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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 65

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

65

Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)


Lemmer und „Kamerad“
am Kriegerdenkmal
Bei der Schwärmerei für Ritter­kreuzträger und ihr gespens­tisches Überleben in lausigen Landser­heften und anderen Volks­ausgaben für den dummen August traf der junge Torsten Lemmer sich mit anderen politischen Analpha­beten. Sie suchten halt nach Helden. Ich erinnere mich gut ans Frühjahr 1944, als wir, aus der Front von Monte Cassino heraus­gezogen, nach Rom kamen. In den Schau­fenstern lagen italie­nische Landser­hefte mit Bildern von heroisch kämpfenden Bersaglieri und von uns, den „grünen Teufeln“ der Wehrmacht. Wir bestaunten die behelmten Monster, die wir sein sollten und wohl auch waren, soweit es unsere soldatische und politische Borniert­heit betraf. Lemmer, im Absprung aus seiner rechts­extremen Kameraderie, suchte ratlos nach ideellen Fix­punkten und kehrt zu seinen einstigen FDP-Ikonen zurück. Er hatte die Honoratioren von Möllemann bis Westerwelle näher kennen­gelernt, wie er berichtet. Sein Idol aber fand er in „Dr. Erich Mende. Der national­liberale Bundes­tags­abge­ordnete und Ritter­kreuz­träger, der von der FDP zur CDU wechselte, war eines meiner großen Vorbilder.“ So Lemmer am Beginn seiner Lebens­geschichte und so auch am Ende mit Mende: „Schließlich gehört Erich Mende nach wie vor zu den Menschen, die auf mich nach­haltigen Eindruck gemacht haben. Ich finde, es gibt schlechtere Vor­bilder.“
Das mag sein. Es gibt aber auch beträcht­lich bessere als den geschniegelten Träger eines verdammten Blutordens, dem, wo nicht Verachtung, so zumindest ein kräftiges, spöttisches Auslachen gebührt, falls die Heil­losigkeit des Hitler-Krieges überhaupt einen Ansatz zur Heilung bieten könnte. Mendes noch im Nachkrieg per Ritterkreuz verzierter Halsknorpel war das Kains­zeichen eines nicht einmal versuchten Bruchs mit dem Eroberungs- und Vernichtungs­wahn des Dritten Reiches. Wie wäre es stattdessen mit einem wirklichen Leitbild – dem Theologen Dr. Hermann Stöhr, der schon 1939 den Kriegsdienst verweigerte, als der Klerus den Polen-Feldzug noch freudig bejahte, ein Mann, der einen Tag vor Kriegsbeginn verhaftet und am 21.6.1940 geköpft wurde, wozu die theologischen Amtsbrüder ein Schweigen bewahrten, das noch bis in die Nachkriegszeit anhielt. Was ist an diesem ersten Total­verweigerer des 2. Weltkrieges, das ihn dem Vergessen anheimfallen lässt, während ein schmucker Mitläuferoffizier wie Mende im hehren Ordensglanz erstrahlt? Hilft das Exempel Stöhr gegen Störkraft und kann aus Saulus tatsächlich ein Paulus werden? Es geht nicht um diesen oder jenen Glauben, dem du anhängen kannst oder nicht. Es geht um einen vollständigen Bruch, der als halbes Experiment eben nicht genügt. Mende, der Hitlerarmee-Strahlemann und Deserteurs­beschimpfer, wurde hier zum Symbol für 5000 Nazis und Skins, die in Hamburg gegen die Wehr­macht­ausstellung marschierten, welche Aktion Lemmer erwähnt, samt seiner eigenen aktiven Störkraft – ... „denn ich hatte meinen Teil dazu beigetragen, dass die Rechten wieder gemeinsam für ihre Sache kämpften.“
Diese Gemeinsam­keit reichte über die Parteien bis in den Bundestag hinein, in dem ein Hitler-Steig­bügel­halter und Antisemit wie General Dietl zum Vorbild aufgeblasen über Jahre hinweg eifrige Fürsprecher fand. Es ist dieses Bündnis zwischen einer als Mitte getarnten Rechten in den Staats­strukturen und ihren außer­parlamen­tarischen Extrem­gruppen, das im Krisenfall autoritäre Freiheits­beschrän­kungen ermöglicht. Verbindendes Element zwischen den Bundestags­rechts­auslegern und ihren externen Wurm­fort­sätzen ist die verweigerte Anerkennung von Fakten, wozu es allerdings schwerer Charakter­mängel und konsequent unter­lassener intellek­tueller Anstrengung bedarf. Wer ständig verkündet, dass der alliierte Bombenkrieg eine halbe Million deutsche Opfer forderte, aber verkennt, dass allein in der von der Wehrmacht ein­geschlos­senen Stadt Leningrad eine Million Menschen starben, der begreift entweder diese Dimension der Realität nicht oder er will sie nicht begreifen.

Das Schlingensief-Experiment Hamlet – Nazis auf der Bühne? Zürich 2001

Lemmers Ausstiegs-Plan ist durch ein riskantes Experiment der Theater­leute Christoph Schlingen­sief und Peter Kern mit angeschoben worden. Lemmer wollte anfangs die Chance nur nutzen, sich und seine Rabauken auf der Bühne zu präsentieren. Doch statt der rechtsextremen Provokation findet ein Wandel der Provokateure statt. Es liest sich so schön, dass man trotz gebotener Skepsis daran zu glauben geneigt ist. Was ich ein Jahrzehnt vordem in Düsseldorf zu ahnen begann, brachten Schlin­gen­sief und Kern mit ihrer Insze­nierung zuwege. Die Sache war mühevoll, eine Frucht schwerer Arbeit, sie blieb nicht verschont von Rück­schlägen, dennoch sehen wir hier das Resultat ungewöhn­licher Kühnheit und unorthodoxer Lehr- und Lern­methoden vor uns. Das Hamlet-Experiment Schlingensiefs als kreativer Umgang mit rechten Aufsteigern, die den Ausstieg aus der Neonazi­szene riskieren wollen, scheint mehr Erfolg zu erbringen als das konzeptions­lose, aufgeregte Geschwätz von zahlreichen Promis aus Politik und Unter­haltungs­industrie in allerlei zoologischen Gala­vorstellungen.
Bleibt die Frage des Anti­faschismus, der in der DDR oft und von manchen Splittergruppen bis in die Gegenwart taktisch unklug benutzt wurde und wird, dennoch ist er notwendig. Als „verordneter“ Antifaschismus des Ostens denunziert, wird im Westen der Anschein geweckt, es gäbe keinen unverordneten, ergo originären Antifaschismus. Die herrschende politische und intellek­tuelle Klasse der Bonner Republik vermochte kaum Männer und Frauen vorzuweisen, die tatsächlich gegen Hitler gekämpft hatten, stattdessen waren die führenden Leute aufs engste mit dem Dritten Reich verbunden gewesen. Im bürgerlichen Westen fehlt die emotionale Nähe zum Widerstand. Der typische Bundes­tags­abgeordnete der fünfziger und sechziger Jahre hatte den Krieg als Nazi, Mitläufer, zumindest als gehorsamer Soldat, meist Offizier, durchlebt. Die nachfolgenden jüngeren Generationen projizierten ihre Abneigung und Feindschaft auf die gleichen Personen wie ihre Vorgänger, so dass sich eine sämtliche Altersgruppen verbindende Kampf­bereitschaft gegen alles Linke ergab – zu Kaiser Wilhelms Zeiten waren das die Sozialdemokraten, nach deren Einzug in Regierungs­ämter wurden es die Kommunisten, die ihrerseits auf sowjetischen Druck hin wiederum Feindschaften produzierten. Inzwischen ist annähernd der Status quo von Weimar erreicht. Christ- und Sozial­demokraten verwalten das Land mehr schlecht als recht, die Juristen sind bis auf wenige Ausnahmen allerdings nicht so reaktionär wie ihre Weimarer Kollegen. Der Anti­semitismus hat überlebt, wird gesetzlich in Schach gehalten, was gar nicht so leicht fällt, denn Israel rächt sich an den Palästinensern als wären sie für die Shoa verantwortlich. Die Kommunisten aber wurden 1989/90 besiegt, was die deutsche Niederlage von 1945 als vorübergehendes Ärgernis zu relativieren scheint. Soviel zum Fußabdruck der jüngsten Geschichte im kollektiven nationalen Nervensystem. Wer es sich leicht macht, schwimmt in diesem morosen Mainstream bedenkenlos mit. Wer das nicht will, braucht zum Widerstand intellektuelles Interesse und ein wenig Charakter. Statt der Lektüre schmierig-romantischer Landserhefte könnte ein Blick in die Bibel, in Büchners Hessischen Landboten sowie ins Kommunistische Manifest nicht schaden. Da hilft keine bequeme Bürger­lichkeit weiter, deren politische Klasse riesenhaft ausschreitend auf der Stelle tritt und damit immer weiter zurückfällt.
Wir sollten nicht in romantische Schwärmereien geraten. Ich versetze mich ins desillusionierende Kriegsjahr 1943/44. An manche Dinge erinnere ich mich nicht mehr, an andere ungenau, in meinen Aufzeichnungen von früher lesend versuche ich mir die damalige Situation vorzustellen. Was waren wir für Menschen? Was dachten wir? Fühlten wir? Waren wir Soldaten Nazis?
Als ich einen Leutnant nächtens begleiten musste, den Ersatz in die Stellung zu holen, wussten wir genau Bescheid. Frisch ausgebildete Rekruten, die den Krieg noch nicht kennen, besitzen schlechte Überlebens­chancen. Die meisten von ihnen erwischt es in der ersten Zeit. Als älterer Hase weiß man das, doch erinnere ich mich nicht, dass der Leutnant und ich die frischen grünen Jungs mit Mitleid betrachtet hätten.
Bei der Einweisung in der zerstörten Scheune betrachtete ich, während der Leutnant sprach, die neue Fuhre mit Gleichgültigkeit. Ja, mit einem leisen Anflug von Verachtung.
Wir waren etwa gleichaltrig, nur waren sie als Achtzehnjährige eingezogen worden, während ich mich schon als Siebzehnjähriger freiwillig gemeldet hatte. Hinter mir lagen anderthalb Jahre Militärzeit, davon mehr als sechs Monate an der Front. Ich blickte mit dem Hochmut des eisgrauen Kämpfers auf den Nachwuchs, und als sich herausstellte, dass es sich durchweg um Abiturienten und Napola-Schüler handelte, verhärtete ich noch mehr, denn die Typen wollten aufsteigen und Offizier werden. Nur mussten sie, um das zu erreichen, die kommenden Tage und Wochen erst einmal überleben. Als ich mir dies durch den Kopf gehen ließ, wusste ich nicht, dass der erste Aderlass gleich anschließend beim Marsch in die Stellungen erfolgen würde.
Wenn ich mir unsere Blödheit von 1943/44 vergegen­wärtige, stellt sich automatisch das fatale Gefühl der Gleichgültigkeit und Verachtung ein, mit dem ich den jungen Schlachtfeldnachschub betrachtete. Genau diesen Eindruck rufen heutige Neonazi-Aufmärsche in mir hervor, inklusive ihrer Krawall­demonstrationen gegen die Wehrmachtausstellung, die mir, weil ich zur Eröffnung in mehreren Städten sprach, in ihrer ganzen Pracht vor Augen und zu Ohren kamen. Die üble Erfahrung versetzte mich erst in Wut, dann in Verachtung und schließlich fühlte ich mich alarmiert genug zum anti­milita­ristischen und anti­faschistischen Protest. Die neuen Nazis skandierten Parolen wie Ruhm und Ehre unserer Wehrmacht oder Mein Großvater war kein Verbrecher ...
Manche von uns Großvätern waren eben doch Verbrecher, und wenn nicht, so nahmen sie als dumpfe gehorsame Befehlsempfänger an dem Verbrechen des Krieges teil. Andere widerstanden als Antinazis.
Als ich auf der Frankfurter Buchmesse 2003 am Stand des Eulenspiegel Verlages vom zufällig vorbeikommenden Lemmer angesprochen wurde, stellte er Ingrid und mir seine marokkanische Frau Saida vor. Ingrid sagte leise zu mir: Nicht zu fassen, die Ehe mit dem netten Mädchen als Alibi? In Lemmers Buch steht, dass er Saida gefragt hatte: „Würdest du einen Christen heiraten, der bis vor kurzem auch noch Nazi war?“ Und einige Seiten weiter versichert er: „Wichtig ist, dass der Ausstieg im Kopf stattfindet.“ Da hat einer sich viel vorgenommen. Und noch ein Lemmer-Versprechen: „Dazu gehört natürlich, dass jede Art von Gewalt abgelehnt wird.“
Das klingt so schön wie Kirchenglocken aus der Ferne. Warten wir mal ab, die Probe auf den Pudding ist das Essen ohne zu kotzen.
Beim nächsten Zusammentreffen mit Torsten Lemmer auf der Frankfurter Buchmesse 2003 begriff ich erst die wirkliche Ursache für mein Interesse von 1992. Als ich ihn damals bei der RTL-Sendung kennenlernte, erinnerte er mich an ein Gesicht, das ich vergessen hatte und nun plötzlich vor mir zu sehen meinte.
Unter dem Ersatz, den ich mit nach vorn in die Frontstellung gebracht hatte, befand sich ein Napola-Schüler, der sich an mich anschloss. Wir hoben unser Schützenloch zusammen aus, ich lehrte ihn die notwendigen Überlebens­tricks, er erwies sich als belehrbar, bis auf einen Rest von Übermut, nein, Sportsgeist, der ihn den Kopf kostete.
Schnell hatte ich ihm eingetrichtert, wie man sich im einsehbaren Gelände bewegte. Der Junge erwies sich als sportlich so trainiert, dass ihm auch lange Strecken, die auf dem Bauch gerobbt werden mussten, nichts ausmachten. Nur einen Fehler legte er nicht ab, irgendwann, meist kurz vor dem Ziel, packte es ihn, er sprang auf und legte die letzten Meter aufrecht gehend zurück. Es war nicht unbedingt Angabe und Protzerei, sondern mehr der Leichtsinn eines jungen Mannes, dem körperliche Strapazen nichts ausmachen und der obendrein noch zeigen will, dass er keine Angst kennt.
Soviel ich darüber schimpfte, zumal damit ja die genaue Lage unseres Schützenlochs angegeben wurde, es nützte nichts. Das Ende kam durch einen Granatwerfervolltreffer. Die Geschosse gehen im Unterschied zu Artilleriegranaten steil nach oben und kippen ebenso steil nach unten. Es muss ihn direkt am Kopf erwischt haben. Von Kopf und Hals blieb nichts, Brust und Rücken klafften zwischen den Schultern tief auf, eine Blutfontäne schoss heraus.
Da wir kurz danach die Stellung aufgaben, blieb die Leiche verklumpt liegen. Von der neuen Stellung aus, hundert Meter weiter zurück und auf einer sanften Anhöhe gelegen, sah ich den Menschenrest als leichte Erhebung. In der zweiten Nacht schlich ich nach vorn und warf einige Spaten Erde drüber. Es wurde bemerkt oder gehört, und von dem Beschuss fuhr mir ein winziger Splitter in die rechte Wade. Aus Angst, die Eigenmächtigkeit könne bestraft werden, meldete ich meine Verwundung nicht. Sie eiterte und machte mir tagelang Beschwerden, bis der Sanitäter mit der Pinzette den Splitter fand und herauszog. Ich gab an, ich hätte den Kratzer gar nicht bemerkt, was zu der beim Militär üblichen Übertreibung führte. In den Augen der andern war ich der „Mann, der nicht bemerkt, wenn ihm das Bein abgeschossen wird. “
Der Napola-Junge hingegen war längst vergessen. Es hatte ihn in der kurzen Zeit auch kaum jemand kennengelernt, außer mir. Und ich vergaß ihn ebenso. Er hatte sich sein schnelles Ende durch Stolz und Übermut hinreichend verdient.
Die Kriegsszene von 1943/44 schilderte ich 1988 in einem Buch. Erst 2003 erlebte ich beim Anblick Lemmers das frappante déja vu, plötzlich tauchte der junge, von einer Granate zerrissene Napola-Schüler aus dem Gedächtnis auf. Die üblichen stupiden Gesichter der marschierenden Neonazis von heute rufen lediglich Abwehr und Wut hervor. Lemmer hob sich schon rein äußerlich deutlich ab von der Kohorte, und endlich scheint er sich auch innerlich von den Schlägern, Schreihälsen und Saufkumpanen getrennt zu haben.
Seit längerem und neuerdings vermehrt wird die 11. Feuerbach-These von Karl Marx zitiert: „Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sie zu verändern.“ Die Interpretation dieser Maxime durch den Philosophen Ernst Bloch legt nahe, eine Variante hinzuzufügen: Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kommt darauf an, sich zu verändern. Beide Sätze können ein Angebot zur sowohl individuellen wie revolutionären Lebensführung sein.
Anno 1990, noch während der Wendewirren, saßen der Futurologe Robert Jungk und ich in einer politischen Talkshow in Westberlin. Auf der Gegenseite präsentierten sich Dutzende von Bundeswehroffizieren in Uniform, die zu tragen bis dahin in Berlin nicht gestattet war. In der Diskussion ging es heiß her und hart zur Sache. Unter unseren Kontrahenten tat sich besonders der CDU-MdB und Ex-Verteidigungsminister Rupert Scholz hervor. In der Sendepause erhob sich der neben mir sitzende Robert Jungk und nahm gegenüber mitten unter den Offizieren Platz, die ihn verwundert bis verständnislos anstarrten. Die Talkshow ging in die zweite Runde, Jungk kam zurück, setzte sich wieder neben mich und erklärte, dass alle es hören konnten: „Und trotzdem Frieden schaffen ohne Waffen.“
Im Archiv finde ich just in diesen Tagen eine liebenswürdige Besprechung über mein Büchlein Rechts und dumm?, aus dem ich in beiden Torsten Lemmer-Folgen zitiere. Ralph Giordano rezensierte es am 9.4.1993 in Die Zeit: „Ich lese gerade enthusiasmiert von der Verbalkraft eines politischen Rundumschlages, süffig und wutentbrannt hingefetzt, wie es so gnadenlos nur dieses Enfant terrible der deutschen Gegenwarts­literatur vermag. Sie kommen alle an die Reihe: alte und neue Nazis, gewissens­schwache Parteien, die Nationalhymne, die FAZ, Antisemiten, Türken­klatscher, Zigeu­ner­verfolger etc. pp. Da tobt sich furios das Misstrauen dieses Sachsen gegenüber seinen deutschen Landsleuten aus. Kernsatz: Die Hitler-Anhänger von früher mussten noch nicht wissen, wohin ihr ›Führer‹ sie führte, ›die neuen Nazis der 90er Jahre hingegen können und müssen es wissen‹. Ich denke immer wieder: Nein, Zwerenz übertreibt nicht, so ist, ent­setzlicher­weise, deutsche Wirklich­keit. Gleichzeitig ertappe ich mich aber auch fort­während bei jenem Gedanken, den Zwerenz dann doch noch, vorsichtig, mit einem Nachtrag einfügt: Millionen Deutsche haben der einzigartigen Explosion des Fremden­hasses eine einzig­artige Koalition für die Menschenrechte entgegen­gestellt. Also: Dass Du für Deutschland nun gar keine Hoffnung mehr haben willst, das habe ich Dir auch diesmal wieder nicht geglaubt. Dennoch: trefflich gebrüllt, alter Löwe aus dem Taunus!“
Im Jahr 2009 diese Giordano-Zeilen von 1993 lesend, gedenke ich fast melancholisch jener vergangenen Zeiten, als uns noch keine neuen Kriege teilten. Kaum habe ich das notiert, kommt mir die linksletale Junge Welt vom 10.1.09 auf den Tisch, in der Klaus Gietinger, sachkundiger Luxemburg-Liebknecht-Biograph, schreibt: „Im November 1961 veröffentlichte Gerhard Zwerenz im Stern einen Artikel unter der Überschrift ›Ulbricht lässt die andern schießen‹. Der Beitrag brachte nun aber nicht Ulbricht, sondern den Major a.D. Pabst aus der Windscheidstraße in Rage. Denn Zwerenz hatte auch den weißen Terror der Freikorps 1919 verurteilt und Pabsts Tat Mord genannt. Pabst war außer sich und ging zum Gegenangriff über.“ Mehr dazu war und ist im unverzichtbaren poetenladen zu lesen. Siehe Folge 17 unserer Serie, Titel: Der Schatten Leo Bauers. Hier jetzt nur einige Pabst-Sätze aus seinem Gegenangriff: „Im Heft 47 des Nachrichten­magazins stern vom 19.11.1961 verbreitet sich eingehend ein Gerhard Zwerenz unter dem Titel ›Ulbricht lässt die anderen schießen‹ auch über den sogenannten ›weißen Terror‹ der ›reaktionären monarchistischen Freikorps.‹ So nennt Herr Zwerenz diejenigen Männer, die sich, wie das offizielle Werk der kriegsgeschichtlichen For­schungs­anstalt schreibt, ›zur Verfügung gestellt hatten im Kampf gegen den Bolschewismus und denen gegenüber es eine Ehrenpflicht sei, in Dankbarkeit der Opferfreudigkeit zu gedenken, mit der sie (sich) trotz vorangegangener Kränkungen und Bedrohungen seit dem Novemberumsturz 1918 einsetzten für die Erhaltung des Reiches.‹
Herr Zwerenz schreibt wörtlich: ›Der weiße Terror‹ wütete damals in den Kämpfen gegen die Bolschewiken (Spartakisten) in Deutschland schlimmer als der ›rote Terror‹. In Berlin wurden die aufständischen Spartakisten in der Blutwoche zwischen dem 10. und 17. Januar 1919 schonungs­los zusam­men­geschos­sen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht grausam ermordet.“ Seine Tat als Doppelmord definiert zu sehen, empörte den Major Pabst, der ihn befahl. Er wollte die „Opfer­freudigkeit“ seiner heldenhaften Offiziere gewürdigt wissen, die Liebknecht tapfer in den Rücken schossen und Luxemburg in den Kopf. Zwei Wehrlose erledigt zur höheren Ehre des deutschen Reiches. Die Fakten aus dem Januar 1919 waren in der Bonner Republik 1961 noch tabuisiert. Seinem bewährten Reflex folgend, nannte mich der Herr Major einen Kommunisten, obwohl ich von einigen DDR-Genossen gerade mal wieder als Anti­kommunist mit Haftbefehl gesucht wurde. Mein Talent, Attacken aus beiden Richtungen auf mich zu ziehen, blieb mir erhalten. So bestärkte und erfreute mich ein Glückwunsch­telegramm, das Ernst und Karola Bloch mir zum 50. Geburtstag sandten:

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 26. Januar 2009.

Gerhard Zwerenz   19.01.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz