poetenladen    poet    web

●  Sächsische AutobiographieEine Serie von
Gerhard Zwerenz

●  Lyrik-KonferenzDieter M. Gräf und
Alessandro De Francesco

●  UmkreisungenJan Kuhlbrodt und
Jürgen Brôcan (Hg.)

●  Stelen – lyrische GedenksteineHerausgegeben
von Hans Thill

●  Americana – Lyrik aus den USAHrsg. von Annette Kühn
& Christian Lux

●  ZeitschriftenleseMichael Braun und Michael Buselmeier

●  SitemapÜberblick über
alle Seiten

●  Buchladenpoetenladen Bücher
Magazin poet ordern

●  ForumForum

●  poetenladen et ceteraBeitrag in der Presse (wechselnd)

 

Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 99. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coinci­dentia opposi­torum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  99. Nachwort

Von den Geheimlehren der Blochianer



 

Lesung Buchmesse 2008 Leipzig
Karl-Liebknecht-Haus:
Wir wollen weder Kain noch Abel sein






Es ist einer lieben Toten zu gedenken. Sie durchlebte und durchlitt die Anfänge, Höhen und Tiefen des Bonner Repu­blik­ver­suchs von den Ufern des Mains aus, wo der Strom sich die hes­sische Metro­pole erlaubt, jenen Auf­bruch, statt Bonn Bun­des­haupt­stadt zu werden. Beim Hessi­schen Rund­funk erinnern Ruinen­bau­steine an den ver­geb­lichen Plan einer Pauls­kirche II, während die Ur-Pauls­kirche I von Nieder­lagen gezeich­net im ewigen Clinch mit den Banken­tür­men dahin­vege­tiert. Wir gedenken der Frank­furter Rund­schau. Die Ber­liner Republik ist dieser Tage voller Wider­hall dieses Geden­kens. Wir erlauben uns aber, den FR-Kämpfer und Ossietzky-He­raus­geber Eckart Spoo zu zitieren, der wie manch anderer die FR als ein Stück Heimat empfand, oft genug fremd und feind­lich und den­noch Wagen­burg gegen ag­gres­sive Gegner.
  »1970 wurde ich zum Bundes­vorsitzenden der Deutschen Journa­listen-Union (DJU) in der IG Druck und Papier gewählt. Nach der Anti-Springer-Kampagne 1968, an der ich mich beteiligt hatte, versuchten wir mit dem Ruf nach ›innerer Presse­freiheit‹, nach ›Re­daktions­sta­tuten‹, nach ›Kompe­tenz­ab­grenzung‹ zwischen Re­daktion und Verlag, die wach­sende Macht der Medien-Konzerne zu be­schrän­ken. Das miß­fiel unserem Ver­leger / Heraus­geber / Chef­redakteur. Von einem Gewerk­schafts­tag der IG Druck und Papier beor­derte er mich zu sich, um mir am Ende eines fünf­stündigen Ge­sprächs über Dich­tung, Malerei, Politik und Reisen mit­zu­teilen: ›Ich mach' die Rundschau, du machst die Gewerk­schaft.‹ Das war die Kündi­gung. In den nächs­ten Tagen und Wochen wurden aktive DJU-Kol­legen auch bei etli­chen anderen Blät­tern gekündigt, zum Beispiel beim Spie­gel Dieter Brumm, Bodo Zeuner, Ale­xander von Hoffmann, Hermann Grem­liza und Otto Köhler, dessen Bericht über den ›Fall Spoo‹ Rudolf Augstein geär­gert hatte. Ich erfuhr viel Soli­da­rität, bei­spiels­weise in Form zweier Voll­ver­samm­lungen der FR-Re­daktion, eines Infor­mations­standes an der Frank­furter Haupt­wache, einer großen Anzeige in der FR, auf­ge­geben von der spon­tan an der FU Berlin entstandenen Aktion Pres­se­freiheit, oder eines Ange­bots von Heinrich Böll, Martin Walser, Gerhard Zwerenz, Bernt Engel­mann und Ulrich Sonne­mann, gemein­sam eine Zeit­schrift heraus­zugeben, die ›Spoos eigene Rund­schau‹ heißen sollte. Böll überwies sofort ein Startgeld. Verlockend. Aber ich sah mich ver­pflichtet, um gewerk­schaft­liche Rechte zu kämpfen. Der Verlag verlor alle Pro­zesse. Vor dem letzten Termin beim Bundes­arbeits­gericht gab er auf. Kurz vorher war Karl Gerold gestor­ben. Ich bekam eine ähnliche Stelle wie die in München und blieb bis zum Beginn des Renten­alters.« Soweit unser Kollege und Zeuge Spoo.

          

Bevor die Frankfurter Rundschau starb – FR-Chef Gerold (SPD) und sein Gewerkschaftskontrahent Eckart Spoo



Die Geschichtsschreibung, traditionell ein Zweig der Wissen­schaft, wird immer häu­figer Ge­schichts­er­zählung genannt. Der lite­rarische Erzähler ver­nimmt's ver­un­sichert. Wer erzählt hier Geschichte mit welchen Mitteln? Welche Geschichte und wessen Ge­schichte wird erzählt? Wer wie wir mehrere Zeiten, Staaten und ihre jeweils groß­mächtigen Poli­tiker und dienst­baren Histo­riker erlebt hat, ver­traut besser auf seine eigene kleine Welt, falls er riskiert, sich auf die Gebiete der Vivi­sektion und Ana­tomie vor­zuwagen, wie es die prin­zipiell auto­bio­graphi­sche, also unge­scheute Geschichten­erzäh­lung ver­langt. Es gibt viele Art und Weisen, vom ICH zu erzählen. Es wird immer ein WIR daraus. Dazu die Ver­füh­rung zu schönen Schein- und Lügen­geschich­ten. Die Spanne reicht von der Liebe zum eigenen Leben bis zur Ver­achtung. Schreib also, Men­schens­kind, aus dem tiefs­ten dunklen Keller oder steige dir aufs Dach und besinge die Sonne.
  Während ich dies hier notierte, vermeldeten die Zeitungen den Tod eines ihrer ältesten Mitglieder – der Frankfurter Rundschau. Was für eine lustig-luftig-tod­trau­rige Story und Epoche geht damit zu Ende. Wir sig­nali­sierten es u. a. im 21. Nachwort: »Von Frankfurt/Main übern Taunus ins Erz­gebirge«. Der Held war Karl Gerold, der FR-Chef mit Liebe und Zorn, ich gab von 1961 bis in die neunziger Jahre im Blatt eine Art freien Gelegen­heits-Haus­autor ab, mal gern gesehen, mal ver­dammt. Als die Ver­einigung ausbrach, war ich Gerolds werten Nach­folgern zu links. Das bis dahin links­liberale Wort verlor rapide Autoren und Kund­schaft. Schlieffens Parole Macht mir den rechten Flügel stark – schwächte die FR und verhalf der original rechts colo­rierten FAZ-Kon­kurrenz zur Allein­herr­schaft unterm hohen Banken­himmel. Manche Untergänge ziehen sich lange hin.
  Als Auto­biograph hab ich's leicht, mehr als hundert Jahre zu über­blicken. Als Kind im Vorschul­alter bei der Großmutter aufwachsend, erlebte ich deren Erin­nerun­gen an ihre eigene Kindheit so plastisch und distanz­los wie sie davon er­zählte. Geboren 1866 im oberfränkischen Marktleugast, reichte ihr Gedächt­nis zurück bis ins Leben ihrer eige­nen Groß­eltern, also knapp bis ins 18. Jahr­hundert hinein. Das Leben der Groß­mutter teilte sich mir mit als wär's ein Teil von mir. Das war es auch. Die Mutter meiner Groß­mut­ter war die Leichenfrau des Dorfes, heute gibt es für sowas ganze Bestattungs­unter­nehmen. Früher vererbte sich das Geschäft tradi­tionell von Frau zu Frau fort. Etwas Schauder inklusive, doch solide und sicher, gestor­ben wird immer, solange noch geboren wird. Wenn nicht, geht's ans Aus­sterben. Auch eine Kultur­form. Da hat die liebe Liebe ganz wie das liebe Leben endlich Ruh'.
  Anleitung zum Schreiben gegen den Tod in der Frustmoderne:
 Beschreibe den Tag und es wird eine Reportage daraus. Beschreibe deine Vergan­gen­heit und es wird eine Mythe. Beschreibe deine Gegen­wart wie eine ferne Ver­gan­gen­heit und du er­zählst eine Geschichte. Beschreibe und erzähle nichts und der Tod hat dich geholt. Mir träumte, ich hätte 50 Mil­lionen Geschichten nieder­zu­schreiben. Wenn du eine Geschichte immer wieder auf Band orgelst, ver­lieren sich ihre Neben­sächlich­keiten. Oral history nennen sie münd­lich Erzähltes. Der Schrift­steller erzählt seine Geschich­ten einer Maschine, und wenn sie gut zuhört, ent­lässt sie Stories, die den Er­zähler über­dauern. Denn alle Wissen­schaft­ler und Histo­riker lügen. Mindestens reden sie aus zweiter und dritter Quelle. Wenn ich wissen möchte, was der Drei­ßig­jährige Krieg war, lese ich nach bei Grimmels­hausen. Heute übernehmen unsere Fernseh-Dauer-Instal­lierten vor eri­gierten Mikro­phonen und geschwän­gerten Kameras die Be­richt­erstat­tung. Jede Sen­dung gleicht einer Be­erdigung. Bei Bedarf wird der Leic­hnam zum Scheintoten erklärt, zu neuem Leben erweckt und per Inter­view jeden Tag neu exeku­tiert.
  In Kopf und Bauch wird eine Bundestagsdebatte vom 9.2.1984 doku­mentiert. Joschka Fischer und Jürgen Reents von den Grünen setzen Kohl und Dregger hart zu. Fischer mutiert später zum Hans Dampf in allen Gassen und Außen­minister-Pen­sionär. Reents ver­lässt die Grünen, wird 1994 Presse­spre­cher der PDS-Gruppe im Bundes­tag und dann nd-Chef­redak­teur, als der er so konse­quent von tv-Auf­tritten fern­gehal­ten wird wie die Zeit­geister Wilfried Scharnagl, den letzten Chef­redak­teur des Bayern­kurier, ständig in die Glotze holen, obgleich es das Blatt längst nicht mehr gibt. Allzu lange soll Reents nicht mehr einer der nd-Chefs sein, heißt es, viel­leicht darf er dann in Fernseh-Runden mit Scharnagl über die zeit­liche Bedingt­heit von Partei­blättern disku­tieren. Als Jürgen Reents mich 2008 auf ein Buch­projekt ansprach, sagte ich trotz einiger Bedenken zu. Zwar gebe ich in Inter­views aus Zeit­mangel nur noch ungern Auskunft, Reents aber stellte kluge Fragen, das ist heut­zutage selten geworden und weckt die Lust, darauf einzu­gehen. So entstand Weder Kain noch Abel, Jürgen fragt und Gerhard antwortet. Was aber nutzen all unsere tiefen Weisheiten, wenn Mensch nur zu gern mal Kain und mal Abel sein will, wie die hie­rarchische Täter-Opfer-Kultur es lehrt.

Am 6. Oktober 2012 wartet die FAZ schon wieder mit einer Bloch-Sentenz auf: »Aufrechter Gang, er zeichnet vor den Tieren aus, und man hat ihn noch nicht. Er ist nur erst als Wunsch da, als der, ohne Aus­beutung und Herrn zu leben.«
  Wir sind erfreut, wo nicht gerührt und reagieren blochi­anisch-optimis­tisch. Aller­dings fragt die skeptische Karlen Vesper am 15. November 2012 im nd, ob »Philo­sophen als Politik­berater« überhaupt gut seien. Hans-Jörg Sandkühler, Philosoph und Jurist von der Bremer Universität, ant­wortet darauf mit einem klaren »Jein«. In der Tat herrscht mindestens von Platon bis zur DDR-Philosophie be­schleunigte Ab­wicklung. Erstens gibt es keinen Königs­weg zur Philo­sophie. Zweiten sind Könige wie herrschende Volks­ver­treter bera­tungs­resistent oder à la Helmut Schmidt selber dilet­tierende Welt­weise. Drittens nimmt Marx Schaden durch seine marxistischen Nachkommen, die seine Philo­sophie zu ver­wirk­lichen suchten und bereits an der Ökonomie scheiterten. Deutsch­land denkerisch endet also mit Heidegger, Adorno, Horkheimer, Bloch. Seitdem lehren Phi­losophie­pro­fessoren, die von Philosophen strikt zu unter­scheiden schon Schopenhauer grimmige Worte fand. Allerdings gibt es noch Habermas und endlich China zwischen Kon­fuzius, Marx und Angela Merkel.

 

Heinrich Brüning:
Über Not­ver­ordnungen
ins Dritte Reich




Die deutsche Demokratie ersetzt links durch rechts, das erleichtert den Weg in den Untergang. Wozu Plura­lismus, wenn wir ein einig Volk sein wollen. Die Trans­formation der Weimarer Schulden­krise lief über die Brüning­schen Not­ver­ord­nungen zur Installation Hitlers als Reichs­kanzler. Vom Schwarzen Freitag 1929 in den USA brauchte es dazu in Deutsch­land nur vier Jahre. Nach weiteren sechs Jahren begann der Krieg mit großen deutschen Siegen. Nochmal fünf Jahre und alles war Stalin­grad. Auf zur nächsten Runde. Inzwischen expor­tierte Deutsch­land halb Europa in den totalen Schuldnerstand. Wer wollte, wurde dazu kredit­finanziert, bis der brave Schuldner über seine Importe und Kredite pleite geht. Das Muster dazu lieferte der Aufkauf der DDR durch die BRD. So kann der deutschen Einheit die europäische nachfolgen, falls sie nicht in einer Weima­risierung und Balkani­sierung endet.
  Die Linke hat in Deutschland die Wahl, verfolgt und verboten zu werden wie unter Kaiser Wilhelm, Hitler, Adenauer oder sich letal nach rechts anzupassen. Selbst in der anfangs links­fundierten DDR wurden linke Volks­frontler solange traktiert, bis der Staat am Ende war.
  Horizontwechsel vom Keller aufs Dach – wir reflektieren rückhaltlos über Bloch und die fatale Diskrepanz zwischen Politik und Philosophie. Als die DDR 199o aufhörte, fragte mich der Hessische Rund­funk nach meinen Ost-West-Erfahrungen. Die jetzt ver­storbene Frankfurter Rundschau, damals noch quick­lebendig, druckte das Gespräch am 14.8.1990 nach. Resümee: Die Art von Ver­einigung wird zu fundamen­talen Krisen führen. Das befürch­teten wir schon lange zuvor.

Dazu ein Detail: Bloch schickte uns seine Bücher stets mit Widmung für Ingrid und Gerhard Z. Ein einziger Band richtete sich nur an mich: »Ein Gruß vom Kurfürsten­damm der zwan­ziger Jahre für Gerhard Zwerenz – herzlich Ernst Bloch.« Es geht um Erbschaft dieser Zeit, Suhrkamp 1962 – Buch und Widmung schlagen eine Brücke fünf Jahre zurück zu meinem heim­lichen letzten Gespräch mit Bloch in Leipzig. Er war bereits ohne Lehrstuhl, ich auf dem Weg in den Westen. Das war ein heik­les Thema, denn, so unsere Bedenken, würde eine BRD ohne DDR nicht zurück­fallen in die Wir­ren und Gefähr­dungen einer Weimarer Republik? Die Widmung im Erbschafts-Buch spielte 1962 darauf an. Das ganze Werk ist eine Warnung vor der ewigen Wieder­kehr des üblen Gleichen.
  Am 25.2.1984, sieben Jahre nach dem Tod des Philosophen, bemerkte Karola in einem Brief an mich: ... eigentlich ist es schade, dass Du den Plan, einen Ernst-Bloch-Roman zu schreiben, aufgegeben hast ... Aber dem Bloch entgehst Du sowieso nicht. Das klang nun fast wie Dr. Wolfram Burisch-Wieler, der mir am 5.8.1977 schrieb, er habe den Philo­sophen kurz vor dessen Tod besucht: Und er hat mir unmissverständlich eingeprägt, dass er zwei seiner Schüler als seine ›Erben‹ verstehe: Gerhard Zwerenz und Wolfram Burisch.
  Ich erwiderte: Was Bloch und seine ›Erben‹ angeht, so meine ich, der listige Uralte hat da Ringe vergeben wie Nathan der Weise – mehrere, und wer weiß denn, welcher der echte ist. Wenn nur alle Ring­träger sich bemühen ... Mir schien die Burisch-Nachricht unfair gegen­über anderen zu sein. So ret­tete ich mich mit einem Ver­fahren, das keine Ausflucht war: Aus der Nähe wie Ferne proto­kol­lierte ich in unge­zählten Arbeiten Bloch und sein Werk, es wurde die Beschrei­bung von Philo­soph und Philo­sophie daraus – eine quasi lebens­längliche, dabei halb­auto­bio­graphische Schreib­manie. (Aus Sklaven­sprache und Revolte, Seite 322/23)
  Mehr zu all diesen Themen findet sich in unserem Buch unter dem Kapitel: Blochs Projekt im Versuch. Hier nur einige An­merkungen: Mit diesem Nachwort 99 endet unsere Sachsen-Serie, die 99 Nach­worte bilden die Parallele zu den voran­gegan­genen 99 Folgen. Zugleich ist mein Bescheid an Karola, keinen Bloch-Roman zu schreiben, insofern zu widerrufen, als Karolas spon­tane Reaktion Aber dem Bloch entgehst du sowieso nicht im Einzelnen und Allge­meinen zutrifft. Die Folgen und Nach­worte bilden einen Auto­bio­graphie­roman – eine Roman­auto­bio­graphie-Montage von etwa 2000 Seiten. Der dritte Teil steht noch aus. So wäre also von den Geheimlehren der Blochianer zu handeln, die weder ge­heimer Logen noch lauter Partei­en noch Glauben fordern­der Kirchen bedürfen. Es ist Erleben und Philo­sophieren im Hand­umdrehen, beides übrigens nicht erlernbar, du musst es dir er­streiten. Erst mit dir, dann mit anderen Nach- und Vor­denkern.

 

Albrecht Müller:
Rückblick auf Willy




Albrecht Müller, einst erfolgreicher Wahlkämpfer für Willy Brandt, heute kritischer Blog-Autor der NachDenkSeiten, wird am 19.11.2012 im FAZ-Feuilleton auf fast einer ganzen Seite präsentiert: Überschrift: Eine bessere Welt ist immer noch möglich. Der Blick zurück auf 1972 soll die heutige SPD ermutigen. Ersetzt das aktuelle fragile Spitzentrio den einstigen einzigen Willy Brandt? Beinfreiheit statt Kopffreiheit. Mit Noske statt Bebel an der Backe. Diese zweite bis dritte Nach­kriegs­gene­ration gibt Rätsel auf. Jürgen Trittin, Vater SS-Obersturmführer, wollte Nähe zu seinem Erzeuger durch Links­radika­lismus dementieren. 2010 plädiert er, inzwi­schen ex­kommunis­tischer Grüner, lauthals für den erklärten Antikommunisten Joachim Gauck als Bundespräsidenten. Gaucks Eltern waren ebenso altnazistisch verseucht wie Trittins SS-Papa. Gauck jedoch übernahm das Erbe, indem er sich nicht zumindest zeitweise davon distanzierte. Und nun endlich die Rückkehr zur schwarz­feld­grau­braunen Väter­generation von SA/SS/Wehrmacht? Die Gene­ration 1968 heim ins Jahr 1933? Das vermittelt eine Ahnung von Trittins Schmerzen – endlich lang verleug­nete Sympathien freilassen, weil Abgrenzung nicht mehr nötig. Statt­dessen wird Mit­schwimmen im Main­stream opportun. Das ist Freiheit, wie sie sich ringsum durch­setzt. Das ist Politik. Philosophie ist anders. Bei aller öffentlichen Wert­schätzung, die sie erfährt, wird sie von den Politikern ignoriert oder ver­folgt, sobald sie mehr als schöner Schein zu sein beansprucht. Dieses Geschick teilt sie mit der Literatur, die indessen heimlich still und leise gar nichts anderes mehr anzustreben scheint. Ausg­enommen am linken Rand und bei der letzten Lyrik, die niemand liest.

Die Ablösung des Menschen vom Tierreich scheiterte bisher am Menschen, der zum bio­logischen Hunger den Machthunger fügt. Politik will das Mögliche, Philosophie das Unmögliche? Marx versuchte es umgekehrt, indem er seine Politik mit Philosophie be­gründete. Deutsch­land als Nation ohne gelungene Revolution bleibt aber notorisch gespalten zwischen einem produktiven Teil wirt­schaft­licher Erfolge und einem kleineren Teil demütiger Geistes­kultur – Philo­sophie eben. Man lehrt sie, um sie zu vergessen. Oder hat Immanuel Kants Schrift Zum ewigen Frieden auch nur einen einzigen Krieg verhindert? Da hätte Mensch vorher Kants Auf­forderung Sapere aude folgen müssen. Wage, dich deines Ver­standes zu bedienen, wage es, ver­nünftig zu sein – so die treffende, kräftige Kurzfassung.
  Weshalb schreibe ich das alles auf – ab 1933 verfolgte man, wie ich als Kind mit 8 Jahren erlebte, in unserem Land eine Reihe von Büchern, deren Verfasser Kants Sapere aude zu ver­wirklichen suchten. Jetzt ist es nicht mehr lange hin bis zum 88. Geburtstag – seit meiner frühen Jugend hat sich viel und doch zu wenig geändert. Die Serie im Leipziger poetenladen nennt mehr als tausend Personen. Und wo bleiben die Geheim­lehren Blochs und der Blochianer? Sie sind im Text aufzufinden. Nach den nächsten großen Kriegen, sofern sie jemand über­leben sollte, wird der eine oder andere viel­leicht wissen wollen, ob es zu unseren Zeiten außer Fußball, Fessel­sex-Best­sellern, Eurokrise und Fernseh-Talkshows noch irgendetwas gab. Wir bieten eine kleine Enzyklopädie des sub­versiven Subjekts an, das es in zahlloser Lebens­gestaltung gab. Wir gestatten uns ein wenig daran zu erinnern, auch wenn es einst der Archäologen bedarf, sie auszugraben.
  Während ich dies notiere, streitet ein Halbdutzend Gäste bei Anne Will um das Leben nach dem Tod – flotte zweite Titel-Hälfte: Letzte Ausfahrt Paradies? Gar nicht paradiesisch, sondern höllisch robust geht es um Gott oder Nichtgott, also Atheismus. Eine Katho­likin und ein vormaliger evan­gelischer Kanzel-Redner gegen Kabaret­tisten, natur­wüchsig gläubige Christen und eine Muslima gegen einen studierten Natur­wissen­schaftler. Frau Will sollte sich als Streit-Thema mal die 11. Feuer­bach-These von Karl Marx vornehmen: »Die Philo­sophen haben die Welt nur ver­schieden inter­pretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.« Als hoch an der Zeit schlagen wir eine mit Ernst Bloch zu begrün­dende Variante vor: es kommt darauf an, sich zu verändern. Soviel von den klandes­tinen Blochianern als Auf­munterung zur Dekon­struktion und neuen Geschichts­erzäh­lung. Der aufrechte Gang des Menschen sollte nicht zur Parodie der Affen verkommen, die immer wieder auf allen Vieren laufen müssen, weil Rückgrat und Hirn nicht ausreichen.
  Soviel zu Religion und Philosophie. Nun zur Politik: Im Jahr 2000 beklagte der stern den »Braunen Terror in Ostdeutschland«. Meine Antwort im Heft 28/2000 trifft heute noch zu:
 
Gerhard Zwerenz    26.11.2012    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz