POETENLADEN - neue Literatur im Netz - Home
 
 
 
 
 
 
 

Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 29

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

29

Das Poeten-Projekt

Gerhard Zwerenz | Wozu das ganze Theater
Dem Kabarettisten Corian (recte: Conrad Reinhold) gewidmet.


Bis 1957 Leiter der Leipziger Pfeffermühle, danach Kabarett Die Maininger Frankfurt(Main) 1974 verstorben, sein Lebensmotto lautete: »Wehrt euch, sonst werdet ihr weggetreten.«; 3 Jahre später schickte ich ihm mein Büchlein »Wozu das ganze Theater« in den Himmel der Satiriker nach.
 
Als ich den Römer verlassen wollte, kam ein Kerl durch die Tür hereingestürzt und rannte mich um. Wir gingen beide zu Boden, doch stand der Eilige gleich wieder auf den Beinen und sprang die Treppen hinauf

Oben erklangen laute Stimmen. Jetzt polterte eine Menge Leute die Stufen herunter, an mir vorbei und zum Portal hinaus. Ich erkannte den Mann, der mich eben umgerannt hatte, und dicht hinter ihm Atom-Riki. Auch Lugstieber war dabei, der Referent für Zukunftsfragen. Ich packte ihn rasch am Ärmel und fragte, was denn bloß los sei.

»Das weißt du noch nicht? Menschenskind, im Main fließt das Wasser stromaufwärts!« Und schon sausten wir alle miteinander Richtung Main. Dort waren beide Ufer schwarz von Menschen. Der Eiserne Steg voll von Neugierigen. Zum Glück rückte jetzt eine Hundertschaft Bereitschaftspolizei an, die dem Oberbürgermeister und seinen Begleitern den Zugang zum Strom freiknüppelte.

AIs wir die Stufen zum Eisernen Steg hochstiegen und forschend ins Wasser schauten, ließ sich auf den ersten Blick nicht genau feststellen, wohin es floss.

»Der Main fließt stromabwärts!«, meinten die einen.

»Nein, der Main fließt stromaufwärts!«, schrien die anderen.

»Werft ein paar Zuschauer ins Wasser!«, ordnete das Stadtoberhaupt an. Die Bereitschaftspolizisten taten wie ihnen befohlen.

Jetzt sahen alle, die Hineingeworfenen trieben nicht Richtung Westhafen ab, sondern umgekehrt nach Osten, stromaufwärts also, nach Offenbach zu.

Die Strömung musste ziemlich stark sein. Die Nichtschwimmer gingen sowieso schnell unter. Die anderen sah man bald in weiter Entfernung treiben.

»Das halt ich im Kopf nicht aus!«, sprach der Oberbürgermeister, »jetzt fließt der Main tatsächlich stromaufwärts.«

Ratsuchend blickte er sich in der Runde um.

Als er mich sah, lief sein Gesicht zornrot an.

»Das war Ihr Freund, dieser verdammte Corian, dem verdanken wir unser ganzes Unglück! Wär der doch in Leipzig geblieben!«

Er schimpfte und schimpfte und ich machte mich aus dem Staube. Denn ich bin von Natur ein ängstlicher Mensch aus Sachsen.

Wie nicht anders zu erwarten, bringt ein umgekehrt fließender Fluss allerhand Überraschungen mit sich. Wer weiß, wohin das in Zukunft alles führen wird. Ich kriegte Corian nicht zu Gesicht, nur einige Male seinen auffälligen Sportwagen im Straßengewühl, doch wenn ich endlich hinkam, war das Auto schon weg.

Kurze Zeit nach der Flussumkehrung fand die Buchmesse statt, zu der neben den üblichen lebenden Dichtern erstmalig auch die verstorbenen anreisten.

Nachdem das Wasser stromaufwärts floss, konnte uns nichts mehr überraschen. Der Börsenverein verlieh seinen Buchhändlerfriedenspreis kurzerhand an Johann Wolfgang von Goethe, doch bei der feierlichen Verleihung in der Paulskirche randalierte Thomas Mann, der selbst den Goethe-Preis beanspruchte, sei er doch viel goetheanischer als der verkalkte Alte aus Weimar.

Man entfernte den Störer polizeilich, aber jetzt sprang ein langhaariges jugendliches Individuum von seinem Stuhle hoch und brüllte immerzu:

»Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«

Da es sich zweifelsohne, wie allen anwesenden Buchhändlern und Schriftstellern schlagartig klar wurde, um den steckbrieflich gesuchten Georg Büchner handelte, bestäubten ihn elf Polizisten mit Chemical-mace und brachten den noch immer heftig um sich schlagenden Aufrührer hinaus, wo schon zwei Wasserwerfer auf ihn warteten.

Auch rief man den Börsenvereinsvorsteher diskret ans Telefon, fernmündlich teilte der Bankenvereinsvorsteher ihm mit, die Devise: »Krieg den Palästen« sei gerade in Frankfurt ebenso gefährlich wie deplaziert. Man solle auch an den BfG-Palast vorm Schauspielhaus denken.

Leider erlitt nun der Klassiker aus Weimar einen Schwächeanfall, denn man hatte ihn vorsichtshalber ebenfalls mit einer Ladung Tränengas bedacht. Keineswegs jedoch solidarisierte sich der wirkliche und geheime Rat Goethe, wie anderntags in einer Frankfurter Herrenzeitung zu lesen war, mit dem Zwischenrufer. Vielmehr hatte Goethe den Georg Büchner aufgefordert, sich davonzuscheren in seine ausländische Gruft und das aufrührerische Maul endlich für immer zu halten.

Da ich selbst Ohrenzeuge wurde, kann ich beschwören, Goethe hatte tatsächlich die Worte »ausländische Gruft« gewählt, was als geradezu Thomas-Mann'sche Ironie, jedenfalls in der Interpretation von Prof. Hans Mayer gelten muss; weiß doch jedermann, Büchner liegt in keiner Gruft, sondern irgendwo tief im Schweizer Erdboden vergraben und verschollen.

Es muss zugegeben werden, noch nie war eine Buchmesse so interessant und abwechslungsreich verlaufen. Die verstorbenen und für die Messe ins Leben zurückgekehrten Dichter leisteten sich unglaubliche Rundfunk-Interviews, streckten vor laufenden Kameras ungeniert die Zunge heraus, so hatten die Deutschen sich ihre hehren und heiligen Klassiker nun wirklich nicht vorgestellt. Die Vereinigung der Germanischen Studienräte sandte ein Protesttelegramm an den Buchhändler-Börsenverein, der das Telegramm zuständigkeitshalber dem Westdeutschen Schriftstellerverband weiterleitete. Dort herrschte sowieso größte Aufregung. Die Auferstandenen verweigerten den Gewerkschaftsbeitritt, den die bekanntesten lebenden Autoren längst vollzogen hatten. Es ergaben sich langwierige Debatten zwischen beiden Gruppierungen über engagierte Literatur und poesie pure, Lessing, angereist aus Wolfenbüttel, rief immer dazwischen: Hauptpastor Goetze, ich höre den Hauptpastor Goetze; während Heinrich Heine, aus seinem Pariser Montmatre-Grab herbeigeeilt, den sensiblen Lessing übertönte und laut schrie: Matratzengruft, die ganze deutsche Literatur eine einzige Matratzengruft! Das ganze Deutschland eine Matratzengruft!

Realismus! forderte Jakob Michael Reinhold Lenz und schwenkte ein Exemplar seines »Hofmeister«. Romantik! murmelte Lenau und rezitierte immerzu: Lieblich war die Maiennacht, Silberwölkchen flogen. Und während alles wild gegeneinander anredete, erschien jeweils für drei Sekunden der bleiche Heinrich von Kleist, zog ein Terzerol aus der inneren Rocktasche und feuerte zwei Schuss in die Decke ab, zu welcher ordinären Begebenheit der sich im Hintergrund haltende sanfte Herr Novalis missbilligend den Kopf schüttelte, während die offensichtlich geistesverwirrten Herren Hölderlin und Nietzsche applaudierten und in sonderbares Lachen ausbrachen. Alle wiederum vereinten sich sofort, ging es gegen einen Versicherungsangestellten, welcher idiotisch unklare Geschichten vorlas, in denen ein Mensch sich zum Käfer verwandle. – Bin ich ein Käfer? fragte Johann Gottfried Herder indigniert, wobei ihm der feinsinnige Stefan Zweig zustimmte, während er seine große Sympathie mit dem Selbstmörder Kleist nicht verbergen mochte. Nachdem man den unverständlichen Kafka aus Prag gehörig in die Schranken verwiesen hatte, entstand schriller Streit zwischen Vertretern der Jüdischen Gemeinde zu Westberlin und dem Autor Lion Feuchtwanger, dem Antisemitismus vorgeworfen wurde. Feuchtwanger entgegnete ruhig: Aber ich selbst bin doch Jude! – Herren der Gemeinde schrien ihn nieder: Um so schlimmer! Schäm dich!

Da sich jetzt Heinrich Mann einmischte, hießen ihn die anwesenden Geheimpolizisten kurz und bündig einen Kommunisten und volksfrontverdächtig. Ernst Toller, der ihm beispringen wollte, wurde von den Geheimpolizisten umringt: Dreckiger Räterepublikaner! schalten sie ihn; Erich Mühsam, der etwas sagen wollte, sistierten sie gleich mit.

Lessing, unterstützt von einer zierlichen dunkelhaarigen Frau, murmelte beharrlich: Toleranz! Toleranz! Da drängten die Polizisten beide brutal aus dem Raum, schlimm genug, sagte ein Staatsschützer, wenn wir die Rote Rosa auf unseren Briefmarken ertragen müssen! Sie waren aber auch mit Heinrich Mann noch nicht fertig und warfen ihm vor, dass er sich habe auf einem Ostberliner Friedhof bestatten lassen, dicht bei den Kommunisten Hegel, Becher und Brecht. Jetzt arbeiteten sich die drei Genannten nach vorn, alle drei furchtbar empört: Becher murmelte immerfort den von ihm verfassten Text der DDR-Nationalhymne, der in der DDR seit Jahren nicht mehr gesungen werden durfte, Hegel verlangte, als Weltgeist, ein Pferd, um dialektisch und revolutionär voranzureiten, J. G. Fichte hielt eine flammende Rede an die Nation, die es nicht mehr gab; Brecht endlich beteuerte, für ihn sei die Bezeichnung Kommunist nichts weniger als ein Schimpfwort. Thomas Mann, als er BB erblickte, fuhr verärgert auf den ewigen Protestler los: Wie sind Sie denn überhaupt aus Ihrem festverschlossenen Zinksarg herausgekommen? - Brecht, als er Thomas Mann so dicht vor sich sah, erlitt einen Wutanfall: Halten Sie endlich Ihr großbürgerliches Schandmaul, Sie Epiker von und zu Unnütz! Dass Sie's nur wissen, ich bin zwangsweise exhumiert worden, wegen Linksabweichung!

Thomas Mann höhnte höflich: Hoffentlich verbringt man Sie nicht ins Rote China der Nach-Mao-Zeit, da fänden Sie als Linksabweichler auch keine ewige Ruhe! Brecht begann jetzt unflätig zu schimpfen. Nun trat der Frankfurter Polizeipräsident in Aktion. Hier war endlich mal ein Feind, den er kannte: Er drosch mit seinem Schleppsäbel dem BB auf den Kopf. Als sein Säbel am Unsterblichen zerbrach, wunderte er sich: Nein, was diese Bolschewiken doch für harte Schädel haben!

Welchen Ausspruch Brecht sofort für eine kombinierte Zörrgibel-Meier-Polizeipräsidenten-Geschichte notierte. BB's Verleger UnseId, der die ganze Zeit in der Nähe seines Star-Autors gestanden hatte, aber unverprügelt blieb, meldete unverzüglich seine Rechte auf den BB-Text an. Brecht jedoch verübelte seinem West-Verleger das fehlende Engagement und ließ sich vom Rotbuch-Verlag unter Vertrag nehmen. Worauf der Doktor U. sich umzubringen versuchte. Leider riss der Strick, befand Bertolt Brecht bitter.

Ich könnte hier noch über Hunderte von Seiten hinweg aufschreiben, was alles zwischen den lebenden und wiederauferstandenen Dichtern geschah, allein die Rechte an diesem Bericht kaufte ein anderer Verleger. Alles über Kurt Tucholsky z.B. hatte sich Rowohlt von vorn herein gesichert.

Nachzutragen bleibt, dass sich während all dieser Gespräche der Liedermacher Wolf Biermann mit seiner Gitarre einmischte und immer sang: Wie nah sind uns manche Tote und wie tot sind uns manche, die leben. Nachdem ihm das schon von seiner DDR widerfahren war, wurde er auch aus dem Frankfurter Buchmessen-Treff ausgebürgert. So beschoss er, ein rechter Krieger zu werden.

Schließlich fand sich auch für die anderen Komplikationen eine Lösung. Ein scharfsinniger Germanistik-Professor, den die Gesamt-Szene anwiderte, weil er gewohnt war, sich nur mit längstverstorbenen Klassikern zu befassen, weshalb ihn die ins Leben zurückgekehrten Dichter ebenso anekelten wie die noch nicht dahingeschiedenen, riet der Polizei, alle Literaten aus dem Hotel Frankfurter Hof, wo sie standesgemäß abgestiegen waren, in das eben fertiggestellte, vollklimatisierte Canadian Pacific Intercontinental umzuquartIeren.

Man transportierte die Herrschaften in modernen Reisebussen zu dem 162 Meter hohen Hotel-Giganten.

Hölderlin, der als erster den Bus verließ, betrachtete das Hochhaus, erbleichte, sprach: Nein, diese Deutschen! und rannte entsetzt davon. Ihm hinterdrein mit gespitztem Bleistift Peter Härtling; jetzt ein Gespräch mit dem Dichter, und Härtling hatte den II. Band seiner Hölderlin-Biografie schon in der Tasche.

Als nächster stieg Jean Paul aus dem Bus. Den hochgeschossenen Spargel erblickend, rief er freudig: Der ist ja fast so lang wie mein kürzester Satz!

Von solchen Worten ermutigt, sickerten die Dichter ins Innere des Hotels. An der Rezeption allerdings wurde Friedrich von Schiller abgewiesen, sofort durch zwei kräftige Hausdiener an die frische Luft gebracht und derb abgesetzt; man hatte ihn wegen seiner roten Haare und des leicht ungepflegten Aussehens mit Daniel Cohn-Bendit verwechselt.

Den übrigen wies man Zimmer zu, womit sich alles von selbst erledigte. In den 44 Stockwerken, 666 Appartements, Dutzenden von Konferenzräumen und Restaurants verliefen sich die Dichter auf Nimmerwiedersehen.

Es heißt zwar, nach Tagen sei dieser oder jener hier oder dort noch einmal gesichtet worden, manche Frankfurter berichteten eine verwunderliche Szene, wonach Reich-Ranicki und Martin Walser laut aufeinandereinschreiend vorm Volksbildungsheim gestanden hätten. Sie sind für mich tot! hörte man vom Schriftsteller und der Kritiker feixte: Das könnte Ihnen so passen, Sie Dekapist! Ich im Jenseits! – Ja, brüllte Walser zurück: Sie -FAZ-ke – Jenseits der Liebe –

Daraufhin M-R-R: Sie sind doch nur Goethes Schwanz!

Einige ganz Scharfäugige wollen bemerkt haben, dass E.T.A. Hoffmann und Joseph Roth noch wochenlang in der Hotelbar gebechert hätten, aber die hatten sicher selber einen über den Durst getrunken. Zur Buchmesse des folgenden Jahres tauchte kein einziger der wiederauferstandenen Dichter mehr auf. In Frankfurt am Main gibt es massenweise moderne Beton-Riesen, von denen spielend tote wie lebende Schriftsteller verschluckt werden. Warum sollte man, kriegt man lebende Autoren kaputt, nicht auch mit den verstorbenen fertigwerden?

Das Poeten-Problem hatte sich von selbst erledigt. Einzig der in umgekehrter Richtung fließende Main machte weiter unlöbliche Extratouren.

Im Stadtparlament ergaben sich Kampfabstimmungen, die CDU verlangte energisch nach Maßnahmen, die das Mainwasser wieder flussabwärts laufen ließen, notfalls werde man Django delegieren, der brächte dem rebellischen Strom schon die rechte Richtung bei. Klar, riefen höhnisch einige Radikale von der SPD, Rahmenrichtlinien von Django, und der beweist uns schlagend, dass der Regen von unten nach oben fällt! Die FDP formulierte ein Papier, auf dem es fraglich blieb, ob ein Fluss abwärts oder aufwärts fließen müsse. Die SPD beschloss nach qualvollen Querelen zwischen ihrem rechten und linken Flügel, die Richtung des Stroms einfach zu ignorieren und murmelte irgendwas vom allmächtigen Genossen Trend, der laufe mal so und mal so.

Als ein Reporter die Meinung des Oberbürgermeisters einholte, antwortete Atom-Riki: »Wir sind für alle Veränderungen offen! Nur keine Hysterie! Sehen Sie, wenn das Wasser im Main wirklich und dauerhaft stromaufwärts fließen will, so werden wir dieser Entwicklung nicht in die Wellen fallen. Was geschieht schließlich? Es bildet sich im Quellgebiet des Main sowie in seinem gesamten Oberlauf, mitten in Bayern also, ein Gewässer, das viele Misshelligkeiten überspült. Alles wächst sich immer weiter aus, zum See, zum Meer, am Ende zu einem Bayerischen Ozean. Was könnten wohl wir Hessen dagegen haben, erstreckte sich an Stelle des heutigen schwarzen Bayern ein unendlich blauer Bayerischer Ozean?«

Der Reporter mochte München, Nürnberg, Hof, das gesamte Franken und Oberbayern ganz gern und geriet in einen Loyalitätskonflikt, da ihm aber sowieso zwei Drittel seines Berichts von der Redaktion gestrichen wurden, fielen diese Feinheiten gar nicht ins Gewicht und am Ende erfuhren die Leser, Atom-Riki wolle die Bayern absaufen lassen.

Was mit Corian geschehen ist, weiß ich nicht. Mag sein, kräftiger Applaus am Sarg lässt ein starkes Satirikerherz erneut schlagen. Es wird erzählt, der Krematoriumsbeamte sei mit Corian nicht fertig geworden. Der harte Knochen wollte und wollte nicht brennen. Erzürnt zog der Fachmann den Possenreißer aus dem Feuerofen und warf ihn vor die Friedhofspforte.

Plötzlich habe es hinter dem Mann »Danke« gemurmelt. Der wandte sich verwundert um.

Da sei Corian aufgestanden und heim nach Leipzig an die Pleiße gegangen.

Darüber sei der langjährige Leichenverbrenner so erschrocken, dass er umsank und verstarb.

Er wusste wohl nicht, was andere Leute, Atom-Riki zum Beispiel, ebenfalls nicht wissen wollen – Satiriker sind in Wahrheit unsterblich.

Im Jahr darauf, gegen Ende des Oktober, ging ich durch die freundlich ausbetonierte B-Ebene unter der Frankfurter Hauptwache und begegnete einem Zug feierlich befrackter Herren.

In angemessenem Abstand folgte ich ihnen.

Sie suchten, einer nach dem anderen, das Männer-WC in der B-Ebene auf, wo sie sich, einer neben dem anderen, am Pissoir aufstellten und ihr Wasser abschlugen.

Alles geschah feierlich vornehm, ich wurde neugierig, packte den rüstigsten der Pissoir-Benetzer, der mir wegen seines jugendlichen Alters von höchstens fünfundsiebzig Jahren am ansprechbarsten erschien, vorsichtig am Oberarm und fragte ihn nach dem Anlass der Zeremonie.

»Ach, wissen Sie«, antwortete der Greis, »heute jährt sich der Todestag des Georg Büchner, welches gefährliche Individuum neulich seine Grube verließ und sein Unwesen in Hessen trieb.«

»Aber weshalb versammeln Sie sich alle so feierlich im Klosett?«

Der alte Herr näherte seine Lippen meinem Ohr und vertraute mir an: »Wir bestatteten ihn erneut, und diesmal sicherer, hier drinnen unter der Pissrinne. Damit er aber nicht dran denkt, nochmal raufzukommen, treffen wir uns getreulich an jedem Todestag und machen ihm drauf!«

»Und von welchem Verein sind Sie?«, fragte ich.

»Wir«, entgegnete der Herr mit äußerstem Anstand und in geradezu würdevoller Form, »wir sind von der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung.«

Am Montag, den 14. April 2008, erscheint das nächste Kapitel.

Gerhard Zwerenz   07.04.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz