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Stele [griech.] Pfeiler, Säule als Grab- oder Gedenkstein
Die Stelen sind der Anfang einer Sammlung kleiner lite­rarischer Gedenks­teine in Form eines Gedichtes jüngst ver­stor­bener Dichter, über­wiegend fremd­sprachiger, aber auch deutsch­sprachiger. Aus­gangs­punkt sind unter ande­rem aktuelle Todes­mel­dungen in den poetry news. Idee und Konzept: Hans Thill.

Liste der Stelen   ↓

 

Elif Sofya
(Istanbul 1946 – Ebenda 2026)



Spur

Aus meinen händen löst sich das ende der flüsse
Dem fließen der wasser, dem leuchten der lichter
Der erde lausche
Dann vergiß was du hörst
Dann soll die stimme da brechen

Die geräusche der tiertritte verlieren sich
Tigergedünst durchdringt den wald
Lösen die enden der flüsse sich
Ich kehrte mein gesicht dieser angst zu
Auf meiner stirn stand geschrieben: erde bist du
Wenn die nacht sich meinen namen aneignete
Wenn die tiere der toten sprachen flüsterten
Wäre ich frei vom schatten der zeit
Der salzberg in meinem innern schmölze nicht

Mit den handgelenken, offne wunden von den fallen,
Hinterließ ich spuren auf den höhlenwänden
Von jetzt an sollen
Die ins weite fallenden steine
Ihre stimme in sich verschließen.

Deutsch von Klaus Reichert. Aus: Hans Thill (Hrg.) In meinem Mund ein Bumerang. Gedichte aus der Türkei. Wunderhorn, Heidelberg 2013.

 

»Ihre Gedichte bringen Saiten zum schwingen, die es in einer weitest­gehend gleich­geschal­teten Medien­land­schaft gar nicht geben dürfte. Sie blicken hinter die Schleier, und was sie finden sind Wut und unbestimmte Gefühle, eine indifferente Haltung zu einem Land, das gerade dabei ist, sich selbst zu finden.«
Gerrit Wustmann

 

Elif Sofya wurde 1965 in Istanbul geboren und zählte zu den markanten Stimmen der zeit­genös­sischen türki­schen Lyrik. Nach einem Studium der Wirt­schafts­wissen­schaften widmete sie sich ebenso der Malerei und arbeitete für Radio- und Fern­seh­redak­tionen im Kultur­bereich. Ihre Gedichte erschienen in zahl­reichen Lite­ratur­zeit­schriften und wurden inter­national wahr­genommen. Zu ihren wichtigsten Ver­öffent­lichungen zählen Dik Âlâ (2014) und Hayhuy (2019). Für Hayhuy erhielt sie den Attila-İlhan-Lyrikpreis. Elif Sofya starb im Mai 2026 im Alter von 61 Jahren in Istanbul.


Dank an Şebnem Bahadır und Dilek Dizdar