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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 66

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

66

Der Bunker oder 12 Deserteure und ein Krieger

Gerhard Zwerenz | Der Bunker
Das Ende vom Endspiel

Gerhard Zwerenz
Der Bunker
Roman
Schneekluth 1983

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Das „simulierte Ertränken“ – water­boarding – bagatellisiert sprachlich den Vorgang. Schon vom Vietnam-Krieg her kennen wir Bilder, die zeigen, wie man Viet­kongs ersäufte. Es ist wie beim sogenannten „Luftverhör“. Von drei Gefes­selten werden zwei aus dem Flugzeug in die Tiefe geworfen, der dritte redet dann unauf­haltsam. Diese Ver­nehmungs­technik zählt zur Kultur der Moderne. Im Streit, ob US-Präsident George W. Bush oder sein Vize­präsident Cheney die Folter des „simulierten Ertränkens“ anordnen durften, ver­teidigte Cheney sich und seinen Präsidenten durch ein noch drasti­scheres Exempel: „Cheney er­in­nerte daran, dass der Präsident zu jedem Zeit­punkt von einem Offizier begleitet werde, der den Koffer mit dem Geheimcodes für den Einsatz der Atom­waffen des Landes trage. Der Präsident könne mithin jeder­zeit ›einen ver­heerenden Angriff befehlen, wie ihn die Welt noch nicht gesehen hat – und er müsste vorher weder den Kongress noch die Gerichte um Erlaubnis fragen‹, sagte Cheney. Man könne diesen Umstand beklagen, doch der Präsident verfüge ›in der Welt, in der wir leben‹, nicht umsonst über solche Befug­nisse.“ (FAZ, 23.12.2008)
Das Beispiel mag umstritten sein. Seine Realität ist unbestreitbar. Der Fortbestand ganzer Länder, Erdteile, des Erdballs selbst wird in die Hände eines einzelnen Mannes gelegt. Mehr ist der Menschheit der eigene Fortbestand nicht wert. Ein Befehl zur Folter, und es wird gefoltert. Ein Knopfdruck, und es wird atomar vernichtet. Der Armageddon im Zeitalter postmoderner Christenheit. Ich nenne es Machtanmaßung, getragen von Leuten, die lieber ihre Welt verbrennen lassen als dagegen aufzubegehren. Im Augenblick der Vernichtung gelten sie nur soviel wie die schäbige Existenz des kommandoführenden Vernichters.
1983 erschien mein Roman der End-Zerstörung, Titel Der Bunker. Im Spiegel vom 12.12.83 hieß es dazu:
„Im Jahr 1984 gerät das Gleichgewicht des Schreckens unwider­ruflich aus der Balance. Im Versuch, die nukleare Aus­einander­setzung nicht global explodieren zu lassen, und um die eigenen Territorien vor der Ver­nichtung zu schützen, verständigen sich die USA und die Sowjet-Union auf einen Kriegs­schauplatz Mittel­europa: Im zynischen Schach der Supermächte müssen die beiden deutschen Staaten als ›atomare Bauern‹ geopfert werden.
Die Bundesregierung zieht sich, von der Nato gewarnt, in ein weit­verzweigtes Bunkersystem in der Eifel zurück. Dort versammelt der amtierende Kanzler, eine Mixtur aus Schmidtscher Intelligenz, Strauß­schem Machiavellismus und Kohlscher Auf­geblasenheit, alle Personen, die zur Auf­rechterhaltung von deutscher Ordnung im Angesicht der Katastrophe unent­behrlich sind: Juristen, Wissenschaftler, Militärs.
Unter den Bunker-Bewohnern befindet sich auch der einstige Presse­sprecher Landauer, aus dessen Perspektive erzählt wird. Landauer hat den makabren Auftrag, eine Chronik der laufenden Ereignisse so zu verfassen, dass die politische und moralische Mitschuld der Bundes­regierung an der Katastrophe verwischt wird. Außerdem hat Landauer die Funktion eines intellek­tuellen Hofnarren, der seinen Kanzler vor allem mit Lesestoff versorgt.
Während die Herrschaften unter meter­dickem Beton an ihren Monitoren beobachten, wie Stadt für Stadt zu Staub zerfällt, weichen Angst und Hoff­nungs­losigkeit immer mehr einer Lust am Verderben, einer perversen Ästhetik des Grauens: Den Kanzler gelüstet nach Ernst Jüngers Welt­kriegs-Buch In Stahl­gewittern, und zwischen den Einband­deckeln von Werken Immanuel Kants verliert er sich in der Lektüre Friedrich Nietzsches …“
Der Spiegel hatte mit der Besprechung Klaus Modick betraut, einen der letzten literarischen Intel­lektuellen, der nicht leugnete, die „mangelnde Friedens­radi­kalität“, die der Roman angriff, selbst mit zu bedauern. Nur im Falle des Bundes­kanzlers, den Modick als Mixtur von Schmidt, Strauß, Kohl entzifferte, war ich nicht einverstanden. Zwar hatte ich alle Politikaster in den Untergang einbezogen, beim Kanzler aber dominierte Schmidt. Er reist am Ende im Panzer durch die atomare Trümmer­landschaft. Der letzte Überlebende. Ist er nun zufrieden?
Zehn Meter außerhalb unserer von hohen Bäumen bestandenen Gartenwildnis im Taunus erstreckt sich ein kleines bachdurchlaufenes Tal, wo allerlei Gerät abgestellt wird und der Nachbar nachmittags sein nicht zum Schlachten bestimmtes kluges Wildschwein frei umherstreifen lässt. Den Sommer über weiden Pferde, die irgenwelchen privaten Haltern gehören, gegen eine kleine Pachtsumme auf der wilden Wiese. Bei schönem Wetter feiert die Dorfjugend am Abend dort mit lauter Musik, Bratwurst und Bier. Diese urwüchsigen Germanen pflanzen, wo sie gehen und stehen, flatternde Fahnen auf. Jetzt im Herbst ist es stiller, nur zwei an Zweige gebundene stolze Fahnentücher wehen im Wind über die Rossäpfelhaufen hin. Meine Fahnenphobie murmelt, wenigstens sind die blöden Lappen scharzrotgold statt schwarzweißrot. Als ob es darauf noch ankäme. Wir sind Deutschland, plappern die Stoffstücke und hängen matt am Baum wie Deserteure, die die im Dritten Reich tausendfach aufgehängten Fahnen ablösten, je eiliger der geliebte Krieg in seine Heimat zurückkehrte. Die Sowjets erschossen fünfmal mehr fahnenflüchtige Rotarmisten als die Wehrmacht eigene Landser, und das russische Blut ist nicht billiger als das deutsche. Zu Ehren der deutschen Vereinigung rief Brechts Tochter Hanne Hiob im heißen Herbst 1989 eine Handvoll überlebender Wehr­machts­deserteure zusammen. Wir bereisten das aufgeregte Land und spielten uns selbst in München (Theater der Jugend) – Würzburg (Radlersaal) – Frankfurt/Main (Gewerkschaftshaus) – Hannover (Capitol) – Hamburg (Thalia-Theater) – Westberlin (Hebbel-Theater) – Ostberlin (Brecht-Bühne). Ich versuchte die Mienen des Publikums zu entziffern. Es desertierten 1989 allein die Ostmenschen. Die Westmenschen blieben, was sie waren - Soldaten. Bald werden sie es bereuen, dachte ich und beobachtete Stadt für Stadt das Spektakel. Ein Jahr vorher war mein Buch mit dem Tucholsky-Titel Soldaten sind Mörder erschienen. Wir spielten unsre Geschichte nach. Hanne Hiob sprach herbe Worte und beschwor lapidar die klaren Sätze ihres Vaters. Wenige Jahre später starteten deutsche Kampfpiloten unbeirrt zu neuen illegalen Kriegen. Ein rechter Mann wird doch nicht ewig totalverweigern, Leute?
Brecht: Brüder, wenn ich bei euch wäre ... wäre ... wäre ...
Heute, im Januar 2009 lese ich meine damaligen Notizen zu unserer Deser­teurs­parade von 1989 nach und stelle mir Helmut Schmidt vor, wie er unser Dutzend als Dreizehnter vervollständigt und erklärt, warum er acht Jahre in Hitler-Deutschlands Wehrmacht gehorsam seinen Dienst tat und an­schlie­ßend der Bonner Bundesrepublik den Nach­rüstungs­doppel­beschluss ser­vierte: 12 Deserteure und 1 ewiger Krieger?
Idee: Hanne Hiob
Zusammenstellung und Regie:
Hanne Hiob und Thomas Schmitz-Bender

Mitwirkende:
Ludwig Baumann
Willi BeIz
Hanne Hiob
Matthias Holzapfel
Ewald Homey
Maria Hribar
Alfons Lukas
Udo Meven
Birgit Regler
Hermann Reineck
Peter Schilling
Gerhard Zwerenz

Mitarbeiter: Ursel Ebell und Roland Schulz

– Änderungen vorbehalten –

Premiere: Bonn 30. und 31. August zum Antikriegstag
Tournee: 4. bis 10. Oktober:
München, Würzburg, Frankfurt, Duisburg, Hannover, Hamburg.
16. und 17. November: Berliner Ensemble,Berlin DDR
18. und 19. November: Hebbeltheater West-Berlin
Soweit ich sehe, leben von den 1989 an der Tournee beteiligten Deserteuren heute noch Ludwig Baumann, Peter Schilling und ich.
Wäre es der Wehrmacht gelungen, zum Jahreswechsel 1944/45 mit der Ardennenoffensive die Alliierten an der Westfront aufzuhalten, hätte der Krieg sich bis in die Sommermonate verlängern können, wobei die erste Atom­bombe wahrscheinlich Berlin statt Hiroshima zerstört hätte. Helmut Schmidt, der brave Soldat, hätte sicher weiter gehorsam Dienst getan. Stolz auf seine Pflichterfüllung, pries er sich noch 2008 den Rekruten beim Gelöbnis an.
Ich freue mich, dass es mir gelang, noch am 12.7.1989 in der taz einen Leitartikel zum „Menschenrecht auf Totalverweigerung“ unterzubringen, was heute wohl auch nicht mehr möglich wäre. Hier der Text:
Erneut verkündete der Staats­rats­vorsitzende der DDR letzte Woche zum Antritts­besuch von Kanzler­amtsminister Seiters, ein Schießbefehl bestehe an der DDR-Grenze nicht, ausgenommen bei Deserteuren, auf die geschossen werde. Offenbar beruhigte die mehrfach gegebene amtliche Auskunft die auf Ein­haltung der Menschen­rechte besorgte Welt­öffent­lich­keit, vorweg das besonders besorgte bundes­deutsche Gewissen. Wenn nicht auf Menschen geschos­sen wird, sondern nur auf Deserteure, ist alles halb so schlimm.
Schließlich erklären bundes­deutsche Gerichte die Exekution von Wehr­machts­deser­teuren für Rechtens. Schließlich dürfen Bundes­wehr­total­verweigerer mehr­fach bestraft werden und landen im Gefängnis. In der Kriminali­sierung und Verfolgung von Deserteuren und Total­verweigerern besteht gesamt­deutsche Einig­keit und Unfreiheit. Sie zu erhalten und zu erweitern will der BRD-Bundes­präsident, ein Wehr­machts­hauptmann und Lenin­grad­kämpfer a.D., gar das Grundgesetz ändern. Zu den erlaubten Todesschüssen auf heutige Deserteure schweigt der DDR-Vertei­digungs­minister, ein ehemaliger Wehrmachts­deserteur, der damit seine damalige Fahnenflucht widerruft. Somit wird die gesamt­deutsche Blutlinie wieder­hergestellt: Soldaten haben zu gehorchen. Wer sich verweigert, hat die Folgen zu tragen. Da helfen keine Volks­armee-Bau­arbeiter­bataillone, da hilft kein gnädig erlaubter Zivil­dienst als bundes­deutsches Ersatz­programm. 200 Jahre nach Erklärung der Menschenrechte ist aber als deren längst fällige Komplettierung das allgemeine Menschenrecht auf Total­verweigerung jeglichen Militär- und Ersatz­dienstes zu fordern und zu erkämpfen: national und international. Das heißt: Kein Staat besitzt das Recht, auf Deserteure zu schießen. Kein Staat hat das Recht, Verweigerer zu bestrafen oder irgendwelche Ersatzdienste zu verlangen. Kein Staat besitzt das Recht, aus Menschen Soldaten zu machen. Es ist das natürliche Recht eines jeden Menschen, Militär- oder Ersatzdienste zu verweigern oder sie – nach besserer Einsicht – jederzeit zu verlassen. Kriminell ist nicht die Verweigerung. Kriminell ist deren Verbot und Verfolgung.
Im Endspiel-Roman Der Bunker heißt es über den End-Kanzler: „Wenn ein Satiriker früher so etwas niedergeschrieben hätte, wäre er von den Lesern ausgelacht und von den Politikern für ebenso uninformiert wie unzuständig erklärt worden!“ sagte er, sich den Anschein des über den fatalen Fakten stehenden Weisen gebend. Dabei blickte ihm das Grauen aus den Augen. Er war entsetzt und zugleich niedergeschlagen. Die kurzen Stunden beim NATO-Gipfel hatten ihn geschockt … Sein Gesicht war das einer Metall-Statue, so unbewegt, als er sich mir zuwandte und erklärte: „Es ist jetzt soweit. Die Mittelstreckenraketen beider Seiten befinden sich in der Luft. Die Flugzeit beträgt rund fünf Minuten. In etwa hundertzwanzig Sekunden wlrd Deutschland nicht mehr existieren.“
Ich dachte: Er ist wahnsinnig.
Ich wusste genau, es war falsch, was ich dachte, ich wollte es so denken. Der Kanzler war normal, so normal, wie man nur sein konnte in diesem Moment.
Dazu passte ein feines Nietzsche-Zitat: „Mich ekelt vor diesen großen Städten und Narren. Hier und dort ist nichts zu bessern, nichts zu bösern. Wehe diesen großen Städten. Und ich wollte, ich sähe schon die Feuersäule, in der sie verbrannt werden. Denn solche Feuersäulen müssen dem großen Mittage vorangehen … Wo man nicht mehr lieben kann, da soll man vorübergehn!“
Im Roman wird das Nietzsche-Zitat von einer klugen Dame erläutert: „Die einzige wahrhafte Kulturleistung der weißen Rasse ist das Massaker, denn es zeigt die beiden charakteristischen Qualitäten, die dazu nötig sind: die Dauer und der stete Fortschritt. Das Massaker begann als Handarbeit, betrieben mit Dolch, Axt und Spieß. Am Ende aber umfasst das Massaker die gesamte Erdbevölkerung, die es mit einer letzten Meisterleistung von Wissenschaft, Technik und Waffenproduktion, in einer einzigen, allumfassenden und unnachahmlichen Anstrengung aller verfügbaren Kräfte und Energien vernichtet. Das Massaker ist die Krönung aller Kultur, das unübertreffbare Kunstwerk an sich!“
Damit erreichte das Buch von1983 die Echtzeit des 21. Jahrhunderts. Es ist der gleiche Bunkergeist und der gleiche Tunnelblick.
Im Roman liest der Kanzler am Ende Nietzsche. Ich kann verraten, es sind in Also sprach Zarathustra nahe beieinander stehende Sätze, die ich damals aus Respekt vor der von mir vermuteten regierenden Vernunft nicht zu zitieren wagte. Da ich, alt genug geworden, den Respekt als Illusionsprodukt verlor, seien die Zeilen jetzt hier angeführt: „Ihr sollt den Frieden lieben als Mittel zu neuen Kriegen, den kurzen Frieden mehr als den langen … der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt … Staat heißt das kälteste aller kalten Ungeheuer. Kalt lügt es auch; und diese Lüge kriecht aus seinem Munde. Ich, der Staat bin das Volk.“
So einfach geht das von Untergang zu Untergang.

Bremen 3 nach 9 in den 80iger Talk-Jahren - 3 Helmut-Schmidt-Gegner an einem Tisch: Erhard Eppler, Günther Nenning, GZ

Das Internet weiß zur Brecht-Tochter Hanne Hiob mitzuteilen, sie habe 1976 ihre Bühnenlaufbahn beendet, sei aber weiter aktiv geblieben, z.B. mit den „Programmen Am Fleischerhaken hängt er, ach (Aussagen von Wehr­machts­deserteuren) …“.
Nochmal stelle ich mir vor, Helmut Schmidt sei 1989 mit unserem Dutzend Verweigerern durchs Land gereist und habe unumwunden erklärt: Leute, ich war so blöd, acht Jahre lang in des Führers Wehrmachtsmaschine treu und gehorsam zu sein … Es tut mir leid, ich hätte es besser wissen müssen …
Wir hätten das verstanden. Das Publikum auch. So einfach macht es Schmidt sich und uns nicht. Zu seinem jüngsten Geburtstag, als er am 23.12.2008 neunzig wurde, überschüttete ihn alle Welt mit Gratulationen. Den ganzen Dezember über setzte es feierliche Artikel, der Kanzler a. D. spendete unzählige Interviews und sonderte ein Buch ab, das im Spiegel sofort auf Platz 1 rückte, kommentierte sich in Die Zeit als Selbstherausgeber und alle Fernseh-Sender eskalierten zur Schmidtschen Kollektiv-Show, am gelun­gens­ten beim WDR in seinen Mitternachtsspitzen, wo man die beiden Darsteller von Loki und Smoky durch die Originale ersetzte. Reality-tv für die Unendlichkeit, das so schön und echt nie wiederkommen wird. Helmut als staatsorganisches Räucherstäbchen.
Das ist Kabarett, also Politik mit Witz, während Politik zum witzlosen Cabaret denaturierte. Die Bunker-Story enthält die Szenerie einer Vereinbarung zwischen den Staatsmännern, dass jeder Staat in den anderen geheime Mörder einschmuggelt, die verpflichtet sind, vor dem Atomkrieg den ihn auslösenden Politiker zu töten. In den mehr als 100 Buch-Kritiken wird das nur 3 x wahrgenommen. Nach der klassischen Revolutionslehre von Marx und Lenin sollten im Kriegsfall die Gewehre umgedreht und gegen die eigenen Obrigkeiten gerichtet werden. Das geschah 1917 in Russland. Im 2. Weltkrieg versuchte Stauffenberg das Kriegsende zu erzwingen, indem er den Tyrannen­mord privatisierte und indi­viduali­sierte. Im Roman konstruierte ich daraus ein utopisches Spiel, das Charakter voraussetzt. Die Literatur darf das, wenn einer sich die Utopie zutraut. Die Politik traut sich nicht. Statt von Popper zu Bloch marschiert sie zu Nietzsche: „… der gute Krieg ist es, der jede Sache heiligt …“ Ich begriff, die bedrohte Tierart Mensch steuerte so gemütvoll wie blindwütig auf ihr Ende zu. Nach Der Bunker schieb ich keinen autarken Roman mehr. Die pragmatischen Nihilisten hatten das Kommando.

Sklavensprache XXII

Und wenn ich mich erbrochen habe,
lehn ich mich zurück und schwöre ernsthaft,
nie mehr zu speisen und
nie mehr zu trinken. Mich ekelt.

Manchmal gehe ich einfach weg und
still nach Hause. Vergrabe mich
unter meinen Zweifeln und mäste
meine stolze Verachtung. Mit Ekel.

Manchmal versichere ich hoch und
unheilig, mich nie mehr
in die Politik einzumischen, in die
Verwaltung der Irrtümer dieser Welt.

Pünktlich, nach längeren Pausen,
vergesse ich all meine klugen
Ernüchterungen und schwer genug
errungenen Weisheiten. Vom

Ekel allein läßt sich nicht leben.

(Aus: Vergiss die Träume Deiner Jugend nicht, Rasch und Röhring, 1989)

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 2. Februar 2009.

Gerhard Zwerenz   26.01.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz