, verweist bei aller Kritik an dem bankrotten östlichen System auch auf die Defizite hierzulande.
Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten deutsch-deutschen Ereig­nisse ist das Buch ›Vergiß die Träume Deiner Jugend nicht‹ eine packende Lektüre. (nb)“

Hans Kals, „Publik-Forum – Zeitung kritischer Christen“, 1986:
„Mit der ›Rückkehr des toten Juden‹ des Titels ist die traumatische Erinnerung an die in den Vernichtungs­lagern ermordeten Menschen gemeint. Die Deutschen haben versucht, zu vergessen ... Zwerenz formuliert an vielen Stellen in schmerz­hafter Zuspitzung. Aber ich fürchte, er hat recht, wenn er sagt: ›Der deutsche Mord am Volk der Juden hat in der menschlichen Geschichte einen Abdruck hinterlassen, der unver­gessen bleibt, solange die Welt besteht.‹ Ein gutes Buch. ... Doch werden die, die seine Lektüre am nötigsten hätten, es vermutlich nicht lesen. Leider.“

Martin Gregor-Dellin, 1971:
„... Gerhard Zwerenz ist eine der umstrittensten und streitbarsten Figuren auf der deutschsprachigen Literaturszene ... ›Kopf und Bauch‹ ist ein glänzendes und ärgerliches Buch ... Zwerenz hat nie aufgehört, die Intel­lektuel­len zu has­sen, obgleich er mittler­weile längst zu ihnen gehört ... Schwierig auf­zuzählen, was ›Kopf und Bauch‹ alles ist: autobiografisch, politisch, polemisch, porno­grafisch, erzählend, quälend, umsichtig, kurzsichtig, klug und dumm und sicher­lich eines der am wenigsten rezen­sierbaren Bücher ... Spannend und bemerkens­wert ... ein typischer Zwerenz. Noch nie war er so ausfallend: die ganze Kultur­scheiße auf drei­hundert Seiten versammelt – und dann rein in die Fresse. Jede Seite ein Schlag.“

„Allgemeine Zeitung Mainz“, 1989 über Vergiß die Träume Deiner Jugend nicht:
„War das Buch wirklich nicht zu vermeiden?“

„Deutsche Nationalzeitung“, 1990:
„... neues Machwerk von Linksschriftsteller Gerhard Zwerenz: Während der pflichtgetreue Landser als widerliches Skelettmonster erscheint, wird der Fahnenflüchtige als Held gerühmt ...“

Norbert Blüm an Gerhard Zwerenz, 1990:
„Sie haben wie ich erst einen Handwerksberuf gelernt und später Philosophie studiert. Sie sind zum Schreiber aus Passion geworden und haben frühzeitig dem Sozialismus den Bankrott attestiert. Ihre konsequente Denkweise habe ich bewundert, obwohl wir vermutlich aus den Ereignissen des letzten Jahres unterschiedliche Konsequenzen ziehen.“

Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächsten Angehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht:
„Berlin,19.7.1976 Bescheinigung:
Zwerenz, Gerhard ... geb. 3.6.1925
Letzte Meldung: am 22.8. 1944 vermißt gemeldet“

Antwortschreiben von Gerhard Zwerenz an die Deutsche Dienststelle für die Benachrichtigung der nächstenAngehörigen von Gefallenen der ehemaligen deutschen Wehrmacht vom 4.8.1976:
„Sehr geehrte Damen und Herren,
hiermit teile ich Ihnen mit, daß Ihre ›Letzte Meldung‹ vom 22. August 1944, mich betreffend, wonach ich vermißt werde, ein wenig antik geworden ist. Inzwischen vermißt mich kaum noch jemand. Im Gegenteil, ich stehe häufig welchen im Wege. Auf alle Fälle lebe ich noch, auch wenn es Sie wundert.
Mit freundlichen Grüßen"

Rainer Werner Fassbinder beginnt seinen Essay über Claude Chabrol 1975 mit einem Zitat seines Freundes Zwerenz:
„Es gibt nichts Schöneres als die Parteinahme für die Unterdrückten. Die wahre Ästhetik ist die Verteidigung der Schwachen und Benachteiligten.“

Das ist ein Stück meiner Biographie. Von der Kun­den­seite her gesehen. Fron­ten­bildung. Ich kann's zufrieden sein. Für einen Kupfer­schmiede­gesel­len, der aus Ver­sehen unter die Intel­lektuel­len geriet, setzte ich der Beamten­klasse von Kakademikern ganz schön zu. Nun ist das ja so: Bücher werden besprochen. Gut, schlecht oder gar nicht. Die Geister, Geschmäcker und Arsch­geweihe sind verschieden. Zum Buchwesen tritt das Netz. Hast du was reingelegt, meldet Google flink den Wasser­stand. Das versuche mal einer der Pleiße zu erklären, in der schon vor Goethe und Karl May die Neander­taler badeten. Pass auf, Flüss­lein aus dem Sachsen-Thüringer Grenzland, auf Print- und Onlinepublikationen reagiert Google mit belesener Doku­mentations­lyrik. Buch­rezen­sionen benötigen den Kritiker, der kann klug sein oder dumm, gehässig oder liebevoll. Google ist ein maschi­nelles Genie ohne Subjekt zu sein, gefräßig allwissend, dabei kurz und bündig. Das geht, nur als Beispiel, richtig avant­gardis­tisch zu und bietet einem älteren Herrn die Chance, tief ins 20. Jahr­hundert zurück­zugreifen und es mit dem heutigen Tag in der Echtzeit des 21. zu verbinden. Ein Buch ist ein abgeschlossen Ding, als online-Text wird es zum Hier und Heute. Was im www. steht, ist kein Buch, weil spontan und aktuell, kann aber als Dokumen­tation, als Buch post festum notwendig werden.

Soviel als Kostprobe aus der Wort­werkstatt, gespiegelt von mobilen Wort­geistern. Buchkritik ist wie's Wetter so launisch. Wer Staatsdichter werden will muss den Hofknicks beherrschen wie den Kirchgang und voll in die Mussolinikurve von links unten nach rechts oben gehen. Das ist gottgewollte tv-Priesterschaft. Ich bin ungläubig geboren. Wer die hier versammelten Kritiken und die phantastischen Google-Lektüre­hilfen mit Sympathie zu lesen wagt, denn nur die Lumpe sind bescheiden, wird bemerken, es sind Pfade, Wander­hinweise, Ortstafeln des 3. Weges. Die Ostpolitik der Ära Willy Brandt endet nicht mit dem Jahr 1989, das nach kurzem Freuden­taumel alte Feind­schaften verlängerte und einen frisch angefachten Kalten Krieg bis hin zu globalen heißen Kriegen installiert. Eine erneuerbare Ost- und Weltpolitik ist denkbar, also möglich nach der Devise „Kampf, nicht Krieg“. Das ist der Sinn der Bücher, die ich mir erlaubte, als kleine Bibliothek des 3. Weges zwischen die großen Literaturen West und Ost zu schieben. Wer's nicht erkennen kann oder will, der bleibt frei­willig abstinent, denn der Weg zur Hölle ist mit schlechten Vorsätzen gepflastert. Alle singen:

„Uns ist ganz kannibalisch wohl,
Als wie fünfhundert Säuen!“
(Faust, Auerbachs Keller in Leipzig)


In meinem Bändchen Die Antworten des Herrn Z. lautet die 195. Eintragung:

Aus den letzten Tagebuchblättern des Herrn Z.
Als der reale Sozialismus so irreal geworden war, dass er verging, kehrte der exilierte Marx aus der Fremde zurück und besichtigte in Chemnitz, vormals Karl-Marx-Stadt, seinen mächtigen steinernen Kopf.
Wie geht's? fragte Marx seinen Kopf.
Ich überdauere, antwortete der Stein.



Als Jesus Christus anno 1997 den Dom zu Köln betrat, erbleichte er und musste sich übergeben.
Man besprengte ihn fürsorglich mit Weihwasser. Zufällig zog eine feierliche Prozession kirchlicher Fürsten vorüber, der Kardinal im prächtigen Gewande voran.
Mein Gott, entfuhr es dem blassen Jesulein, wie viele muss ich noch chris­tiani­sieren, und es ist doch schon so spät.

Ein viertes Nachwort ist für Montag, den 15.11.2009, angekündigt.

Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie in Leipzig am 19.11.2009, Haus des Buches, 19 Uhr.

Gerhard Zwerenz   09.11.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz