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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 75. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  75. Nachwort

Vom Krieg unserer (eurer) Väter



  

Die Söhne, die da mit den Vätern abrechnen, wurden indessen auch Väter, wo nicht Großväter. Inzwischen werden von den Nachkommen längst allerlei neue Kriege geführt. Wie machen die das?



Was wir hier im Leipziger Welt-poetenladen offenlegen geht natürlich weit über die ideo­logie­ver­stellten Hori­zonte diverser Deutsch­land-Eliten hinaus. Die schreiben sich jetzt ihre Bücher selbst oder lassen auf­schreiben, was man per Gesprächs­geschwätz von sich gibt. Die Bücher sind auch danach. Die mehr­bändigen dicken Lebens-Epen von Adenauer und Kohl füllen ganze Bücher­regale, so verdoppeln reale Leben in krude Papierform, von der wie­derum bums­konforme Politik­wissen­schaftler und Zeit­historiker pro­fitieren, die der Nachwelt, solange es sie noch gibt, das gewünschte falsche Bild der Vorgänger und Vorgänge liefern. Gnaden­halber gilt die Geschicht­swissenschaft als Geschichts-Erzäh­lung, was neben der Rela­tivierung Qualitäts­hoch­stapelei ist. Statt erzählt wird ver-zählt. Die Jungen, die ihren Alten nach­zufolgen streben, folgen nur Schatten, die noch nicht mal zum Tanz in Platons Höhle zugelassen würden.
  Mein Rat an junge Schriftsteller-Kollegen: Werdet Politiker und macht Karriere, dann findet ihr auch Verlage, die das drucken. Die Werbung zahlt unerwartet fromm der eine oder andere Unter­nehmer. Unser unermüd­licher Freund Grass musste sich noch wirklich abmühen mit seiner Blechtrommel. Soviel hohe Dichtung um einen Zwerg, das ist harte Handarbeit an der Poesie. Hätte unser Autor mit dem Furor von Wolfgang Borcherts Draußen vor der Tür ehrlich und offen­herzig eingestanden: Ich war bei den Waffen-SS-Frunds­bergern dabei – er wäre bei den 47ern und den Nobels draußen vor der Tür geblie­ben. Dekon­struktive Ent­blößung war unge­wünscht im Lande der Adenauer, Globke, Gehlen bis heran zu Kie­singer, Schmidt, Kohl, Schröder, lauter große erfolg­reiche Literaten übrigens, die sich ihre verdrucks­ten Elaborate wie Lorbeer­kränze um den Hals schlangen, ausge­nommen Kiesinger, der seine Poesie schon unter Goebbels ver­strömen durfte, während Oberleut­nant Helmut S. mit seiner Flakbatterie den jüdischen Bolsche­wiken im Osten das Fürchten beibrachte, Zuversicht im heldi­schen Herzen, wenn SS-Kame­raden an der Front zur Seite standen, wie er gerne bekundete.
  Für Die Blechtrommel von Grass nahm mich die große epische Kraft ein. Reich-Ranicki war sehr dagegen. Warum? Später war er sehr dafür. Warum? Alle waren dafür. Ich nicht mehr. Trotzdem imponierte mir die optimale Wort­märchen­mauer, hinter der sich alle literatur­bedürftigen Mit­marschierer verbergen konnten. Jeder ein im Grunde seines Herzens wider­borstiger Anti­trommler. Später befragt, warum der Epiker seine SS-Zeit jahr­zehnte­lang beschwiegen hatte, war die nun lautere Antwort: Weil ich mich schämte. Das ist versteh­bar, doch nicht akzeptabel. Grassens Trommel ist die Literatu­rmythe, hinter der sich jeder tarnen konnte, der Gründe dafür hatte. Dreiviertel der Gruppe 47- Leute waren junge, aber tüchtige Wehrmachtler, SA-Männer und Hitler­jungen gewesen, die auch danach nicht wagten, sich radikal zu offenbaren. Es fehlten dazu Kunstform und Charakter. Sie erlogen sich ihre Ver­gangen­heit in Prosa und Poesie wie andere in Wissenschaft, Ökonomie, Politik. Und bald auch bei Militär und analogen Diensten. Die abge­tarnte Bonner Republik als 4. Reich in spe? Das Personal stand wieder bereit.

Trotzdem Frieden schaffen ohne Wafffen

Anno 1990, noch während der Wendewirren, saßen der Futurologe Robert Jungk und ich in einer poli­tischen Talkshow in West­berlin. Auf der Gegen­seite präsen­tier­ten sich Dut­zende von Bun­des­wehr­of­fi­zieren in Uniform, die zu tragen bis dahin in Berlin nicht gestat­tet war. In der Diskus­sion ging es heiß her und hart zur Sache. Unter unseren Kon­tra­henten tat sich besonders der umtrie­bige CDU-MdB und Ex-Vertei­digungs­minister Rupert Scholz hervor. In der Sende­pause erhob sich der neben mir sit­zende Robert Jungk und nahm gegen­über mitten unter den Offi­zieren Platz, die ihn ver­wundert bis ver­ständ­nis­los an­starrten. Die Talk­show ging in die zweite Runde, Jungk kam zurück, setzte sich wieder neben mich und erklärte, dass alle es hören konnten: ›Und trotzdem Frie­den schaffen ohne Waffen.‹ An diese Szene muss ich denken, als ich lese, am 19.12.2011 ist Horst-Eberhard Richter, Therapeut der Nation genannt, mit 88 Jahren in Gießen gestor­ben. Stets blickte ich mit Hoch­achtung auf den tätigen Pazi­fisten, dessen Eltern Monate nach Kriegs­ende von sowjeti­schen Soldaten ermordet wurden, was ihn schwer belas­tete, jedoch nicht von seiner Friedens­arbeit ab­brachte. Das Groß­mäul­chen Broder at­tackierte Richter und Jungk als Gut­menschen. So werden am Ende nur die Schlecht­men­schen übrig bleiben.

Destruktion ist ursprünglich die geologische Zerstörung der Erd­ober­fläche durch Verwit­terung oder Arbeits­prozesse. Das von Heidegger genutzte und philo­sophier­te Wort wurde bald zur De-Konstruktion gesteigert. Auf Aristo­teles zurückgeführt geht es um die Begriffsbildung der Sprache. Aus dem bloß ungefähren Gefühl wird Begriff­lich­keit, die Sprache findet zum Logos, so bilden sich vom Wort und Begriff des Ein­zelnen die Worte und Begriffe des Allgemeinen als Sprach­konstruk­tionen. Die Dekon­struktion richtet sich im stren­gen Sinne stets gegen das Allgemeine einer Konstruk­tion. Obwohl sich diese Pro­zesse als Wort-Denk-Prozesse im verbalen Bereich abspielen, erreichen sie unge­heure Real-Wirkungen. Die De- Konstruktion des Wortes (Begriffs) Gott kann Todes­urteile bewirken. Die Dekon­struktion der Be­griffs­konstruktion Diktatur des Proletariats konnte es eben­falls. Eine Dekon­struktion von Allge­mein­heiten, die Gesetzes- oder Glau­bens­kraft besitzen, ist brand­gefährlich. Das ist der politische und kul­turelle, ergo macht­relevante Doll­punkt, was erklärt, weshalb tra­di­tionell-konser­vative Mächte eine jede Philosophie verfolgen, die nach der Logik ihrer sprach­lichen Kon­struk­tionen zu fragen wagt. Auch die Philo­sophie­geschichte meidet den Casus, dessen Voraus­set­zung Diffe­renzie­rung heißt. In Frankreich wurde Derrida zum Pionier dieses neuen Denkens, das die Verleug­nung klas­sischen Denkens korrigiert. Man wagt nicht, die Sprach-Philosophie des Aristo­teles konsequent zu situa­tionieren.
  Georg Lukács
Ernst Bloch

Als klassische linke Differenzdenker zu entdecken

Im östlichen Macht­gebiet waren Georg Lukács im Binnen­bereich der kommunis­ti­schen Theorie und Ernst Bloch in der Außen­kultur die klas­sischen Dif­ferenz­denker. Da sie sich aus diszi­plinari­schen Gründen nur selten offen äußern konnten, ent­wickel­ten sie eine verbale Nano-Kasuis­tik mit Übergängen in diplo­ma­tische, wo nicht arti­fizielle Sklaven­sprachen, die noch aus den ZK-Diktaturen heraus Frei­heiten zu signa­lisieren vermochten. Militär, Kirchen und Parteien egal welcher Coleur sind allüberall die feind­lichen Verfolger der Diffe­renz­philo­sophie, die als Wort­revolte den letzten denk­baren Widerstand im moder­nen Men­schen­zoo leistet. Das gesell­schaft­liche Bedürfnis nach Hilfe drückt sich gleichwohl in der gegen­wärtigen Media­toren-Bewe­gung aus. Um über­lasteten Gerichten bei­zustehen wird der frühere Frie­dens­richter durch amtlich bestellte Media­toren ersetzt, die die Streitparteien vorgerichtlich zu befrieden suchen. Als histo­risches Bespiel wird gern auf den Münste­raner Frieden verwiesen, mit dem der Drei­ßig­jährige Krieg endete. Das Beispiel stimmt, was das Ende des heißen Krieges betrifft, und es stimmt nicht, denn die religiösen Feind­schaften wirken über 1648 bis heute noch nach. Mediation kann hilfreich sein, die kate­gori­sche Hilfe ist sie nicht, immer­hin minimale Vor­form von Dekon­struktion, ihre gut­gemeinte Ersatz­handlung. Dem alten Griechen Aristo­teles würde es wohl nicht ganz reichen. Sokrates allerdings wäre erfreut. Schon er ver­suchte durch Frage und Gespräch auf­zu­klären. Welch ein Fort­schritt seit der Antike.
  Jetzt ist es mit einigem Glück gelungen, den Komplex der Dekon­struktion lässig auf einer einzigen Druck­sei­te unter­zubringen. Der Schrift­steller muss sowas können. Ein Philoso­phie­pro­fessor braucht fünf dicke Bücher dafür. Und nun gleich zur Praxis. Stellen wir uns Jeru­salem vor, das sind ein paar tausend Jahre Kampf und Krieg zwischen Völkern, Gruppen, Reli­gionen. Mal siegen die einen, mal die anderen oder umge­kehrt. Die Geschichte der heiligen Stadt ist ein Epos von Glaubens­kriegen. Wollte da ein Mediator kommen und schlich­ten, würde er besten­falls ausgelacht. Wollte jemand die Kriegs­par­teien und ihre Univer­salien sowie Fahnen dekon­stru­ieren, brächte man ihn wie üblich um, weil er als Feind aller Parteien, Lager und Religionen erschiene. Da erkennen wir den Grund, weshalb Dekon­struktion die höchste Lebens­kunst ist und die gefähr­lichste obendrein.
  Man kann an die Stelle Jerusa­lems auch die histo­risch rele­vanten Fakten und Fronten setzen, das ergibt unend­lich viele Feind­paarungen; Ost –West, Katho­liken-Protes­tan­ten, Sunni­ten-Schiiten, Kom­munis­ten-Sozial­demo­kraten, Antise­mi­ten-Philo­semiten, Ras­sisten-An­ti­ras­sis­ten, CDU-CSU, Marxis­ten-Anti­marxis­ten … Sobald man sich auf die Produ­ktion von Feind­paa­rungen nicht nur nach Carl Schmitt einlässt, verschwim­men Reli­gion, Politik, Ideologie, Satire und Kabarett ins Ununter­scheid­bare. Die Gläubigen versuchen die Welt zu jerusalemisieren.

Magnus Hirschfeld: Sittengeschichte des Weltkrieges

„Ein weiblicher Soldat der russischen Roten Armee, nach ausgiebiger Schändung getötet.“

Mit siebeneinhalb Jahren musste ich mich auf ein Doppel­leben und Dop­pel­lesen ein­stel­len. Heiml­ich geschah die Lektüre der ab 1933 verbo­tenen Bücher – also Bar­busse, Renn, Remarque u.a. Auf dem Schul­weg sprach ich über Karl May, dem allerdings der Kitzel des Verbotenen fehlte. Die Kenntnis der uner­laubten Bücher wirkte als päda­gogische Gravur. Im Herbst 1944 gab es für die deutschen Kriegs­gefan­ge­nen im Lager Bo­bruisk noch keine Arbeit. Die Lager­füh­rung orga­nisier­te Bil­dungs­kurse in den Baracken. Ich hörte mich eifrig um. Als ein Stu­dien­rat über Magnus Hirsch­feld sprach, ärgerte mich sein mora­lisie­render Ton. Frech behauptete ich, Hirschfelds Sitten­geschichte des Welt­krieges gehöre in den Unter­richt für jeden Soldaten. Die Gefan­genen wussten nichts. Das Buch steckt so voll von schönsten Saue­reien, das darf in keiner Schul­klasse fehlen, rief ich laut und provo­zierend. Der Herr Studienrat rea­gierte pikiert, die Gefan­genen zeigten plötz­lich Neugier. Bald hielt ich selber Vor­träge und war verblüfft darüber, was ich alles im Gedächt­nis­beutel behalten hatte. Mag sein, es ist keine probate Lehrmethode, einen Fünf­jährigen mit drei­hundert aufklä­reri­schen Büchern in eine Boden­kammer zu sperren. Ich kann das trotz­dem empfehlen. Mir ist es gut bekommen. Die Kind­heits-Lektüre lehrte mich doppelt zu leben. Jeden­falls wurzelt meine Anti­kriegs­haltung in frühen Tagen. Da ahnte ich noch nicht, wieviel Umwege das fordern würde und Kopf und Kragen kosten könnte.
  Als neunzehnjähriger Kriegsgefangener in der Lagerbaracke von Bobruisk gelang es mir endlich, die geheime Seite meines Lebens hervorzukehren, das ging sogar ein paar Jahre gut, bis es nicht mehr gut ging. Mein heimliches Verständnis für Günter Grass resultiert aus dessen Zwang zur umgekehrten Haltung. Mit seiner Meister­leistung Blechtrommel verbarg er seine wahre Identität, während ich erst einmal das unverschämte Glück genoss, mich nicht mehr verleugnen zu müssen.

  Gütner Grass
Hermann Kant

Haben die zwei sich
was zu sagen?

Im vorigen Nachwort regte ich an, Günter Grass und Hermann Kant sollten im PEN über den Doppelmord von 1919 an Luxemburg und Liebknecht debattieren, den bis heute anhaltenden Hauptkonflikt der Linken, von den Rechten abgesehen, die den Mördern stets applaudierten. Beim Gedenken sortieren sich Kommunis­ten und Sozial­demokraten auseinander und jede Seite hält die andere für schuldig.
  Ein liebe­diene­rischer SPD-Sozius wie Grass brachte es bis heute nicht fertig, den Fall, der spätes­tens seit Sebastian Haffner und Klaus Gietinger klar zutage liegt, zur Kenntnis zu nehmen. Stattdessen fehlt es bei Grass nicht an Bemer­kun­gen über Luxem­burg / Liebknecht, die Reak­tionären zur Zierde gereichten, zum Bespiel nachzulesen in einer R-L-Biographie des französischen Wider­stands­kämpfers und anti­faschis­tischen Autors Gilbert Badia: „Grass hat gesagt, dass die Mili­tanten des SDS und der APO damals von Luxemburg sprachen wie von einer heiligen Klara, die in Karl Liebknecht ihren Franz von Assisi gefunden hätte.“ Eine so miese wie alberne Notiz.
  Mit Eifer rechnet Grass deutsche Kriegs­gefangene, die in der Sowjetunion ums Leben kamen, in Höhen hoch, die denen der Rot­armisten ent­sprechen, die in deut­scher Gefan­gen­schaft tat­säch­lich verhungerten, erschossen oder probe­vergast wurden. Da fehlt es an Wissen und Dif­feren­zierung.
  Entmytho­logi­sieren wir endlich die Tarn­klamotten der Marsch­stiefelt­räger. Kleist's Krug, der zu Bruch ging, ist unser Leben. Den Bruch will keiner ver­antworten. In einer Anek­dote von Kleist bittet ein zum Tode verurteilter Soldat, ihn hinten­rein zu erschießen „damit das Fell kein Loch bekommt.“ Jung Günters Trommel ver­hinderte das SS-Loch im Fell. Hätte Grass in den 50iger Jahren seine exis­tentielle Wahrheit, nein banale Dumm­heit aus den 40igern bekannt, wäre er als Dichter gemobbt statt gepriesen worden, als Charak­ter jedoch kein op­portu­nisti­scher Satellit geworden. Dorf­richter Adam war scharf auf ein Mädchen, wollte sich aber aus der Affäre ziehen, als Scherben anfielen. In unserer Lite­ratur und Politik ist das die Norm. Kultur eben.

Denkstein für die „Opfer des Stalinismus – Berlin. Wird hier Trotzkis oder Hitlers gedacht?

Beim jährlichen Januar-Gedenken an Rosa und Karl wird durch einen Stein in der Nähe auch an die Opfer des Stalinis­mus erin­nert. Ich denke zuerst an Trotzki. Wissend, andere halten auch Hitler für ein Opfer des Stali­nis­mus. So unter­schied­lich kann ein Geden­ken sein. Außer Trotzki fallen mir noch viele Namen ein. Jetzt aber stelle ich mir unge­scheut vor, der Ökonom Fritz Behrens (vielfach genannt in unserer Serie) wäre in der DDR nicht behin­dert und politisch drang­saliert worden. Seine Analysen steuerten in der Konsequenz auf ein chine­sisches Modell zu, noch bevor die China­genos­sen erfassten, was sie benö­tigten, um nicht wie SU und DDR unterzu­gehen. Ein phantastisches Sachsen male ich mir aus als chinesische Sonder­wirt­schafts­zone mit Freihandel. Die gelben Roten erschaf­fen aus Leerstellen in 20 Jahren Städte von über 10 Millionen Ein­wohnern. Sachsens Bevölkerung mit 4 – 5 Mio wäre im chinesischen Tempo per Zuwanderung heute die zwischen Pleiße und Elbe ausgebreitete Welthauptstadt, die London, Kairo, New York überholte, ohne dass Sächsisch Weltsprache werden müsste, da zöge ich Angelsächsisch vor. Jetzt stelle ich mir vor, Ernst Bloch wäre in der DDR nicht zum Konter­revolutionär erklärt, sondern als Revolutionär mit der von Schiller geforderten Gedanken­freiheit belohnt worden. Charly wäre nicht nur als Nischel in Chemnitz präsent, sondern per Denkmal als Kapital-Dekonstrukteur und Frei­heits­konstrukter im Schlag­schatten des Völker­schlacht­denk­mals. Wer sitzt jetzt in Auerbachs Keller auf Goethes Stuhl? Hass ist die Rache der Besiegten. Gier die Religion der Reichen. Humor die Kultur der Anfangs- und End­zeit. Mit Marx gehen heißt vor dem Schluss noch mal mit Kopf und Chuzpe von vorn beginnen.
  Konservative Kommunis­ten geben dem 20. Parteitag von 1956 mit Chruscht­schows Anti-Stalin-Rede die Schuld am nach­folgenden Untergang der Sowjet­union und nennen es Revi­sionismus. Ihre banal­perverse Devise heißt Zurück zu Stalin. Tat­sächlich litt der Kurswechsel an seiner Halbherzigkeit. Die ungarische Revolte nieder­geschlagen, die polnische teils repressiert, teils konserviert. In der DDR fürchtete Ulbricht um seine Macht, behinderte und unterdrückte die denkbaren Reformen. (Reformatoren) Später suchte er sie zu beerben, was ihn den Platz an der Parteisonne doch noch kostete. Unter Honecker kam das Ende. Unser Kurs eines 3. Weges war versäumt worden, ihn gingen China und Nordvietnam nach dem Sieg über ihre inneren und äußeren Feinde. Konservativen Kommunisten gilt das als Revisionismus. Allerdings befinden sich diese Revisionisten an der Macht, während die DDR eine Randzone des Westens wurde und Russland ein wenig effektiver Staat, der seine Chancen bisher eher verspielte als wahrnahm. Die Märkte, diese einzige Supergroßmacht, früher Kapital genannt, triumphieren. Dabei steht ihnen das Wasser bis zum Hals.

Wir kommen auf das Joachim-Jahns-Buch zurück.

Bücherschreibende Verleger sind mir nicht ge­heu­er. Sie verleug­nen ihren schönen Job, Bü­cher heraus­zubrin­gen statt selbst zu ver­fas­sen. Es gibt Aus­nahmen, Joachim Jahns, früher Querfurt, jetzt Leipzig ist keine Aus­nahme, sondern Wieder­ho­lungs­täter. Nach der detek­ti­vischen Doku­men­tation Der War­schauer Ghetto­könig (2009) weil: „Wir wissen erst etwa zwan­zig Prozent über den Holo­caust“, so Raul Hilsberg 2006 in Wien, nach diesem Hilsberg bes­täti­genden Jahns-Quer­schläger folgt jetzt ein Doppel-Quer­schläger: Erwin Stritt­mat­ter und die SS – Günter Grass und die Waffen-SS. Das sieht nach deutscher SS-Wieder­vereini­gung aus, ist aber viel kompli­zier­ter. Das Motiv gab Günther Drommer 2010 an mit dem Titel Erwin Stritt­matter und der Krieg unserer Väter. Die Söhne, die da mit den Vätern abrechnen, wurden indes­sen auch Väter, wo nicht Groß­väter. Weshalb die Ver­spätung, ganz so als wär's die Deutsche Bundes­bahn? Inzwi­schen werden von den Nach­kommen längst aller­lei neue Kriege geführt, und sie sind doch alle noch in den alten Kriegen gefangen. Wie machen die das? Mit Worten. Die Herren und Knechte der Sprache sind immer im Einsatz. Die Oppo­sition ist dagegen, bis sie selbst oben, also im Einsatz ist und von den anderen Einsatz verlangt. Wirklich dage­gen sind ein paar Kaba­ret­tisten. Man darf lachen, solange gehorcht wird. Vom längst ver­stor­benen Leipziger und Frank­furter Kabaret­tisten Conrad Reinhold stammt die Erkennt­nis: Im Osten sollst du immer die Welt verän­dern, du darfst nur nichts sagen. Im Westen darfst du alles sagen, nur nichts verändern.

Im Programm des Frankfurter Jüdischen Museums und des Fritz-Bauer-Ins­tituts ist für den 13.2.2012 die Wiener Gast­profes­sorin Birgit R. Erdle aus London mit dem Titel Objektiv kriti­scher Geist angekündigt. Es geht aus­drück­lich um den NS Intel­lektuel­len Hans Rössner. Wir berich­teten u.a. im poetenladen über ihn. (11. Folge sowie 66. Nachwort). Mit dem Herrn stieß ich 1959 im Münchner Piper Verlag zusam­men, ohne von seiner Ver­gangenheit als SS-Ober­sturm­bann­führer zu wissen. Der Streit entflammte, als die Namen Hannah Arendt, Eichmann, Heidegger, Rosa Luxem­burg genannt wurden. Die DDR lag damals gerade zwei Jahre hinter mir. War ich im rechten Nach­folge­staat des Dritten Reiches angelangt? Zwischen den Stühlen wäre eine zu liebliche Floskel. Jetzt soll in Frankfurt am Main über den NS-Intel­lektuel­len Hans Rössner vorge­tragen werden. Wie schön. Mein Rössner-Erleb­nis liegt inzwischen 52 Jahre zurück. Die Dringlichkeit, über den Krieg unserer Väter mehr zu erfah­ren als was sie selber raus­lassen, ist offen­sicht­lich. In Günther Drommers Stritt­matter-Buch und bei den SS-Reche­rchen von Joachim Jahns geht es um den Versuch der Distanz­über­windung. Ich sagte Versuch. Auch der ge­glückte Versuch der Dekon­struk­tion könnte wie bisher ein Scheitern nach sich ziehen. Denn die geübte Gleich­set­zung von rot und braun ist eine ge­zielte Geschichts­lüge. Die Paral­lele ver­blasst vor der Dispa­rität Berlin – Moskau. Der Sieg Berlins über Moskau hätte die ganze Welt mit dem Morbus Hitler bedroht. Vor Moskau stockte das Räder­werk der Panzerketten. Von hier und Stalin­grad aus ging es zurück heim ins Reich des Unheils. Soviel dazu als Prolog zur Frage nach dem Krieg unserer Väter. Mehr dazu im nächsten Nach­wort. Hier dazu aus meinem fröh­lichen Monte-Cassino-Gedicht vom Januar 1944 die Verse 19 und 20:

die richter die zum ganzen jagesprochen
sind in die höchsten kirchentürm zu hängen
doch ihre herzen soll man vorher kochen
dass sie beim läuten nicht die glocken sprengen

die lehrer aber die den kindern in der klasse
das rückenkrümmen beigebracht
sind zu erschießen in der masse
und ihr gebein verstreue man bei nacht

Gerhard Zwerenz    23.01.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz