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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 80

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

80

Mein Leben als Doppelagent

Mein Leben als Doppelagent
Ossietzky
Nummer 8
17. April 2004

Ossietzky-Website  externer Link

Es ist eine große Zeit für Dekonstruktion samt Aufdeckung von bisher getarnten Agenten, Kundschaftern inklusive eventueller Ex-Nazis, Ex-Hitlerjungen, Ex-Waffen-SSlern, Ex-Flak­hel­fern. Grass, Jens, Strittmatter, Andersch und US-Spion Kempowski als vorerst letzter werden entlarvt. Als die Welt der Literatur auch mich verdächtigte und ich ihr offen­herzig ant­wortete, wagte sie meine Erwiderung nicht zu drucken – sie ist nach­zulesen in den Folgen 35 und 36 unserer poetenladen-Serie. Soviel zur Freiheit des Wortes bei Springers. In einem anderen Fall setzte ich selbst die Maske ab. Unter dem heroisch bekennenden Titel Mein Leben als Doppelagent erschien am 17. April 2004 in der Zeitschrift Ossietzky der erste Teil meiner Geständnisse. Hier der damalige Bericht:
Neulich erzählte mir der Verleger Joachim Jahns vom Dingsda-Verlag am Telefon, auf der letzten Leipziger Buchmesse habe ihm am Stand sozusagen aus dem Stand ein Professor mitgeteilt, beim Aktenstudium im Universitäts-Archiv sei herausgefunden worden, dass Zwerenz in den fünfziger Jahren bei der Kreisleitung war. Und Ernst Bloch sei in Leipzig keineswegs verfolgt worden, was man demnächst durch die Publikation von Unterlagen beweisen wolle.
Einige Wochen zuvor war bei uns ein Schrei­ben vom 5. Februar eingegangen, in dem es heißt: „Die Kustodie der Universität Leipzig plant eine Ausstellung zu den Leipziger Jahren Ernst Blochs, die vom 13. Mai bis 17. Juli 2004 im Ausstel­lungs­zentrum Kroch-Haus gezeigt werden soll. Thema­tisiert werden die Berufung Blochs nach Leipzig, seine Philo­sophie im Kontext der geistigen Strömungen der 50er Jahre, die Situation der Uni­versi­tät in dieser Zeit und sein Weg­gang aus Leipzig. Das Projekt wird von einem inter­diszi­plinären Gremium von Wissen­schaftlern, bestehend aus Vertretern der Uni­versität Leipzig aus den Fachbereichen Philosophie und Geschichte, des Zentrums für Höhere Studien, dem Leiter des Universitätsarchivs und dem Direktor der Uni­versitäts­bibliothek in Zusammen­arbeit mit dem Bloch-Zentrum in Ludwigs­hafen bearbeitet und von mir, als Kustos der Kunstsammlung, geleitet. Durch unsere bisherige Recherche sind wir auf Sie aufmerksam geworden und möchten die Anfrage an Sie richten, ob Sie zu einem Interview bereit wären. Ferner suchen wir für unser Vorhaben Aus­stellungs­exponate, vor allem Fotos aus der Zeit oder auch andere Objekte. Wir hoffen, dass Sie unser Projekt unterstützen werden. Mit freundlichen Grüßen“ (Unterschrift)
Am 10. Februar antworteten wir: „... auf Ihre Anfrage vom 5.2. teilen wir Ihnen mit, dass wir zum Thema Ernst Bloch zwei Bücher herausbringen werden. Das erste zur diesjährigen Buchmesse im Herbst in Frankfurt/Main. Zu Ihrer Information folgen auf diesen Brief einige Seiten, aus denen Sie Näheres erfahren.“ In einem zweiten Schreiben vom 29. Februar boten wir an:
„... nachdem wir auch von anderer Seite auf Ihre geplante Bloch-Ausstellung verwiesen wurden, möchten wir unserer Antwort vom 10.2. einige Infor­ma­tionen hinzufügen. Es gibt hier im Hause Fotos aus der Leipziger Zeit, Briefe von Bloch an Zwerenz, Bücher des Philosophen mit handschriftlichen Widmungen sowie hunderte Seiten auf ihn bezogener Materialien. Gerhard Zwerenz berichtete in Zeitungen, Zeitschriften und Radiosendungen über Bloch in Leipzig. An Büchern sind zu nennen Kopf und Bauch, S. Fischer Verlag 1971, Der Widerspruch, S. Fischer Verlag 1974 (die Aufbau-Verlag-Taschen­buch­ausgabe von 1991 enthält keine Fotos und Dokumente). Vor­handen ist außerdem die Broschur Ernst Bloch in Leipzig der Rosa-Luxemburg-Stiftung Sachsen von 2002, sie enthält den Essay ›Kirche gesprengt – Hörsaal 40 verschwunden‹. Auf Anregung Blochs schrieb Gerhard Zwerenz 1954 eine Rezension über die Deutsche Zeitschrift für Philosophie und einige Arbeiten von Ernst Bloch. Diese Rezension erschien in Die Weltbühne (24.2.1954), exakt vor 50 Jahren. Falls Sie also an den hier genannten Materialien interessiert sind, lassen Sie von sich hören.“
 Brief an Prof. Wiemers
 blieb unbeantwortet
 (Zoom per Klick)
Da auf unsere freundliche Bereit­schaft keiner­lei Reaktion erfolgte, erlaubten wir uns, die Buchmessen-Sätze des Archivars Prof. W. der Leipziger Uni­versität als indirekte Antwort zu werten. Schuldbewusst studierte ich mit erhöhter Auf­merksamkeit hundert Meter meiner Geheim-Unterlagen und erfuhr gra­vierende Neuig­keiten. Zum Beispiel das Ding mit der Leipziger Kreisleitung. Laut Protokoll vom 30.10.1956 war sie unter Prof. Alfred Kurella zusammen­getreten zwecks „Aus­sprache über Gerhard Zwerenz“. Resultat: „Zwerenz ist absolut harmlos“, anderer­seits „stilistisch nicht ungeschult mit negativen Tendenzen“, weshalb er „1 Jahr in die Pro­duktion“ zu schicken sei, jedoch „ohne zum Märtyrer der freien Meinungsäußerung zu werden“. Gegen die streng monierte Gering­schätzung des sächsischen Dialekts durch Zwerenz wagte eine tüchtige Frau von Koerber einzuwenden, sie lebe seit 40 Jahren in Leipzig, ohne Leipzigerin zu werden, weil sie Sächsisch nicht ausstehen könne. Ärgerlich merkt der Volkskammer-Präsident Dieckmann an, er verstehe wegen der Ver­öffent­lichung des Zwerenz-Artikels „Leipziger Allerlei“ in der Wochen­zeitung Sonntag die DDR-Kultur­politik nicht mehr.
Soviel zur „erweiterten Kreis­leitungs­sitzung“ vom 30.10.1956 – es war die Kreis­leitung des Kulturbundes. Im übrigen ist Zwerenz wie Loest ein „feind­licher Charakter“, der „öfter nach Berlin fährt“, morgens seine „Brötchen beim Bäcker über der Straße holt“ und „mit einer gewissen Ingrid Hoffmann verlobt ist, die im selben Haus wohnt“ und „durch Referat 1 aufgeklärt“ werden soll oder „an die bei moralischen Schwächen ein geeigneter GI auf der Linie Universität anzusetzen“ sei. Zusammenfassend heißt es: Zwerenz ist wie Loest „kein Schriftsteller, sondern eine Missgeburt“, ruft „feind­liche Diskussionen“ hervor, teilt „die revisionis­tischen Anschauungen aus Ungarn und Polen“ und unterstützt „die Gruppe Harich“, weshalb gilt: „ ...gegen Leute, die ... bei uns konter­revolutionäre Tätigkeit entfalten, gibt es nur eine Schluss­folgerung: Sie müssen eingesperrt werden. ..“
Natürlich ist das alles nur Tarnung zur Bildung einer Legende. Denn am 8.12.1956 soll Zwerenz vom MfS als Agent für den Westen angeworben werden und schlägt sogar noch Loest dafür vor, wie ein Ob.Ltn. Simon protokolliert. Allerdings teilt Zwerenz diesem Loest den Anwerbungsversuch sogleich mit und spricht am nächsten Tag lauthals öffentlich darüber in einer Sitzung des Schriftstellerverbandes, was die anwesenden Dichter-Agenten dem Bezirks-Chef des Schwertes der Partei sofort flüstern, der den GZ am nächsten Morgen in seine Dienststelle holen läßt und das veranstaltet, was bei Genossen und Kameraden „zusammenscheißen“ heißt. Zwerenz ist damit als Agent „verbrannt“, also wertlos. Doch auch dieser Umweg zählt zur geheimen Legendenbildung, denn offenbar dienen die allerschmutzigsten Tricks nur dazu, Zwerenz zum allergeheimsten Geheim- und Doppelagenten aufzubauen.
Was nun die vom Archiv-Professor W. erwähnte Leipziger Kreisleitung betrifft, genügt die des Kulturbundes augenscheinlich nicht. Meine Lektüre eines weiteren Zentners Akten ergibt, dass sowohl jener Loest wie ich als „KP für die Kreisdienststelle Leipzig geführt“ worden sind. KP heißt Kontaktperson. (Akte Lpz. - AOP 90/58 und BsTU 000029 und 000119). Das steht so ver­zeichnet und hat also Beweis­kraft. Irgend­welche eifrigen Kerlchen schrieben eben irgendwas nieder. Ich räume ein, wir wurden Mfs-Agenten. Nur wollte der sächsische Patriot Loest nicht im kapitalis­tischen Ausland verkommen und ging freiwillig für sieben Jahre ins Zuchthaus Bautzen, während ich tapfer den west­lichen Sumpf wählte, wo ich ja dann vom Lemmer-Ministerium bis zum SPD-Ostbüro, von der Frankfurter Rundschau bis hin zu Spiegel und stern meinem sozialis­tischen Vaterland als Doppel­agent treue Dienste leistete. Aus Tarnungs­gründen wurde ich auch aus der Partei ausge­schlossen und mit Haft­befehl gesucht.
Was aber unseren Professor Ernst Bloch angeht und wie er es fertig­brachte, in der DDR unverfolgt zu bleiben, das verrate ich euch, liebe Leser, beim nächsten Mal. Wir wollen doch ruhig abwarten, was der tüchtige Leipziger Universitäts-Archivar W. über unser aller geheimdienstliche Umtriebe weiter herausfindet.
Soweit Ossietzky in Heft 8. In Heft 9 folgte der 2. Teil: Im vorigen Heft zitierten wir aus einem Brief der Kustodie an der Universität Leipzig, in dem man uns um Unterstützung bei der Ernst-Bloch-Ausstellung bat, die am 13. Mai in der Messestadt eröffnet werden soll. Unsere offerierte Bereitschaft fand kein Echo, stattdessen signalisierte der dortige Archivar Prof. W., er habe durch Aktenstudium herausgefunden, Zwerenz sei in der Leipziger Kreisleitung und Ernst Bloch keineswegs verfolgt gewesen. Zur Kreisleitung äußerten wir uns bereits per gebotener Ironie, zum Philosophen zitieren wir kurzum aus dem Waschzettel unseres Buches über den Bloch-Kreis, das im Herbst erscheinen wird. Es heißt da: Ernst Bloch war die letzte Chance der DDR. Sie wurde leichtfertig vertan. Für die Bonner Republik aber entwickelte sich der von Leipzig nach Tübingen übergesiedelte Denker zur hochverehrten Verlegenheit. Wie gehen Kapital und Philosophie zusammen? War die DDR einer falschen Philosophie gefolgt, verzichtet die Berliner Republik auf alle Philosophie und zieht das Chaos neoliberaler und konservativer Irrealitäten vor. Bloch ist der Klassiker einer erneuerten Existenzphilosophie, der Archetyp der neuen Alten, die als neue Jugend antraten und es blieben. Der früheste politische Eingriff und Angriff Blochs war sein Protest gegen den Ersten Weltkrieg. Daraus erwuchs sein Paradigma des Aufrechten Ganges trotz partieller Sklavensprache und temporärer Niederlagen.
Wer war Bloch? Als Knabe entdeckte er in der prächtigen Mannheimer Schloss­bibliothek die märchenhaften Abenteuer der Philosophie­geschichte. Revoltierte gegen Kaiserreich, Weimarer Republik, Drittes Reich und die Fehler der DDR. Liebte reiche Frauen, auch wenn sie durch Revolutionen, für die er votierte, verarmten. Verstarb zweiund­neunzigjährig unversöhnt. Wer war Bloch? Laut Georg Lukács bediente Bloch sich der „Muttersprache ... im Geist der alten Philosophie.“ Max Weber meinte, Bloch hielte sich „für den Vorläufer eines neuen Messias.“ Hitlerdeutschland bürgerte ihn aus. Franz Josef Strauß gratulierte zum 90. Geburtstag. Bundeskanzler Schmidt erinnerte sich nach dem Ableben des Philosophen, er habe schon seit langem mit ihm über Utopie sprechen wollen. Hitlerbiograph Joachim C. Fest ernannte noch den toten Bloch zum lebenden gefährlichen Revolutionär, und Walter Ulbricht beschuldigte ihn glatt der Konter­revolution, während Joseph Ratzinger vor Blochs „atheis­tischer Frömmig­keit“ und „marxistischer Versuchung“ warnte. Der so vielfach Belobigte und Beschuldigte wurde 1885 in Ludwigshafen geboren und verstarb 1977 in Tübingen. Dort auf dem Bergfriedhof liegt er begraben. Seiner eigenen Philosophie nach ist es eine Wartestellung. Es ist zugleich der Platz des verfolgten, zu Tode verehrten, missverstandenen, missgedeuteten und miesgemachten deutschen Juden.
Dies also der Text, den wir unserer Antwort an die Universität Leipzig beifügten. Inzwischen begreifen wir die dortige Sprach­losig­keit. Augen­schein­lich tendiert die geplante Ernst-Bloch-Präsentation zur Anti-Bloch-Ausstellung. Dem stehen unsere Fakten, Dokumente, Belege, Erfahrungen und Interpre­tationen entgegen. Der Philosoph soll kein Verfolgter gewesen sein, wie Prof. W. aus seinem Archiv erfahren haben will. Geht es um Akten-Lektüre, kommen dem Zeit­genossen automatisch die Namen Gauck & Birthler in den Sinn, die bis ins Rosenholz hinein Angst & Schrecken verbreiten. Nur nicht bei uns. Wir sitzen auch auf Akten, und wenn die der Universität die Sprache verschlagen, ist das zu bedauern, dabei wollten wir die Herren doch nur ein wenig unter­stützen und z.B. darüber informieren, dass Walter Ulbricht den Philosophen beschuldigte, „einen Plan für die Konter­revolution“ in petto zu haben. Durch Dokumente ist belegbar, weshalb das MfS im „Operativplan SUBJEKT“ das Leipziger Kabarett Pfeffermühle, den Organisator der Jazz­bewegung Rudorf, Prof. Bloch von der Universität, die beiden Schrift­steller Loest und Zwerenz“ aufs Korn nahm. Ja warum wohl? Der Archivar weiß inzwischen mitzuteilen, dass Bloch sich im Jahr 1957 auch von Zwerenz distanziert habe. Was für eine Neuigkeit. Die situa­tions­bedingte Taktik des in die Enge getriebenen Philosophen fügte GZ kaum Schaden zu, weil der sich bereits im Westen befand. Prof. W. hat etwas läuten gehört, weiß aber nicht, wo die Glocken hängen. Über den Vorgang gibt es Publikationen, die dort so unbekannt sind als wären sie in einem chinesischen Dialekt verfasst.
Prof. W. erinnert zu Recht in einer Broschüre von 1999 an mehrere junge Männer und gegen sie verhängte Todes­urteile, mit denen die sowjetische Besatzungs­macht nach Kriegsende studentischen Widerstand an der Leipziger Universi­tät ahndete. Doch wenn er pauschal von den „Opfern beider deutscher Diktaturen“ spricht, sollte er zur Nachhilfe die Vorlesung eines Kollegen Mathematik-Professors belegen, damit die Zahlen nicht außer Proportion geraten. Laut Widerstand als Hochverrat, Verlag K.G. Saur, ist exakt nachweisbar, der „politisch motivierte Widerstand war ... zu 75% kommunistisch, zu 10% sozialdemokratisch und zu 3 % christlich-bürger­lich.„ Soviel zum Kampf gegen Nazi-Deutschland. Im Freistaat Sachsen scheint die Krankheit der Gleich­setzung von DDR und Hitler-Deutschland rasant um sich zu greifen. In Leipzig lehrten angesehene anti­faschistische Wissen­schaftler wie Werner Krauss (1943 von den Nazis zum Tode verurteilt), Walter Markov (im Dritten Reich zwölf Jahre Zuchthaus), Hans Mayer und Emil Fuchs (Exil), sowie Ernst Bloch, für den nach der US-Emigration keine west­deutsche Hochschule Platz hatte, so dass die Leipziger Universität ihm einen Lehrstuhl bot, was sie ehrt, ihn später aber davon vertrieb, was sie verunehrt.
Lassen wir Ernst Bloch selbst sprechen. 1971 von Butzbacher Schülern befragt, antwortete er per Brief: „Am Ende des 1. Weltkrieges ging ich in die Schweiz und habe dort gegen den deutschen Milita­rismus, gegen den Krieg, für den Frieden geschrieben. Die Oktober­revolution war für mich das bedeutsame Erlebnis. Während der Weimarer Zeit stand ich der KPD nahe. In der Nazi-Zeit habe ich in der Emigration, vor allem in der Prager Weltbühne, publizistisch gegen den Faschismus gekämpft. 1949 folgte ich dem Ruf an die Leipziger Univer­sität, in der Hoffnung, in dem sozialis­tischen Teil Deutsch­lands mithelfen zu können, eine menschen­würdige Gesellschaft aufzubauen. Meine Hoffnung wurde enttäuscht. Das hat aber meine Über­zeugung, dass ein wahrer Sozialismus, trotz russischer und benachbarter Entartungen, in der Zukunft möglich ist, nicht erschüttert. In diesem Sinne steht meine Philo­sophie unter dem revolu­tionären Stern.“
1961 war in der Leipziger Volkszeitung unter der Überschrift „Verräter Zwerenz in der Gosse“ zu lesen: „Schmach und Schande und Verderb denen, die wie Kantorowicz, Kasten, Zwerenz, Hertwig, Zöger und Konsorten zu erbärm­lichen Verrätern wurden.“ Verfasst hatte den Schmäh-Artikel der damalige LVZ-Chefredakteur Prof. Hans Teubner. Selbst attackiert und tief in der Tinte sitzend, versuchte er damit gegen sein Verderben anzuschreiben. Im selben Jahr beschimpfte die Leipziger Uni­versitäts­zeitung Ernst Bloch als „Deserteur“ sowie „Verräter“ und fuhr fort: „Der völlige geistige, moralische und menschliche Bankrott ist das Schicksal aller Renegaten. Mögen die Möpse Zwerenzscher und Zehmscher Art im westdeutschen Blätter­wald bellen, die Karawane zieht ruhig weiter.“
Die Karawane zog weiter, bis sie im Wüstensand parteilicher Hybris versank. Ein Archiv-Professor sucht nun den Kalten Krieg in munterer Unwissenheit fortzusetzen, was uns nicht hindert, im Sinne Ernst Blochs unterm Signum des revolu­tionären Sterns zu antworten. Bisher allerdings ist Ernst Bloch in Leipzig Unperson.
Von Prof. Gerald Wiemers, der auf unsere Anfrage nach den Quellen seiner Kühnheiten beziehungs­voll schweigt, wird über vier Ecken kund, seiner Ansicht nach blieb Bloch in der DDR unverfolgt, weil nicht verhaftet. Charles de Gaulle pfiff 1968 Polizei und Justiz zurück mit den Worten: Einen Sartre verhaftet man nicht. Ähnlich verhielt sich Walter Ulbricht 1956 gegenüber Ernst Bloch. Wer das nicht begreifen kann, ersetzt Stilgefühl durch blamable Unwissenheit.
Soweit unsere Erwiderungen in Ossietzky Heft 8 vom 17.4.2004 und Heft 9 vom 1. Mai 2004. Inzwischen verwandelte sich der von uns verteidigte einstige Leipziger Opposi­tionelle und nachmalige Bautzenbub Erich Loest in einen unglück­lich verbis­senen Feind, der aus seiner Hitlerjungen-Zeit glücklich heim zur Kirche fand, in einem Rund­umschlag von „marxis­tischen Schlächtern“ schreibt und noch Karlchens Leipziger Bronze-Relief in tausend Stücke gehauen auf der Müllhalde sehen will. Gegen Tübkes Leipziger Uni-Panorama lässt er ein Bild mit sich selbst im Vordergrund malen, das niemand haben will. Über Bloch und Mayer schafft er zielstrebig Ver­wirrung, indem er die FAZ für die Ankündigung seiner Aus­wanderung­spläne nach Halle an der Saale benutzt, was von dem mainischen Blatt gern verbreitet wird, statt vor der eigenen Tür zu kehren.
Die Polemik zeitigte Folgen. So verstiegen sich Rektor und Kustos der Universität Leipzig in der FAZ vom 2.5.09 zu einem Leserbrief, in dem vom „stalinis­tischen Regime“ die Rede ist, „dessen Ruf nach Leipzig Bloch und Mayer gefolgt“ seien. Bei aller berechtigten Kritik an der eskalie­renden diktato­rischen DDR-Kulturpolitik ist das ein ignoranter Tunnel­blick.
Der letzte Satz der Rektor- und Kustos-Zuschrift an die FAZ lautet, auf Bloch und Mayer bezogen: „In beiden Fällen also gebrochene Biographien, mit malerischen Mitteln nicht zu erfassen und nicht auf eine Stufe zu stellen mit dem heldenhaften studentischen Widerstand.“
Die beiden überlebens­lang von anti­semitischen Anti­marxisten verfolgten und dennoch der offenbar endlosen deutschen Hochschulmisere ausgesetzten und ihr widerstehenden linken jüdischen Professoren werden die ihnen nachgesagte Unhelden­haftig­keit wohl erragen können. Ihre jeweils drei Emigrationen hatten schließlich stich­haltige Gründe, deren erster das Glück war, den heldenhaften Ariern von 1933 entkommen zu sein.
Immerhin existiert in der Leipziger Universität trotz der Entfernung von Marx, Bloch und Mayer noch ein Restbestand philoso­phischer Erinnerung. Zum Symposium Wissen und Bildung vom 18. - 20. Juni 2009 druckt die vormalige KMU drei fast apokryphe Sätze auf die Einladung:„Der Mensch ist dasjenige, was noch vieles vor sich hat. Er wird in seiner Arbeit und durch sie immer wieder umgebildet. Er steht immer wieder neu an Grenzen, die keine mehr sind, indem er sie wahrnimmt, er überschreitet sie.“ Die drei Sätze stammen von Ernst Bloch. Zwar führte für den Philosophen kein Weg zurück nach Leipzig. Doch einige Worte sind noch immer da.
Mag sein, die diversen Streitig­keiten dienen nur der bevor­stehenden Hoch­schul-600-Jahrfeier. Uni-Leitung und Loest als Partner beim Werbe-Gag. Eine Chemnitzer Baumschule setzte Loest dafür den Doktorhut auf. Die Universität spielt heilige Ignoranz. Demnächst werden Veterinär­mediziner in der Pleiße Fluss­pferde entdecken und die Anthropologen nachweisen, der Affe stammt vom Menschen ab. Was nutzt es? Anno 1909 folgte auf die 500-Jahrfeier bald der Erste Weltkrieg. Das jetzige 600-Jubiläum fällt in die heiße Zeit hysteri­sierender Wahlkämpfe. Unser Vorschlag zur Güte: Warten wir auf die 700-Jahrfeier.
Und das alles nur aus Angst vor der erschröck­lichen Erkenntnis, dass Ernst Bloch in seiner Leipziger Zeit die Philosophie vom Dritten Weg entwickelt hatte. Das muss ge- und verleugnet werden.
Sklavensprache IX

In jenem Jahr, da andere in
Rente gehen, bekam der Filosof
seinen ersten Lehrstuhl. Er
besetzte ihn subversiv.

Nach einem Jahrzehnt hatte
er noch immer nicht jasagen
gelernt. Stattdessen lehrte
er Zweifel, Fantasie, Ästhetik.

Da er es unterließ, den
Staat zu loben, blieb das
Staatslob aus. Der Filosof
geriet in Turbulenzen.

Ich hätte es wissen müssen,
sagte der Filosof. Doch
hätte es nichts geändert.
Manches lerne ich nie.

(Vergiss die Träume deiner Jugend nicht,
Rasch und Röhring Verlag, Hamburg 1989)

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 25.05.2009.

Gerhard Zwerenz   18.05.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz