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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 60. Nachwort

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

  60. Nachwort

Die heimatlose Linke (I)
– Eine Bloch-Oper für zwei und mehr Stimmen –




Talk mit Wolfgang Thierse

Erste Stimme:

1977, im Todesjahr Blochs begann ich, Gedichte über Sklavensprache zu schrei­ben. Zu meiner Verwun­derung wurden sie bei öffentlichem Vortrag mit größtem Applaus aufgenommen. Ich trat damit nur selten an, zweimal im Jahr, wenn eine Band zur Hand war, das steigert die Wirkung. Es liegt, glaube ich, an der Mischung von Sarkasmus und Liebe. Wir werden gezwungen, Sklavensprache zu sprechen. Wir leben auf, verlernen wir sie. Unser Leben, unsere Kultur, Kunst, Politik, Wirtschaft, Publizistik, all das ist gefälscht, und indem wir nicht dar­wider­sprechen und wider­stehen, fälschen wir uns mit ein. Was zu widerrufen uns Lust bereitet. Am meisten gefiel mir, dass verstanden wird, die Sklaven­sprache kennt Dialekte und Idiome, die werden in Ost wie West benutzt. Im Kern sind es dieselben Kräfte, die dazu zwingen und die­selben, die sich nicht zwingen lassen wollen. Als ein Kritiker schrieb, diese Gedichte seien meine kurz­gefasste Anleitung zur indivi­duellen Revolte, fühlte ich mich ver­standen. Als ein FAZ-Kritiker sie ver­fluchte, fühlte ich mich noch besser ver­standen.

Vom Filosofen aufgefordert, darüber nachzudenken,
was Sklavensprache sei, dachte ich dreißig Jahre
lang ein wenig nach. Immer dann, wenn die Geschichte ein wenig
pausierte, erkannte ich beschämt:

Ich selbst war es, der in den vorangegangenen
schweren Zeiten, bevor die Geschichte ein wenig
pausierte, die Sprache zurechtgebogen hatte, auf
dass sie mir nicht die blutende Wunde Wahrheit aufrisse.

Ja, ich bog die Sprache zu eleganten Illuminationen
zurecht, und ihre wundervollen tausendgesichtigen
Formen wellten wie Haar das Haupt der Gestalten, die
ich als Kunstfiguren ins öffentliche Leben entließ.

Ja, ich habe schön gesprochen, wo ich hätte ganz
einfach sprechen müssen. Ich verkaufte bunte Luft-
Ballons und wusste, bald würden sie platzen. Ich
verfasste stromlinienförmige Kreationen. Ich schönte.

Ich begab mich in Abhängigkeiten, indem ich meine
Worte zu Diplomaten ernannte und meine Sätze zu
goldbetreßten Majestäten. Jede meiner Silben trug
ein goldenes Komma im Tornister. Ich schmückte.

Aber man wird doch noch durch die Blume sprechen
dürfen, entschuldigte ich mich, notfalls, ertappt,
mit dem offen zur Schau gestellten guten Gewissen
des Mannes mit dem notorisch schlechten Gewissen.

Aber man kann doch nicht immer gleich mit der
Haustür in die Hütte fallen, deklamierte ich,
aus dem vollen schöpfend, abhebend vom Konto
der Bank für gegenseitige allgemeine Entschuldigungen.

Aber es gab auch Zeiten, da durften wir kein Wort
äußern. Auch ein Flüstern wurde schon bestraft.
Ein angedeutetes Murren kostete ein ganzes Jahr.
In diesen Jahren lernten unsere Blicke töten.

Aber es gab auch Zeiten, in denen wir uns verstanden,
weil wir uns von Tarnung zu Tarnung halfen und
verständigten. Wir Sklaven sprachen wie Sklaven.
Zur Täuschung der Herrschaft. Vorbereitend die Revolte.

In diesen Zeiten waren wir genau und gut und wahrhaftig.
Denn die Sklavensprache derer, die es nicht mehr
sein wollen, signalisiert den Zeitpunkt des Aufstands.
Wie aber wollen wir zueinander sprechen nach dem Sieg?

In welcher Sklavensprache? In welcher Sklaven Sprache?
In welcher Herren Sklaven Sprache?


Erhard Eppler und Günther Nenning mit Gerhard Zwerenz

Zweite Stimme:

Merkel hatte in der Pleiße gebadet wie Old Siegfried im Drachen­blut. Das hilft, das macht dir Löwinnen­mut. Sie begann locker als Kohls Mädchen und zeigte den Herren sehr schnell, was eine Harke ist. Alle Kabarettisten leben von ihr. Und sie von ihnen. Sie ließ drei Dutzend Atommeiler entstehen und baute sie ab in einer einzigen langen Nacht. Das ist die Freiheit zur Macht. Wenn Merkel Reden hält, flattern mir die Ohren wie die Flügel der Friedens­taube Picassos beim Atomknall. Über Nacht trans­formierte sich Merkel zur Frau der Tat. Vom Kurs zum Gegen-Kurs – vom Pro-Atom zum Anti-Atom. Von der Physik zur Meta­physik. Die schwarz­lackierten Christen-Herzöge ahnten es voraus und gingen beizeiten von der Fahne. Basta-Schröder und sein vergrau­grünter Joschka wurden, von Merkel abge­schlagen, Wirtschaftsmillionäre. Politik muss sich lohnen. Hessens Koch und Co. entflohen in angstvoller Vorahnung. Angela, die vorerst (oder immer und ewig?) Unersetzbare verbreitet Furcht und Schrecken im schwarzen Lager. Die auf Führungs­ebene kopflos geschlagene Volks­partei schwenkt, murrend und weh­klagend den ewigen Antiatommarschierern folgend, in den Zug der Zeit ein. Das hat Folgen. Wenn's glückt, steigt Deutschland zur brüderlichen Friedens­industrie­macht neben China auf. Wenn nicht, gibt's einen Supergau nach dem anderen. Merkels Kurswechsel enthüllt die Reden ihrer verbliebenen Parteipolitiker als bloßes Plaper­lapapp. Auf die Klassischen Christ­parteien ist kein Verlass mehr wie zu Adenauers Zeiten. Merkel macht Revolution? Sie hat die Macht. Sie kam von drüben über Nacht.

Erste Stimme:

Meine Sünden sind: Manchmal sprach ich
mit geborgten Worten. Ich erbrach meine
Bibliotheksfrüchte. Mit hohlen Worten
predigte ich einen Glauben.

An den ich selbst, weil zu klug, nicht
glaubte. Oder ich glaubte, weil zu
dumm, daran. Oder ich ließ mich einfach
engagieren von den Kirchengöttern.

Es kam vor, dass ich unachtsam sprach.
Oder achtsam, mit sorgsam ausgewählter
List. Weil ich mich nicht schon wieder
erwischen lassen wollte. Warum auch.

Oder ich sprach meinen Vorgesetzten
zum Munde, weil's das Leben leichter
werden lässt. Und voranbringt.
Statt in diese ewiglangen Schwierigkeiten.

Oder ich salbaderte akademisch in der
Runde. Schliff altes Kauderwelsch zu
neuem Kauderwelsch. Ich schluckte
unverdaubare Halbwahrheiten

Und gab sie als mein Leibgericht
aus, bis sie es wurden. Ich
mästete mich an den Stücken,
die die Aasgeier anziehn.

Ja, ich habe oft in Zeitungen
herumgestottert. Die Menge macht
das Honorar. Da werden kleine Sätze
groß und größer. Das sind so Imagefragen.

Ich habe angestanden in der Schlange,
wo' s die Orden gibt, die Ehrenzeichen
und die Preise. Und wenns verlangt
wird, kann ich flüsternd mich verbeugen.

Ich kann auch meine Lippen fest
verschließen. Andeutend, dass ich
schweigen kann, wenn meine Überzeugung
es verlangt. Die teure.

Oder ich schweige aus bequemen Gründen.
Weil's teurer würde, wenn ich spräche.
Weil's noch bequemer ist, von nichts
zu sprechen und zu wissen.

Als Blinder les' ich dann in meiner
Zeitung. Sehe fern. Vorm Radio
hocke ich, die Ohren fest geschlossen.
Herz + Hirn verrammelt.

Mir fehlt es nicht an guten Gründen.
Zu oft schon riss ich's Maul an
falscher Stelle auf. Die Freunde
haben mich im Stich gelassen.

Aufs Volk ist nie Verlass. Es hinkt
stets mit den stärkren Bataillonen
voran und auch zurück in jene
längstvergangnen Lügensprachen.

So wird aus unsereinem bald ein
Pessimist, der schon aus Vorsicht
spricht, als ginge es um Kunst,
wo es ums Leben geht. Um deinen Kopf.


Talk mit GZ und erigiertem Zeigefinger

Zweite Stimme:

Unheil drohte im engsten Kreis. Das Nachwort 59 blieb wochenlang ohne Fort­führung. Ingrids PC verwaiste ebenso wie ich. Hier am Taunus-Feldberg galt es einen Pankreas­kopf­tumor zu eliminieren, den der Hausarzt frühzeitig vermutete und der Chirurg in den Bad Homburger Hochtaunus­kliniken rigoros wegschnitt, ganz und gar, wie wir hoffen, nun ist die Chemo­therapie dran. Während Ingrids Abwesenheit entdeckte ich, Brat­kartof­feln brutzeln noch wie früher, wenn auch mit Rapsöl statt mit Butter. Weibliche und männliche Mediziner unten im Krankenhaus wie auch Pfleger und Helfer sind so herzlich-herzhaft als lebten wir in besseren Zeiten. Mein täglicher Patientin­nen­besuch unten im Tal führte am Wandbrett vorbei. Darauf stand zu lesen:

Danach wurde er Wirtschaftsminister.

Als ich Ingrid am 14. März zur Tumor-Operation in die Klinik gefahren hatte und ins Haus am Hang zurückkehrte, fand ich das gelassene Schweigen in der Haus­biblio­thek unpassend. Es gibt neuer­dings sprechende Bücher, Hörbücher genannt. Gern hätte ich von unserer heimischen Buch-Volks­ver­samm­lung erfah­ren, was ich denen ersatz­weise in die Regale schrie: Ein Tumor ist noch kein Tod. Ein Tumor ist besiegbar. Falls aber nicht, ihr ver­dammten Bücher, kommt ihr alle mit ins Feuer. Und Hiob wendet sich mit Grausen. Im Jahr 1951 erschien von Georg Lukács im ostberliner Aufbau Verlag Existentialismus oder Marxismus? Sartre, Frankreich, Existen­tialis­mus waren en vogue. An dem Band arbeitete ich mich ab wie Theologen an der Bibel. Dabei fing es gut an. Auf Seite 49, vor nunmehr 59 Jahren grün und rot unterstrichen, ist zu lesen: „Ernst Bloch, der bekannte deutsche anti­faschis­tische Schrift­steller, stellte zur Heideggerschen Theorie des Todes, aus der die Jaspersche Privatmoral durch den einfachen Prozess der Verwässerung hervorgeht, folgendes fest: ›Der ewige Tod als Ende macht die jeweilige gesell­schaftliche Lage des Menschen so gleichgültig, dass sie auch kapita­listisch bleiben mag. Die Bejahung des Todes als des abso­luten Schicksals, als des einzigen Wohin ist für die heutige Gegen­revolution dasselbe, was für die alte der Trost des Jenseits war.‹ “

Erste Stimme:

Er redete, wie ihm der Schnabel gewachsen war.
Er durchlief Akademien und Universitäten und
drückte sich aus wie ein Gebildeter. Mal ganz
scharf, dann mitten durch die Blaue Blume.

Er lernte das Reflektieren, die Assoziation als
Gepäckmarsch mit Gedanken und auch ohne
durch die Welt der Unterbewusstseinsströme. Er konnte
am Ende sogar lateinisch tanzen.

Er lag zwischen den Schlachtfeldern hingegossen,
sang Liebeslieder zur Laute, dichtete, genoss.
Als sie ihn zwangen, erfand er Tötungsmaschinen.
Meister war er geworden auch in Mathe.

Manchmal an den langen kurzen Abenden betrachtete
er sich in wandhohen Spiegeln, suchte sein Bild.
Es verschwamm ihm ins unkenntlich Kenntliche: Der
Mensch ist etwas, das erst noch erfunden werden muss.

Zweite Stimme:

Ein illustrierter Erbe von Fichtel & Sachs begeht in der Schweiz Selbst­mord und bewegt damit das Feuilleton. Die ARD schließt sich hartleibig und unfair an. Jeder redet über sich, nur der Arzt Peter Juhnke über seinen Vater Harald und Tilman Jens über Walter Jens. Beides läuft fast ein wenig ergrei­fend ab. Harald ist tot, Walter lebt noch. Aber wie. Privilegiert, abwesend, anwe­send. Den Sohn erken­nend oder nicht. Zog der Künstler-Playboy Sachs per Revolver das bessere Los? Und weiß Tilman nicht, dass sein Papa Walter die Demenz nur spielt? Die Variante Hölderlin / Nietzsche wird gewählt, nicht von oben angeordnet. Es gibt den frei­willig geistigen Selbstmord, der zum Scheintod führt. Der Delinquent fürchtet die Reaktion seiner Jünger und Liebsten und jene Über­dosis Wahrheit, die am Ende der univer­salen Dekonstruktion steht. Von Albert Camus übrigens war während der langen Sendung nicht die Rede. Von Jean Amery auch nicht.

Erste Stimme:

Manchmal mied ich die Anstrengung
des Gedankens. Zog lässig ein
Gefühl mir ein und sah angestrengt
und guten Gewissens weg.

An manchen frischgebackenen
Samstagen leistete ich mir einen
Ritt über den Bogen der Oberfläche.
Tiefergehen, Leute, macht krank.

Auch redete ich mich auf
irgendwelche Pflichten heraus.
Nur um nicht genauer hinsehen
zu müssen.

Oft gingen wir vorsichtig wie
über ganz dünnes Eis. Um nicht
einzubrechen, hielten den Atem wir
an. Und vergingen.

Ich habe für jede Ausflucht eine
dicke Entschuldigung. Zum
Spinnrad biegen sie sich. Ich
spinne kein Lügengarn.

Ich schaffe Gewebe zum Wegsehen.
Gegen den Durchblick. Flaggen
der Tarnung. Engmaschige Netze,
in denen ich mich fange.

Zweite Stimme:

Albert Camus' Plädoyer galt der Freiheit zum selbstbestimmten Ende des eigenen Lebens. Die Freiheit zur Beendigung eines fremd­finan­zierten Wohllebens stand nicht zur Debatte. Es ging um die Revolte. Der Playsachs hinterlässt mit dem Schlusspunkt seiner Kultur­gymnastik ein Echo beim Publikum, das ihn lebenslang begleitete, um sich darin zu spiegeln. Durch den letzten Schuss und seine Energie fühlt es sich um den Moment eigener Mit­leidens­bereit­schaft betrogen.
  Wie Karola berichtet, war Ernst Blochs Sterben in Tübingen von Tränen begleitet. Ich denke an Blochs Worttränen über den Tod der Else Bloch-von Stritzky, der schon 1918 die 1. Ausgabe Geist der Utopie zugeeignet war und über die es im Suhrkamp-Band 1964 heißt: „Dem immer­währenden Gedenken an Else Bloch-von Stritzky gestorben 2.1.1921“. Die Erschüt­terung über den Tod der ersten geliebten Ehefrau, im Gedenkbuch zu Wort geworden, ist Teil einer Haltung, die Freund Lukács als Blochs Strategie gegen den Tod entschlüsselte. Blochs Tränen am eigenen Sterbe­tag gelten der Niederlage. Die Revolution, groß als Utopie entworfen, endet mit dem Leben, weshalb die Religionen das Leben listig ins Jenseits verlängern. Wir Atheisten tolerieren das Ende als alle miteinander verbindende Gerechtig­keit der einen Natur.
  Am 28.4.2011 gab es bei Illner wegen einer britischen Hoheitshochzeit und infolge etwaiger deutscher Sehnsüchte eine Spätabendrunde mit dem Thema: Braucht auch Deutschland neue Helden? Welch eine Erfindungsrunde unserer Spaßvögel. Ein Hohenzollernurururenkel war dabei und plädierte für die Monarchie. Joachim Gauck wollte keinen Kaiser, benahm sich aber so spieß­bürgernett, dass er vom ZDF beinahe als Wilhelm III. engagiert worden wäre. Seine Zustimmung zum Krieg in Afghanistan hatte der Pastor schon früher brav vaterländisch abgesondert, da agiert sichs ganz entspannt.
  Als die Talk-Shows noch nicht zum Stammtisch missraten waren –: Wir wollen zum Berliner Schloss unsern alten Kaiser Wilhelm wieder haben – leistete ich mir, das sei schamlos einge­standen, auch eine dutzendfache Teilhabe als öffentlicher Maulredner. Maulaffen feilhalten heißt das im Volkswitzdeutsch. Ich erinnere mich dankbar an Gespräche mit Erhard Eppler und Günther Nenning – zuletzt setzte ich einen Schlusspunkt mit erigiertem Zeigefinger. Mehr und mehr entfremden Talks heute zu Regie­rungs­erklä­rungen mit beidhändiger Masturbation

Erste Stimme:

Wenn ich etwas weiß,
das ich nicht sage, kann es ein
Geheimnis sein.

Wenn ich etwas weiß,
das ich verberge,
kann es aus List
geschehen.

Wenn ich etwas weiß
und verleugne,
kann es aus List oder
Angst geschehen.

Wenn ich etwas weiß
und geheimhalte, um
leichter zu leben,
lebe ich sklavisch.

Wenn ich als Sklave
den Zeitpunkt der
Revolte verschweige,
tue ich recht.

Wenn ich den Zeitpunkt
der Revolte
nicht verschlafe.

Zweite Stimme:

Die Sache mit dem Tod und seiner Überwindung war mir zugleich lieb und fremd. Da tummeln sich neben den Pastoren noch die Philosophen. Ich war im Krieg ein paar Mal abgekratzt, der Sachse bleibt existenzbedroht nicht eiskalt, aber nüchtern. Als ich Anfang 1952 nach Leipzig fuhr, (siehe Folge 7 Reise nach dem verlorenen Ich ) diesen Professor gegen Tod und Kapital aufzusuchen, klemmte ich mir den Lukács-Band untern Arm.
  Die Sache mit dem Tod nehme ich verflucht ernst. War ihm ein paar Mal von der Schippe gesprungen und wollte nun vom welt­erfah­renen Philosophen als einfacher Pleißenjunge und Mann vom Lande hören, was es damit auf sich hatte. Der Tod ist, dies als guter Rat, ganz persönlich zu nehmen. So reagierte ich auf Ingrids unerwartetes Leiden als wär's eine unverdiente Beleidigung, wenn sich der Kerl, nachdem ich ihn hatte x-mal raus­schmeißen können, Ingrid aussuchte statt mich als den Älteren.

Erste Stimme:

Als ich gelernt hatte, die Dinge und
Menschen so scharf zu betrachten, dass
sie bald als durchschaut bezeichnet
werden konnten, war ich stolz.

Ich zerlegte Dinge und Menschen in
Einzelteile, Motive, Absichten, Stück
für Stück. Beobachtet, analysiert
und auseinandergenommen. Ein Schlachtfeld.

Spät erst lernte ich das Kreativieren.
Man hatte es mir in der Schule
verboten. Wir waren zu bleichgesichtigen
Anatomen erzogen worden.

Unsere Tätigkeit war Vivisektion.
Wir rechneten mit astronomischen Zahlen.
Wir zerteilten, zersägten, zerschnitten.
Mit Lebenden gingen wir um wie mit Toten.

In den bildenden Künsten ist die
Seele als Form vorhanden. Unsere
Seele heißt Mathematik, Computer,
elektronische Operation: Analyse.

Umgeben von immer mehr und weiter
zerlegbaren Einzelteilen vegetieren
wir dahin vorwärts ins Reich der
Freiheit. Angetrieben von Zwängen.

Unentwegt singe ich das Lied meiner
schönen Irrtümer.

Zweite Stimme:

Bloch war 32 Jahre alt, als er aus dem Kaiser­reich in die Schweiz emigrierte. Er zählte 48 Jahre, als er aus dem Hitlerreich zum zweiten Mal in die Schweiz entwich. Ich ging mit 19 Jahren von der Wehrmacht zur Roten Armee und mit 32 Jahren aus der heimat­lichen DDR in die fremde BRD. Vier Jahre später folgte Bloch in die letzte Fremde. Beim vielfach verfolgten Philo­sophen entdeckte ich die Entschlüs­selung meiner eigenen Lebens- und Kriegs­erfahrung. Ge­ne­ration folgt auf Gene­ration. Blochs Hoff­nungs­denken aber mündet in einer sub­versiv-trotz­kistischen Philosophie: Die Mutter der Freiheit heißt Revolution. Dieser Satz und seine Inter­pretation von 1956/57 ist heute noch nicht wieder in Leipzig ange­kommen, obwohl es dort eine Karl-Marx-Uni­versität gegeben hat.
  Freiheit ist stets Befreiung von Bedrückung. Die primäre Freiheit ist Befreiung vom Zwang zur Sklaven­sprache. Ihre Aufkün­digung erst ermöglicht offene unver­stellte Artiku­lation. Als Kalenderblatt verdeut­licht: Die deutsche Sozial­demo­kratie verstieß 1914 ihren Karl Marx, zog in den Krieg, sabotierte 1918 ihre eigene Revolution und ermög­lichte 1923 die Konter­revo­lution. Die KPD verfehlte im Gefolge der SU die Welt­revolution, besiegte auf Umwegen Hitler­deutsch­land und versagte infolge Still­stand, ergo linkem Konser­vatismus, ergo linker Sklaven­sprache.

Neuerdings möchten Sozial­demokraten Mitglieder der changie­renden Links­partei aufnehmen. Wer hat Lust, ein Noske-Genosse zu werden? Die heimat­lose Linke braucht keine neuen SPD/KPD-Käfige. So wenden wir uns den Frei­heits­freunden zu, die uns bisher mit Rat und Tat begleiteten. Gehen wir der Reihe nach. Am 27.5.2011 druckte die junge Welt Wilhelm Liebknechts Text: „Die Pariser Kommune hat das Recht auf Selbst­vertei­digung“ ab. Fazit: Wilhelm Liebknecht wäre heute längst aus der SPD ausgeschlossen. Am 28./29.5.2011 ebenfalls in der jW: „Von Ulbricht zu Erhard – Buchrezension: Sahra Wagenkechts neues Plädoyer für eine andere Wirtschaftsordnung“ – Autor Georg Fülberth, Prof. in Pension. Also reaktiviert, ironie­schwanger wie nur Rentner sein dürfen, mit dem Knall der Boshaftigkeit zum guten Schluss, denn, nun ja, Genossin Sahras jüngste Einsich­ten gefallen nicht: „Dass daraus wohl nichts wird, steht auf einem andern Blatt …“ Ich finde Sahra viel schöner. Bereits 1999 erschien im Dingsda Verlag Die grundsätzliche Differenz – Ein Streitgespräch in Wort und Schrift zwischen Sahra Wagenknecht und Gerhard Zwerenz. Da war Prof. Fülberth noch ein recht­gläubiger KP-Aktivist und Sahra schwankte zwischen Lenin und Stalin herum. In den seither verflossenen 12 Jahren kam sie tüchtig voran. Mehr als einen Schuss Ironie sollte das wert sein, meint der Beobachter aus dem weiten Feld der heimat­losen Linken.


Vergiss die Träume Deiner Jugend nicht

Womit wir bei Barbara Kalender und Jörg Schröder anlangen, von denen soeben in der Reihe Schröder erzählt der Titel FUNKLOCH erscheint, knappe 50 explosive Seiten aus dem schrumpfenden Schrift­steller-Reservat der letzten Unbedingten. Wir kommen auf die Texte zurück. Und was hat es auf sich mit unserem Buch im Heiner-Müller-Archiv, über das uns die beiden am 2.7.2010 informierten? Vergiss die Träume deiner Jugend nicht aus dem Jahre 1989 enthält den Erstdruck der 22 Teile meiner Sklaven­sprache-Gedichte, die jetzt die Bloch-Oper in Kapitel unter­teilen. Mit Heiner Müller gibt's dazu einen Briefwechsel, inklusive seines einfäl­tigen Besuchs bei Ernst Jünger und ihrer gemeinsamen Front gegen Wolfgang Harich.

Näheres dazu und über andere Freunde demnächst in dieser Bloch-Oper gegen den Tod. Während wir dies schreiben, findet in Dresden der Evange­lische Kirchen­tag statt. Sicher­lich wird dort noch Pastor Schor­lemmer auftreten und Schwerter zu Pflug­scharen umschmie­den nach dem Motto: S' ist Krieg und keiner geht hin …
Gerhard Zwerenz    06.06.2011    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen

 

 
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz