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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 98

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

98

Zähne zusammenbeißen, auch wenn's die dritten sind

Soldaten sind Mörder  

Soldaten sind Mörder:
Die Waffen nieder!




Gerhard Zwerenz
„Soldaten sind Mörder“
Die Deutschen und der Krieg
Knesebeck Von Dem, 1988

Das Buch bei Amazon  externer Link



Endlich hat der Krieg die Welt verlassen. Ich robbe ans Tageslicht. Zerfetzte Bäume und nieder­gewalztes Gebüsch. Droben über mir und dennoch nahe genug glänzt das rol­lende Auge des fremden Himmels. In die östliche Rich­tung pir­schend, lege ich lange Strecken zurück, ein einsamer Wanders­mann, ein Ver­rück­ter.
Die Tränen treibt mir der Hunger in die Augen. Der Magen stülpt sich um. Zwei Stunden lang beobachte ich das starre Dorf. Nichts rührt sich. Ich schleiche zur ersten Kate. Die Tür ist geöffnet. Die Fenster sind zerschlagen. Drei Katen durchsuche ich und finde nicht einen Happen Brot. Dann stehe ich vor dem gedeckten Tisch. Er ist auf einfache Weise gedeckt. Keine Teller, keine Schüsseln. Eine eiserne Pfanne nur in der Mitte und darin, ich traue meinen Augen nicht, ein gebratenes Huhn. Ich habe es verschlungen, ich habe mich an den Tisch gesetzt und das kalte Huhn auf einen Sitz verschlungen. Als ich fertig war, ging die Tür langsam auf, und Radjonnow stakte herein. Er glotzte mich erstaunt an, sah die leere Pfanne, und eine Welle des Zorns rötete sein gutmütiges Gesicht. So wurde ich gefangengenommen. Radjonnow, dem ich mein Leben verdanke, versetzte mir einen Schlag, dass ich über den Stuhl flog. Dann führte er mich über den Hof, wo ein zweiter Soldat gerade dabei war, einer nicht mehr ganz jungen Frau die Zeit zu vertreiben. Ich wunderte mich, wo so viele Menschen plötzlich herkamen. Der Soldat ließ die Röcke der Frau fallen. Ich musste mich an die Wand stellen, die Arme heben.
Was tust du – Towaritsch? fragte Radjonnow. Der zweite Soldat hob die Pistole. Zorn zeichnete sein junges, rundes Gesicht: Umlegen – prosto – einfach, ohne Umstände umlegen – Radjonnow trat vor die Mündung. Er war blass. Du wirst dich besinnen – er ist mein Gefangener. Du hast dich mit der Frau vergnügt, und ich hab' Krieg geführt. Also gehört der Fritz mir. Das Weib beobach­tete angespannt die Auseinandersetzung und packte den Soldaten am Ärmel. Das machte ihn wild, er riss sich los und fuchtelte Radjonnow mit der Waffe vor dem Gesicht herum.
Was willst du anfangen mit dem Njemse, he? Willst ihn vielleicht weg­bringen – soll ich allein bleiben? Und unseren Befehl vergisst du, was? Mach ein Ende mit ihm, sag' ich dir – prosto!
Radjonnow schüttelte beharrlich den Kopf. Seine großen Ohren röteten sich: Er ist mein Gefangener – und Genosse Stalin hat befohlen, kein Gefangener darf mehr getötet werden – ponimaju?
Der Genosse Stalin – ist er vielleicht hier, was? Hier ist niemand außer uns. – Du willst dich Stalins Befehl widersetzen? Das werde ich nicht zulassen. – Wer soll dich verstehen, Wassili, noch im vorigen Monat hast du nicht danach gefragt, bei Shitomir schickten wir die Njemses in den Himmel, da warst du nicht zaghaft, Wassili. – Damals gab es den Befehl des Genossen Stalin noch nicht, sagte Radjonnow bedächtig und schlug mit kräftiger Hand eine Mücke tot, die sich auf seiner Stirn niedergelassen hatte.
Und Radjonnow führte mich unverdrossen einen ganzen Tag lang durch das sonnendurchglühte Land. Hinter uns, als wir das Dorf verließen, vergnügte sich der zweite Soldat wieder mit der Frau. Wir trotteten den Weg entlang, die nächsten Menschen trafen wir erst am Nachmittag. Es waren drei junge Polen, und ihre von Hunger und Angst ausgehöhlten Gesichter blühten auf und glänzten eifrig, als sie sich auf mich stürzten. Ich sah, dass Radjonnow sich nicht einmischen wollte, und setzte mich zur Wehr. Bald lag ich mit dem Gesicht im Dreck. Jetzt wurde es Radjonnow zu bunt, und er jagte die drei Polen zurück. Sie ballten die Fäuste und beschimpften ihn. Radjonnow fluchte und lachte glücklich. Meine Hände und mein Gesicht bluteten. Radjonnow feuerte jauchzend einen Schuss in den Himmel; so zogen wir weiter, und meine Dankbarkeit für Radjonnow wuchs ins Grenzenlose.
Allmählich füllte sich das Land. Soldaten kamen den Weg entlang. In un­ordent­lichen Trupps marschierten sie, die Köpfe gesenkt, Staub auf den Helmen. Ein junger Soldat mit blondem Haar sang ein Lied:
Schiroka strana moja rodnaja
Als er mich sah, brach die kindliche Stimme ab. Ein Ausdruck tödlichen Schreckens trat in das Gesicht des Vorsängers:
Radjonnow, der Gütige, winkte dem Jungen zu, er sang, zögernd erst, weiter. Mit dumpfen, erstickten Stimmen fielen die anderen wieder in das Lied ein:
Ja drugoi takoi strani nje snaju,
gde tak wolno dyschet schtelowek ...
So führte Radjonnow mich die Straße hin, begleitet von Flüchen und Liedern. Ich bekam Schläge und Tritte, man schenkte mir Brot und Zigaretten, lachte mir zu und beschimpfte mich. Vor den Misshandlungen durch Panzerfahrer bewahrte mich Radjonnow. Als die rasselnden Kolosse auftauchten, verließen wir die Straße und gingen über die Felder. Dann kam das Stabsquartier in Sicht, und Radjonnow bat mich um meine Auszeichnungen. Er fluchte zufrieden und lächelnd, als ich das Blech in seine Hand legte. Er hätte mir die Orden einfach abreißen können, aber er war ein stolzer Mann und bat mich darum. Im Stab wurde ich einer Runde höherer Offiziere vorgeführt. Sie erkundigten sich höflich nach meinem Befinden, gaben mir Wasser zu trinken und fragten, was ich von der Sowjetunion hielte. Ich war glücklich über meine Rettung. Die Herren klopften mir wohl­wollend auf die Schulter, eine Ordon­nanz brachte Wodka in deutschen Koch­geschirr­deckeln. Jetzt schnippte sich jeder mit dem Zeigefinger gegen die Kehle, und einer der Offiziere rief mit hartem russischem Akzent: A votre santé! So tranken wir auf die deutsch-sowjetische Freundschaft. Hernach kamen zwei junge, freundliche Offiziere mit grünen Mützen. Sie führten mich zu einer Baum­gruppe seitab vom Stabsquartier. Ich musste mich ausziehen und wurde fürchter­lich verprügelt. Danach begann die Vernehmung. Ich dachte immer an Wassili Radjonnow, der jetzt wieder unterwegs war zur Front und der mich hätte töten können. Die Dank­barkeit ließ mich die Schläge kaum spüren. Was sind schon ein paar Hiebe, wenn dir ein Mensch dein Leben geschenkt hat. Ich sang das Lied der in den Kampf ziehenden russischen Soldaten, die ihr Vaterland priesen :

Ja drugoe takoi strani nje snaju
gde tak wolno dyschet schtelowek. ..
Ich weiß kein andres Land auf Erden,
Wo das Herz so frei dem Menschen schlägt. ..
Als es vorbei war, brachte mir ein Muschik ein Kochgeschirr voll Wasser. Ich spuckte meine Zähne ins Gras, trank das Wasser, blickte in den geröteten Himmel und sprach: Welch ein Glück, ich hab' diesen Krieg überstanden ! Das geschah im August 1944.
Ein Mensch wird vermisst
Die verlorenen Zähne vom August 44 wurden im Gefan­genen­lager von Minsk ersetzt durch die landes­übli­chen Stahl­instal­la­tionen, die im­mer­hin wie Sil­ber glänz­ten, noch heute er­kennt man sie bei äl­teren ehe­maligen Sowjet­menschen, wenn sie spre­chen, lächeln oder lachen. Einen Rest trug ich noch in den sech­ziger Jah­ren aus Trotz im west­lichen Reich der Gold­kronen. Rück­blickend scheint mir, der Gebiss­verlust hat mich bewo­gen, der Welt nie den Rücken, aber stets die Zähne zu zeigen und seien es die dritten oder vierten. So komme ich gegen Schluss dazu, noch ein wenig über meine Bücher zu plaudern:
Karl Mays Abenteuer-Romane spielen von Amerika bis in die Schluchten des Balkan. Meine Bücher, ebenso sächsisch, spielen in Kopf und Bauch und im Exil. Wenn ich drei davon nennen sollte, verzählte ich mich, weil etwa hundert Stück zur Verfügung stehen. Was also auswählen? Das Groß­elternkind? Oder Kopf und Bauch – die Geschichte eines Arbeiters, der unter die Intel­lektuel­len gefallen ist? Vielleicht Casanova oder der Kleine Herr in Krieg und Frieden? Die drei Titel sind der Entschlüs­selung bedürfende Hieroglyphen. Mir fallen noch einige Geheim­bot­schaften ein: 1. Sklaven­sprache und Revolte – Der Bloch-Kreis und seine Feinde in Ost und West von Ingrid Z. und mir. Ein 2. Band sollte folgen und ging über die intellek­tuelle Hut­schnur. Der Verlag bekam kalte Füße. Das bleibt ein Projekt der Hoffnung wie die Jung­frau Maria nach Gottes Besuch. Dann gibt es Gute Witwen weinen nicht über Tucholskys Tod in Schweden. Endlich als luzider Krimi Der Bunker, in dem Kettenraucher Helmut Schmidt nach dem Atomkrieg Deutschland bereist – wir sind untergegangen und leben virtuell weiter, bis der Mann im Mond bemerkt, der Erdball wird von lauter Scheintoten belebt.
Nun ein Original-Taschenbuch: Der Mann der seinen Bruder rächte. Hier leistete, ich gebe es zu, mein Landsmann May Schützenhilfe in den Schluchten von Rhein-Main. Und so schreibt sich einer durchs Leben.
Schlussbemerkung: Im Verlag das Neue Berlin erschien ein Bändchen von Jürgen Reents, der mich über mich befragte. Titel: Weder Kain noch Abel. Wer will hier Kain, wer Abel sein? Inzwischen fielen mir noch ein paar Antworten ein, aktuell abzurufen im www.poetenladen.de. Unter dem Titel: Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte, dies hier ist von 99 Fragmenten das vorletzte.
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Der Nachlass des Vermissten
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Im Moment ist die Pleiße bei uns zu Besuch und befragt mich wegen der Leip­ziger Ver­gan­gen­heit. Ich werde die Dame nach Chem­nitz schicken, sich beim Marx-Nischel zu erkun­digen, wie ihm das Völker­schlacht­denk­mal gefällt. Dazu spende ich eine Fußnote. Das ist natür­lich alles eine fantas­tische Comic-Serie ohne tiefere Bedeutung. Es geht nicht um drei oder sechs Bände. Meine ca. 100 Bücher sind Lebens­proto­kolle vom 20. Jahr­hundert, im Wider­spruch ge­schrie­ben für die Über­leben­den des 3. Welt­krieges, damit noch das letzte Mars­männ­chen weiß, wie alles begann und endete und warum nur sieben mit Original­pleißen­wasser getaufte Sachsen das Desaster über­standen. An den Ufern unseres sächsi­schen Missis­sippi wird der Mensch methusa­lemisch imprägniert. Bleibt das aparte Geheimnis sächsischer Produk­tivität zu enthüllen – die Pleiße selbst. Goethe, Napoleon, Karl May, Walter Ulbricht, Friedrich Nietzsche und Richard Wagner badeten darin. Und alle alle ent­wickelten sich zu den von Karl May erfundenen Indianern. Man muss Spuren lesen lernen. Was ist die Quelle von Lourdes gegen unser Pleißen­wasser? Meine bescheidenen 100 Bücher bilden die Bibliothek der Endzeit. Gott ist tot, lehrte der Sachse Nietzsche. So protokollierte ich zumindest seine letzten Spuren im Sand der Urstromtäler. Wenn unser Pastorensohn recht hat, woran kein Zweifel besteht, bieten meine 100 Zwerenziana den Grundstock an Druckwerken für jene humoristische Revolte, die zur pazi­fistischen Revolution führt. Merke: Erst lachen, dann entwaffnen. So will's die Filosofie vom 3. Weg.
Die Fahndung nach dem erneut Vermissten
Fast ein Jahrhundert hindurch notierte ich aus der Sicherheit des gespielten Scheintoten her­aus das Verhalten der Promi­nenzen um mich herum. Die Wahr­heit ist mehr als tausend­undein Märchen aus einer Nacht. Sie ist Endzeitgeschichte. Tod ohne Schein.
Jedes meiner 100 Bücher enthält einen Satz als Quersumme. Das sage ich als vor Nüch­ternheit klir­render Sachse. Mit einem Schluck aus der Roman­tik-Pulle nenne ich es glatt­weg Buch­geist, das ist sowas wie der erz­gebir­gische Berg­geist, der sich In Kopf und Bauch auf Seite 111 befindet: „Geschichte verstehe ich als Ent­wicklung zu Tod und Untergang.“ Das ist keine Floskel. Das ist die Kriegs­erkennt­nis des Infan­teristen Schütze Arsch im letzten Glied.
Der Satz aus dem Buch von 1971 hätte schon 1956 über meiner Erzählung Der Maulwurf stehen können. Die Wurzel, das Kriegserleben, ist identisch. Als ich Wolfgang Harich bei einem Treffen in Berlin so en passant die Maulwurf-Story entwickelte, verwies er sofort auf Blochs Versuche einer marxistischen Seinslehre, in der Anthro­pologie und Ontologie an­einan­der­rückten. In der Tat ist mein Maulwurf Prototyp und Archetyp des Kriegers, ein entjüngerter Jüngerscher Gladiator des bürgerlichen Seins, das in dieser Geschichte zur krieg­führenden Totgeburt eskaliert. In Japan wird die Story im Deutsch­unter­richt genutzt. Man versteht dort den Subtext. Das verstand sogar der vormalige DDR-Buchminister, wenn auch zu spät.
In Kopf und Bauch ist dem ersten Satz der Quersumme ein zweiter angefügt: „Fasziniert hat mich deshalb an Blochs Hoffnungsphilosophie, dass ich darin ein Instrumentarium gefunden zu haben glaubte, mit dem sich Untergang und Tod etwas hinauszögern ließen.“
Dieser Hoffnungsschimmer wurde zwar sichtbar, doch glaubte ich nicht an die Realisier­barkeit. So tat ich etwas, das man nicht tut: Ich verfasste eine Gebrauchs­anweisung für den Roman und ließ sie vorn auf den Umschlag drucken. Erstaunlicherweise brachte es Kopf und Bauch trotz seiner rotzigen extremen Machart als TB immerhin auf eine Hundert­tau­sender Auf­lage. Spätere Ausgaben ersetzten den Cover-Text durch avant­gar­distische Grafi­ken, die mir adäquat erscheinen und gefallen. Die verbale Botschaft aber fehlt mir zur Verdeut­lichung. Kurz zusammen­gefasst lautet sie: Der Linken nach Lenin und Trotzki droht das vorzeitige Ende in Vereinze­lung, ein Tod in Venedig eben, wie im Buch vorgeführt. Eine Welt ohne Linke aber wird eine statisch rechte Welt sein. Endzeit mündet in Ende ohne Zeit, also Zeitende. Menschenende.
Frühe Verluste: Zur Großmutter auf dem Dorf sagte ich Mutter und dachte, sie wäre es. Sie war es für mich. Bevor ich erfuhr, die Kinder kämen aus dem Bauch der Mutter, erzählte man mir, die Kinder brächte ein großer Vogel mit Namen Storch. Das interessierte mich wenig. Ich wollte nicht wissen, woher ich gekommen war. Ich wollte wissen, wo ich mich befand. Ich befand mich die ersten sechs Jahre meines Lebens bei einer Frau, die ich Mutter nannte, obwohl sie meine Großmutter war. Die Tochter der Großmutter nahm mich heimlich beiseite und belehrte mich eindringlichst: Ich bin deine Mutter!
Es war nicht glaubhaft.
Möglicherweise hatte mich der Storch damals zu dieser seltsamen fremden jungen Frau gebracht. So ein Vogel kann sich schließlich irren.
Falls aber die Kinder aus den Bäuchen der Frauen stammen sollten, so wäre es unvorstellbar, dass ich aus dem Bauch dieser Frau gekommen sein sollte, die sich mir als meine Mutter aufredete, obgleich doch jeder Mensch wusste, meine Mutter war wer ganz anderes. Meine Mutter war die gute Frau vom Dorf. Im Haus neben der Kirche lebend, wo ich ebenfalls lebte, seit ich aufgewacht war aus dem großen Schlaf des Anfangs.
Komischerweise begann die fremde Frau, die sich als Mutter bezeichnete, Tränen zu vergießen, wenn ich die Dinge richtigstellte und es ablehnte, sie Mutter zu nennen. Mama – nun ja, den Namen konnte sie haben. Er bedeutete mir ohnehin nichts. Mit Mama konnte ich wenig anfangen. Mama war eine fremde Person, die mich am Sonnabendnachmittag bei der Mutter abholte. Anfangs im Kinderwagen. Die reinste Entführung. Ich wurde gezwungen, das Wochenende in der fremden Wohnung bei Mama und einem Mann namens Papa zu verbringen.
Ich fand die beiden merkwürdig und war heilfroh, am Sonntagabend wieder bei der Mutter abgeliefert zu werden: Die unholden Menschen namens Mama und Papa mussten am Montagmorgen sehr früh aufstehen und zur Arbeit gehen. Eine lächerliche Art zu leben.
Mutter ging morgens nie zur Arbeit. Sie verließ das gemeinsame Bett, um in dem eisernen Etagenofen Feuer zu machen. Kroch danach zurück zu mir unter die Zudecke. Bis wir aufstanden und frühstückten.
Nichts auf der ganzen Welt, die so weit reichte wie mein Blick, kam der Wärme der Mutter auch nur nahe.
Wie hab' ich dumm geguckt, als ich verstehen musste, meine Mutter war meine Großmutter, meine Mutterliebe Großmutterliebe. Lange hab' ich mich geweigert, das zu akzeptieren.
Im Alter von zwei Jahren nahm mich meine Großmutter-Mutter an die Hand und wir gingen ums Haus. Im Vorgarten des Nachbarn umringten Frauen einen an die Sonne geschobenen Kinderwagen mit einem Neugeborenen. Wir näherten uns. Als meine Mutter sich über das Baby beugte, verlor ich ihre Hand. Ein unbeschreiblicher Schmerz explodierte in mir. Allein, verlassen stand ich in der Welt, die Ahnung durchzuckte mich, dass es nie mehr anders werden würde. Eine Nachbarsfrau beugte sich über mich. Was ist? Was hast du? Sie lachte hell auf. Hast Angst? Du hast Angst, ja? Deine Mutter kann sich nicht mehr um dich kümmern, sie hat jetzt ein anderes kleines Kind. Siehst du? Ich sah die Gestalt meiner Mutter, vom kalten Licht umflossen, gebeugt über den Kinderwagen. Die Szene schrieb sich in mein Herz ein. Jedesmal in meinem Leben, wenn ein Verlust drohte, spürte ich den Schmerz an der gleichen Stelle. Bis es gelang, mir die dummen Worte der Nachbarin ins Gedächtnis zu rufen. Sie sprach genau aus, was Ich fühlte. Lieh mir Sprache, die ich selbst noch nicht besaß. So erinnere ich mich als Erwachsener an meinen ersten frühen Eifersuchtsschmerz.
Die hinterlassenen 100 Bücher können vergessen werden als gäbe es die Warnung nicht. Ich schob sie in die Lücke zwischen den Literaturen Ost und West als 3. Literatur für den Fall, dass sich im Zeitalter intellektuellen Analphabetentums doch noch widerstehende Leselustleser finden sollten.
Das Fußende des Bettes, in dem ich geboren wurde, stieß gegen eine Truhe voller Bücher. Als ich sieben Jahre zählte, wurden sie verfolgt und sollten verbrannt werden. Ich vergaß sie nie. Hab sie wieder und wieder heimlich gelesen. Und ein paar dazugeschrieben, so gut ich's eben vermochte.
Drohende Verluste verlebendigen uns. Aus Enttäuschungen und Niederlagen schöpfen wir verborgene Kräfte. Was ich verliere, stärkt mich. So gehe ich nie verloren. Das nennen wir, nebenbei bemerkt, Wiedergeburt, d. h. erneuerte Seelenenergie.
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Ein Mordhauptmann meldet sich zur Stelle (Zoom per Klick)

Politik ist, verdammt noch mal, unser Schick­sal geworden. Du hast einen Freund. Der wird Minister. Schon ist er dein Feind. Du haderst mit dem Schick­sal. Du selbst bist dein Schick­sal. Die Kanz­lerin sagt, sie sei es für alle Bürger. Die Minis­ter­präsi­denten von Sachsen sagten es nie für alle Sachsen. Mit den Christen re­gierte einer erst allein, dann ging's mit der SPD, dann mit der FDP. Bleiben die Linken übrig. Warum keine Ver­suche mit Rot & Schwarz? So heißt ein Roman von Marie-Henri Beyle, der sich Stendhal nannte. Herr Tillich erprobte seine Karriere in der eins­ti­gen Natio­nalen Front. Als einer der ältesten Sachsen, ein Methu­salem aus der Schar exilierter Sachsen­dichter schlage ich statt der frü­heren Natio­nalen Front eine Inter­nationale Reforma­tionsfront vor. Meine lieben Genos­sen im anti­faschis­tischen Geiste werden das Experi­ment gewiss ris­kieren. Sie sind in ihrer Selbst­analyse längst so weit voran­gekom­men wie andere mit ihrer ver­legenen Schweig­samkeit, wo nicht Verleugnung sich ver­weigern. Es ist Zeit für Freund­schaf­ten in bisher ungeahnten Ausmaßen. Immer bereit? Seit dem Russischen Oktober 1917 muss jede Revolution, wo und wann auch immer, ein Stücklein Weltrevolution sein oder alles führt zurück zu den alten Tod­feind­schaften. Die tapfren Russen allein schafften es nicht, ihr sieg­reicher Oktober versank in der Feind­schaft. Wenn auf Dauer nichts daraus wurde, was wird dann, fragen wir uns nachdenklich, aus der großen fried­lichen Revolution der DDR von 1989? Der polnische Weltweise und Hirn-Akrobat Stanislaw Jerzy Lec notierte: Endlich bist du mit dem Kopf durch die Wand. Und was fängst du nun an in der Nachbarzelle?
Wenn ich erlebe, wie unsere politische Elite samt Schreib­tisch­geistern maul­heldenhaft dem Rest der Welt Freiheit und Democracy beibringen will als hätte Brecht nicht längst das letzte Wort dazu gesprochen, fällt mir ein, wie schäbig das westliche Deutschland vom Dritten Reich zur Bonner Republik mutierte. Was immer gegen Stalinisten zu sagen ist – ohne Rote Armee liefen die Nach­kommen unserer Hitler-Adenauer-Generäle und -Leutnante, die den Wechsel weniger zur Läuterung als zum Karriere­sprung zu nutzen wussten, in schnieken SA-, SS-, HJ- und Wehr­machts­klamotten herum. Wer sonst hätte den groß­deutschen Helden über vier entsetz­lich lange Jahre wider­stehen können als der entfes­selte russische Zorn, der mit T34 und Stalin­orgeln in die aufgezwungene Schlacht zog.
„Und ein Wind aus den Ruinen
Sang die Totenmesse ihnen,
Die dereinst gesessen hatten
Hier in Häusern. Große Ratten

Schlüpften aus gestürzten Gassen,
Folgend diesem Zug in Massen.
Hoch die Freiheit, piepsten sie,
Freiheit und Democracy!“

(Bertolt Brecht
Der anachronistische Zug oder Freiheit und Democracy – 1947,
Aufbau-Verlag Berlin 1952)

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 26.10.2009.

Lesung mit Gerhard Zwerenz aus der Sächsischen Autobiographie in Leipzig am 19.11.2009, Haus des Buches, 19 Uhr.

Gerhard Zwerenz   19.10.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz