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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte

Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | Folge 42

Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.

42

Das Kickers-Abenteuer

Trainer Rehhagel (links), Zwerenz  
»Bei ihm besteht doch
eine ziemliche Reserve
mir gegenüber.«
Trainer Rehhagel (links), Zwerenz

 
Vormittags saß ich an der Maschine. Die produktive Schreib-Phase hatte früher in der Abend- und Nachtzeit gelegen. Aus mancherlei Gründen polte ich später um. Morgens möglichst früh aufstehen. Von 7-12 Uhr Arbeit am Manuskript. Dann Mittagessen und etwas Ruhe. Nachmittags die Neben­arbeiten. Zeitungen, Post, die Außengänge. Am Abend bin ich meist derart erschöpft, dass ich daheim bleibe.
Nach langen Nächten in rauchgeschwängerten Kneipen mit viel Gerede und Geschrei kann ich am nächsten Morgen nicht ausgeschlafen und frisch an die Arbeit gehen. In den letzten zehn Jahren reduzierten sich die außerhalb der Wohnung verbrachten Abende auf ein Minimum. Die Schreibdisziplin regiert das Leben.
Ein Tag Anfang September 1975. Kurz vor Mittag Anruf der Lokal-Zeitung Offenbach Post wegen des bevorstehenden Fußball-Derbys Kickers Offenbach gegen Eintracht Frankfurt.
Das Ergebnis des letzten Lokal-Spiels von Kickers Offenbach gegen Eintracht Frankfurt 2:1 – hatte ich zum Aufhänger eines Funk-Features gemacht, erste Erfahrungen am neuen Wohnort Offenbach notiert. Da wir die Wohnsitze reichlich oft wechseln, lernen wir auf diese Weise einen Großteil des Landes recht genau kennen.
Betitelte Zwerenz seine Rundfunksendung mit dem letzten LokaIderbyresultat, kann er auch was übers bevorstehende Derby verkünden, mag der zuständige Zeitungs-Redakteur gedacht haben. Die Kickers hatten in diesem Spätsommer 1975 eben ihre schlimme englische Woche hinter sich, drei hohe Niederlagen. Die Mannschaft lag am Bundesliga-Tabellenende. Die Katastrophe drohte.
Die Offenbacher ließen schon die Köpfe hängen. Sogar die Zeitungsumfrage enthielt Defaitismus. Ob die arme kleine Stadt mit ihrem Ministadion sich eine Bundesligamannschaft überhaupt noch leisten könne, stand zur Debatte. Ehrlich gesagt, nein. Doch wer ärgerliche Tatsachen erkennt und sich nicht widersetzt, der ist ein armer Wicht. Die Frankfurter durften am Bieberer Berg einfach nicht siegen. So wollten es gute Tradition und Offenbacher National­bewußtsein. Ich bekundete bloß Selbstverständlichkeiten: Die Kickers mit dem Fußball-Leder sind die größten Image-Träger der Leder-Stadt. Massiert der Mannschaft Oberschenkel, Herz und Moral. Strömt ins Stadion, hebt beide Hände hoch, linke Hand mit dem aus Zeige- und Mittelfinger gebildeten Victory-Zeichen Churchills, rechte Hand mit erhobenem Zeigefinger, was heißt: 2:1 für Offenbach.
Kickers- und Eintracht-Fans nahten. Die Spieler nahmen sich meine Prophezeiung zu Herzen. Weil es Ende der regulären Spielzeit noch 2:0 für Offenbach stand, ließ der Schiedsrichter drei Minuten nachspielen, damit die Frankfurter ihr Tor schießen konnten und meine Voraussage sich exakt erfülle: 2:1 für Offenbach.
Wegen der Nachspielzeit kam es später zum Verfahren vor dem Schieds­gericht des Deutschen Fußballbundes gegen den Offenbacher Trainer Rehhagel, der bei Spielende dem Schiedsrichter vorgeworfen haben soll, bestochen zu sein. Der Trainer wurde hart verurteilt und von den Kickers entlassen.
Noch aber sind wir nicht soweit.
Zwischen der Prophezeiung und dem Ergebnis lag, wie ich einräume, ein Besuch im Trainingslager Erbismühle/Taunus. Hängen die Nürnberger keinen, den sie nicht haben, lassen die Offenbacher einen, den sie haben, nicht wieder los. Kickers-Präsident Böhm lud mich zum Trainingslager-Besuch ein. Geschäftsführer Konrad chauffierte. Ich find' den Taunus schön.
Was passierte also in der Erbismühle? »Dichter dopt Fußballer« wußte der stern später zu berichten. Sie hatten alle ihre Schlagzeilen, von der Frankfurter Rundschau bis zur Abendpost / Nachtausgabe, sogar die klugköpfige FAZ hielt mit, während die Offenbach Post in pure Dankbarkeit ausbrach und nur die Springerpresse sauertöpfisch schwieg, wie sie alles verschweigt, was Zwerenz betrifft, es sei denn, man kann ihm eins draufgeben.
Worin also bestand mein Doping, begangen an den Kickers-Kämpen? Wir schüttelten uns brav die Hand, aßen gemeinsam zu Mittag, hörten Präsident Böhm zu. Dann sagte ich ein paar Sätze, nur, daß ich für die Kickers bin, sie durchweg für unter Wert geschlagen und gehandelt hielte und mit meinen schwachen Kräften dafür sorgen möchte, die der vielen Krisen und erhöhten Eintrittspreise wegen verärgerten Offenbacher doch noch ins Stadion zu bringen. Die Jungs benötigten Zuspruch.
Hernach noch ein paar Worte mit Siggi Held. Sein beherzter und beherzigenswerter Ausspruch: »Es gibt keine alten und jungen Fußballer, nur gute und schlechte.«
Der Mann zählt 33 Jahre, ein sogenannter Fußballgreis, privat bedachtsam, listig, o-beinig wie ein alter Kavallerieoffizier, auf dem Rasen noch immer der brillante, schnelle, einfallsreiche Blockadebrecher. Welch ein Spieler. Welch einen Trainer wird der Mann mit seinen Erfahrungen, seinem Witz, seiner Intelligenz abgeben. Wenn Fußball als Sportart der Proleten gilt und Tennis als Hobby bürgerlich-großbürgerlich Gebildeter, so widerlegen Fußballspieler wie Held das dumme Klischee.
Fragt sich, weshalb der Zuspruch eines Schriftstellers für den Fußballverein seines Wohnorts soviel Emotionen weckte. Meine achtzehnjährige Tochter schämte sich der Aktivitäten ihres Vaters auf diesem Gebiet, viele meiner jungen Leser reagierten irritiert und hielten die ersten Meldungen darüber für Zeitungsenten. Nun ja, gegen die Münchner Olympiade habe ich angeschrieben. Das nationale Wettkampfgedöns ist mir ebenso ein Greuel wie die verlogene Augenwischerei, wonach die Olympia-Profis keine sein dürften, sondern Amateure. Da lob' ich mir den offen kapitalistischen Fußballprofi. Hier ist alles klar, abgesehen von den Vereinsquerelen, Spieler-Transaktionen und den die Tatbestände nicht eben durchsichtig machenden Verhandlungen vor der sonderbaren DFB-Gerichtsbarkeit. Kapitalismus und Kriminalität trennt keine Mauer. Jedenfalls sind mir die Einwände gegen den Fußballkapitalismus ebenso bekannt wie die gegen Fußballhysterie.
Was bleibt, verantwortet der Schluckauf meiner Jugenderinnerungen. Karl May und Fußball als bleibende Eindrücke. Karl May hatte in nächster Nachbarschaft gelebt und gedichtet, und der legendär schußstarke, unvergessene Richard Hofmann begann seine Laufbahn im westsächsischen Meerane. So was prägt. Es sollte mich freuen, wenn ich den Kickers-Spielern im Trainingslager ein wenig Mut und Zutrauen zu sich selbst habe einreden können. Es war mir eine Genugtuung, den nervösen Offenbacher Lederball-Artisten das 2:1 zu suggerieren, das dann auch herauskam. Mir selbst erfüllte die Trainingslager-Stippvisite einen alten Wunsch. So in die Fünfziger gekommene alte Füchse wie wir haben ja schließlich vor mehr als drei Jahrzehnten mit damals siebzehn / achtzehn Jahren alle schönen Jugend­träume begraben und in den Krieg der braunen Knochen ziehen müssen. Jetzt in der Erbismühle schien es mir, ich setzte die damals unterbrochene Schwärmerei fort.
Gewiß, unsere Fußballprofis sind harte Geschäftsleute. Es geht um Geld, Marktwert, Profit. Wer im Kapitalismus lebt, lebt nicht angenehm. Es ist wahr, gekaufte und verkaufte Spieler treten und schießen die Tore nicht für Ideale, für eine Stadt, ein Land, einen Verein, sondern für sich und ihren Geldwert. Fußballer haben Warencharakter. Sie sind kaufbar, nicht unbedingt käuflich.
Jungfrauen sind unter Bundesligaprofis nicht zu entdecken, auch wenn manche Trainer sie vor den Spielen dazu machen möchten. Es ist wahr, bei solchen FußballschIachten wie dem Lokalderby am Bieberer Berg geht's heiß und blutig zu. Daß ein Zuschauer durch Flaschenwurf ein Auge einbüßte, ist mir nicht, wie vermeldet wurde, egal.
Wer gegen Fußball ist, weil dabei Mannschaften und Stadionbesuchern verletzt werden können, der müßte auch alle Bars und Kneipen schließen und den Autoverkehr untersagen. Und die Pferderennen! Mag sein, ich bin voreingenommen wegen meines unererledigten Fußball-Jugendtraums. Aber dann teile ich dieses schwärmende Abenteuer, dessen Ersatz-Charakter ich nicht leugne, mit den Massen.
Fußball ist das Schachspiel des Volkes. Die Trainer und Asse auf dem grünen Rasen benötigen nahezu die Qualitäten ausgepichter Schachmeister: mathematische Vorstellungskraft, kaltblütige Fantasie und gutgetimete Courage. Von Glück nicht zu reden. Fortune hat man oder hat man nicht. Das wußte schon, jenseits allen Fußballs, der Alte Fritz.
Ein Großteil der Fußballfeindschaft rührt denn auch von Intellektuellen her (als ob die Massen, säßen sie nicht im Stadion, sich mit Soziologie und Politik abgäben, das ist eine schöne Illusion, und ich wage nicht zu sagen, wie vieler Revolutionen sie zu ihrer Verwirklichung bedürfte). Immerhin reichte der Einfluß solcher Autoren aus, den Fußballspielern ebenso wie einigen Sportjournalisten Minderwertigkeitskomplexe einzureden. Das ist unbegründet. Die Sportreporter aber sollten schärfer rangehen. Analysieren, was die ins Kriminelle reichenden Praktiken betrifft, zustimmend, ja enthusiasmierend, soweit es sich ums Spiel und Spielen handelt. Was heißt hier Kapitalismus? Entweder, jemand bringt im Kapitalismus eine sozialistische Mannschaft zustande oder man sucht den Sport innerhalb unseres Ware-Geld-Systems wie das Feuer unter der Asche.
Für mich, in der Region des »Mainischen Blocks« lebend, wurde Kickers Offenbach meine 1. und Eintracht Frankfurt meine 2. Heimatmannschaft. Ich bin, solange es sie gibt, für beide. Im Zweifelsfall, dem Lokalderby, aber für die Kickers. Nicht nur, weil ich zufällig hier wohne, sondern auch, weil die Kickers die arme Mannschaft einer armen Gemeinde sind. Reiche Vereine werden von ihren Städten unterstützt. Bayern München produziert sich im Olympia-Stadion, das mit den Steuergeldern der gesamten Bundesrepublik errichtet wurde. Man kann dort mit einer wohlfunktionierenden U-Bahn zum Fußball-Match fahren, dafür haben wir auch alle mitgeblecht. Mit Bayern leben? Für Bayern zahlen! In Offenbach muß man um einen wilden Parkplatz kämpfen und sich dann in Fußmärschen zum Stadion durchschlagen. Ich soll verkündet haben: »Die Kommune Offenbach ist ein nackter Mann.« Ich fügte aber hinzu: »Versuchen Sie mal, einem nackten Mann etwas aus der Tasche zu nehmen!« Also Finanzspritzen von der Stadt, obgleich bitter nötig, kommen den Kickers kaum zugute. Reiche Vereine haben Mäzene, weiträumige Stadien, große Spiele, ungeheure Zuschauerzahlen, können beträchtliche Gehälter auswerfen und teure Spieler ranholen. Arme Vereine geraten in den umgekehrten Kreislauf: Kleine Stadien, geringe Einnahmen, wenig Mittel für Spieler und Einkauf. Zwang zur Verhökerung der teuersten, also besten Ball-Beherrscher, somit ständige Blutspende für gutbetuchte Vereine. So mußte Offenbach u. a. seinen Star Kostedde an Hertha BSC nach West-Berlin abtreten, wo Axel Cäsar Springer als zahlungskräftige Spinne wirkt und Asse in sein Netz zieht, weil er am kleingeisternden Bild-Zeitungsleser genug verdient und sich Großzügigkeit erlauben kann.
Freilich, Geld ist nicht alles. Am 20.9., eine Woche nach der Frankfurter Eintracht, rückte Hertha BSC mit dem von Offenbach abgekauften Kostedde an und unterlag wie vordem die Frankfurter Eintracht mit 2:1. Würde der stern nun schreiben, Zwerenz habe die Kickers nicht einfach gedopt, sondern hypnotisiert und nicht wieder aufwachen lassen, Hypno im Fußball-Land, da siegen sie 2:1 im Dauerabonnement? Ich aber schloß meine Lokal-Gladiatoren in mein Herz: Held, Helmschrot, Rohr, Schmidradner, Rausch, Berg, Enders, Bitz, Bihn, Theiss, Janzon, Hickersberger, Blechschmidt, diese liebenswerten Individualisten, die gegen die hochbezahlten Foulmeister der Hertha 45 Minuten lang einen Fußballzauber entfachten, wie er die Eintracht am Samstag zuvor auch schon schier hatte verzweifeln lassen. Freilich folgte den starken Perioden regelmäßig Konditionsschwäche. Auf Dauer sind Siege, die nur aus den Knochen und dem Kampfgeist der Mannschaft geschunden werden, nicht zu erzwingen. So nützte es denn alles nichts. Die Kickers stiegen am Ende der Saison aus der Bundesliga ab. Eine große Zuschauertribüne im Stadion am Bieberer Berg wurde derart erschüttert, daß Einsturzgefahr bestand. Es handelte sich um die Haupttribüne, unter der die Ehrengäste sitzen, die Manager und Vereinsgewaltigen aus und ein gehen, die Spieler hervor- und zurückkommen. Der Abstieg der Kickers erschütterte die menschlichen Herzen und die technischen Beton- und Stahlkonstruktionen. So machtvoll kann nur König Fußball sein.
Soweit meine Fußball-Eloge auf die Spiele der siebziger Jahre. Eben ging die Europameisterschaft von 2008 zu Ende. Ein Frankfurter Leserbriefschreiber schimpft: »In Wirklichkeit spielten wir erbärmlich.« Ich fand's nicht ganz so fürchterlich. Erstens hat der in Görlitz geborene und später in Karl-Marx-Stadt spielende Ballack vor Mikro und Kamera immer den sonoren Chemnitzer Unterton in der Stimme, der mich heimatlich anmutet, zweitens ist mir egal, wer vom Schiedsrichter bevorzugt oder benachteiligt wird und sich mit Toren Millionen erschießt oder nicht, drittens bin ich nicht naiv genug, von den Eliten ungedopten Sport zu erwarten. Das Publikum macht sowieso Karneval draus. Auf den Gebrauchtwagen-Halden flaggten die Autos einhellig für Deutschland, jede Karre mit mindestens zwei Fähnchen. Streng nach Herstellerfirma sangen brave Mercedes und BMW, Opel und Ford unsere Nationalhymne mit – ein patriotischer Sound erfüllte Europa, auf den Straßen ruhte der Massenverkehr, die Kfz verharrten geparkt beiseite. Danach freilich gab's einen Corso nach dem anderen, dabei gelang Nachtruhe nur per Ohren­stöpsel. Soviel zum Fußball in postkoitalen Zeiten.
Mal ganz im Bierernst: Die Partei von Lafontaine und Gysi sollte Ballack gegen Köhler als Bundespräsidenten vorschlagen. Die Generation Fußball wüsste, was sich gehört, es sei denn sie ist nach ihrem Auftritt als Generation Golf über die Generation Dick und Doof zur Generation Fahnenstolz und verblödet verkommen.
Den Vorschlag Ballack statt Köhler nehme ich mit Bedauern zurück. Karriere entstellt Charakter und Gesicht. Zu Bonner Zeiten brachte ich Beckenbauer als Bundeskanzler ins Spiel. Man betrachte sich heute den einst genialen Ball-Artisten - tritt auf wie eine nach Österreich geflüchtete Weißwurst, die zu essen vergessen wurde.
Der Journalist Dieter Hochgesand berichtete am 30.8.2003 in der Frankfurter Rundschau über das Derby zwischen Offenbacher Kickers und Frankfurter Eintracht: »Man schrieb das Jahr 1975. Gerade hatten die Kickers, der vermeintliche David, dem vermeintlichen Goliath wieder mal die Grenzen aufgezeigt, dessen spielerische Überlegenheit mit unbändigem Willen und Einsatz pulverisiert und ihm eine ernüchternde Niederlage (1:2) verpasst. Alle Eintrachtler waren am Boden. Die frische Wunde war weit offen und schmerzte immens. Aus Selbstgefälligkeit war Fassungslosigkeit geworden. Zwischen Mullbinden, Pflastern, leeren Flaschen und verdreckten Trikots kauerten die abgestürzten Adlerträger in der Kabine und wehklagten. ›Wie oft muss ich das noch mitmachen?‹, stöhnte Mannschaftskapitän Jürgen Grabowski, während ein Teamkollege sich zum Erbrechen nach nebenan verdrückte.
Die Kickers indes durften ihren Triumph in vollen Zügen auskosten. Ihr literarischer Freund, der Dichter Gerhard Zwerenz, lief mit dem Victory-Zeichen an beiden Händen über die Tribüne und OFC-Trainer Rehhagel war tief befriedigt – doch der Erfolg war nicht von Dauer. Im Dezember musste der flotte Otto dann gehen und am Ende der Saison stiegen die Kickers ab.«
Sie stiegen, kein Wunder, immer weiter ab. Erstens ist Offenbach eine so lebendige wie verarmte Stadt als läge sie statt am Main an Pleiße oder Mulde. Außerdem verließ »der Dichter Gerhard Zwerenz« (FR) den Ort, was die Kickers um meine »seelische Betreuung« brachte. Dabei suchte ich gerade das Offenbacher Wetteramt zu überreden, das Wetter nicht nur voraus­zusagen, sondern es auch zu realisieren. (Titel: Wie die Offenbacher das Wetter machen können … Essay, unter Pseudonym veröffentlicht) Weil wir wegzogen, wurde daraus nichts und Offenbach blieb die berühmte Lederstadt statt Wettermacherstadt, als die sie noch weltberühmter hätte werden können.
Die Westdeutschen
Gerhard Zwerenz
Die Westdeutschen
Bertelsmann 1989 (1977)

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Rudi Dutschke
Rudi Dutschke
Jeder hat sein Leben
ganz zu leben
Btb 2005 (2003)

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Der Grund für unseren Abschied ist ein Fernsehfilm über Offenbach, den ich mir wegen meiner Kickers-Zuneigung leisten zu können meinte. Zwar hatte ich in weiser Voraussicht in meinem Buch Die Westdeutschen bei Bertelsmann, München 1977, meine Liebe zu unserem Wohnort eingebaut und auch sonst allerlei Sympathien bekundet, doch den tv-Film, bei dem Stefan Lukschy die Regie übernahm, ertrugen die braven patriotischen Kommunal­politiker eben­so­wenig wie 20 Jahre zuvor die SED-Funktionäre meine Artikel über Leipzig. Rudi Dutschke, öfter bei uns zu Gast, nahm eines Abends das Telefon mit ins Gästezimmer, weil er einen Anruf von seiner Frau Gretchen erwartete. Mitten in der Nacht klingelte es. Rudi hob schlaftrunken den Hörer ab und stürzte in den Flur: »Die wollen mich erschießen …« Er hatte bereits einen Mordanschlag hinter sich. Beruhigend sprach ich auf ihn ein. Nicht dich meinen sie, Rudi, nicht dich …
Im Film hatte ich, ganz nebenbei, reiche Zuhälter erwähnt, die in Frankfurt arbeiten lassen und in Offenbach das sichere Abseits im luxuriösen Hoch­haus am Ufer des Mains genießen. Da reagierte das Gewerbe verdammt sauer.
Wir beschlossen, im Taunus, dicht unterm Feldberg, eine Hütte als feste Burg zu bauen und einen wachsamen Hund anzuschaffen. Der Weg dort, damals inmitten von Wald und Wiesen gelegen, inzwischen zur Straße mit zahlreich errichteten Häusern ausgewuchert, heißt Brunhildensteg. Brunhilde ist eine sagenhafte, kämpferische Dame, die, wenn es ernst wird, mit riesigen Felsbrocken um sich schmeißt - das schafft Sicherheit.
Während ich das Haus am Feldberg für den Einzug vorbereitete, so gut es eben ging, erlebte Ingrid in der Offenbacher Wohnung großes Kino ganz aus der Nähe, denn dort, mitten im ärgsten Tohuwabohu schuf die Fassbinder-Gruppe zielstrebig einen der wahnwitzigsten Filme des Jahrhunderts – Titel: In einem Jahr mit 13 Monden … RWF hatte mich zu einer kleinen Rolle in dem Riesen-Kunstwerk überredet und ließ mich bei Bedarf in seinem BMW aus meinen schweren Hochtaunus-Hausmühen runter in die Mainebene holen. In meinem lyrischen Notizbuch von 1978 findet sich dieser etwas durchwachsene Abschiedsgesang auf Offenbach und Frankfurt:
Stadtgeschichte
In Liebe gewidmet dem Struwwelpeter

Das Wetter ist seit Jahren so übel,
daß sich das Offenbacher Wetteramt
die Wahrheit nicht mehr zu melden
traut. Als hätten die jemals wahrgesagt.

Der Main ist zugefroren. Die Huren
im Bahnhofsviertel werden versiegelt.
Der Oberbürgermeister singt vom Domturm
herab stimmungsvolle Weihnachtslieder.

Die U- und S-Bahn stellt aus Kostengründen
auf Hundeschlitten um. Auf'm Rhein-Main~
Flughafen findet die Bundesgartenschau
statt. Blumen statt Airbus.

In den Straßen der Stadt demonstrieren
Schüler gegen das zu nahe Ende des
Jahrtausends. Die Universität beschließt,
Adorno wieder auszugraben, um ihn zu haben.

Im Römer wird Johann Wolfgang Goethen
der Hilmar-von-Hoffman-Preis verliehn.
Für standhaftes Ausharrn vor dem Feind.
Die Laudatio hält Ernst Jünger.

Irgendwo findet auch noch die Bevölkerung
statt. Obwohl sie nur alle 4 Jahre was
zu sagen hat. Sie wird zum Einkaufen
benötigt. Und zum Verschaukeln.

Irgendwo in der blauen Ferne
schleicht Struwelpeter vorüber, der
Stammvater aller ganz vorn befindlichen Hessen.
Die Nöte seines Erfinders hab ich vergessen.
PS von 2008: Vor nicht langer Zeit fuhren wir nach Offenbach hinunter zu einer Lesung von Hermann Kant. Über diese und weitere Offenbacher Abenteuer ein andermal.

Am Montag, den 21. Juli 2008, erscheint das nächste Kapitel.

Gerhard Zwerenz   14.07.2008   Druckansicht  Zur Druckansicht - Schwarzweiß-Ansicht   Seite empfehlen  empfehlen

Gerhard Zwerenz
Serie
  1. Wie kommt die Pleiße nach Leipzig?
  2. Wird Sachsen bald chinesisch?
  3. Blick zurück und nach vorn
  4. Die große Sachsen-Koalition
  5. Von Milbradt zu Ernst Jünger
  6. Ein Rat von Wolfgang Neuss und aus Amerika
  7. Reise nach dem verlorenen Ich
  8. Mit Rasputin auf das Fest der Sinne
  9. Van der Lubbe und die Folgen
  10. Unser Schulfreund Karl May
  11. Hannah Arendt und die Obersturmbannführer
  12. Die Westflucht ostwärts
  13. Der Sänger, der nicht mehr singt
  14. Ich kenne nur
    Karl May und Hegel
  15. Mein Leben als Prophet
  16. Frühe Liebe mit Trauerflor
  17. Der Schatten Leo Bauers
  18. Von Unselds Gegner zu Holtzbrincks Bodyguard
  19. Karl May Petrus Enzensberger Walter Janka
  20. Aus dem Notizbuch eines Ungläubigen
  21. Tanz in die zweifache Existenz
  22. General Hammersteins Schweigen
  23. Die Pleiße war mein Mississippi
  24. Im Osten verzwergt und verhunzt?
  25. Uwe Johnson geheimdienstlich
  26. Was fürchtete Uwe Johnson
  27. Frühling Zoo Buchmesse
  28. Die goldenen Leipziger Jahre
  29. Das Poeten-Projekt
  30. Der Sachsenschlag und die Folgen
  31. Blick zurück auf Wohlgesinnte
  32. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (I)
  33. Sächsische Totenfeier für Fassbinder (II)
  34. Brief mit Vorspann an Erich Loest
  35. Briefwechsel mit der Welt der Literatur
  36. Die offene Wunde der Welt der Literatur
  37. Leipzig – wir kommen
  38. Terror im Systemvergleich
  39. Rachegesang und Kafkas Prophetismus
  40. Die Nostalgie der 70er Jahre
  41. Pauliner Kirche und letzte Helden
  42. Das Kickers-Abenteuer
  43. Unser Feind, die Druckwelle
  44. Samisdat in postkulturellen Zeiten
  45. So trat ich meinen Liebesdienst an …
  46. Mein Ausstieg in den Himmel
  47. Schraubenzieher im Feuchtgebiet
  48. Der Fall Filip Müller
  49. Contra und pro Genossen
  50. Wie ich dem Politbüro die Todesstrafe verdarb
  51. Frankfurter Polzei-buchmesse 1968
  52. Die Kunst, weder Kain noch Abel zu sein
  53. Als Atheist in Fulda
  54. Parade der Wiedergänger
  55. Poetik – Ästhetik und des Kaisers Nacktarsch
  56. Zwischen Arthur Koestler und den Beatles
  57. Fragen an einen Totalitarismusforscher
  58. Meine fünf Lektionen
  59. Playmobilmachung von Harald Schmidt
  60. Freundliche Auskunft an Hauptpastor Goetze
  61. Denkfabrik am Pleißenstrand
  62. Rendezvous beim Kriegsjuristen
  63. Marx, Murx, Selbstmord (der Identität)
  64. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (I. Teil)
  65. Vom Aufsteiger zum Aussteiger? (II. Teil)
  66. Der Bunker ...
  67. Helmut auf allen Kanälen
  68. Leipzig anno 1956 und Berlin 2008
  69. Mit Konterrevolutionären und Trotzkisten auf dem Dritten Weg
  70. Die Sächsischen Freiheiten
  71. Zwischen Genossen und Werwölfen
  72. Zur Geschichte meiner Gedichte
  73. Poetenladen: 1 Gedicht aus 16 Gedichten
  74. Der Dritte Weg als Ausweg
  75. Unendliche Wende
  76. Drei Liebesgrüße für Marcel
  77. Wir lagen vor Monte Cassino
  78. Die zweifache Lust
  79. Hacks Haffner Ulbricht Tillich
  80. Mein Leben als Doppelagent
  81. Der Stolz, ein Ostdeutscher zu sein
  82. Vom Langen Marsch zum 3. Weg
  83. Die Differenz zwischen links und rechts
  84. Wo liegt Bad Gablenz?
  85. Quartier zwischen Helmut Schmidt und Walter Ulbricht
  86. Der 3. Weg eines Auslandssachsen
  87. Kriegsverrat, Friedensverrat und Friedenslethargie
  88. Am Anfang war das Gedicht
  89. Vom Buch ins Netz und zur Hölle?
  90. Epilog zum Welt-Ende oder DDR plus
  91. Im Hotel Folterhochschule
  92. Brief an Ernst Bloch im Himmel
  93. Kurze Erinnerung ans Bonner Glashaus
  94. Fritz Behrens und die trotzkistische Alternative
  95. 94/95 Doppelserie
  96. FAUST 3 – Franz Kafka vor Auerbachs Keller
  97. Rainer Werner Fassbinder ...
  98. Zähne zusammen­beißen ...
  99. Das Unvergessene im Blick
    1. Nachwort
Nachworte
  1. Nachwort
    siehe Folge 99
  2. Auf den Spuren des
    Günter Wallraff
  3. Online-Abenteuer mit Buch und Netz
  4. Rückschau und Vorschau aufs linke Leipzig
  5. Die Leipziger Denkschule
  6. Idylle mit Wutanfall
  7. Die digitalisierte Freiheit der Elite
  8. Der Krieg als Badekur?
  9. Wolfgang Neuss über Kurt Tucholsky
  10. Alter Sack antwortet jungem Sack
  11. Vor uns diverse Endkämpfe
  12. Verteidigung eines Gedichts gegen die Gladiatoren
  13. Parademarsch der Lemminge und Blochs Abwicklung
  14. Kampf der Deserteure
  15. Fritz Bauers unerwartete Rückkehr
  16. Der Trotz- und Hoffnungs-Pazifismus
  17. Als Fassbinder in die Oper gehen wollte
  18. Was zum Teufel sind Blochianer?
  19. Affentanz um die 11. Feuerbach-These
  20. Geschichten vom Geist als Stimmvieh
  21. Von Frankfurt übern Taunus ins Erzgebirge
  22. Trotz – Trotzalledem – Trotzki
  23. Der 3. Weg ist kein Mittelweg
  24. Matroschka –
    Die Mama in der Mama
  25. Goethe bei Anna Amalia und Herr Matussek im Krieg
  26. Der Aufgang des Abendlandes aus Auerbachs Keller
  27. Jan Robert Bloch –
    der Sohn, der aus der Kälte kam
  28. Das Buch, der Tod und der Widerspruch
  29. Pastor Gauck oder die Revanche für Stalingrad
  30. Bloch und Nietzsche werden gegauckt ...
  31. Hölle angebohrt. Teufel raus?
  32. Zwischen Heym + Gauck
  33. Von Marx über Bloch zu Prof. Dr. Holz
  34. Kafkas Welttheater in Auerbachs Keller
  35. Die Philosophenschlacht von Leipzig
  36. Dekonstruktion oder Das Ende der Ver­spä­tung ist das Ende
  37. Goethes Stuhl – ein Roman aus Saxanien
  38. Meine Weltbühne im poetenladen
  39. Von Blochs Trotz zu Sartres Ekel
  40. Die Internationale der Postmarxisten
  41. Dies hier war Deutschland
  42. Kopfsprünge von Land zu Land und Stadt zu Stadt
  43. Einiges Land oder wem die Rache gehört
  44. Schach statt Mühle oder Ernst Jünger spielen
  45. Macht ist ein Kriegszustand
  46. Dekonstruktion als Kriminalgeschichte I
  47. Damals, als ich als Boccaccio ging …
  48. Ein Traum von Aufklärung und Masturbation
  49. Auf der Suche nach der verschwundenen Republik
  50. Leipzig am Meer 2013
  51. Scheintote, Untote und Überlebende
  52. Die DDR musste nicht untergehen (1)
  53. Die DDR musste nicht untergehen (2)
  54. Ein Orden fürs Morden
  55. Welche Revolution darfs denn sein?
  56. Deutschland zwischen Apartheid und Nostalgie
  57. Nietzsche dekonstruierte Gott, Bloch den Genossen Stalin
  58. Ernst Jünger, der Feind und das Gelächter
  59. Von Renegaten, Trotzkisten und anderen Klassikern
  60. Die heimatlose Linke (I)
    Bloch-Oper für zwei u. mehr Stimmen
  61. Die heimatlose Linke (II)
    Ein Zwischenruf
  62. Die heimatlose Linke (III)
    Wer ist Opfer, wer Täter ...
  63. Die heimatlose Linke (IV)
    In der permanenten Revolte
  64. Wir gründen den Club der
    heimatlosen Linken
  65. Pekings große gegen Berlins kleine Mauer
  66. Links im Land der SS-Ober­sturm­bann­führer
  67. Zweifel an Horns Ende – SOKO Leipzig übernimmt?
  68. Leipzig. Kopfbahnhof
  69. Ordentlicher Dialog im Chaos
  70. Büchner und Nietzsche und wir
  71. Mit Brecht in Karthago ...
  72. Endspiel mit Luther & Biermann & Margot
  73. Die Suche nach dem anderen Marx
  74. Wer ermordete Luxemburg und Liebknecht und wer Trotzki?
  75. Vom Krieg unserer (eurer) Väter
  76. Wohin mit den späten Wellen der Nazi-Wahrheit?
  77. Der Feind ist in den Sachsengau eingedrungen
  78. Die Heldensöhne der Urkatastrophe
  79. Die Autobiographie zwischen
    Schein und Sein
  80. Auf der Suche nach der verlorenen Sprache
  81. Atlantis sendet online
  82. Zur Philosophie des Krieges
  83. Deutsche, wollt ihr ewig sterben?
  84. Der Prominentenstadl in der Krise
  85. Der Blick von unten nach oben
  86. Auf der Suche nach einer moralischen Existenz
  87. Vom Krieg gegen die Pazifisten
  88. Keine Lust aufs Rentnerdasein
  89. Von der Beschneidung bis zur
    begeh­baren Prostata
  90. Friede den Landesverrätern
    Augstein und Harich
  91. Klarstellung 1 – Der Konflikt um
    Marx und Bloch
  92. Bloch & die 56er-Opposition zwischen Philo­sophie und Verbrechen
  93. Der Kampf ums Buch
  94. Und trotzdem: Ex oriente lux
  95. Der Soldat: Held – Mörder – Heiliger – Deserteur?
  96. Der liebe Tod – Was können wir wissen?
  97. Lacht euren Herren ins Gesicht ...
  98. Die Blochianer kommen in Tanzschritten
  99. Von den Geheimlehren der Blochianer
Aufsatz