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Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner lite­rarischer Gedenks­teine in Form eines Gedichtes jüngst ver­stor­bener Dichter, über­wiegend fremd­sprachiger, aber auch deutsch­sprachiger. Aus­gangs­punkt sind unter ande­rem aktuelle Todes­mel­dungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.

Liste der Stelen   ↓

 

Antonio Jiménez Millán
(Granada 1954 – Malága 2025)


Alba

(Janis Joplin, Summertime)


Es war eine seltsame Art, den Tag zu beginnen:
aus der Diskothek,
die Strandpromenade entlang
nachhause,
und das erste Morgenlicht,
über einem Meer von Grautönen.
Die Stimme von Janis Joplin,
maßlos, exzessiv,
als Kontrast zur Gelassenheit
eines bedächtigen Sonnenaufgangs im Juli:
»Sommerzeit,
wenn das Leben leicht ist,
die Baumwolle steht hoch;
weine nicht, mein Mädchen, du wirst deine Flügel entfalten
deine Flügel entfalten und in den Himmel aufsteigen,
nichts kann dir wehtun.«
Es war ein zufälliges Treffen, aber dieser Morgen
sollte ihnen sieben gemeinsame Jahre bescheren.
Ihr Körper ohne Angst und Distanz.
Und eine Faszination tat sich
ihm auf, die verfluchte Falle,
das Versprechen ewiger Liebe, man glaubt daran,
dabei zu vergessen
dass sie, alle beide, jung waren.
Vielleicht war es nicht zu verstehen.

Dann wollte er brechen mit den Konventionen,
eine Promiskuität leben,
die ihm diese unerklärliche Zeit bot.
So richtete er Schaden an, großen Schaden.
Und niemand erhob sich in den bedeckten Himmel
oder breitete seine Flügel aus in der Nacht.

Übersetzt von Hans Thill. Aus: Noche en Paris. Fundación José Manuel Lara, Sevilla 2022.

 

»Eine Poesie von urbanem Ausmaß, verbunden dem Prosagedicht in der Tradition der Avantgarde, die er eingehend studiert hat. Sein Forschungsweg verlief parallel zu seinem poetischen Schaffen. (...) Er ist von uns gegangen, aber nicht schweigend, bis zum letzten Augenblick hat er geschrieben und am kulturellen Leben Málagas teilgenommen.«
Francisco Ruiz Noguera

 

Antonio Jiménez Millán wurde 1954 in Granada geboren und studierte an der dortigen Universität romanische Literatur. Später wirkte er in Málaga als Literaturprofessor. Eine Auswahl seiner ersten Gedichtbände findet sich in der Anthologie La mirada infiel (1975–1998, Diputación de Granada). Er brachte neben Gedichtbänden, Prosagedichten und wissenschaftlichen Arbeiten auch kritische Ausgaben anderer Künstler und Autoren heraus, so unter anderem von Pablo Picasso (Poemas y declaraciones), Louis Aragon und Luis Cernuda. Antonio Jiménez Millán starb am 24. Januar 2025 in Malága im Alter von siebzig Jahren.