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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 79

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

79

Hacks Haffner Ulbricht Tillich

Schöne Grüße
Peter Hacks
Rainer Kirsch (Hg.)
Verehrter Kollege
Briefe an Schriftsteller
Eulenspiegel 2006

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Peter Hacks am 23.3.1957:
Sehr geehrter Herr Zwerenz, ich sehe aus Ihrem Brief, dass Sie meinen, ich hätte eine Situation abgepasst, wo Sie, von dritter Seite bereits beschädigt, leicht zu Fall zu bringen waren. Es würde mich betrüben, wenn Sie bei dieser Meinung blieben.
Ich weiß nicht, wann die von Ihnen ange­deu­teten Schwie­rig­keiten vorfielen; viel­leicht recht­fertigt es mich in dieser Sache, wenn ich Ihnen sage, dass mein Artikel am 2.1. (nach­weis­lich) fertig vorlag. Natürlich hatte ich die Absicht, Ihren Ansichten, die ich für idealistisch halte, zu schaden. Aber mir liegt daran, Sie von jener Esels­tritt-Hypothese abzubringen. Erpenbeck, höre ich, wird Ihnen Ihre Antwort noch einmal zurückschicken, er findet sie unhöflich. Ich würde Ihnen auch raten, den argu­men­tieren­den Teil stärker zu machen. Sie werden damit leicht zu Beifall gelangen, weil ja viele Leute Ihren Standpunkt teilen. Wenn Sie nächstens nach Berlin kommen, rufen Sie mich doch an und trinken Sie bei uns Tee.
Schöne Grüße
Peter Hacks.

Daran erinnerte mich der Berliner Eulenspiegel-Verlag, der das Schreiben 2006 in Verehrte Kollegen – Briefe an Schriftsteller von Peter Hacks, herausgegeben von Rainer Kirsch mit abdruckte. Vom Verlag wurde eine Notiz beigefügt, in der es heißt: „Artikel ›Aristoteles, Brecht oder Zwerenz‹ erschien in Heft 3/1957 der (ost)berliner Monatszeitschrift ›Theater der Zeit‹, deren Chefredakteur Fritz Erpenbeck war. Gerhard Zwerenz (geb. 1925) studierte von 1952 bis 1956 Philosophie bei Ernst Bloch in Leipzig. Seit 1956 war Zwerenz freiberuflicher Schriftsteller. 1957 wurde er aus der SED ausgeschlossen und floh ein halbes Jahr später nach Westberlin, um einer drohenden Verhaftung zu entgehen. Hacksens Artikel bezieht sich höchstwahrscheinlich auf einen Sonntag-Artikel von Zwerenz vom Oktober 1956, der zum Stein des Anstoßes wurde.“
Ich kommentierte den Vorgang in Neues Deutschland vom 21. 1. 2007.
Tatsächlich hat die damalige Kontroverse noch etwas andere Ursachen. Es geht hier aber nicht um die Gemengelage, sondern um die kleine Tragödie der West-Ostgänger, für die Hacks den Prototyp der fünfziger Jahre abgab. Das war seine Lust und seine Last. Im Westen hätte er als heimatloser linker Theaterautor Erfolge einheimsen können. Sein Umzug nach Ostberlin erlöste ihn vom bourgeoisen Komikerdasein. Es wurde ernst um den dichtenden Komödianten.
Nicht zuletzt der Briefband zeigt einen Menschen in seinem Widerspruch, d.h. Irrtum und produktive Größe – wie bei Heinar Kipphardt, der in umgekehrter Richtung auswich. An dieser Stelle sei die Seite 279 des Briefbands angeführt, dort ist nachzulesen, was Hacks an Helmut Baierl schreibt:
31.7.1989
Da ich, lieber Helmut, mich auch darin von Brecht unterscheide, dass ich keine Bücher stehle, schicke ich Dir gleich den Zwerenz; denn Deine Ruhe ist mir teuer. Das ist ein schönes Buch, und ich muß es nicht mehr kaufen und ich frage mich, wem nun das Verdienst an dem im Westen begriffenen Ulbricht gebührt, dem Zwerenz oder, wie ich bisher dachte, dem Haffner. Grüß Dein Weib.
Ganz Dein Peter.
Wie leicht zu erraten ist, geht's um Walter Ulbricht, dennoch bedarf die nachtdunkle Botschaft der Aufhellung. Meine Feindschaft gegen den Mann gründet im Jahr 1953, ausgeprägter noch in den Jahren 1956/57, als Ulbricht die nach dem XX. Parteitag der KPdsU eben anhebende Veränderung in Politik und Kultur rigoros abbrach und unterdrückte. Eine Abrechnung erschien mir hoch an der Zeit. Für den stern begann ich 1961 die Serie „Des Kremls Kreatur“ zu schreiben. Der Titel war vom Exkommunisten Herbert Wehner angeregt, vom Ex-NS-Propagandisten Henri Nannen akzeptiert und vom Exgenossen und Stalin-Opfer Leo Bauer für richtig und zutreffend befunden worden.
Nach kurzer Zeit entstanden Konflikte, wozu zählte, dass sich auf meine Schilderung der Morde an Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht der Mordbefehlsgeber Hauptmann Pabst zu Wort meldete und die Verantwortung für seine Schandtaten so großmäulig und selbstgefällig übernahm, wie er sie auch Noske und den Sozis attestierte. Ich sann auf Erwiderung und Revanche.
 Haffner-Kolumne
 konkret Sept. 1966
 (Zoom per Klick)
Im Jahr 1966 erschien in der Reihe Archiv der Zeitgeschichte des Schweizer Scherz Verlags neben Adolf Hitler von Karl-Dietrich Bracher, Wilhelm II. von Golo Mann, Konrad Adenauer von Helmut Lindemann und Franz Josef Strauß von Samuel Wahr­haftig (Pseudonym) mein kleines, eiskalt recher­chiertes und objek­tivier­tes Walter-Ulbricht-Porträt, das Sebastian Haffner im Sep­tember­heft von konkret zu wahren Begeis­terungsstürmen veranlasste. Ich hatte so kühl wie unvor­ein­genommen Ade­nauer, Strauß und Ulbricht von ihren Wirkun­gen her betrachtet und bilanziert.
Die unideologische Betrachtungs­weise zog nach sich, dass Lotte Ulbricht die Haffner-Eloge eigenhändig auf ihrer Schreibmaschine abtippte. Diese Seiten fanden sich in ihren Papieren. (Lotte und Walter – Die Ulbrichts in Selbst­zeugnissen, Briefen und Dokumenten, Verlag Das Neue Berlin 2003)
Mein Entschluss, den wuchernden Spekulationen diverser Ulbricht-Biografien nüchterne Fakten entgegenzusetzen, wirkte bei Haffner noch ein Jahrzehnt später nach, als er die gras­sierenden Hitler-Lebens­beschreibungen mit seinen schlanken Anmerkungen zu Hitler konterte, das war Haffner gegen Fest oder Lakonie gegen epischen Nebel.
Haffner war übrigens als Kalter Krieger aus dem britischen Exil zurück­gekehrt. Noch in meinem List-Taschenbuch Wider die deutschen Tabus, 1962 polemisierte ich gegen ihn. Erst die Spiegel-Affäre mit Augsteins Verhaftung brachte ihn zur Besinnung.
Der tote Herr Hacks spricht eben überlebenslang
Armin Stolper
Gespräche auf dem Friedhof mit dem anwesenden Herrn Hacks
Homilius 2003

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Wir kehren zurück zum Brief des Peter Hacks an Helmut Baierl, der um Rück­sendung des Zwerenz­schen Ulbricht-Bänd­chens gebe­ten hatte. Hacks gesteht dabei seine bis­herige Irri­tation ein. Warum aber war den beiden die objek­tive Sicht auf Ul­bricht so wichtig? Weil Hacks damit seinen frühen West-Ost-Wechsel begründet. Ul­bricht musste besser sein als Honecker, der erste zählte zu den Gründern der DDR, der zweite verspielte sie.
Spätestens seit Arthur Koestlers Buch Sonnenfinsternis ließ sich das Ost-Engage­ment nicht mehr so leicht­hin erklären. Man brauchte Hilfs­konstrukte. Hacks bastelte daraus politische und ästhetische Krücken. So wie er schwierige DDR-Zeiten mit Anti­quitäten­handel überbrückte. Es erwuchs daraus eine interessante und unter­halt­same post­marxis­tische Equili­bristik, die Hacks zum vor­nehmsten Heiligen aller Nach­kriegs-West-Ost-Gänger erhob, deren intel­lektuelle, politische und moral­ische Beweg­gründe den stumpf­sinnigen Westlern nach dem Sieg der Konter­revolution nicht mehr ein­sichtig sind. Denn Hochmut ist eine deutsch­bürger­liche Eigen­schaft erster Ungüte. Da wird den West-Ost-Flücht­lingen gern eine Stasi-Verbindung angehängt.
Bleibt Baierls Beschäf­tigung nach 1989 mit meinem Ulbricht- Bändchen. Als die Partei 1957 Zwerenz aus­zuschließen beschlossen hatte und die damit befassten Grundorganisationen es starrsinnig verweigerten, so dass die hohe Kontrollkommission eingreifen musste, war Genosse Baierl stramm parteitreu geblieben und hatte offen und insgeheim gegen Zwerenz agiert. Das tat Hacks zwar auch, doch sicherte er sich per Brief an den Auszuschließenden ab. Anno 1989 geriet Baierl in Zugzwang, wollte sich informieren und reformieren und starb darüber hin. Das tat mir leid, ich hatte ihm vergeben. Was jedoch Walter Ulbricht angeht, so betrifft meine Haltung im Buch von 1966 im Sinne der neuen Ostpolitik den Deutschlandpolitiker, nicht aber dessen DDR-interne Aktivitäten.
Im Kai Homilius Verlag erschien der von Siegfried Prokop herausgegebene Band Zwischen Aufbruch und Abbruch – Die DDR im Jahre 1956. Wer über Ulbricht und Mielke Illusionen hegt, der kann dort ein für alle Mal geheilt werden. Die Geburtshelfer der DDR waren leider zugleich ihre Totengräber.
Ulbricht und Mielke erwiesen sich im Fall Ernst Bloch als exemplarische Philosophenverfolger. Mielkes kriminelle Energie eskaliert derart, dass er, wo Ulbricht bei Bloch Konterrevolution vermutetet, dem Hoffnungsdenker das damals todeswürdige Verbrechen des Trotzkismus unterstellte. Wer heute noch nicht sehen will, was Stalinismus bedeutet - hier findet er das Exempel einer konterrevolutionären Geschichts- und Kulturblindheit.
Der Fall Walter Ulbricht bedarf weiterer Klärung. Der Mann hatte als Soldat im 1. Weltkrieg seine ganz eigene couragierte Wahl gegen den Krieg getroffen. So wurde er Kommunist, ohne es jemals zu sein. Als sozialdemokratischer Kriegsgegner verließ er seine Partei und konnte als Revolutionär nicht mehr zurück. Seine Deformation spiegelt die Deformation der Sowjetunion nach Lenins Tod und nahm die Deformation der DDR vorweg. Wer gerecht urteilen will, darf die Deformationen der anti­kommunistischen Gegen­seiten nicht vergessen.
Am 10. Mai 1971 titelte der Spiegel über Walter Ulbricht: „Der meistgehasste, meist­unter­schätzte Mann – was dem DDR-Gründer gelang, wo der Staats­rats­vorsitzende scheiterte“. Im Artikel hieß es dann: „Äußerungen von Schrift­stellern und Publizisten veranschaulichen den Sinneswandel. In den Galgen­liedern von heute schrieb Gerhard Zwerenz 1958 über Ulbricht: ›du bist ein kleiner Mann / ein Pförtner / eine graue pfeifende Maus / die das Seil zernagt. / Das Seil / an dem ein Fallbeil hängt.‹ 1966 urteilte Zwerenz, Ulbricht sei der ›einzige Marxist unter den Parteiführern Deutschlands‹, die Verkörperung ›der deutschen revolutionären Tradition‹, ein ›Politiker von über­nationaler Bedeu­tung‹.“
Anschließend wird auch Sebastian Haffners veränderter Blick auf Ulbricht konstatiert. Das hat gemeinsame Gründe, die nachlesbar sind in konkret vom September 1966, wo Haffner mein kleines Ulbricht-Buch ausführlich besprach.
Nach dem Wechsel 1957 von der DDR in die BRD brauchte ich sieben Jahre, den Bruch und Neuanfang soweit zu objektivieren, dass ich wieder analyse­fähig wurde. Einer der wenigen, die mir mit Verständnis begegneten, war Sebastian Haffner, der über meine Ulbricht-Studie in der Zeitschrift konkret eine Eloge schrieb, die mich hätte zur Unbescheidenheit verführen können, wären die Angriffe anderer nicht derart höhnisch und gehässig gewesen, so dass sich Haffner um so deutlicher als einziger weißer Rabe aus einer krächzenden schwarzen Schar hervorhob. Da der Publizist selbst als Widerpart von William S. Schlamm vielbefehdet war, nahm ich's als Beistand eines Bruders im Geiste und legte seinen Artikel beiseite. Im Abstand von Jahrzehnten wiedergelesen zeigt sich, Haffner nutzte die Lektüre meiner Schrift zu einem eigenen Ulbricht-Porträt, wie ich es zwar mit Fakten nahegelegt, aber nicht verfasst hatte, obwohl er mir dies großmütig bescheinigte: „…die stärksten Passagen in Zwerenz' Studie sind die, in denen er das heraus­arbeitet. Hier ist einiges so gut und scharf gesehen, wie es mir auf diesem vielbeackerten Gebiet noch nie unter­gekommen ist. ›Ob man es schätzt oder nicht‹ schreibt Zwerenz, ›Walter Ulbricht stellt in seiner Person und als Exponent seiner Partei die Kontinuität der deutschen revo­lutionären Tradition dar; und indem er sich einen Staat schuf, vereitelte er alle west­deutschen Bestrebungen, die revo­lutionäre Tradition der Linken in Deutschland zu eliminieren.‹
Vielleicht erklärt d a s den wilden persönlichen Hass des westdeutschen Bürgertums (einschließ­lich seines sozial­demokra­tischen Flügels) gegen Ulbricht. Vielleicht liegt aber auch gerade darin Ulbrichts histo­risches Ver­dienst um Deutschland: den Mord an der deutschen revo­lutionären Tradition, der Hitler schon einmal zwölf Jahre lang gelungen schien und den das deutsche Bürgertum gar zu gern aus der Hitlerschen Hinter­lassen­schaft herüber­gerettet hätte, verhindert zu haben.“
Haffner beendet seinen Artikel mit den Worten: „… ich kann das, was hier zu sagen ist, nicht besser ausdrücken, als indem ich Zwerenz zum Abschluss selber sprechen lassen: ›Die Deutschen, die aus ihrem Kampf gegen andere Völker eine mörderische Volkstums- und Rassenideologie entwickelt haben, sehen sich nun innerhalb ihres eigenen Volkes als Deutsche gegen Deutsche stehen und spielen diesmal das Spiel Feindschaft selbst mit verteilten Rollen. Womit die Teilung zur letzten Probe auf den National­charakter der Deutschen wird, zur Prüfung, ob die Deutschen ihre Aggressionstriebe zu zügeln und sich selbst zu ertragen vermögen. Sie müssten dabei dem herkömmlichen Weg kriegerischer Aus­einander­setzungen entsagen, mit dem Gegner leben, Feindschaft in zäher Kleinarbeit zu Partnerschaft verwandeln, die Kunst des Kompromisses und Friedens­schlusses erlernen, kurz, alles das tun, was ihnen unendlich fern liegt, weil sie ihre Gegner jeweils zu verteufeln und sich selbst samt ihren Prinzipien zu vergotten pflegen.“
Haffner zitiere ich hier so ausführlich, erstens aus wohliger Eitelkeit und zweitens wegen meiner kaum zu bändi­genden Wut auf eine nach­gewachsene Polit­kaste und Intel­ligentsia, die unsere deutschen Kriegs- und Nieder­lage-Erfahrungen so voller blindem Stolz wie dumm­dreist verleug­nen und ver­schleudern.
Als die Wehrmacht in Stalingrad angelangt war, versicherte Hitler, er werde nie mehr von dort weggehen. Als Stalingrad von der Roten Armee ein­geschlossen war, hieß es, man könne Russland der Folgen wegen nicht aufgeben. Als die Franzosen von den Vietmin geschlagen wurden, rückte die US-Army ein, da Vietnam wegen der Domino-Theorie nicht aufgegeben werden dürfe. Als Breschnews Sowjetarmee Afghanistan besetzt hatte, konnte er das Land der Folgen wegen solange nicht verlassen, bis er es verlassen musste. Dann rückten die Vereinigten US-NATO-Soldaten ein. Die Vereinigten Berliner NATO-Parteipolitiker von Struck bis Köhler versichern uns, was ihnen der letzte Folter-Bush und sein jüngster Nachfolger Obama vorsagen – sie seien der bösen Konsequenzen wegen außerstande, Afghanistan aufzugeben. Was also können wir da tun?
Da ich mich 1957 beim erzwungenen Weggang aus der DDR zu meinem eigenen Agenten des Dritten Weges ernannte und danach als freiwilliger Sonder­bot­schafter Sachsens im westlichen Ausland fungierte, fällt es mir nicht schwer, nach der miss­lungenen deutschen Vereinigung eine Friedens­partei des Dritten Weges zu gründen. Sachsen wäre imstande, als Freistaat eine aktive Rolle mit Sonder­beziehungen zu Polen, Tschechien, Russland, China zu spielen. Auch sollte die Partei des Dritten Weges keine Parteipolitik betreiben, was, wie wir x-mal erlebten, nur zur parteilichen Unzucht führt, sondern einfach vernünftige Menschen­politik anstreben, ohne Feindschaft und Kriegs­drohungen, statt­dessen mit einer Außenpolitik, die von einem evange­lischen Theologen, etwa Pastor Schorlemmer wahrgenommen werden könnte, den ich mir als Nachfolger Martin Niemöllers denke. Wie Niemöller die Bonner Republik zu pazifizieren versuchte, trat ja Schorlemmer einst in der DDR vor westlichen Kameras als Pazifist auf, mit dem Hammer am Amboss Schwerter zu Pflugscharen umschmiedend – vielleicht passte das auf die nächste Buchmesse in Leipzig, also von Sachsen aus für das ganze darin einige Deutschland? Dass Schorlemmer im ND die Schwäche der DDR u.a. am fehlenden Toiletten­papier festmachte, sollte kein Hindernis sein, erstens kam die Menschheit Jahr­tausende hindurch ohne Klorollen aus, zweitens gibt's in der Berliner Republik davon mehr als die ganze Scheißdreck-Kollektion benötigt, drittens sollte die sozialistische Zeitung Neues Deutsch­land sich offen als Zentralorgan der Protestanten, Evangelen und Lutheraner erklären. Schließlich agiert die FAZ vom Main her als benedik­tinisch-katholische Stell­vertretung, bzw. Vormund­schaft. Falls aber Gott doch tot sein sollte, wie Nietzsche sagte und Karlheinz Deschner nachweist, stehen wir von der friedvollen Partei des Dritten Weges in der Tradition Thomas Münzers bereit, vom Freistaat Sachsen aus aller Welt den Frieden zu erklären. So wahr uns kein Gott helfe.
Kaum hatte ich den Tatsachenbericht über Hacks, Haffner, Ulbricht abgeschlossen, meldet die Presse große Neuigkeiten. Erstens gilt Walter Kempowski endgültig als wohlhonorierter US-Spion (FAZ 2.5.2009). Wundere sich, wer bisher naiv war. Zweitens die tatsächliche Neuigkeit: „Vier Monate vor der Landtagswahl hat der sächsische Minister­präsident Tillich auf einem ›Zukunftskongress‹ mit dem Titel ›Wie soll Sachsen 2020 aussehen?‹ verlangt, der Freistaat solle ein ›Wachstums­land, ein Bildungs­land, ein Inno­vations­land und ein Familien­land‹ sein. Er schlug vor ›einen Sachsen-Pakt zwischen Wirtschaft, Politik und Bürgern zu schließen‹. Ein erster Schritt dazu könnte seiner Ansicht nach eine Internet­plattform sein.“ (FAZ 30.4.2009)
Nun, die Idee mit der Internet­platt­form ist gar nicht so übel. Wie wär's mit dem Leipziger poetenladen? Technisch und stilistisch bieten wir, höflich wie wir sind, unsere fürsorgliche Beratung an. Inhaltlich könnten wir ganz unhöflich wegen Urheber­rechts­verletzung Klage erheben. Weil der Minister­präsident fordert, was wir in unserer exemplarischen Serie mit bisher 78 Folgen schon formulierten, und in den weiteren 21 Folgen wollen wir das noch ebenso sattsam beharrlich tun – egal ob vor oder nach einer Wahl. Lieber Herr Minister­präsident, wir bitten fröhlich um weitere Plagiate, schließlich will Karl Mays Liebe zu den Roten ja auch erfüllt werden …

Das nächste Kapitel erscheint am Montag, den 18.05.2009.

Gerhard Zwerenz   11.05.2009    Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht    Seite empfehlen  Diese Seite weiterempfehlen
Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz