Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner literarischer Gedenksteine in Form eines Gedichtes jüngst verstorbener Dichter, überwiegend fremdsprachiger, aber auch deutschsprachiger. Ausgangspunkt sind unter anderem aktuelle Todesmeldungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.
(Beniopa 1947 – Gandia 2026)
Ode an Santorini
auf diesem Meer aus Licht und Hoffnungen,
die Lust, jenes Sternenkind zu sein,
das sich einst als Engelstraum erlebte,
hat mich hierhergebracht wie ein steuerloses Schiff,
in deinen Hafen aus geschliffener Asche,
Mond der blauen Ägeis, Feuer, eingeschlafen
wie der Vogel, der, sich opfernd, wiedergeboren wird,
Himmelsinsel, geboren aus der Flamme,
brach an Grün, fruchtbar an Blutbädern,
ich begehrte dich so, so sehr liebte ich dich,
dass bevor ich Deine Abgründe besaß,
ich dich schon wollte, wie du bist, Tochter des Morgens
mit Weinbergen, die sich ans Leben klammern,
Klippen wie Äxten, Stränden aus kalter Lava,
wo der Mensch, wie die Felsen, singt und weint.
Aus dem valencianischen Katalanisch von Àxel Sanjosé. Aus: Maremar. Edicions 62, Barcelona 1985.
»Der Mensch erfand die Ewigkeit, nachdem er einen Augenblick echten Glücks erlebt hatte.«
Josep Piera
Josep Piera wurde am 30. Mai 1947 in Beniopa geboren und starb am 6. April 2026 in Gandia, beides im Landkreis La Safor, València.
Der katalanischsprachige Dichter, Prosaist und Übersetzer verbrachte in den 1960er und 1970er Jahren ausgedehnte Zeiten in Griechenland, Italien und Marokko; die Erlebnisse hielt er in mehreren Bänden mit Reiseerzählungen fest, auch in seinen über zwanzig Gedichtbänden spielt die mediterrane Welt eine zentrale Rolle. Er war einer der angesehensten Lyriker im valencianischen Raum und galt dort als eine Schlüsselfigur des kulturellen Lebens. Josep Piera erhielt die wichtigsten Auszeichnungen für katalanische Literatur, die Stadt Gandia rief anlässlich seines Todes drei Tage offizielle Trauer aus.
Dank an Àxel Sanjosé.