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Gerhard Zwerenz
Die Verteidigung Sachsens und warum Karl May die Indianer liebte
Sächsische Autobiographie in Fortsetzung | 93. Nachwort
Dies ist eine sächsische Autobiographie als Fragment in 99 Fragmenten. Schon 1813 wollten die Sachsen mit Napoleon Europa schaffen. Heute blicken wir staunend nach China. Die Philosophen nennen das coincidentia oppositorum, d.h. Einheit der Widersprüche. So läßt sich's fast heldenhaft in Fragmenten leben.
93. Nachwort |
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Der Kampf ums Buch
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Lesung aus Sklavensprache und Revolte im Haus des Buches, Leipzig, 6.9.2004
(Schnappschuss von
Waltraud Seidel)
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Anfangs war die freie Rede. Dann die Niederschrift auf Papyrus-Rollen, dann erfand Gutenberg den aufrechten Gang der Druckbuchstaben. Mit Luther wurde die Predigt schwarz auf weiß: Bibelübersetzung. Mit Thomas Müntzer lernten die Bauern Lesen und Krieg und Sterben. Also gab es die Druckerpresse, Reformation, Bauernkriege, Aufklärung, Philosophie, den Siegeszug von Naturwissenschaft und Technik. Alles vom Blatt. Das Buch ist ein Zwilling aus Druckerpresse und Autorenkopf. Der Mensch stammt vom Affen ab. Doch der Affe äfft nur nach, wirklich schreiben, drucken, lesen kann er nicht. Schade.
Wie die Statistiker sagen, bleiben die Prozentzahlen von Lesern und Nichtlesern gleich. Noch in Stalingrad wurde geschossen oder Skat gespielt. Die Generale lasen höchstens Karten, bevor ihre Muschkoten im Eis erfroren. Der lesende Mensch stammt vom Affen ab, die Analphabeten, so behaupte ich bösartig, sind es geblieben. Wir waren, sind und werden sein: Immer von Nichtlesern umgeben. Eine radikale Minderheit von Wort-Erotikern und Buchstaben- Liebhabern. Freilich ist auch der Leser bedroht von Hochmut und tiefem Fall. Es gibt mörderische kriegshetzende Bücher. Es gibt Köpfe so wie ein Buch, also aus Papier. Die schlimmste Bedrohung ist eine mögliche neue Affenklasse, ein Nachwuchs, gar nicht possierlich, aber lesefaul, lesefremd, kopfleer, gedankenfeindlich, gemütsarm, fühllos, eben analphabetisch. Hinter dem Gitter ihrer knechtischen Existenz starren sie auf die bewegten Bilder der umgebenden tv-Wüsten. Vor ihnen bewegt es sich, in ihnen bewegt sich nichts.
Der Mensch ohne Buch entwickelt sich vorwärts zurück zum Affen. Wie niedlich.
Was tun? Versuchen, dem Buch eine Zukunft zu ertrotzen mit neuen Formen? Gutenberg wurde erst wirksam zusammen mit Luther & Müntzer: Erhellung, Kontroverse, aufrechter Gang. Das Buch war formal und inhaltlich revolutionär. Sind wir seine Kinder, Väter, Mütter oder was?
Mag sein, die modernen Medien nehmen dem Buch Kunden fort. Zahlen, Fakten, Übersichten sind abrufbar auf Tastendruck. Bildermärchen bannen per Blickfang vorm Bildschirm fest. Wer bediente sich da nicht. Bleibt die sinnlich differenzierende Wirkung des Buches. Der Roman stirbt, weil die Romanciers noch vor ihren Lesern zu Analphabeten verzwergen. Sie bieten nichts Neues mehr, äffen nach, was der Bildschirm besser voräffen kann. Das Buch in seiner höchsten Form war immer zugleich intellektuell und sinnlich, spannend und horizontweiternd, opponierend und begütigend. Solange solche Bücher geschrieben werden, ist der Mensch nicht wieder zum Affen zu machen. Bücherlesend begreife ich, wir waren stets eine Minderheit, wir Bücher-Fans, Buch-Narren, lebend lesen lernend, lesend leben lernend, Botschaften gebend und empfangend. Ich wage die Behauptung: Obwohl es viele dumme Bücher gab und gibt, schuf die Summe aller Bücher zusammen mehr Licht als Dunkelheit.
Ich sage es mit dem lässigen Patriotismus des Alphabeten, ich habe gelesen, lese, werde lesen, sollte das Buch keine Zukunft haben, dann hat Zukunft keine Zukunft.
Geht es Ihnen auch so, dass Sie morgens aufstehen, in den Spiegel blicken, nichts sehen und annehmen müssen, Sie seien über Nacht verstorben? Oder gibt es ein Leben hinter dem Spiegel? Im Verborgenen, Unsichtbaren, Unerreichbaren. Ich glaube nicht daran, lasse mir aber die Freiheit der Vorstellung des Geglaubten oder Unglaublichen nicht nehmen.
Mein von tausend schweren Niederlagen gegerbtes Gesicht halte ich vor den Spiegel, der mir wohltuend ein vertrautes Bild vorführt, der Extremist. Noch nehme ich teil an den Ritualen der Reinigung. Noch werde ich eine Beute der Tränen. Unwillig suche ich sie zu verbergen. Den Bart lasse ich hochwuchern. So täuscht es sich besser durchs Dickicht. Wohlgerüche füge ich mir hinzu. Lüge ich mir an. Und einen Blick der Vergewisserung. Eitel ist der Mensch im Spiegel. Der Zwilling, der herausblickt, blickt ebenso hinein. Den Krebs finden sie jetzt auf mit Innenspiegeln. Als säße er uns nicht mitten im Angesicht. Ich halte meinen Kopf aus dem Fenster und singe das hohe Lied der Metastasen. Wie wir die Leiden der Menschheit besiegten, indem wir sie vervielfältigten. Wie wir die alten üblen Krankheiten Pest und Cholera abschafften und durch grässlichere Leiden ersetzen. Wie wir den Menschen als Krone der Schöpfung zurücknehmen ins Nichts, von wo wir einst herkamen. Abgeschafft wurde die Folter. Modernisiert. Und erneut angeschafft. Es kommt einzig auf die Effizienz an. Ich trinke mein Bier vor dem Fernsehschirm. Die Leiden der Welt bekämpfend mit der Betäubung. Wie sonst soll einer noch schlafen können, ruhig, als habe er ein Gewissen. Auf dem Bildschirm fragt Lembke noch weiter: Was bin ich? Wie soll ich das wissen, da ich nicht einmal weiß, was ich bin und wer. Bücher schreibend versuche ich, darauf zu antworten.
Der Bericht im Wiesbadener Kurier schildert im individuellen Exempel die Situation einer Nachkriegsgeneration, für die mit dem Ende des Krieges der Anfang einer bis dahin unbekannten Buchkultur begonnen hatte. Diese Generation zieht nun Bilanz – ihre für erhebliche Summen aufgebauten und eifrig genutzten Bibliotheken stauen sich wie Wasser in Talsperren, denen die Staumauer bricht. 25.000 Bände suchen neue Leser, das scheitert am stetig erlahmende Lektüre-Interesse sowie an der Tatsache, dass sich nur noch wenige Leute wegen der im Übermaß steigenden Mieten hinreichend große Wohnungen leisten können, für Gedrucktes gibt es selbst bei Lesewilligen kaum noch Platz. Sogar längst vergriffene rare und kostbare Bücher verlieren rasant an Wert – Joachim Filliés erhielt, wie er nicht ohne Bitterkeit ausrechnete, mit Mühe und Not am Ende pro Exemplar etwa einen Viertel Euro – 25 Cent.
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Peter Weiss + Gerhard Zwerenz
auf Lesereise im Doppelpack und Trotzki im Herzen
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Ein Buch, das auf sich hält, ist ein Teil des Autors, zwar abtrennbar, doch nicht spurenlos. Das Buch als Spur des Autors. Im Almanach des Greifenverlages zu Rudolstadt gratulierte ich 1957 Arnold Zweig zu seinem 70. Geburtstag. Nachzulesen in Folge 84 unserer Serie. Damals hatte ich es mit einigem Glück auf 32 Jahre gebracht. Inzwischen ist seither mehr als ein halbes Jahrhundert vergangen. Damals schrieb ich als letzten Satz in der Gratulation für Zweig: »Denn die Weisheit ist tausend Jahre alt und diese lächerliche Siebzig nur eine dumme Verleumdung.« So war ich also guten Mutes.
1963 zogen Peter Weiss und ich im Doppelpack durchs westliche Land, heimlich abgestimmt mit unseren unheimlichen Sympathien für Leo Trotzki. Ich riet Weiß, der eben in die DDR eingeladen worden war, mit seinen Sympathien für Leo T. hinter dem Berg zu halten. Ganz gelang ihm das wohl nicht. Es gibt Buch-Schreiber, die ecken in jedem Deutschland an. Sie geben sich einfach mit ihren Lesern zufrieden, indem sie auf deren unerweckte Potenzen setzen.
Das Buch amalgamiert Literatur, Politik und Philosophie in unterschiedlicher Dosierung. Im Moment steht Philosophie vorn als hätte sie etwas zu sagen. Ratlosigkeit herrscht, die Schattenseite des Kapitals. Hoffnungsvoll brachte der Marxismus seine Philosophie wie seine Politik ins Spiel. Wieviel Politik ist in der Philosophie und wieviel Philosophie in der Politik enthalten? Und wieviel soll und darf es denn sein – bitteschön? Das ist die Frage, wenn es um den Sozialismus – exakter um den Marxismus geht, der die Philosophie zu einer seiner drei Hauptwurzeln zählt. Bernard-Henri Levi als bekanntester Vertreter der inzwischen veralteten Pariser neuen Philosophen, auch als Dandy-Philosoph gehandelt, machte den Bruch zwischen Philosophie und Politik zum Markenzeichen seines postmarxistisch-antimarxistischen Kurses. Noch im Spiegel vom 3.4.2010 verkündete er, Politik lebt von Kompromissen, Philosophie nicht. Unter der Schlagzeile Ich führe Krieg erläuterte er als völlig friedfertiger Mensch seine konfuse Weltanschauung, die ihn zum Kriegsbefürworter gegen Totalitaristen werden lässt, egal ob er dabei als Philosoph oder Politiker auftritt. Er führt eben Krieg, dabei lässt er Krieg führen, indem er Politiker dazu drängt. Ob es um Afghanistan, Libyen, Syrien oder den Irak geht. Die kriegerische Mission militarisierter Außenpolitik ersetzt die Revolution im Innern des eigenen Kopfes. Stattdessen wird pervertierte Philosophie trompetet. Ein medialer Koller folgt dem andern. Die philosophische Verbrämung liefert für Frankreich, was in Deutschland der von SPD und Grünen zum Bundespräsidenten erkorene Pastor Gauck in theologischer Verbrämung predigt. Freiheit als Schlüsselwort zur Kriegsbegründung. Jedes Kriegsende wird zum Kriegsanfang. Schopenhauers Definition des Menschen als Raubtier rechnet der Zoologie zu, was menschliche Kulturleistung ist. Kriegskultur eben. Ohne permanente Hochrüstung wäre das Kapital längst pleite.
Andreas Heidtmann gibt in seinem Essay Das Buch im digitalen Zeitalter dem Buch eine Chance. Ist das die großzügige Fairness eines Netz-Autors, der die Verluste nicht akzeptieren will? Das Buch lebte von seinem Ruf und Ruhm. Die Lutherbibel bezog das als Kalkül in die Lese-Kundschaft ein. Nach einem halben Jahrtausend Alphabetisierung kennt die Mehrheit der Bibelbesitzer ihr Buch nicht. Es muss ihnen vorgelesen und gedeutet werden und bleibt bis zum Schluss Legende.
Fragen wir also: Was steht denn in dem Buch, von dem ihr redet? Warum sank Willy Brandt vor dem Denkmal für die Opfer des Warschauer Ghetto-Aufstands in die Knie? Es wurde seine letzte Emigration in die Gemeinschaft der Opfer. Er handelte so, weil mit Helmut Schmidt und Herbert Wehner zwei Stellvertreter unfähig waren zu trauern. So trauerte Brandt in Einsamkeit an ihrer statt. Denn aus der Unfähigkeit zu trauern resultiert die ebenso fatale Unfähigkeit zu denken. Die aus der Fähigkeit zu trauern resultierende Fähigkeit zu denken erst enthält die existentielle Kunst des Überlebens. Der Kampf ums Buch gilt dem lauernden Feind im Ich.
(Neue Rheinzeitung vom 24.10.1963)
Auch das gab es einmal ...
Die Liebe, die Literatur und das Buch: Von Büchern, die sie unter die Leser bringen, erhoffen sich die Buchhersteller das, was Stendhal Kristallisation nennt: »Wirft man in den Salzbergwerken von Salzburg einen winterkahlen Zweig in die wüstengleichen Tiefen eines Schachtes und holt ihn zwei oder drei Monate später wieder heraus, so ist er mit glitzernden Kristallen überzogen: die feinste Astspitze, kaum größer als die Kralle der Meise, ist mit einer Unzahl locker sitzender, funkelnder Diamanten bedeckt; der Zweig ist nicht wiederzuerkennen. Kristallisation nenne ich somit jenen Akt des Geistes, der aus allem, was sich darbietet, die Entdeckung neuer Vollkommenheiten des geliebten Wesens ableitet.«
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Stendhal
Klassische Kristallisation – der Weg wohin?
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Stendhals Beispiel bezieht sich auf die Liebe. Ich habe den Verdacht, der wenig glückliche Liebhaber Stendhal lieferte in dieser psychologisch feinen und zugleich raffinierten Darstellung der Liebe auch ein Porträt seiner literarischen Wunschvorstellungen. Weil Stendhal kein Glück in der Liebe hatte, sann er über die Frauenseele nach. Sann er zugleich über jenes feminine Wesen Fortuna nach, das dem Dichter zeit seines Lebens wenig Gunst erwies? Nehmen wir es, sei es aus Gründen bloßen Spiels oder gewisser Modellvorstellungen, einmal an.
Man kann von der Literatur einen so naiven wie honorigen Begriff haben, demzufolge ein Buch schon von jenen Kristall-Diamanten funkeln müsse, tritt es an die Öffentlichkeit. Der Autor selbst müsse das Salzbergwerk sein, in welches ein Stück Wirklichkeit geworfen werde, und sein Buch dann ist funkelnde Poesie. Wenn es denn so ist. Was aber, wenn die Ästhetik der Henkersknechte vorherrscht? Dann wird der Kampf ums Buch zur Schlacht ums Buch und der Autor zum Stammeskrieger.
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