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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 84. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  84. Nachwort

Der Prominentenstadl in der Krise



 




Spielte Ganz den Führer oder der Führer den Bruno Ganz?






Der Promi ist ein Prominenter. Das hat nicht unbedingt etwas mit Promille zu tun. Kann es aber durchaus, weil das Promileben schwer zu ertragen ist. Zum Beispiel der Hürdenlauf von Kamera zu Kamera. Wer nur eine einzige verpasst, läuft schon Gefahr, unprominent zu werden, was zu vermeiden die Super­promis ein bis zwei Dutzend haupt­berufliche Doppel­gänger unter Vertrag nehmen. Das erleichtert ihr Leben. Gewisse Schwierig­keiten stellen sich ein, wenn der Arbeit­geber­promi ster­ben sollte. Müssen seine Doppel­gänger nun eben­falls sterben? Wie sind die Ver­trags­konditionen? Kämen die Feuil­letons mit den stoß­weise anfal­lenden ein bis zwei Dutzend Beerdi­gungen, vielleicht gar Staats­begräbnis­feier­lich­keiten zurecht? Oder sind die Doppelgänger vertraglich zur weiteren Tätigkeit ver­pflichtet? Offen ge­standen, ohne pro­fes­sionelle Doppel­gängerei herrschte in den Talkshows und Köpfen längst gähnende Leere. Letzte Weih­nachten hieß es, Heesters sei ab­gelebt. Habe zur Ver­gewis­serung ins Internet geschaut und gelesen:

Jopie Heesters wird einen Tag vor Silvester beerdigt

Welt Online – vor 8 Stunden
Der an Heiligabend gestorbene Johannes Heesters wird einen Tag vor Silvester in München beerdigt. Der Schauspieler und Sänger wurde 208 Jahre alt. ...
1197 weitere Artikel

208 Jahre, da hat der Nieder­länder ganze Scharen von Doppel­gängern hinter­las­sen. Werden die nun auf Schadener­satz wegen beruflicher Behinderung klagen? Wovon sollen die Armen leben? Und was wird mit Prof. Baring, dessen sieben Ersatz-Schwätzer noch jeden Talk zubrüllten und zumüllten? Die Herren sind freilich auch angejahrt. Ange­nommen, sie segnen einer nach dem anderen das Zeitliche, müssen wir dann den Urtyp wieder erwecken, nur damit der Betrieb weiter­läuft? Und wer kriegt den Rück­kehrer dann – ARD, ZDF oder die Privaten? Da müssen die sieben Doppel­gänger auch wieder auf die Beine und Bühne. Darin sehen wir, die Prominenten sind ständig über­fordert. Sogar nach dem wohl­ver­dienten Tod haben sie keine Ruhe. Nehmen wir uns nur mal die round about ein­tausend­und­elf Hitler-Filme vor. In Der Untergang spielte Bruno Ganz mit un­glaub­lichem Aplomb den Führer. Oder war es der Führer, der den Bruno Ganz mit soviel Genie spielte? Prominente haben ein ewiges Leben wie uns der Vati­kan ver­kündet. Aber, Spaß beiseite, könnte Hitler tat­sächlich in allen ein­tau­send­undelf Hitler-Filmen sich selbst spielen? Mit den Diensten seiner Doppel­gänger schon. Es müssen nur unend­lich viele sein, ein­schließ­lich der Nach­kommen.

Warum kroch Maschke beim Staatsjuristen Schmitt unter und ging nicht zum
Freiheitsjuristen Fritz Bauer?

Denken wir an das Trio von Zwickau, das bald verfilmt wird mit echten V-Männern vom Ver­fas­sungs­schutz Doch wie viele Hitler samt Doppel­gängern es auch geben mag, Stalin hat mehr davon, berichten die V-Männer aus Linkspartei, Kirchen und Gewerk­schaften. Welch ein Glück, dass wir so viele toffe Geheim­dienstler haben. Es gibt auch weithin unbe­kannte Promi­nente. Zum Exempel unseren ehemaligen Hausgast Günter Maschke. In einem meiner frühen Bestseller, es ist wohl Kopf und Bauch, einem Bestien­seller mit zoolo­gischen Skizzen zur Leipziger, Kölner und Münchner An­sammlung kleinerer und größerer Promi-Tiere tauchte auch Maschke auf in seinem Abenteuer­ritt zwischen SDS, Kuba und Carl Schmitts Nach­lass­verwaltung. Bettel­arm zog er durch die eisige bayerische Kälte, Ingrid schrieb einen Bettel­brief an wohl­si­tuierte Münchner Freunde von Ernst und Karola Bloch und so spendete das Ehepaar Metzger Geld, von dem Günter M. sich einen Winter­mantel an­schaffen konnte. Hilfe für den linken Genossen auf der Flucht von Linker­hand nach Rechter­hand, wer will's schon genau wissen, ist Solidarität unter Genossen in Not gefragt. Es ist, an den Fingern abgezählt, fünf Jahrzehnte her, dass Maschke nach seiner Stadel­heimer Haft in unserer Wald­truderinger Badewanne lag und später im gespen­deten warmen Mantel Richtung Frankfurt/Main und die weite Welt aufbrach.
  Am 29. Juni 2012 nehmen wir bei der Morgen­lektüre im Hochtaunus zur Kenntnis, wie der aktuell agile FAZ-Star­marxist Dietmar Dath sich kunstvoll über Günter Maschkes rechte Gesamtschule äußert. Das geht herr­lich-herz­lich-herr­schaft­lich her mit pro und contra links bzw rechts voller Verständnis, wo nicht Liebe zum Schmitt-Maschke, bis zur warnenden Dis­tanzierung, wenn Dath den Maschke- Buchtitel Verräter schlafen nicht zitiert. Wer, ihr Haus­geister­gespenster, verrät wann und wo wen? Im aller­letzten Satz formuliert Dath nach langem Hängen und Würgen trauernd verschämte Ent­fremdung: »… weil die Kräfteverhältnisse sich ändern, wird hoffentlich keine Rechte zur Stelle sein, die auf ihren Lehrer Maschke hört.«
  Woran erinnert mich Maschkes universaler Halbkreis? Die Erwäh­nung von Kopf und Bauch bringt Günter Zehm ans Licht. Nach­geblättert. Seite 118/19 – fest­gelesen bei München Stadelheim. Und wo steht Zehm? Auf Seite 139 bis 152. Erster Satz: »Im Jahre 1953 kam ein hoff­nungs­voller, viel­ver­sprechender junger Mann an das von Ernst Bloch geleitete Philoso­phische Institut der Uni­versität Leipzig.« Letzter Satz: »Günter begriff nichts, und ich begriff nicht, dass ich fortan für ihn der Feind sein würde.« Auf dreizehn Seiten Kurzroman Freund­schaft – Feind­schaft. Sächsische Geschichte mit Untoten. Mir fällt auf, per west­deutscher Dominanz gibt es nur west­deutsche Kultur. (Gedächtnis) Die dominante DDR-Erin­nerung ging mit ihrem Staat unter. Ein paar Einzel­stimmen als Grab­redner ausge­nommen. Sind auch sterblich. Abge­sehen von den giftigen Erbfeinden. Hitlers Nachlass deutsch­landweit – weltweit. Stalin – sogar in Georgien national­verehrtes Gespenst. Hitler lebt von seinen Nachkommen. Stalin von seinen Feinden.
 
Maschke-Inventar: Adoptiv­kind illegale KPD Max Bense Gudrun Ensslin Ernst-Bloch-Studium Redak­teur Sub­ver­sive Aktion SDS Kriegs­dienst­verwei­gerung Exil Öster­reich Kuba-Exil Kuba-Aus­weisung Haft wegen Bundeswehr-Fahnen­flucht Kritik des Guerillero FAZ-Feuil­leton Freier Mit­arbeiter vorerst letzte Flucht zu Carl Schmitt Staats­brief­steller Junge Freiheit Das bewaff­nete Wort Ausnahme­zustand Alle Linken sind Stalinisten nur Carl Schmitt ist demo­kratischer Staats­denker und Günter Maschke seine Auf­er­stehung auf dem Weg zu Weimar II – Aus­arbeiten im Detail zur gefäl­ligen Wider­legung oder Bestätigung bis dahin ab ins Archiv, Abtei­lung Honig­bienen, Maschke als heimlicher, aber vielgelesener Un-Promi für verschämte Über­menschen … Je intensiver ich Material und eigene Notizen sichte, desto klassen­kämpfe­rischer wird die Tiefe des Staates. In Kopf und Bauch verwendete ich das Bergbau­prinzip als ästhetisches Konzept. Eingraben und den Erzspuren folgen – nach allen Seiten und in die tiefsten Tiefen vor­dringend. Maschkes Weg zu Carl Schmitt führte zu dessen liqui­dato­rischer Stärke der Begriff­lichkeit. Dieser Carl nahm seinen Aristo­teles rechter­hand ernst. Wo die Kameraden sich mit Gefühlen begnügten, schärfte er das Wort­schwert, bis es ins Gefüge der Guillotine passte. Bei den Deutschen resul­tiert daraus die Triade Handbeil, Er­schießung (Erhängen) Verga­sung. Soweit die logi­sche Konsequenz der Feind-Erkennung als Vorstufe zur Feind-Beseitigung.
  Der Weg Maschkes vom SDS zu Schmitt ist die Flucht zum Vater. Das Echo von Maschke in der FAZ verband sich mit dem Haus-Echo. Soweit der werte Westen. Aber die werte DDR? Selbst Heiner Müller pilgerte zum Schmitt-Kameraden Ernst Jünger. Deutsche wie französische Philo­sophie-Söhne treffen einander beim Schmitt-Jün­ger-Spieß­gesellen Heidegger, um ihren Papa Nietzsche zu heiligen. Nichts ändert sich, geht es nach diesen Über­menschen, die bestimmen, wer als Feind und Unter­mensch zu elimi­nieren sei. Der schwarze Büchner-Preis­träger Martin Mosebach schaut vorbei. Krieg den Hütten, Friede den Palästen. Lorenz Jäger deutet Maschkes Kriegs­theorie in der FAZ vom 15.1.2003. Hans-Dietrich Sander, früher tüchtig bei Springers Welt, verteilt fatale Tief-Staats­briefe, Habermas schilt Maschke den »einzigen Rene­gaten der 68er« – den einzigen? Ein Zähl­fehler, Horst Mahler – Wir verlieren die Lust an der Parade konter­revolu­tionärer Bürger­bewe­gungen mit Ex-Genossen-Begleitung. Als Kind schon ver­suchte ich die Weimarer Republik nicht wie ange­ordnet in Ver­gessen­heit geraten zu lassen. Ihr Ende ist der Beginn meiner Heimat­losigkeit. Was tun? Gegen Weimar II samt Staats­streich-Wieder­kehr hilft nur Wider­stand mit Kopf und Bauch. Sind die Fundis von Parteien, Wirtschaft, Religion bekehr­bar oder droht die unendliche Wiederkehr vormaliger Macht-Promis? Die letzte Revo­lution ist der Pazi­fismus von Bekehr­ten. Sollen doch die Christen ihren Jesus wieder­entdecken und die Marxisten ihren Marx wie die Rot­chinesen, die Marx mit Konfuzius sinis­trieren.

Kampf, nicht Krieg
Kampf, nicht Krieg, so Ernst Bloch 1918, Jahrzehnte, bevor er in der DDR aufgenommen und nach nicht langer Zeit fortgeekelt, in der BRD begrüßt und nach kurzer Zeit neutra­lisiert worden ist. Kampf, nicht Krieg und was wird aus dem halben, wo nicht ganzen Dutzend atomarer USA-Flug­zeugträger und den deutschen in alle Welt gelieferten Panzern und U-Booten?
  Unser FAZ-Auf­klärer Dietmar Dath, der sich am 29. Juni von der Redaktion aus Richtung Günter Maschke weiter vor wagte als sein Blatt, nahm sich am 3. Juli schon wieder einer agilen Dunkel­figur an. Ging es satz- und denk­ver­schach­telt erst gegen Maschke als na­tio­nalen Schmit­tianer, mithin gegen um sich greifende Rück­fälle ins Dritte Reich Hitlers samt Jura-SA, befasst Dath sich danach mit dem famo­sen Büchner­preis­träger Martin Mosebach und seiner Empfeh­lung von Zensur z.B. bei Gottes­lästerung. Was wohl Matussek in seinem Haus­organ Spiegel zum Thema bei­tragen wird? Die Gaucksche Freiheit trägt dicke Früchte. Die Talk­shows sind dank­bar für Nach­schub an Promis. Dath ist immerhin, obwohl bei der FAZ in Lohn und Brot, so wach, kregel und munter, dass er mit den vier Wörtern Nihilist auf der Kanzel unge­tarnt auf Mose­bach zielt und, nehmen wir mal an, auf Maschke ebenso, denn wer einst bei Bloch hörte, wenn auch nur in Tübingen und nicht in Leipzig, der muss noch vom letzten Rest Geist verlassen sein, landet er bei des Führers Wort­schar­frichter Schmitt wie Mosebach bei vati­kanischen Zensoren. Diese Herren rechten Anheizer sind auf dem Vormarsch wie einst in Weimar Nummer I.
  Schlagzeilen von Mosebach-Artikeln und Stimmen zum Büchner­preis­trä­ger aus dem Jahr 2007 | (Klick aufs Bild)

Von den aus tiefsten Untiefen deutscher Ver­gangen­heit auf­tauchenden Rechts­intel­lektuel­len, die, obwohl Tief­staats­bürger, erneut Idol-Charak­ter erhalten, zu den realen U-Booten: Im Mai 2008 feierten unsere zuver­lässig wehr­tüchtigen Medien 100 Jahre deutsche U-Bootwaffe, die es im 2. Welt­krieg auf über 30.000 eigene und eine Vielzahl fremder Tote brachte. So etwas muss fest­lich begangen werden. Jetzt besitzen wir schon wieder die besten U-Boote der Welt. Pakistan, Israel, USA u.a. stehen als Käufer Schlange. Spione in Massen suchen unsere Geheim­nisse modernster Technik auszuspähen. Besonders stolz sind wir auf U 34, das es schon in der kaiserlichen Marine gab, dann bei den Nachfolgern, und immer gingen die Pötte heldenhaft unter, ohne je wieder aufzutauchen. Unser heutiges Spitzen-Boot 34 ist endlich so wiedergeboren wie unversenkbar, deutsche Werftwertarbeit eben, eine neue Art von Religionsdienstleistung, das Ding kostet ja auch nur schlappe 450 Millionen Euro und mehr und mehr. Vor­wärts zu neuen U-Boot-Triumphen! Die Kirchen ziehen wie üblich in jeden Krieg mit, gehen unter und wieder auf - Unsterblichkeit nennt man das theo­logie­geschicht­lich. Die glauben an die ewige Auf­erstehung von Bomben, Raketen, Panzern, U-Booten. Ich glaube an die Auferstehung des ewigen Sachsen Karl May im Lichte des Karl Marx. Doch die Gegenwart lebt von Verdunkelungen. Als die Mauer fiel, ahnte ja keiner, dass Merkel dahinter steckte und zu uns kam, sinnierte neulich in 3 Sat ein zungenflinker junger Mann namens Mann – das Kabarett als bessere Regierung?

Würde ein Kabarettist statt Merkel – Schröder – Kohl an der Regierung ebenfalls U-Boote, Panzer, Flugzeuge in alle Welt exportieren? Sagen wir ja, ist unser Gelächter ein bloßer Spaß. Sagen wir nein, erläutern wir zugleich den Tatbestand, weshalb unsere Regie­renden Waffen und unsere Kabaret­tisten politische Pointen liefern. Das ist strikte Arbeitsteilung, so wie wir, historisch gesehen, jeweils erst unsere Kriege siegreich begannen, dann verloren und bedauerten, bis sich neue Kriege führen ließen und alles von vorn beginnt. Wieder­holungen eben. Kochtöpfe statt Stahlhelmen, Pflug­scharen statt Schwertern – so gestern noch die lieben DDR-Bürger­rechter. Inzwischen ist alles umgekehrt. Dennoch gibt's Fortschritte. Merkel ist Angela die Große aus dem Osten, ihre Umfrage­werte in Deutsch­land steigen stetig, der Osten assoziiert Stalin – das ist ungerecht. Stalin ließ seine Feinde umbringen. Merkel macht sie bisher nur mundtot. Das lernte sie aus der Kirchen­geschichte von Luther über Adenauer bis Kohl. Als erster geriet ihr Gerhard Schröder ins Visier, der schließ­lich entnervt unter Putins Fittiche flüchtete, weshalb Merkel nach den zur Strecke gebrachten elitären Christen von Koch bis Röttgers endlich auch den Lenin­grader Mosko­witer Wladimir P. absägen möchte. Das hat weltpolitische Folgen: »Im deutsch-russischen Verhältnis zieht eine neue Eiszeit herauf. Berlin ist wie selten zuvor auf die Zusammen­arbeit mit Moskau ange­wiesen, doch Merkel misstraut dem wieder­gewählten Putin. Sie will die Opposition stärken.« So der Spiegel am 26.5.2012 auf Seite 20. Auf Seite 21 heißt es schon: »Die Kanzlerin ist nun ent­schlossen, Putin auf andere Weise unter Druck zu setzen.« Angela die grenz­über­schreitende Drückerin. »In Sotschi ließ Putin seine schwarze Labrador-Hündin Koni an der Hose« Merkels schnüffeln. Die aber wurde schon mal gebissen und hat Angst vor Hunden. Für einige Zeit­genossen ist offen, ob Welt­geschichte von Menschen gemacht wird, kein Zweifel, dass hier das Labrador-Weibchen Geschichte machte und fürs erste ganz ohne Zubeißen. Zunächst jedoch hat die Kanzlerin daheim noch allerlei zu regeln, Druck ausgeübt werden muss auf den bayerischen Putin Horst Seehofer, soll die Christen-Allianz nicht eiern wie jüngst die Linkspartei. Wenn sie Pech haben, bleiben von ihnen nur ein paar lausige Prominente fürs Talkshow-Gewerbe.

Plötzlich taucht der tiefe Staat als Begriff wieder auf. Anlass ist das Geheim­dienst-Fiasko des Umgangs mit dem NS-Untergrund. Entern etwa braune Kla­bauter­männer unsere U-Boote oder liegt es an den Eliten, die den Feind seit 1848 nur links auszu­machen vermögen? Dienstbare Staats­beamte schred­dern eigene Akten, damit sie garantiert unge­nutzt und unaus­gewertet bleiben. Kommt dennoch ans Licht, ein Geheimer war bei einem Mord anwe­send, darf der nicht genauer befragt werden. Ver­dunkelnd wird aufgeklärt. Gemunkelt wird, er habe sich bei fünf Morden in der Nähe auf­gehalten – noch mehr Gründe für Personen­schutz per Reißwolf? Eine Satire. Soviel Freiheit nimmt sich kein Dichter. Wir kehren zu Dietmar Dath zurück, dessen Streif­züge durch rechte Provinzen nicht nur der in Ferien­zeiten geschwächten Redak­tion zu danken sind – hin und wieder neigt die Zeitung tatsächlich zum Walzer linksherum. Bevor Die Zeit Sahra Wagenknecht entdeckte, gab es sie längst auf FAZ-Doppel­seiten. Da müssen jW und nd sich sputen, um nicht linker­hand überholt zu werden. Schon die Weimarer Frankfurter Zeitung hatte der Linken mitunter Platz eingeräumt, bevor sie ab 1933 mit den Braunen kompatibel wurde. Wirft heute Weimar II seine Schatten voraus oder will man nur der Frankfurter Rund­schau Paroli bieten, die sich neuerdings partiell an Karl Gerold zu erinnern scheint. Die FR ist immerhin ein linksliberales und anti­faschis­tisches Blatt von Format gewesen.

Verrat der Intellektuellen
In Die grundsätzliche Differenz – Ein Streitgespräch in Wort und Schrift zwischen Sahra Wagen­knecht und mir, 1999 im Dingsda Verlag erschienen, ging es um Grundsätzliches. Sahra gab sich in jugend­licher Un­kennt­nis DDR-sta­linistisch, ich verordnete ihr ein paar Blochis­men mit Marx-Tropfen – Näheres im 73. Nachwort. Am 3. Juni 2012 druckte die junge Welt Wagen­knechts letzte Bun­des­tags-Philippika ab, wenn auch leicht gekürzt. Worum handelt es sich? Nicht schwer zu erraten – um ein Unge­heuer namens Fiskal­pakt, diesen »kalten Putsch gegen das Grund­gesetz«, wie Sahra dia­gnos­tizierte, wobei sie auch noch selbst für Bürger nach­voll­zieh­bar argumentierte. Der rechten Gegen­seite fielen dazu nur Zwischen­rufe aus dem Brüderle-Sortiment ein – etwa: »Viele Grüße von Erich … Es lebe der Sozialismus …« Viele Grüße vom Reinerle eben … Der ganze Promi­nen­ten­stadl steckt selbst in der Krise. Mich freut jedoch, dass unser Streit­gespräch Wagen­knecht-Zwe­renz von vor dreizehn Jahren Wir­kungen nach sich zieht. Ist die Linke etwa noch gar nicht wie in Weimar dem Unter­gang nahe? Wir erkennen – die Schwäche der Linken macht die Mitte zur Rechten. Das befürch­tet heute Moshe Zuckermann für Israel, wobei er auf Julien Bendas Verrats-Essay von 1927 zurückgreift. Wir müssen eher vor dem Schwarzen Freitag 1929 warnen. Zur Pleite der Finanz­wirtschaft gesellt sich die chronische Rück­fällig­keit der Eliten. Ein Büchner­preis­träger lechzt nach Zensur. Ein Spiegel-Fechter erklärt Afghanistan den gerechten Krieg, ein Dresdner CDU-Häuptling befürch­tet Schande für die Stadt, wird eine Straße nach Guernica benannt, wo deut­sche Bomber 1937 die Stadt­ver­nich­tung probten, die dann 1945 in Dresden eskalierte. Verrat der Intel­lektuel­len oder nichts dazu­gelernt, aber alles vergessen? Warum landete Maschke beim Nazi-Juristen Carl Schmitt und nicht bei unserem anti­faschis­tischen Wider­stands-General­staats­anwalt Fritz Bauer, der übrigens vor einiger Zeit in der FAZ bei weitem schlechter behandelt wurde als Schmitt? Ja und warum wählten die West­deutschen einst Adenauer statt Niemöller? Warum ist diese Welt heute voll von Kriegen und Europa mit Merkel an der Spitze in einer un­leug­baren Existenzkrise? Am 6. Juli 2012 gab es bei 3 Sat eine Sendung »Die Welt auf Pump«, deren Fazit lautete: »Ohne das Geld der Profiteure aus der Krise gibt's keinen Weg aus der Krise.« Der Satz ist weder sprach­lich noch logisch wider­leg­bar. Für post­revolu­tionäre und postdemo­kratische Gesell­schaften jedoch von einer Konsequenz wie einst am Schwarzen Freitag 1929.

 

Zurück zum Fall Maschke. Da mäandert einer auf Vatersuche vom SDS über Max Bense und Ernst Bloch aus­gerechnet zu Carl Schmitt. Der FAZ-Autor Dietmar Dath greift die Story gerade jetzt auf mit fas­zinosen Satz­belegen und einer Distanz zum guten Schluss, die als Distan­zierung des Blattes zu seiner früheren Maschke-Nähe ver­stan­den werden kann. Der Casus Maschke ist im Kern ein Casus Schmitt, des Mannes also, der vom Weimarer Staats­juris­ten zum juris­tischen Staats-Nazi auf­stieg. Der Schwar­ze Freitag von 1929 machte es möglich. Das sollte als War­nung be­grif­fen werden. Brechts Wort vom noch frucht­ba­ren Schoß weist die Spur. Noch sind es Schoß­hündchen, die da kläffen. Übrigens erschien 1929 auch Remarques Roman Im Westen nichts Neues. Ein Schriftsteller als Prophet.
Gerhard Zwerenz    16.07.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz